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Britta betrachtete die Hinterköpfe der Leute, die in den Reihen vor ihr saßen. Ihr Ignoranten, dachte sie. Was würde ich wohl entdecken, wenn ich in eure dämlichen Köpfe sehen könnte? Na? Nicht viel, schätze ich. Ihr denkt alle, ihr wisst Bescheid über das Leben. Dass ich nicht lache. Nichts wisst ihr. Weil ihr mit geschlossenen Augen durch die Gegend lauft. Hohlbirnen.
Sie wandte den Blick ab und sah durch die große Scheibe nach draußen. Gebäude zogen vorbei wie auf Schienen, Haus an Haus aneinandergebaut, als gäbe es sonst keinen anderen Platz auf der Welt als diese dämliche Brühler Landstraße. Sie würde sich eine andere Bleibe suchen, dann musste sie nicht mehr durch diese Scheißstraße.
Eine der Häuserfronten war mit riesigen, bunten Graffiti-Liebesschwüren an eine Nina überzogen, und Britta konnte sich ein hämisches Grinsen nicht verkneifen, wenn sie daran dachte, wie dämlich die Spießer wohl aus der Wäsche geglotzt hatten, als sie das Geschmiere auf ihrer Hauswand entdeckt hatten. Im nächsten Augenblick jedoch war dieser kurze Hauch der Genugtuung wie weggewischt. An seine Stelle trat etwas anderes, erst eine Ahnung, dann die Gewissheit, dass etwas Schlimmes in ihrem Kopf im Anmarsch war, Bilder, die wie ein Tornado über sie herfielen und ihr Inneres verwüsteten. Sie versuchte noch, sich dagegen zu wehren, als sie spürte, was da kam, aber zu spät. Plötzlich war dieses Gesicht vor ihr, übergroß und aus dem Mund riechend …
… der Mund grinst sie an. Britta hat den Mann, der heute zu Besuch gekommen ist, noch nie gesehen. Er ist furchtbar dick, seine Arme und seine Hände sind so eklig weich und so weiß. Seine Finger sehen aus wie rohe Fleischwürste. Ihre Mama hat ihr gesagt, sie müsse bei ihm ganz besonders brav sein, weil er ein ganz guter Freund ist, und dass sie keine Klagen hören möchte. Er wolle neue Spiele mit ihr spielen. Britta wollte die Augen schließen, aber da hat der Mann gesagt, dass sie das nicht darf. Also hält sie die Augen offen und sieht ihm jetzt dabei zu, wie er sich umdreht und etwas Komisches aus der Tasche zieht, die er mitgebracht hat. Es hat eine eigenartige Form. Britta hat so etwas noch nie gesehen und kann sich nicht vorstellen, was man mit diesem Ding spielen kann. Aber sie weiß, dass Mamas Besucher oft Spiele machen, die sie nicht versteht. Jetzt ist er wieder bei ihr am Bett …
Unter enormer Anstrengung gelang es Britta, die Bilder wegzuschieben, die immerzu irgendwo in ihrem Kopf auf eine Gelegenheit zu lauern schienen, sich in den Vordergrund zu drängen. Mit einem schnellen Blick nach vorne und zur Seite vergewisserte sie sich, dass sie nichts getan hatte, was die Aufmerksamkeit der anderen im Bus auf sie gelenkt hatte. Aber die starrten nach wie vor stumpfsinnig vor sich hin und hatten nichts bemerkt. Britta musste an etwas anderes denken, sie versuchte sich an den Gebäuden draußen zu orientieren und sah, dass Sie bald am Hauptbahnhof ankommen würden, wo sie aussteigen wollte. Sie fragte sich, ob sie in diese blöde Kneipe gehen sollte und ob dieser Dagger schon dort war, obwohl es erst später Nachmittag war.
Britta wusste, dass sich gerade alles zuspitzte, und das machte ihr eine Scheißangst. Bisher war sie felsenfest davon überzeugt gewesen, dass ihr die Fähigkeit, so etwas wie Angst zu empfinden, schon sehr früh abhanden gekommen war. Angst bedeutete, den Willen zu haben, möglichst unbeschadet weiterzuleben. Ab einem gewissen Punkt war es ihr aber als Kind schon egal gewesen, wie das Leben weiterging, oder ob es überhaupt weiterging. Anders als dieses naive Dummchen, deren Leben zum großen Teil aus Angst bestand, wie sie wusste. Angst, die jetzt tatsächlich begründet war, aber ganz anders, als diese dumme Kuh sich das vorstellte. Und nun hatte sie selbst Angst, denn ihr war klar, dass er drauf und dran war, auch sie umzubringen.
Der Bus hielt, und sie stieg aus. Ohne weiter darüber nachzudenken, ging sie den gleichen Weg wie am Mittag und stand einige Minuten später vor der Kneipe.
Ohne Zögern ging sie hinein, und ihr erster Blick fiel auf den Platz, an dem sie mit Dagger gesessen hatte. Er war besetzt, aber von einem fremden Paar. Ihr Blick streifte einmal durch das Lokal, blieb hier und da an Tischen hängen und musterte die Leute, die dort saßen, wanderte weiter. Der Typ war nicht da, aber das war ja auch klar gewesen. Erstens war es zu früh, und zweitens würde er wahrscheinlich sowieso nicht kommen. Wahrscheinlich war dieser Dagger genauso ein angeberischer Schwätzer wie alle anderen auch. Große Fresse und dahinter nur Luft. Aber es war egal. Sollte er doch bleiben, wo der Pfeffer wächst. Sie hatte im Moment gewiss andere Sorgen als einen alternden Motorradfreak. Sie wandte sich um und starrte erschrocken in Daggers Gesicht. »Hi, Britta. Schön, dass du da bist.«
Sie machte einen Schritt zurück. »Bild dir bloß nichts ein, klar? Ich war zufällig in der Nähe.«
»Ah, okay, dann bin ich froh über den Zufall. Wollen wir uns setzen?« Er zeigte auf einen freien Zweiertisch in der Ecke. Ohne Kommentar ging Britta darauf zu und setzte sich hin. Dagger bestellte durch Handzeichen zwei Kölsch und wandte sich ihr zu. Der Blick, mit dem er sie ansah, war seltsam. »Ich habe mir den ganzen Nachmittag den Kopf darüber zerbrochen, woher ich dich kennen könnte.«
Britta winkte ab. »Ach, geht die Leier jetzt wieder los? Hör mal, Dagger, es ist okay, du kannst dir die Nummer sparen.«
Sein Dauergrinsen verflüchtigte sich. »Nein, das ist keine Nummer, echt. Ich weiß, dass ich dich kenne, und ich weiß mittlerweile ganz sicher, dass alles ganz anders war, als ich dich zum ersten Mal gesehen hab.«
Britta dachte darüber nach, was er damit meinen könnte, hatte aber keine Idee. Der Kellner kam an ihren Tisch und stellte die beiden Kölsch vor ihnen ab. Nachdem er wieder gegangen war, sagte Dagger: »Hör mal, ich möchte dir was sagen, und das mein ich echt ernst, auch, wenn ich dich kaum kenne. Ich hab das Gefühl, du bist in großen Schwierigkeiten. Und ich würde dir gern helfen, wenn ich kann. Ja, ich weiß, ich seh nicht so aus wie einer, dem man vertrauen kann, aber ich bin ehrlich zu dir, und vielleicht kann ich dir ja wirklich helfen. Also, ich fänd’s toll, wenn du mir vertraust.«
Britta betrachtete eine Weile sein in diesem Moment ungewöhnlich ernstes Gesicht, dann lehnte sie sich kopfschüttelnd zurück und stieß ein kurzes Lachen aus, dem jegliche Fröhlichkeit fehlte. »Vertrauen? Was ist denn mit dir los, bist du bescheuert? Glaubst du, ich bin so dämlich, irgend so ’nem Kerl, den ich heute erst kennengelernt habe, hier was vorzuheulen? Ich vertraue niemandem, kapiert?«
»Aber es hilft. Dann fühlt man sich nicht so allein.«
»Ach, Herr Klugscheißer, und du bist also der Meinung, ausgerechnet du wärst derjenige, dem ich vertrauen soll? Wenn du das wirklich glaubst, bist du noch viel bescheuerter, als ich dachte. Und was dieses langweilige Ich kenne dich von irgendwoher betrifft, kannst du dir das jetzt endgültig sparen. Wir kennen uns nicht, und ich habe dich vorher noch nie gesehen, basta.« Britta lehnte sich zurück und sah ihm kampflustig in die Augen. Er erwiderte ihren Blick eine Weile stumm, dann breitete sich das Grinsen wieder über seinem Gesicht aus. »Na, dann lassen wir das jetzt besser mal, oder? Erzählst du mir trotzdem ein bisschen was über dich? Ich mein jetzt so ganz ohne Vertrauen. Ich würd dich wenigstens gern ein bisschen kennenlernen.«
»Da gibt’s nicht viel zu erzählen. Ich hatte ’ne scheiß Kindheit, als Jugendliche fand ich das Leben unerträglich, und als Erwachsene habe ich gelernt, mich auf mich selbst zu verlassen, weil jeder jeden nur verarscht.«
»Hast du Geschwister?«
»Wieso willst du das denn wissen?«
Dagger atmete tief durch. »Na, weil ich dich ein bisschen kennenlernen möchte. Hab ich doch gerade gesagt.«
»Hm … Nein, nicht direkt. Da gibt es eine, die ist so was Ähnliches wie ’ne Schwester. Ist ’ne blöde, naive Kuh, aber … ach, egal. Also richtige Schwestern oder Brüder hab ich nicht.«
Dagger hob die Brauen. »Was heißt das, sie ist so was Ähnliches wie ’ne Schwester?«
»Ach, ich kenn sie halt schon ewig.«
»Und ihr vertraust du?«
»Was ist das denn wieder für ’ne dämliche Frage? Ich hab dir doch eben schon gesagt, ich vertraue niemandem.«
»Vertraut sie dir?«
Britta fühlte sich mit einem Mal unwohl und ärgerte sich, dass sie sich überhaupt auf dieses dämliche Thema eingelassen hatte. »Das ist doch egal, Mann. Lass uns von was anderem reden. Erzähl mir von mir aus was über deine dämlichen Torten.«
»Meine Torten sind gar nicht so dämlich. Die sind in ganz Köln berühmt und werden oft bestellt. Wer weiß, vielleicht hast du selbst sogar schon mal ein Stück davon gegessen.«
Warum sah er sie jetzt wieder so komisch an? Irgendwie war dieser Dagger ihr nicht geheuer. Sie hatte das Gefühl, dass er sich anders verhielt als bei ihrem ersten Treffen am Mittag. Laufend wollte er was von ihr wissen, stellte komische Fragen oder machte seltsame Bemerkungen. Sie wollte plötzlich nicht mehr in seiner Nähe sein. »Nein, hab ich nicht. Ich geh jetzt wieder.« Sie stand auf, ohne ihr Glas auszutrinken. Der Drang, schnellstens eine möglichst große Distanz zwischen sich und diesen Kerl zu bringen, wurde übermächtig.
Er sah sie überrascht an. »Was? Aber warum denn?«
Sie presste noch ein »Ich muss weg« heraus, dann verließ sie fluchtartig die Kneipe.