1986

 

Besorgt die Hände ringend marschierte Marlene den Flur hinauf und wieder hinunter. Bei jedem Geräusch zuckte sie zusammen, immer in der Hoffnung es könnte die Haustüre sein, die sich öffnet. Draussen war der Mond umrahmt von seinen Sternen schon lange aufgegangen, der Braten war inzwischen angebrannt und das Kartoffelwasser übergekocht, während die gedünsteten Bohnen eine Temperatur erreichten, mit denen man sie bestenfalls noch zu Hühnerfutter verarbeiten konnte. Als die Kuckucksuhr im Wohnzimmer Elf schlug, hielt sie es nicht mehr aus. In ihrer Verzweiflung griff sie zum Telefon und wählte die erste Nummer, die ihr einfiel. Eine Frauenstimme meldete sich, die Marlene hastig unterbrach. Es war ihr egal, dass die Frau daraufhin verächtlich schnaubte. Sich auch noch mit Höflichkeiten aufzuhalten, dafür hatte Marlene keine Nerven mehr. Den Hörer mit beiden Händen umkrallt, forderte sie den gewünschten Gesprächspartner. Sie konnte mitanhören, wie die Frau, Marlenes Meinung nach war es Juanita, die Haushälterin, nach ihrem Chef rief.

„Bin ja schon da.“ Erst noch dumpf, weil er die Hand über die Muschel hielt, war seine Stimme jetzt deutlich zu vernehmen. „Was hast du mit Juanita gemacht? Die ist gerade ziemlich entrüstet an mir vorbeigestapft.“

„Ich habe sie nicht ausreden lassen. Das gehört sich nicht, ich weiss, aber es ist nun einmal wichtig.“

Bedauernd, dass nun seine Sendung im Radio ohne ihn weitergehen musste, lehnte er sich gegen die Wand und machte sich auf den neusten Dorfklatsch bereit. Insgeheim überlegte er sich, welcher der ach so entsetzlichen Nachbarn es sich heute erlaubt hatte, in der Metzgerei im Tal anstelle von der im Dorf einzukaufen. „Was ist denn passiert?“

Josef ist verschwunden.“ Es platzte nur so aus Marlene heraus.

Diese Geschichte war allerdings neu. Sich gleich darauf einzulassen, wäre dennoch äusserst blauäugig gewesen. Möglicherweise hatte Josef nur den Jassabend etwas zu sehr begossen. Und genau das bekam Marlene jetzt auch zu hören. „Heute ist doch sein Jassabend, meinst du nicht, er hat einfach die Zeit vergessen? Du weisst doch, wie gut ihm der Wein immer schmeckt, wenn er verliert. Und er verliert oft.“

Jetzt wurde Marlene wütend. Empört, beinahe hysterisch, schrie sie ins Telefon. „Er ist seit gestern Morgen weg!“

Nun war die Radiosendung vergessen. Hans Zumbrunn, ein Bär von einem Mann, richtete sich zu seiner vollen Grösse auf und zog verwundert seine buschigen Augenbrauen zusammen. Die darunterliegenden kleinen, aber wachen, grauen Augen blitzten interessiert auf. Trotz seines beachtlichen Bauches, den er unter seinem blauen Hemd stolz zur Schau trug, war er einer der eindrucksvollsten und begehrtesten Männer im Dorf. Dies hatte er sicherlich seiner Körpergrösse, aber auch seiner Haltung zu verdanken. Alleine durch sein Auftreten bewirkte er, dass keiner seiner Mitbürger von ihm getroffene Entscheidungen in Zweifel zog. Ob ihn das im Endeffekt zum Gemeindepräsidenten machte oder ob dieser Posten seine Wirkung nur noch verstärkte, vermochte niemand mehr zu sagen. „Seit gestern, sagst du? Das ist wirklich eher ungewöhnlich. Hat er denn etwas gesagt, als er das Haus gestern verliess?“

Marlene musste nicht lange nachdenken. „Vor drei Tagen holte er die beiden grossen Koffer vom Speicher und kündigte an, dass wir verreisen würden und ich meine Sachen packen solle. Als ich ihn fragte, was los sei, sagte er nur, dass ich ihn jetzt lange genug bearbeitet hätte und wir nun endlich die von mir gewünschte Kreuzfahrt machen würden.“

Tatsächlich? Diese Spontanität sieht ihm aber überhaupt nicht ähnlich! Hast du nicht in einer Woche Geburtstag? Könnte es sein, dass er dich damit überraschen wollte?“

„Oh mein Gott, das wäre einfach…! Hans, du musst ihn unbedingt finden!“ Einerseits verzückt über diese Möglichkeit, andererseits nun nur noch erschütterter über das Verschwinden ihres Mannes, konnte Marlene die Tränen nicht mehr zurückhalten.

„Mach dir keine Sorgen, Marlene. Ich werde alles in meiner Macht stehende tun.“

 

 

Wenn die Wahrheit nicht ruht
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