39
Kenny setzte sich auf den Boden und lehnte sich an die Wand. Jonathan lag an den Stuhl gefesselt auf dem Rücken. Es war, als hätte sich das Gerüst der Realität zwischen ihnen verbogen.
»Bist du sicher?«, fragte Jonathan.
»Ja«, antwortete Kenny.
Jonathan drehte sich, soweit es ihm möglich war. »Es gibt eigentlich nicht viel zu erzählen. Ich war krank. Depressiv. Ungefähr ein Jahr vorher hatten wir diesen richtig schlimmen Streit gehabt, bei dem ich sie geschlagen habe. Sie hat mir verziehen, aber sie war nicht glücklich. Wir waren beide nicht glücklich. Sie wollte, dass sich etwas ändert. Sie langweilte sich dort, wo wir wohnten, sie langweilte sich mit unseren Freunden, sie langweilte sich in ihrem Job. Sie langweilte sich mit mir.
Sie hatte angefangen, in diese Abendkurse zu gehen, sie redete davon, noch einen Abschluss zu machen, irgendwas mit Englisch. Sie wollte ihr Leben ändern, Lehrerin werden, was auch immer. Ich weiß es nicht, und sie wusste es eigentlich auch nicht. Sie hatte eine Affäre mit diesem Typen. Callum, so hieß er. Er war sozusagen ihre erste Liebe – noch aus der Schule. Sie fingen an, sich übers Internet zu unterhalten. Verabredeten sich irgendwo in einer Bar in Bristol. Sie fingen so ziemlich sofort an, miteinander zu schlafen, soweit ich das mitbekommen habe – wahrscheinlich noch an dem Abend auf der Rückbank seines Wagens. Aus irgendeinem Grund hat mich das total fertig gemacht: mir die beiden auf der Rückbank seiner kleinen Mistkarre vorzustellen. Das war schlimmer als alles andere.«
»Also wusstest du davon?«
»So ziemlich von Anfang an.«
»Woher?«
»Das merkt man einfach. Ich habe ihre E-Mails an ihn gelesen, die SMS, die sie sich schrieben. Dieses ganze Gesülze: ›Ich wünschte, du wärst das Letzte, was ich jeden Abend, und das Erste, was ich jeden Morgen sehe.‹«
Er verzog das Gesicht, während er sich an seinen Ekel erinnerte.
»Hast du mit ihr darüber gesprochen?«
»Nein. Ich dachte, das gehört zu den Dingen, die sie tun musste, es wäre einfach ihre Art, es mir heimzuzahlen. Ich beschloss zu warten, bis die Sache von selbst ihren Reiz verlor. Aber die Eifersucht, Mann. Gott. Es ist, als würde ein Monster in dir wohnen, als würdest du zu einem Unmenschen. Ich hab wieder angefangen zu trinken, betrank mich übel. Bis ich nicht mehr stehen konnte.«
Sein Blick war jetzt weit weg. Kenny ließ Jonathan die Zeit, die er brauchte.
»Dann, an einem Abend, kommt sie echt spät nach Hause. So richtig aufgebrezelt. Sie ist leicht angetrunken. Ich bin auch betrunken. Ich sage ihr, dass es peinlich ist, wie sie so auf jung macht, sich so zur Schau stellt.«
Er schielte zu Kenny, aber Kenny starrte auf die Wand wie auf einen Bildschirm. Also fuhr Jonathan fort.
