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Becks lehnte sich auf der Wache über einen Schreibtisch und sprach mit einer uniformierten Polizistin. Jonathans Vater Dennis begleitete sie.

Becks sagte: »Tatsache ist, dass er echt deprimiert war. Echt gestresst.«

»Gestresst wovon?«, fragte die Beamtin.

»Das Übliche. Arbeit. Geld.«

Die Beamtin hieß Jenny Cates. Sie ging das ganze Prozedere durch, notierte Adressen von Freunden und Verwandten, Orte, die Jonathan regelmäßig aufsuchte, seine Krankengeschichte, seine Konto-, Kredit- und Bankkartendaten. Sie bat um ein aktuelles Foto, wollte aber die ohnehin schon heikle Situation nicht verschärfen, indem sie auch noch nach einer DNA-Probe fragte – einer Zahnbürste oder einem Kamm. Diese war nur für einen möglichen forensischen Vergleich nötig, falls eine Leiche in einem fortgeschrittenen Verwesungsstadium gefunden würde.

Während sie das Formular ausfüllte, schielte sie hin und wieder zu Dennis Reese hinüber. Er wirkte ziemlich anständig, wie er so in gebeugter Haltung, aber trotzig in seiner Marks & Spencer-Windjacke dastand und sich verschämt die dicken Fingerknöchel rieb.

Nachdem Jenny Cates alles aufgeschrieben hatte, fragte Becks: »Was ist mit dem zerbrochenen Fenster?«

»Die Nachbarn haben keine Vorkommnisse gemeldet.«

»Als würden die sich um so was kümmern. Das macht doch keiner!«

Jenny Cates versuchte, nicht zu seufzen, bevor sie antwortete: »Sehr wahrscheinlich nimmt er sich eine Auszeit.«

»Sein Fenster war kaputt. Jemand hat sein Fenster eingeschlagen.«

»Wahrscheinlich war das nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat.«

»Er meinte, dass jemand auf dem Dachboden ist.«

»Auf dem Dachboden?«

»Ja.«

»Wer war auf dem Dachboden?«

»Das wusste er nicht.«

»Und war da jemand auf dem Dachboden, was meinen Sie?«

Becks zögerte verlegen. »Nein, ich glaube nicht.«

Jenny Cates sah sie zugleich skeptisch und mitfühlend an. »Hören Sie, Sie würden es nicht glauben, wenn ich Ihnen erzählen würde, wie oft so etwas vorkommt. Er wird mit eingezogenem Schwanz wieder angekrochen kommen.«

»Er führt einen Betrieb.«

»Ständig lassen Leute ihre Betriebe im Stich. Jeden Tag. Besonders jetzt: Finanzkrise, weltweiter Geschäftsrückgang. Landschaftsgärtnerei? Alles, was auch nur irgendwie mit dem Immobilienmarkt zusammenhängt, ist als Erstes dran. Das Beste, was Sie tun können, ist zu versuchen, sich nicht zu viele Sorgen zu machen. Geben Sie ihm noch ein paar Tage.«

»Er könnte irgendwo in einem Graben liegen!«

»Aber das Nächstliegende ist, dass er einfach weggegangen ist, um seine Probleme zu durchdenken.«

»Mein Gott, er ist seit Tagen weg! Wann bewegt ihr endlich eure fetten Ärsche und tut auch mal was?«

Jenny Cates klickte mit dem Kugelschreiber, um anzuzeigen, dass das Gespräch beendet war.

Sie sagte: »Jonathan wird im landesweiten Computersystem der Polizei als vermisst gemeldet. Ein Beamter wird den Fall übernehmen und Nachforschungen anstellen.« Sie steckte den Kugelschreiber ein. »Aber vermutlich taucht er auf. Das tun sie fast immer. Ehrlich. Bis dahin versuchen Sie, sich keine Sorgen zu machen. Wenn Sie noch einmal mit mir sprechen wollen, haben Sie meine Nummer.«

Draußen warteten Becks und Dennis an der Ecke, bis Ollie im Geschäftslieferwagen vorfuhr.

Er beugte sich hinüber, um die Beifahrertür zu öffnen. Dennis und Becks stiegen ein. Der Wagen roch nach Pflanzen und Schweiß und Tabak und Sinsemilla.

Ollie fuhr sie zurück zu Jonathans Haus.

Dennis sagte: »Sie haben ihn auf dem Kieker. Die Polizei. Vom ersten Tag an hatten sie ihn auf dem Kieker.«

Becks und Ollie sagten nichts.

Dennis und Becks standen im Wohnzimmer und betrachteten das vernagelte Fenster.

»Glaubst du wirklich, dass er das war? Unser Jonathan? Einen Ziegelstein durch sein eigenes Fenster werfen?«, fragte Dennis.

»Die Polizei scheint das zu glauben.«

»Warum sollte er das tun?«

Becks zuckte mit den Schultern.

Dennis rieb sich den Nasenrücken, als wäre er sehr müde. »Er hat sie einmal geschlagen, weißt du. Seine Erste. Diese Caroline.«

Becks holte tief Luft. »Ja, das hat er mir erzählt. Um die Wahrheit zu sagen, es klang … nicht so, als hätte sie es verdient. Niemand verdient so was. Aber sie hat ihn provoziert.«

»O ja, die hatte eine spitze Zunge, das kannst du mir glauben. Die war ganz schön gemein.«

»Er hat mir alles gesagt. Er schämt sich noch immer dafür, bis heute.«

Nun sah Dennis zu Boden und flüsterte: »Ich weiß nicht, woher er das hat. Ich hab seiner Mutter niemals auch nur ein Haar gekrümmt. Es hat ihm nie an irgendwas gefehlt.«

»Sie hat ihn unglücklich gemacht, Dennis. Unglückliche Menschen tun Dinge, die sie später bereuen.«

»Dich hat er nie geschlagen, oder, Liebling?«

»Nicht mal annähernd.«

»Gut.« Er nickte, wobei er noch immer zu Boden sah, den Tränen nahe – er war kein Mann, der wollte, dass man ihn weinen sah.

Becks ging aus dem Zimmer, damit sie beide weiterhin so tun konnten, als hätte sie es nicht bemerkt.

Elaine räumte das Haus auf und saugte Staub und machte die Wäsche. Sie wusch das Bettzeug, damit es schön frisch war, wenn Jonathan zurückkehrte. Sie schrubbte die Toilette und wischte den Hartholzfußboden. Dann machte sie Koteletts mit Ofenpommes und Erbsen aus dem Gefrierfach.

Nachdem alle gegessen (oder es versucht) hatten, pulte Ollie sich ein paar Fasern Golden-Virginia-Tabak aus den Zähnen und sagte: »Als neulich bei ihm eingebrochen wurde …«

Alle sahen ihn an.

Er zögerte und fuhr dann fort: »Na ja, was, wenn das kein Einbrecher war?«

Dennis sah Ollie durch seine Zweistärkenbrille prüfend an: »Wer soll es dann gewesen sein?«

Becks warf Ollie einen Blick zu.

Ollie zuckte mit den Schultern. »Ich weiß es nicht. Ich mein ja bloß.«

Elaine starrte Ollie für mehrere lange Sekunden an. Dann stand sie auf, sammelte die Teller ein und schob die Essensreste in den Treteimer. Sie begann mit dem Abwasch.