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Menkhoff versuchte in sich hineinzuhorchen. War es möglich, dass Eva Rossbach recht hatte mit ihren Vermutungen? Konnte ihr Bruder noch am Leben sein? Oder bestätigte das, was sie gerade von Wiebke Pfeiffer gehört hatten, nicht eher seine Theorie, dass Eva Rossbachs Stiefmutter damals ihren kleinen Sohn umgebracht und die ganze Paddelbootnummer inszeniert hatte, um den Mord zu vertuschen? Was ihr letztendlich ja auch gelungen war.
»Wie denken Sie darüber, Frau Pfeiffer?«, fragte er nun. »Halten Sie es für möglich, dass Frau Rossbachs Bruder noch lebt?«
Sie sah ihn offen an. »Ich weiß es nicht, wirklich. Das ist eine andere Welt. Ich bin sehr behütet aufgewachsen, wissen Sie, Gewalt gab es in unserer Familie nie. Weder mein Vater noch meine Mutter hätten jemals die Hand gegen meine Schwester oder mich erhoben. Ich weiß ja, dass es solche schrecklichen Dinge gibt, aber das ist für mich alles sehr schwer vorstellbar, vor allem, wenn es um eine Familie wie die Rossbachs und dann auch noch um meine Freundin geht. Eva ist sicher kein einfacher Mensch, aber sie ist ehrlich, und wenn sie sagt, dass Manuel noch lebt, dann ist das nicht einfach nur so eine Behauptung. Dann ist sie wirklich davon überzeugt. Und wer, wenn nicht sie, könnte am ehesten ahnen, was damals passiert ist?«
»Mir fiele da jemand ein, aber die ist tot«, sagte Menkhoff bitter. »Was glauben Sie, macht ihr die Vorstellung Angst, ihr Bruder könnte tatsächlich noch leben?«
»Ja. Vielleicht nicht immer, aber seit ihre Schwester … ihre Halbschwester so grauenvoll umgebracht worden ist, schon.«
»Wir wissen, dass …«, weiter kam Reithöfer nicht, denn sie wurde von der Türklingel unterbrochen. Wiebke Pfeiffer ging zur Haustür und kam kurze Zeit später gefolgt von Jörg Wiebking ins Wohnzimmer zurück.
»Ah, Herr Wiebking, wie wir hörten, galten sie schon als verschollen«, begrüßte Menkhoff ihn.
»Ja, ich habe gerade schon von Wiebke erfahren, dass nach mir gesucht wurde.« Er setzte sich auf den Platz, auf dem zuvor Wiebke Pfeiffer gesessen hatte.
»Und, wo waren Sie?«
»Ach, nirgendwo. Ich bin einfach mit dem Auto rumgefahren.« Es klang nicht so, als hätte er große Lust, darüber zu reden, was Menkhoff allerdings wenig interessierte. »Gab es denn dafür einen besonderen Grund?«
Wiebking wandte sich an Wiebke Pfeiffer, die neben ihm Platz genommen hatte. »Hast du vielleicht ein Bier für mich?«
»Ja, klar.« Sie stand wieder auf und ging in die Küche.
»Einen Grund? Nein, nichts Besonderes. Manchmal muss das sein, um den Kopf freizubekommen.«
»Ah, verstehe. Das ist beneidenswert. Nur die wenigsten können ihren Arbeitsplatz einfach so und ohne jemanden zu informieren verlassen, wenn ihnen danach ist. Ihr Vater scheint da zumindest auch noch etwas konservativer eingestellt zu sein.«
»Mein Vater«, es klang verächtlich. »Es ist mir egal, was mein Vater über irgendetwas denkt. Und vor allem, was er über mich denkt.«
»Kann es sein, dass Ihr Vater der Grund für Ihren Ausflug war, Herr Wiebking?«, fragte Reithöfer, als Wiebke Pfeiffer gerade mit einer Flasche Bier und einem Glas zurückkam.
Wiebking verdrehte genervt die Augen. »Mein Vater hat heute per Rundmail alle Mitarbeiter offiziell darüber informiert, dass er mit sofortiger Wirkung Dr. Guido Löffler zu seinem Stellvertreter gemacht hat, um ihn für seine Aufgabe als zukünftigen Geschäftsführer vorzubereiten. Denken Sie, das ist Grund genug, mal einfach so ein bisschen mit dem Auto durch die Gegend zu fahren? Wenn man selbst die Hoffnung immer noch nicht aufgegeben hatte, dass einen der eigene Vater nicht vielleicht doch noch für diesen Posten berücksichtigt?« Er ignorierte das Glas und setzte die Flasche an den Mund.
