1986
Zufrieden mit sich selbst liess sich Moritz in seinen grossen, dunkelbraunen Sessel sinken, schwenkte den teuren Cognac in dem bauchigen Glas und grinste vor sich hin, als flüstere ihm jemand einen Witz ins Ohr. Träge trank er einen grossen Schluck der bernsteinfarbenen Flüssigkeit, lehnte sich entspannt in seinem Sessel zurück und genoss den Geschmack und die anschliessende wohlige Wärme des Alkohols. Mit geschlossenen Augen liess er sich langsam einlullen und von seinen Gedanken davontragen.
Das Knarren und Knacken des alten Holzhauses wirkte so beruhigend wie eine klassische Symphonie, an deren Töne er sich schon lange gewöhnt hatte und sie deshalb kaum mehr bewusst wahrnahm. So hatte er auch nicht bemerkt, wie das Schloss der Hintertür mit einem leisen Klacken nachgegeben und die Tür selbst quietschend den Widerstand aufgegeben hatte. Auch der Schatten, der sich eilig in eine dunkle Ecke drückte, als Moritz aus dem Korridor in sein Wohnzimmer getreten war und dort das Licht anknipste, war ihm entgangen. Beim Öffnen der Bar, dem Herausziehen der Kristallkaraffe, dem Hervorholen des Glases sowie dem Einschenken waren klimpernde Geräusche entstanden, die das Rascheln von Kleidung im Flur überlagert hatten.
Jetzt, da Moritz sich mit hochgelagerten Füssen selbst zu seinen Geniestreichen beglückwünschte, gab es nichts mehr, das ein ungewohntes Geräusch filtern konnte. Also war es an der Zeit, kompromisslos und schnell zu handeln. Ein Sprung, ein Stich. Der Schatten löste sich aus seinesgleichen, preschte hervor und stürzte sich auf Moritz.
Aufgeschreckt riss jener die Augen weit auf. Die Blicke trafen sich. Der eine entsetzt und verständnislos, der andere kalt und doch glühend vor Entschlossenheit.
Abwehrend hob Moritz die Arme vor den Kopf. Aber was schützend hätte wirken sollen, war vergebene Mühe. Und das wusste er zu dem Zeitpunkt, als er ein helles Aufblitzen im Schein der Leselampe wahrnahm. Glitzernd durchschnitt die Klinge erst die Luft, bevor sie unbarmherzig Moritz’ Fleisch durchbohrte und im Dunkelrot seines Blutes ertrank.
Die Erkenntnis traf Moritz so stechend, wie der Schmerz und glomm gleichzeitig auch wieder ab. Unfähig sich zu wehren, fühlte er, wie langsam eine Taubheit von seinen Gliedern Besitz ergriff, der Wachheit die Müdigkeit folgte und die wohlige Wärme des Raumes nicht mehr gegen die eisig zugreifenden Klauen des Todes bestehen konnte.
Das Gesicht zu einer panischen Fratze verzerrt, sammelte er die letzten Kräfte, griff nach dem schwarzen Umhang seines über ihn gebeugten Angreifers und formulierte kaum hörbar eine allerletzte Frage: „Warum?“
Und dann hallte diese Frage noch einmal laut wider.
Im ersten Augenblick begriff die über den nunmehr flacher und flacher atmenden Moritz gebeugte Gestalt mit dem Messer nicht, dass der Ausruf zu laut war, um von einem Mann zu stammen, der den letzten Atemzug tat. Erst eine Bewegung unmittelbar neben der Bar, verriet den ungebetenen und ebenso unerwarteten Besucher.
Tränenüberströmt stürzte Moritz’ Knecht auf dessen Mörder zu, welcher ertappt in einer Starre verharrend, einen klaren Gedanken zu fassen versuchte. In letzter Sekunde siegte aber der Instinkt und der Eindringling zog das Messer aus Moritz Brust.
Doch noch ehe er wusste, wie ihm geschah, schlug er hart mit dem Kopf auf dem Boden auf. Der Atemluft beraubt, drohte Moritz’ Mörder bewusstlos zu werden. Aber nur für den Bruchteil einer Sekunde. Als die Erkenntnis über das soeben Geschehene in sein Bewusstsein drang, versuchte er unter höchster Anstrengung den auf ihm liegenden Körper wegzuschieben, um sich gleich darauf mit der Bewahrheitung seiner Befürchtung konfrontiert zu sehen. Nicht mehr fähig sich zu wehren, rollte der Knecht mit schmerzverzerrtem Gesicht zur Seite, die Arme fielen leblos neben seinen Körper, Blut quoll ihm aus dem Mund, aus seinem Bauch ragte der schwarze Griff des grossen Fleischermessers.