57

Brosius sah Menkhoff an und schüttelte den Kopf. »Du siehst schlimm aus, Bernd. Aber das ist auch kein Wunder, nach der Nacht. Du hast noch gar nicht geschlafen, oder?«

»Soll das ein Witz sein? Ich hab bis eben im Krankenhaus gesessen und darauf gewartet, dass die die Scheißkugel aus Juttas Schulter holen.«

»Aber es geht ihr gut, oder?«

»Ja, soweit man dabei von gut reden kann, schon. In ein paar Wochen wird sie wohl wieder fit sein.«

Brosius deutete auf das Buch mit Ledereinband, das vor Menkhoff lag. »Was ist damit? Hast du da schon mal reingeschaut?«

Er nickte. »O ja, ich hatte ja die ganze Nacht Zeit, und ich kann dir sagen, das ist das Grauenvollste, was ich jemals gelesen habe.«

»Klären sich damit alle offenen Fragen?«

»Auf gewisse Weise schon. Ich habe heute Morgen einen Kaffee bei Dr. Leienberg in seinem Zimmer getrunken, nachdem Jutta aus dem OP raus war. Wir haben uns darüber unterhalten, und er hat mir Einiges erklärt.«

»Dann los, ich höre.«

Menkhoff lehnte sich zurück. »Eva Rossbach ist als Kind ebenso wie ihr Bruder Manuel von ihrer Stiefmutter grauenhaft körperlich und sexuell misshandelt worden. Wenn die Dinge, die da drin beschrieben sind, auch nur halbwegs so stimmen, war diese Frau kein Mensch, denn ein menschliches Wesen kann zu so etwas einfach nicht fähig sein. Jedenfalls war Eva wohl vier, als sich ihre Persönlichkeit zum ersten Mal aufspaltete. Ihr kindlicher Verstand konnte das, was mit ihr geschah, einfach nicht mehr verkraften. So entstand Britta als eine Art Opferpersönlichkeit, die immer dann nach vorne kam, wenn Eva vergewaltigt wurde. Von ihrer Mutter oder von fremden Männern.«

»Was war mit ihrem Vater?«, fragte Brosius.

»Der hatte nichts damit zu tun, muss aber zumindest etwas geahnt haben. Er hat es wahrscheinlich einfach nicht wahrhaben wollen und weggesehen.«

»Gott. Und … was bedeutet dabei genau nach vorne kommen

»Das bedeutet, die Persönlichkeit oder das Bewusstsein von Eva hat sich zurückgezogen, und Britta übernahm die Kontrolle über den Körper. Eva hat in diesem Zeitraum absolut nichts davon mitbekommen, was mit ihrem Körper geschah. War es vorbei, zog Britta sich wieder zurück, Eva als primäre Persönlichkeit war wieder vorne und wunderte sich zum Beispiel darüber, dass sie plötzlich in einem anderen Zimmer saß als kurz zuvor.«

Brosius schüttelte ungläubig den Kopf. »Unglaublich.«

»Ja, das ist es. Jedenfalls wurden die Misshandlungen immer schlimmer, so dass auch Britta es allein nicht mehr schaffen konnte, all das zu ertragen. Es kam zu einer weiteren Aufspaltung. Dabei entstand eine männliche Persönlichkeit, der wir ja auch im Keller der Rossbach-Villa begegnet sind. Ich wusste vorher, dass es diese multiplen Persönlichkeiten gibt, aber dass die beiderlei Geschlecht haben können, das war mir auch neu. Jedenfalls hat diese männliche Persönlichkeit keinen Namen, zumindest taucht nirgendwo einer auf. Er war für die Schmerzen zuständig, die auch Britta nicht mehr ertragen konnte. Denn wenn Evas Stiefmutter die reine Prügelei nicht ausreichte, zerrte sie Eva in den Keller, um sie zu vergewaltigen. Da hatte dann Britta schon längst übernommen. Wenn aber nach der Vergewaltigung noch nicht Schluss war, trat Er nach vorne. Denn dann kam der Panikraum, und dann wurde es richtig abartig. Evas Stiefmutter hatte eine Holzkiste in diesem Raum stehen, wohl gerade groß genug, dass ein vierjähriges Kind, wenn es sich zusammenkrümmte, hineinpasste. Dieser Kiste gingen immer schlimmste Misshandlungen voraus. Dann klebte Evas Stiefmutter der vermeintlichen Eva den Mund und die Augen mit Klebeband zu, damit das Kind stumm in sich hineinschauen konnte, wie sie sagte, und sperrte ihre Stieftochter in die Kiste, manchmal tagelang.«

»Mein Gott, das arme Kind.« Brosius war sichtlich fassungslos.

