11

Wäre Brittas Leben anders verlaufen, hätte sie vielleicht so etwas wie Verzweiflung oder gar Hilflosigkeit empfunden. Schon nach der Meldung im Fernsehen am Vortag hatte sie geahnt, nein, gewusst, dass er es gewesen war, der diese Frau lebendig begraben hatte. Jetzt, nachdem sie in diesem Zeitungsbericht den Namen der Frau gelesen hatte, gab es für sie gar keinen Zweifel mehr. Er war schon seit Jahren eine tickende Zeitbombe, das hatte sie gespürt, und sie wusste, dass sie nichts hätte tun können, um die Explosion zu verhindern. Jetzt war es also so weit, und diese Erkenntnis machte sie nicht verzweifelt und nicht hilflos, sondern verdammt wütend. Dieser Scheißkerl, dachte sie und schob die Zeitung, die sie sich von der Theke mitgenommen hatte, barsch ein Stück von sich, um den Artikel nicht mehr sehen zu müssen. Es war ihr egal, was er mit der dämlichen Kuh angestellt hatte, aber er versaute ihr am Ende noch das Einzige, was ihr in ihrem gottverdammten Dasein wichtig war.

Sie sah zu der jungen schwarzhaarigen Bedienung hinüber, die gerade im Begriff war, die Gläser vom Nachbartisch abzuräumen. »Noch’n Kölsch.« Die Frau starrte erst sie und dann das noch fast volle Glas Kölsch vor ihr an, und Britta wollte sie schon fragen, was sie nicht verstanden hatte, aber dann nickte die junge Frau und verschwand aus Brittas Blickfeld.

Sie kam öfter in die alte Kneipe am Rheinufer, normalerweise aber eher im Sommer, wenn sie draußen sitzen und den ganzen Leuten zusehen konnte, die am Rhein entlangtrotteten und dabei noch grinsten, als würde es ihnen wirklich Spaß machen. Jetzt hatten die, denen der Laden gehörte, die Stühle und Tische draußen zusammengeklappt, und sie war gezwungen, sich ins Innere der vergammelten, überhitzen Kneipe zu setzen.

Britta überlegte, ob er es bei der einen belassen würde, war sich aber fast sicher, dass ihm die Sache so viel Spaß gemacht hatte, dass er jetzt richtig loslegen würde. Ihre Gedanken lösten sich von ihm und drifteten in eine Richtung ab, wo Britta sie auf keinen Fall haben wollte. Krampfhaft versuchte sie, an etwas anders zu denken, sah sich schnell in der Kneipe um, damit sich ihre Aufmerksamkeit an irgendetwas festmachen konnte, um nur loszukommen von dieser … dieser fürchterlichen Frau. Es nützte nichts, ihre Umgebung verschwamm, die alten Kneipentische, die hässlichen, irgendwann mal goldglänzenden und jetzt vor Schmutz starrenden Wandlampen, die billigen Drucke mit Rheinmotiven dazwischen – sie traten zurück vor diesem Bild, vor dieser Szene, die sich ihr mit unbändiger Gewalt aufdrängte. Ganz deutlich sieht sie ihre Mutter vor sich, …

… das starre Lächeln in ihrem Gesicht, einer Maske gleich, die sie immer trägt, wenn es wieder losgeht. »Was bist du nur für ein undankbares Kind«, hört sie die monotone Stimme, und noch immer sind die Mundwinkel dabei nach oben gezogen, als hätte sie eine spastische Lachlähmung. Britta ist vier und weiß nicht, warum sie in diesem Moment wieder undankbar war, aber das spielt auch keine Rolle, sie hat jetzt keine Zeit, darüber nachzudenken, sondern muss sich für das wappnen, was nun unweigerlich kommen wird. »Du kleines, starrsinniges Gör. Was soll ich denn nun mit dir tun? Wie soll ich denn froh mit dir sein, wenn du mich immer so furchtbar wütend machst?« Britta wendet den Blick von der großen Frau ab und senkt den Kopf, ein Trick, der ihr manchmal wenigstens etwas Zeit verschafft. Wenn sie sich so benimmt, als würde sie genau wissen, dass sie etwas falsch gemacht hat, redet ihre Mutter manchmal etwas länger auf sie ein, bevor sie dann … Dieses Mal funktioniert der Trick nicht. Die Hand ihrer Mutter legt sich um ihren Oberarm und drückt zu. Britta beißt die Zähne zusammen, damit kein Laut aus ihrem Mund kommt. Immer fester wird ihr schmaler Arm zusammengedrückt, ihre Haut zwischen den klobigen Fingern gequetscht, und sie weiß, wenn sie auch nur einen Laut von sich gibt, während sich die Fingernägel tief in ihren Arm graben, wird das, was danach kommt, noch viel schlimmer sein. Aber es wird kein Ton aus ihrem Mund kommen, sie ist immer stumm, wenn es nötig ist. Sie muss sich dem Unausweichlichen fügen, und sie weiß, dass es schlimm werden wird. »Dass du mich jetzt dazu zwingst, dich zu bestrafen, macht mich sehr traurig, du böses Kind. Wie soll ich dich denn lieben, wenn du so zu mir bist, hm? Wie kann man denn so ein hinterhältiges kleines Aas lieben? Kannst du mir das sagen?« In Brittas Bauch macht sich ein flaues Gefühl breit. Ihre Mutter hat ihr eine Frage gestellt, das ist nicht gut. Jetzt kommt es darauf an, sie nicht noch wütender zu machen, aber das ist schwer. Eine falsche Antwort hat die gleichen Folgen wie Schweigen zum falschen Zeitpunkt, und da sie nicht weiß, was sie sagen soll, starrt Britta weiter stumm vor ihre Füße auf den Boden. »So, du bist dir also zu fein, mir zu antworten«, hört sie ihre Mutter sagen, und jetzt liegt ein Ton in ihrer Stimme, der Britta durch Mark und Bein geht. Dieses Mal wird es nicht schnell vorbei sein, das weiß sie jetzt. Ohne ein weiteres Wort zerrt ihre Mutter sie hinter sich her, aus der Küche, durch den Flur, zur Kellertür. Sie öffnet die knarrende Tür, zieht Britta an sich vorbei und drückt sie an den Treppenabsatz. Britta kann noch einen Blick in das schwarze Loch vor sich werfen, dann katapultiert ein heftiger Schlag gegen ihren Rücken sie nach vorne und lässt sie für einen Moment in der Luft schweben. Die Welt um sie herum beginnt einen irren Tanz der Schmerzen. Als das Poltern aufhört, mit dem ihr kleiner Körper über die Holzstufen nach unten stürzt, und sie auf dem Betonboden des Kellers aufschlägt, hört sie deutlich ein seltsames Geräusch ganz nah an ihrem Ohr. