18

Kenny lag still.

Unten nahm Jonathan den Holzstab aus der Ecke. Er atmete flach und schnell.

Kenny hörte den Haken kratzen und dann in die Öse einrasten, an der man die Dachbodenluke herunterziehen konnte.

Wie eine Ratte huschte er in die hinterste, dunkelste Ecke.

Die Kartons hier waren älter und etwas feucht. Spinnweben, perlgrau vom Staub und mit Insektenhüllen übersät, spannten sich zwischen ihnen und den Dachschrägen.

Die Geräusche, die er machte, wurden vom quietschenden Protest der Dachbodenluke übertönt – und dann vom Knarren der sich aufklappenden Leiter.

Kenny hockte sich in den von Spinnen bewohnten Schatten und sah zu, wie die Dachbodenluke zu einem Rechteck elektrischen Lichts wurde. Ihm fiel auf, wie dunkel es geworden war.

Durch das gelbe Rechteck zuckte ein Schatten. Jonathan fing an die Leiter heraufzusteigen. Kenny duckte sich noch tiefer. Die urindurchnässten Shorts klebten an seinen Schenkeln. Spinnweben verfingen sich in seinem Haar.

Jonathan betrat den Dachboden mit einer 3-Cell-Taschenlampe in der Hand, einer dreißig Zentimeter langen, von Batterien beschwerten Aluminiumröhre. Er suchte den Dachboden mit ihrem Licht ab. Es bewegte sich im Zickzack über die Kisten, den Koffer, den Heimtrainer, wurde dann gerade und breitete sich in die Ecken aus.

Es streifte einen Damenschuh.

Es blieb stehen.

Jonathan, eine Silhouette hinter dem hellen Auge der Taschenlampe, starrte auf den Schuh.

Dann suchte er mit dem flinken, zittrigen Strahl die Ecken des Dachbodens ab. »Hallo?«

Während Kenny ihn so durch einen schmalen Spalt zwischen den Kisten beobachtete, war er fast versucht zu antworten, einfach aufzustehen, zu winken, Hallo zu sagen und es hinter sich zu bringen.

Vielleicht würde Jonathan vor Schreck einen Schritt nach hinten machen, durch die Luke fallen und sich dabei den Hals brechen.

Dann könnte Kenny warten, bis es spät genug war, zur Hintertür hinausschlüpfen und im Schatten der alten Bäume durch den langen, nächtlich kühlen Garten eilen. Er könnte durchs Gartentor gehen, sich durch das in der Nacht fahle Birken- und Haseldickicht schlagen und den Treidelpfad am Kanal entlangwandern, bis er den Forellenbach erreichte.

Er könnte, von anderen Campern höchstens unbewusst wahrgenommen, zum Bulli schlendern. Er könnte wegfahren und in einer Stunde zu Hause sein.

Aber er war starr vor Unsicherheit und machte sich Sorgen wegen des Leuchtens seiner weißen Haare, seiner Zähne und Augen.

Jonathan stand ebenso unentschlossen da, sein dunkler Umriss wie ein Leuchtturm hinter dem Strahl der Taschenlampe, und sagte noch einmal: »Hallo?«

Er hatte keine Angst vor Einbrechern. Sonst hätte er sich vom Dachboden ferngehalten und 999 gewählt.

Er hatte sich vor dem wütenden Klopfen an der Decke gefürchtet. Und dann hatte ihn jener einzelne, umgedrehte Schuh, der da lag, wo er nicht hingehörte und eigentlich nicht sein konnte, bis ins Mark erschüttert.

Da klingelte es an der Haustür.

Kenny zuckte so heftig zusammen, dass er beinahe aufschrie. Jonathan jedoch machte vor Schreck solch einen Satz, dass er damit jedes andere Geräusch übertönte. Er rief etwas, und seine Hand flog an seine Brust, als fürchtete er, ihm könnte das Herz stehen bleiben.

Es klingelte noch einmal – nun ein alltägliches Geräusch. Jonathan murmelte: »Verdammte Scheiße«, und seine Stimme klang unbefangen und verärgert. Nicht wie bei jemandem, der glaubt, belauscht zu werden.

Er leuchtete mit der Taschenlampe noch einmal durch den Dachboden und stieg dann eilig die Leiter hinunter. Kenny hörte, wie er die Treppe hinuntersprang, indem er zwei oder drei Stufen auf einmal nahm, und dann die Haustür öffnete.

Eine Frau fragte: »Darf ich jetzt endlich rein?«

»Ich dachte nicht, dass du vorbeikommst.«

»Du hast dich komisch angehört.«

»Wirklich? Hey, komm mal kurz mit. Schau dir das an.«

»Was?«

»Da oben.«

Er drängte sie die Treppe hinauf. Sie protestierte auf dem ganzen Weg.

Kenny verkroch sich noch weiter in die Ecke, zog sich die Jacke über den Kopf, um sein weißes Haar zu verdecken, und rollte sich wie ein Igel auf dem Boden zusammen.

Zwei Personen kletterten nun die Leiter herauf, Jonathan, gefolgt von der Frau, die fragte: »Und was war es?«

»Ich weiß es nicht. Das ist es ja.«

»Aber wie hat es sich angehört?«

»Keine Ahnung. Wie ein Schlagen.«

»Was für ein Schlagen?«

»Ein Schlagen eben.«

»Wahrscheinlich war es ein Vogel.«

»Dann muss es aber ein verdammt großer Vogel gewesen sein, ein Strauß oder so.«

»Wir hatten mal einen Vogel auf dem Dachboden. Als ich klein war. Vögel bekommen Panik, wenn sie keinen Ausgang finden. Die machen jede Menge Lärm.«

»Ich hab keinen Vogel gesehen.«

»Er muss rausgeflogen sein.«

»Ich weiß noch nicht mal, wie er überhaupt reingeflogen ist.«

»Du musst einen Dachdecker rufen, damit er sich das mal ansieht. Oder vielleicht waren es Ratten.«

»Aber der Schuh.«

»Was für ein Schuh?«

Jonathan näherte sich ihrer Schulter und sagte: »Der Schuh da.«

Sie hielt die Taschenlampe, und er bewegte ihr Handgelenk, bis der Strahl wie ein Scheinwerfer auf den Schuh fiel.

»Was ist damit?«

»Er hat ihr gehört.«

Sie machte ein missbilligendes Geräusch und trat vor, um den Schuh aufzuheben. Kenny konnte sie riechen, eine Explosion süßen Parfüms an diesem muffigen Ort. Sie leuchtete mit der Taschenlampe über die Pyramide aus Kartons und streckte dann die Hand aus, um einen davon anzufassen.

»Du hast die Kiste offen gelassen.«

»Nein, hab ich nicht.«

»Doch. Schau her.«

Sie hob eine Klappe an, um ihm zu zeigen, dass die Kiste offen war.

»Das war vorher nicht so«, sagte Jonathan.

»Was willst du damit sagen? Jemand ist hier hochgekommen, hat ein bisschen Breakdance gemacht und einen Schuh liegen lassen?«

»Nein.«

»Was dann?«

»Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass letztes Mal, als ich hier hochgekommen bin …«

»Und wann war das?«

»Das ist schon ewig her. Jahre. Bevor wir uns kennengelernt haben. Lange vorher.«

Sie wartete, dann sagte sie: »Er muss aus der Schachtel gefallen sein, als du sie hier hochgebracht hast.«

»Die Schachteln waren zugeklebt.«

»Und was willst du damit jetzt sagen?«

»Ich weiß es nicht.«

»Meine Güte, Jon.«

»Meine Güte was?«

»Es ist nur ein Schuh. Was soll ich sagen?«

»Da war ein Schlagen.«

»Es waren Vögel, es waren Ratten, es waren die Kinder von nebenan, die gegen ihre Dachfenster geschlagen haben. Ich weiß nicht, was es war. Aber ich weiß, dass es bestimmt nicht der zaubernde Flipflop-Dieb war.«

Sie ließ den Strahl der Taschenlampe sinken, sodass er ihre Füße beleuchtete. Kenny konnte ihre Schuhe sehen.

Sie seufzte und fragte dann mit viel ruhigerer Stimme: »Wozu bewahrst du ihre Sachen überhaupt auf? Wartest du darauf, dass sie zurückkommt, damit ihr da weitermacht, wo ihr aufgehört habt?«

»Nein.«

Sie murmelte etwas, das wie »wer’s glaubt« klang, und kletterte wieder hinunter auf den Treppenabsatz.

Jonathan blieb noch einen Moment da und starrte in die Dunkelheit. Dann folgte er ihr.

Auf dem Treppenabsatz und in Sicherheit unter dem hellen, elektrischen Licht wurde Jonathan ärgerlich. »Was glaubst du, wie hätte das ausgesehen, wenn ich ihr Zeug weggeschmissen hätte? Was, glaubst du, hätte das für ein Bild vermittelt?«, fragte er.

»Ich meine nicht damals. Ich meine jetzt.«

»Schön.«

»Also, warum machst du’s nicht?«

»Ach komm schon, Becks.«

»Kommt sie zurück?«

»Nein!«

»Warum bewahrst du dann ihre Sachen auf?«

»Das ist kein Geheimnis und keine große Sache. Denkst du, ich habe ihr einen Altar oder so was errichtet?«

»Ja, es sieht ein bisschen danach aus.«

»Hey, komm schon. Geh nicht.«

»Ich glaube, das wäre das Beste.«

»Bitte nicht. Komm schon.«

»Ich ruf dich morgen an.«

»Hör zu, Becks. Ich denke einfach nicht daran. Ich meine, ich weiß, dass das Zeug da oben ist, aber es ist nicht so, als würde ich daran denken. Oder an sie. Oder an sonst was. Ich denke einfach nicht daran – ich will nicht daran denken.«

Sie drehte sich auf der Treppe um. Das Geländer knarrte.

»Bleib hier. Komm schon. Das ist dumm«, bat Jonathan.

»Wartest du darauf, dass sie zurückkommt?«

»Nein.«

»Ich bin nicht sicher, ob das wahr ist.«

»Das hat nichts mit ihr zu tun! Das ist lächerlich!«

»Du hörst eine Taube auf dem Dachboden und siehst einen Schuh, den du fallen gelassen hast, und machst daraus eine komplette Szene. Und ich bin also lächerlich, ja?«

»Wer macht eine Szene? Ich mache keine Szene.«

»Doch, tust du.«

»Verdammte Scheiße. Ja, ich bin ein bisschen verärgert. Ich bin ein bisschen angespannt. Bei mir wurde eingebrochen, eine Blaskapelle marschiert durch meinen Dachboden. Aber ich mach keine Szene. So bin ich eben, das ist keine Szene. Schau her. Keine Szene.«

Die Treppe knarrte noch einmal, als Becks sich entspannte.

Sie kam zu ihm auf den Treppenabsatz, nahm ihn in den Arm und sagte: »Du musst umziehen.«

»Ich weiß.«

»Warum machst du’s dann nicht?«

»Keine Ahnung. Damals, als das alles passierte, konnte ich nicht. Es hätte schlecht ausgesehen. Also musste ich bleiben, wo ich war.«

»Und jetzt?«

»Und jetzt kann ich’s mir nicht leisten.«

»Komm her.« Sie küsste ihn. »Du Ärmster.«

»Lach nicht.«

»Ich lache nicht.«

Sie setzte sich mit dem Rücken ans Treppengeländer. Er setzte sich neben sie. Sie hielten sich an den Händen.

»Bei mir ist es hübsch. Kleiner, aber hübsch«, sagte sie.

»Ich weiß.«

»Dann zieh ein.«

»Ich kann nicht.«

»Warum nicht?«

»Ich kann einfach nicht.«

Sie ließ seine Hand los. Sie stand auf, ging nach unten. Jonathan blieb noch eine Weile auf dem Treppenabsatz sitzen, als wäre er dort gefangen, aber schließlich folgte er ihr.

Als Jonathan und Becks ins Bett gingen, schob Jonathan die Leiter auf den Dachboden, als wäre sie ein Prolaps.

Sie flüsterten noch eine halbe Stunde im Bett, zärtlich, aber müde, nicht in Stimmung für Sex.

Bald war Jonathan eingeschlafen. Kenny konnte ihn leise schnarchen hören.

Aber er glaubte nicht, dass Becks schlief.

Er stellte sich vor, wie sie dalag, die Augen starr zur Decke gerichtet – durch sie hindurchsah und Kenny beobachtete, ganz in Spinnweben gehüllt, ein verlassener Spielplatz für Mäuse und Spinnen.

Kurz nach zwei hörte er sie aufstehen und aus dem Schlafzimmer schleichen.

Er spürte, dass sie unter der Luke war. Einfach dastand und hinaufstarrte. Dann hörte er sie zurück ins Bett schleichen.