Menkhoff nickte. »Ja, das ist einfach unvorstellbar. Ein Wunder, dass ein Kind so etwas überhaupt überlebt. Und nicht erstaunlich, dass es bei solchen Erlebnissen zu massiven Persönlichkeitsaufspaltungen kommt. Wenn ich das richtig sehe, dann gibt es in Evas System – so nennt man das – insgesamt an die dreißig oder vierzig Persönlichkeiten, wovon die meisten aber so gut wie nie in Erscheinung treten. Alle sind komplett unterschiedlich in ihrer Mimik, Gestik und der Art zu sprechen, sie haben sogar unterschiedliche Handschriften, wie wir ja selbst gesehen haben. Manche wissen voneinander, andere nicht. Diejenige, die von alledem aber gar nichts weiß, ist Eva. Britta und Er wissen voneinander, aber Britta kann zum Beispiel nicht sehen, was Er tut, außer Er lässt es bewusst zu. Ansonsten hat Er Britta jedoch erfolgreich blockiert. Wie schon gesagt, das ist alles ziemlich abgedreht. Trotz allem ist Eva die Stärkste, weil sie die ursprüngliche Persönlichkeit, der Host, ist.«

»Und diese Britta?«

»Britta ist vier Jahre jünger als Eva, weil sie sich abgespalten hat, als Eva vier war. Sie hat übrigens irgendwo in Köln eine eigene Wohnung, das muss man sich mal vorstellen! Wenn sie übernommen hat, hat sie sich ihre Perücke angezogen, von der sie wohl eine im Haus versteckt hatte, sich geschminkt und ist losgezogen. Sowohl Britta als auch Er konnten aber nur übernehmen, wenn Eva müde war oder unkonzentriert, na ja, oder wenn sie geschlafen hat.«

»Aber was wollte dieser ›Er‹ denn jetzt eigentlich? Warum diese Morde und dieses ganze Theater mit Eva Rossbach im Sarg? Und wie hat … Er das alles angestellt?«

»Das ist ziemlich komplex, aber grundsätzlich wollte Er die alleinige Herrschaft über den Körper. Dr. Leienberg hat mir das so erklärt: Er wusste, Er kann nur übernehmen, wenn Eva auf irgendeine Art geschwächt ist. Also musste Er dafür sorgen, dass sie dauerhaft geschwächt war, und dauerhaft geschwächt ist eine Persönlichkeit, wenn sie den Verstand verliert. Er schmiedete den wirklich teuflischen Plan mit dem Sarg. Er besorgte sich dieses Ding und baute es im Panikraum auf, dessen Zugang Eva nicht kennen konnte, weil sie ja niemals vorne war, wenn ihre Stiefmutter sie dort hinschleppte. Wenn Eva einschlief oder müde war, übernahm Er, ging in den Panikraum und legte sich in den Sarg, der so präpariert war, dass er sich mit einem kleinen Hebel irgendwo unter der Verkleidung von innen öffnen ließ, wovon Eva aber natürlich nichts wusste. Dann zog Er sich zurück, Eva kam automatisch nach vorne und lag eingeschlossen in dem Sarg, wo sie fast verrückt wurde vor Angst. Einmal ging Er wohl sogar so weit, sich selbst Augen und Mund zu verkleben und Fesseln anzulegen. Das war in der Nacht, in der Er ins Gästezimmer geschlichen ist und Dr. Leienberg betäubt hat. Die Morde an Inge, mit der Er von früher eine Rechnung offen hatte, und an der anderen jungen Frau waren nur Mittel zum Zweck, um Eva zu schwächen. Die letzte Nacht war dann das große Finale, um ihrem gequälten Verstand den Rest zu geben, was ja auch beinahe gelungen ist.«

»Das ist alles einfach nur unglaublich. Und diese … Britta, konnte die nichts tun, oder wollte sie nicht?«

»Sie konnte nicht, denn wenn sie Eva zum Beispiel einen Brief geschrieben und ihr erklärt hätte, dass verschiedene Persönlichkeiten in ihr stecken und eine davon sogar Morde begeht, hätte sie damit rechnen müssen, dass Eva direkt durchdreht. Dann hätte Er auf jeden Fall gewonnen. Und Britta wusste, wenn Eva so weit geschwächt war, dass Er stärker wurde als sie, dann würde auch sie selbst nie wieder die Chance haben, nach vorne zu kommen.«

»Aber wer hat dann die Botschaften an Eva geschrieben?«

»Das war wohl eine Persönlichkeit namens Christina. Sie ist noch recht jung, wohl im Teenageralter, und Ihm hörig. Auch diese Nachrichten gehörten zu Seinem perfiden Spiel.«

Brosius starrte vor sich auf den Schreibtisch, man sah ihm deutlich an, dass er Mühe hatte, das alles zu verdauen. Menkhoff konnte es gut verstehen, ihm erging es nicht anders.

»Weißt du, wie er die anderen Opfer entführt hat? Ich meine … körperlich ist er trotz allem eine Frau.«

»O ja, darüber hat Er sich in den Aufzeichnungen ganz besonders ausführlich ausgelassen. Er hat sich verkleidet, was nichts anderes heißt, als dass Er ganz normale Frauenkleidung anhatte, folglich für die Opfer auch eine ganz normale Frau war. Das letzte Opfer, die Frau, mit der Er sich dann gestern Abend selbst in den Sarg legte, hat Er in einer Lesbenkneipe aufgegabelt.«

Einige Zeit saßen sie nur stumm da und hingen ihren Gedanken nach, dann fragte Brosius: »Was wird jetzt mit Eva?«

Menkhoff hob die Schultern. »Ich weiß es nicht. Fakt ist, man kann Eva Rossbach nicht für die Morde verurteilen, die Er begangen hat. Sie wird wohl für lange Zeit in einer geschlossenen Anstalt landen. Dr. Leienberg meinte, die Chancen auf einen Therapieerfolg wären grundsätzlich gut, aber es gibt da wohl zwei Ansätze: Die erfolgreichste Methode ist, dass das System akzeptiert wird und jede Persönlichkeit lernt, in diesem System zu leben. Das heißt, alle müssen erst einmal von der Existenz der anderen erfahren und sich nach und nach kennenlernen. Dann ist es möglich, so etwas wie ein großes, inneres Haus zu errichten, in dem jeder seinen eigenen Raum hat. Eine Persönlichkeit übernimmt ganz offiziell die Führung und ist auch zuständig dafür, dass alle ihre Zeiten vorne haben. Quasi eine innere WG.«

»Klingt plausibel, sofern das in einem solchen Fall überhaupt möglich ist.«

»Ja, das Problem bei Eva Rossbach ist nur, dass es Ihn gibt, der dabei niemals mitspielen und jede Therapie boykottieren wird.«

»Das heißt? Nicht therapierbar?«

»Leienberg meint, die einzige Chance wäre eine Zusammenführung, also der Versuch, alle abgespaltenen Persönlichkeiten wieder in einer zu vereinigen. Aber das dauert sehr lange, und der Erfolg ist ungewiss.«

»Die arme Frau.«

»Ja«, sagte Menkhoff. »Sie ist die bedauernswerteste Frau, die ich je kennengelernt habe. Ein Leben voller Qual und Gewalt, ohne Liebe. Furchtbar.«

»Was hätte dieser Er wohl gemacht, wenn Frau Rossbach nicht solch wahnsinnige Angst gehabt hätte und stark geblieben wäre?«

»Er hätte sie wohl in dem Sarg ersticken lassen.«

»Aber damit hätte er sich doch selbst umgebracht.«

»Ja.«

Brosius dachte eine Weile darüber nach, dann schüttelte er zum wiederholten Mal den Kopf, beugte sich vor und streckte Menkhoff die Hand entgegen.

»Ich danke dir, Bernd. Und jetzt fahr nach Hause und leg dich hin.«

»Ja, aber vorher muss ich noch mal einen kurzen Abstecher ins Krankenhaus machen. Ich habe da noch was zu erledigen.«

Der Sarg
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