26

Eva wusste nicht, wie lange sie vor ihrem Schrank gestanden und die roten Buchstaben auf dem Spiegel angestarrt hatte. Irgendwann sank sie langsam auf die Knie und setzte sich auf die Fersen, ohne den Blick dabei von der Botschaft lösen zu können.

Jemand war in ihrem Schlafzimmer gewesen. Dieser Gedanke war so ungeheuerlich, dass sie am ganzen Körper zu zittern begann. Hatte derjenige ihr auch die Nachricht auf die Zeitung geschrieben? Beim nächsten Mal wirst du vielleicht sterben. Das würde bedeuten, dass der Sarg kein Traum war, und sie beim nächsten Mal vielleicht nicht mehr lebend herauskommen würde. Und dass derjenige, der sie dort einschloss, wahrscheinlich auch Inge umgebracht hatte.

Aber wenn es kein Traum gewesen war und sie tatsächlich in diesem Sarg gelegen hatte, wer konnte davon wissen außer demjenigen, der sie eingeschlossen hatte? Wiebke. Und nun auch Dr. Leienberg. Aber würde Wiebke ihr eine solche Nachricht schreiben? Warum sollte sie das tun? Sie war vollkommen überrascht gewesen, als sie die Botschaft auf der Zeitung gesehen hatte. Hätte sie so schauspielern können? Und der Psychiater? Er war eben bei ihr gewesen. Hatte er sich irgendwann zwischendurch … Nein, das konnte nicht sein, er hatte die Küche kein einziges Mal verlassen, das hätte sie bemerkt.

Nein, Eva war sich sicher, dass weder Wiebke noch Dr. Leienberg etwas mit diesen widerlichen Botschaften zu tun hatten.

Blieb derjenige, der es geschafft hatte, sie in diesem Sarg einzuschließen und im richtigen Moment wieder herauszulassen. Das konnte beim besten Willen kein Traum gewesen sein! Das bedeutete aber auch, dass derjenige schon öfter in ihrem Haus gewesen war. Aber warum schrieb er ihr Nachrichten? Botschaften, in denen er sie vor sich selbst warnte? Und wie war er hereingekommen? Es gab nirgendwo im Haus Einbruchsspuren. Anscheinend kam und ging er, wie er es wollte, und ohne dass sie etwas davon bemerkte. Was würde er als Nächstes tun? Würde er sie umbringen? Am Spiegel stand »vielleicht«. Und sie war die Letzte, die von ihrer sogenannten Familie übrig war. Jedenfalls so weit sie wusste.

Eva spürte, wie ihr Herz das Blut wie wild gegen ihre Schläfen pumpte, schwarze Punkte tanzten vor ihren Augen, schnitten ganze Stücke der Worte auf dem Spiegel heraus, so dass sie keinen Sinn mehr ergaben. Nicht ohnmächtig werden, nur nicht … Sie hielt den Atem an. Vielleicht war der Mörder ja noch im Haus? Vielleicht wartete er nur auf einen günstigen Moment, um sie wieder im Sarg einzuschließen, und dann … Eva hörte sich selbst aufstöhnen, und es war wie ein Signal, etwas zu tun. Hastig stand sie auf und musste sich kurz am Schrank neben der Spiegeltür abstützen, weil das Zimmer um sie herum zu schwanken schien. Zwei, drei Sekunden, dann ging es wieder. Mit schnellen Schritten war sie an der Schlafzimmertür und sperrte sie von innen ab. Dann ließ sie ihren Blick durch das Zimmer huschen. Konnte sich hier drinnen jemand versteckt haben? Unter dem Bett? Sofort kniete sie sich hin und sah nach. Nichts. Falsche Reihenfolge, dachte sie dabei. Wenn wirklich jemand hier drinnen ist, hast du dir selbst den Fluchtweg verschlossen. Der Schrank, schoss es ihr dann in den Kopf. Mit einem Satz war sie wieder auf den Beinen, am Schrank, riss die Türen auf, hinter denen keine Regalböden waren, zuletzt die Spiegeltür mit der Nachricht, musste sich überwinden, sie anzufassen. Auch hier nichts. Im Schlafzimmer war zumindest niemand mehr. Was sollte sie als Nächstes tun? Die Polizei rufen? Die würden sie doch für vollkommen verrückt halten und in eine geschlossene Anstalt sperren lassen. Sie würde unter Medikamente gesetzt werden und denen hilflos ausgeliefert sein. Nein, nein, das ging nicht. Sie musste … Dr. Leienberg. Sie konnte Dr. Leienberg anrufen. Der kannte sie wenigstens ein bisschen. Und er war Arzt. Psychiater sogar. Er hatte Schweigepflicht. Ja. Sie brauchte ein Telefon. Eines der Geräte lag in der Küche, das wusste sie sicher. Und die anderen? Hastig sah sie sich um, kontrollierte ihr Nachtschränkchen, das Bett … nichts. Sie ließ sich auf das Bett sinken, ihr Atem ging schnell, die Hände zitterten. Kein Telefon, keine Chance, jemanden zu informieren. Sie musste in die Küche. Jetzt. Sofort.