»Eva Rossbach ist verschwunden«, sagte Menkhoff unvermittelt und beobachtete Wiebking dabei scharf. Der setzte die Flasche ab und sagte: »Ja, Wiebke sagte schon so etwas.«
»Das klingt nicht gerade so, als ob Ihnen das große Sorgen macht.«
»Ich habe im Moment halt meine eigenen Sorgen. Die taucht schon wieder auf.«
»Ach, das denken Sie?«, warf Reithöfer ein. Sie klang gereizt. »Nachdem ihr Arzt lebensgefährlich verletzt und sie entführt wurde? Gab es schon mal Momente in Ihrem Leben, in denen Sie nicht ausschließlich um sich selbst gekreist sind, Herr Wiebking?«
Menkhoff sah sie erstaunt an, und Wiebking war anzusehen, dass ihn nicht nur die Art, wie Reithöfer mit ihm redete, überraschte. »Nein, ich …« Er richtete sich im Sessel auf. »Das wusste ich nicht mit der Entführung. Wiebke sagte mir gerade an der Tür nur, dass Sie da sind, weil Eva verschwunden sei. Was ist denn da passiert? Und welcher Arzt ist verletzt? Ich verstehe das alles nicht.«
Jutta Reithöfer brachte ihn – nun sichtlich gefasster – auf den neuesten Stand. Menkhoff wartete, bis sie fertig war, dann sagte er: »Herr Wiebking, hat Frau Rossbach Ihnen gegenüber mal was von einem Bruder erwähnt?«
»Einem Bruder? Ich weiß, dass ihr Bruder damals im Rhein ertrunken ist.«
»Hat sie jemals Zweifel daran geäußert, dass er wirklich ertrunken ist?«
»Wie? Nein, wieso sollte sie daran zweifeln? Also langsam verstehe ich gar nichts mehr.«
»Frau Rossbach glaubt, dass ihr Bruder damals nicht wirklich ertrank, sondern von seiner Mutter weggegeben wurde, und dass er jetzt wieder zurückgekommen ist.«
Wiebking starrte Menkhoff mit offenem Mund an. Nach einigen Sekunden sagte Menkhoff: »Herr Wiebking? Alles in Ordnung?«
»Ja … Ja, entschuldigen Sie. Ich musste nur … Mir ist nur gerade etwas eingefallen, das wirklich ziemlich verrückt ist. Vor ein paar Monaten, ich glaube, es war im April oder Mai, bin ich abends auf dem Parkplatz mal einem Kerl begegnet, der Eva ziemlich ähnlich sah. Er bewegte sich anders und sah schon auch anders aus, ein Mann halt, aber die Ähnlichkeit zu Eva war doch verblüffend.«
»Und? Was haben Sie getan?«, hakte Menkhoff ungeduldig nach.
»Nichts, der Typ hat gemerkt, dass ich ihn angestarrt habe, und hat mir den Mittelfinger gezeigt. Er wirkte ziemlich aggressiv, und ich hatte keine Lust, mich mit ihm anzulegen. Ich bin ins Auto gestiegen und weggefahren.«
»Haben Sie Frau Rossbach davon erzählt?«
»Nein, ich war mir dann auch anschließend nicht mehr so sicher, ob ich mir die Ähnlichkeit nicht vielleicht nur eingebildet hatte. Aber jetzt, wo Sie das mit ihrem Bruder sagen …«
»Gott, das ist ja richtig unheimlich!« Wiebke Pfeiffer sah Jörg Wiebking verstört an. »Wenn ich mir das vorstelle … Da taucht plötzlich der eigene Bruder wieder auf, der als Kind ertrunken sein soll. Kein Wunder, dass Eva oft so durcheinander ist und so viel vergisst.«
»Na ja, so weit sind wir ja noch nicht«, wiegelte Menkhoff ab. »Das ist nur eine Theorie von Frau Rossbach, die ich für meinen Teil für sehr unwahrscheinlich halte. Aber was meinen Sie damit, Frau Rossbach vergisst viel?« Als Wiebke Pfeiffer zögerte, hakte Menkhoff nach. »Frau Pfeiffer …?«
»Ach, wie soll ich das erklären. Eva ist manchmal etwas … verwirrt. Sie hat mir erzählt, dass es vorkommt, dass sie sich plötzlich irgendwo befindet und nicht mehr weiß, wie sie dahin gekommen ist. Sie denkt, es ist so etwas wie schlafwandeln bei Tag, dass sie so sehr in Gedanken versunken ist, dass sie Dinge automatisch tut, ohne darüber nachzudenken. Und wenn sie sich dann irgendwann wieder bewusst wird, was um sie herum geschieht, wundert sie sich.«
»Ja, verwirrt ist sie öfter mal, das kann ich bestätigen«, fügte Jörg Wiebking hinzu. »Ich habe mir schon öfter Gedanken gemacht, dass ein paar hundert Arbeitsplätze von einer Frau abhängen, die offensichtlich psychische Probleme hat. Verstehen Sie mich nicht falsch, aber ich finde das verantwortungslos.«
»Hat Frau Rossbach Ihres Wissens nach deswegen ärztliche Hilfe in Anspruch genommen?«, wandte Reithöfer sich wieder an Wiebke Pfeiffer.
»Nicht, dass ich wüsste. Darum war ich auch froh, als sie sich dazu entschlossen hat, einen Termin bei Burghard Leienberg zu machen.«
»Und wie …«, Menkhoff wurde durch das Klingeln seines Telefons unterbrochen. Es war Brosius, und er klang höchst erregt. »Dein Rocker, der, den die Frau vor der Praxis des Psychiaters gesehen hat … Kann sein, dass wir ihn haben.«