»Ich schreie sie also an. Sie ist verdammt noch mal dies, sie ist verdammt noch mal das. Und währenddessen – ich schreie immer noch – bekommt sie eine SMS. Ein leises Piepsen. Sie liest sie. Und sie lacht. Ich denke, die SMS ist von ihm, von Callum fucking Murray, Mr Ich-fick-dich-hinten-in-meinem-Mondeo-bis-du-schreist. Sie ist so verknallt in ihn, ich bin so wertlos. Ich bin auf hundertachtzig. Und sie lächelt über seine SMS. Also hau ich ihr eine runter.«
»Und?«
»Sie ist hingefallen. Ich hab ihre Arme mit den Knien festgehalten, ihr ein Kissen ins Gesicht gedrückt. Sie schreit hinein, schreit und schreit, versucht mich zu kratzen, aber ich drücke sie fest auf den Boden. Sie zappelt mit den Beinen, sie bepinkelt sich, macht ihre ganze Strumpfhose nass. Und dann ist sie tot. Einfach so. Ich lebe und drücke ihr das Kissen ins Gesicht – ich erinnere mich an den Tag, als wir es gekauft haben, wir waren zu John Lewis gegangen, um ein Kochmesser zu holen, kamen aber stattdessen mit diesen Kissen zurück. Sie liebte sie. Und eins davon entpuppt sich als Mordwaffe. Sie war einfach tot. Man konnte es in ihrem Gesicht sehen. Es war nicht wie bei Toten im Fernsehen. Ihr Gesichtsausdruck war unheimlich. Ich kann ihn nicht beschreiben. Ihre Augen waren ganz komisch.«
»Was hast du dann gemacht?«
»Ich war in Panik. Hab sie in einen Müllsack gesteckt und hinaus zum Lieferwagen geschleift. Ich habe ihre Handtasche und ihr Handy geholt. Den ganzen Kram. Hab sie in die Nähe der Bath Valley Woods gebracht. Da unten steht ein altes Farmhaus – leer. Ich bin immer als Kind hingegangen, wegen der Vögel.«
»Wegen der Vögel?«
»Um die Vögel zu beobachten. Ich kannte das Grundstück – ich wusste, dass es da eine alte Jauchegrube gab. Seit Jahren ungenutzt, mit rostigem Eisen bedeckt. Ich fuhr so nah heran, wie ich konnte. Den Rest des Wegs transportierte ich sie mit der Schubkarre. Immer noch in dem Sack. Ihr Fuß hing heraus. Ich dachte, jemand würde mich sehen. Dann war ich bei der Jauchegrube. Hab das Schloss aufgebrochen und sie reingeworfen.«
»Du hast sie in eine Jauchegrube geworfen?«
»Na ja, dort würde sie niemand suchen, oder? Und irgendwelche … du weißt schon. Irgendwelche komischen Gerüche würden niemandem sonderlich auffallen. Im schlimmsten Fall würde man sie für einen toten Fuchs halten. Einen Hund, einen Dachs. Was auch immer.«
»Und das ist alles?«
»Was wolltest du denn hören?«
»Ich weiß nicht.«
»Eben. Na ja – jetzt weißt du’s.«
»Ja, das stimmt.«
»Wochenlang fühlte ich mich wie außerhalb meines Körpers. Ich wollte mich umbringen. Ich konnte an nichts anderes mehr denken – nur daran, wie ich es machen sollte, wann ich es machen sollte. Das ging Monate so. Eigentlich Jahre.«
»Und warum hast du’s nicht gemacht?«
»Ich hab an meine Mum und meinen Dad gedacht, wie sie sich fühlen würden, wenn ich es mache. Und dann, nach und nach, ist langsam alles in den Hintergrund gerückt – die Polizei, die Zeitungen, die Morddrohungen. Es fing an, sich so anzufühlen, als wäre es nie geschehen. Und so fühlt es sich immer noch an, um ehrlich zu sein. Es fühlt sich an, als wäre nichts davon jemals geschehen.«
Kenny saß da und starrte auf die Wand. »Dinge gehen einfach vorbei«, sagte er.
Jonathan drehte den Kopf und sah ihn an. »Und, fühlst du dich jetzt besser? Wo du es weißt?«
Kenny hatte keine Ahnung. Er konnte sein Gefühl nicht beschreiben. Er hatte es nur einmal zuvor gespürt, damals, als der Arzt ihm gesagt hatte, dass er sterben würde.
Er stand auf und sagte: »Ich bin gleich wieder da.«
Er ging hinaus und spürte Jonathans Augen auf seinem Rücken.
Als er zwei Stunden später zurückkam, trug er einen alten, analogen Kassettenrekorder bei sich.