Sie ging zur Tür, griff nach dem Schlüssel, wollte ihn umdrehen, aber ihre Finger gehorchten ihr nicht. Sie machte einen weiteren Schritt, stand nun ganz dicht vor der Tür und ließ die Stirn dagegen sinken. Das glatte Holz tat gut, kühlte ihre Stirn und wie es schien auch ihre Gedanken, sie wurden ruhiger, geordneter. Sie war fast den ganzen Tag im Haus gewesen. Wenn jemand sich hier versteckt gehalten hätte, um ihr etwas anzutun, dann hätte er es schon längst tun können. Also war niemand mehr hier. Sie würde jetzt den Schlüssel umdrehen und in die Küche gehen. Dort würde sie sich das Telefon nehmen und diesen Dr. Leienberg anrufen. Es waren nur ein paar Schritte, ganz einfach …

Eva zog den Kopf zurück, sah auf ihre Hand und gab ihr den Befehl, die Tür aufzuschließen. Das Klacken, mit dem sich der Schnapper zweimal zurückschob, erschien ihr so laut, dass man es im ganzen Haus hören musste. Der Griff, Eva, du musst die Tür jetzt öffnen. Sie zog die Tür einen Spalt weit auf und warf einen vorsichtigen Blick hinaus. Nichts. Jetzt, gab sie sich das Kommando und zog die Tür ganz auf. Sie lief los, legte den Weg zur Küche mit klopfendem Herzen zurück. Als sie das Telefon auf dem Tisch liegen sah, fiel ihr ein, dass sie die Karte des Psychiaters in ihre Handtasche gesteckt hatte, die an der Garderobe in der Diele hing. Also wieder aus der Küche raus in den Flur. Es ist niemand mehr hier, stell dich nicht so an. Ohne sich bewusst dafür zu entscheiden, fing sie an, eine Melodie zu summen, zusammenhangslos, unmelodisch.

Diele, Tasche, Visitenkarte, wie in einem Traum erlebte Eva das alles, wie in Watte gepackt schienen sämtliche Sinneseindrücke zu sein, fast, als beobachte sie sich selbst.

Mit Dr. Leienbergs Karte ging sie zurück in die Küche und überlegte dabei, dass sie das Telefon besser mitgenommen hätte. Andererseits fühlte es sich richtig an, von der Küche aus zu telefonieren. Sie war übersichtlich, bot keine Verstecke für jemanden, der über sie herfallen wollte. Ein paar Augenblicke später hatte sie den Psychiater am Telefon. Er saß im Auto. »Ja, ich bin’s … Eva … Eva Rossbach. Ich … Ich habe ein Problem, hier zu Hause. Jemand ist hier eingebrochen und hat etwas auf meinen Spiegel geschrieben. Im Schlafzimmer.« Für einen kurzen Moment hörte sie nur Hintergrundgeräusche, dann fragte Leienberg ruhig. »Was steht denn auf Ihrem Spiegel?« Sie sagte es ihm.

»Wissen Sie, was das bedeuten soll?«

»Ist das nicht eindeutig? Es geht um den Sarg.«

»Hm … Haben Sie schon die Polizei verständigt?«

»Nein, das … das kann ich nicht.«

»Warum nicht?«

»Weil ich denen nicht diese Geschichte erzählen kann. Die würden mich doch sofort in eine Anstalt stecken.«

»Das sehe ich anders. Ich bitte Sie, Sie müssen …«

»Nein. Können Sie mir helfen, bitte? Können … Können Sie zu mir kommen? Bitte?«

Wieder entstand eine kurze Pause, dann sagte er: »Ich bin in etwa zwanzig Minuten bei Ihnen.«

»Danke«, sagte sie leise und legte auf. Etwas versuchte sich in ihr Bewusstsein zu drängen. Etwas, das sie … das sie vergessen hatte? Aber … Das Badewasser! Sie legte das Telefon nicht zurück, sondern hielt es in der Hand, während sie ins Badezimmer rannte. Die Wanne war bereits übergelaufen. Hastig drehte Eva das Wasser ab und holte Wischtücher aus der Küche, die sie auf die Pfütze vor der Wanne legte, um das Wasser aufzusaugen. Ihr Blick fiel auf die Ablage des Badezimmerspiegels. Dort lagen verschiedene Schminkutensilien, Kajalstifte, Wimperntusche, Lippenstifte. Lippenstifte! Ein Gedanke schoss ihr durch den Kopf, so verrückt, dass sie ihn am liebsten gar nicht zu Ende gedacht hätte, und doch so drängend, dass sie ihm nachgehen musste. Sie nahm sich einen der Lippenstifte, einen roten, und ging damit ins Schlafzimmer. Sie musste sich hinknien, um an eine freie Stelle unter der Nachricht heranzukommen. Sie entfernte die Kappe, drehte den Stift ein Stück weit heraus, dann schrieb sie die gleichen Worte in etwa der gleichen Größe auf den Spiegel. Als sie fertig war, stand sie auf und trat bis zum Rand des Betts zurück.

Lange stand sie so da und betrachtete den Spiegel eingehend, ging etwas näher heran und dann wieder einen Schritt zurück, bis sie endlich sicher war: Diese Schrift hatte mit ihrer eigenen Handschrift überhaupt nichts zu tun. Erleichtert legte sie den Lippenstift auf ihren Nachttisch und ließ sich aufs Bett fallen.

Der Sarg
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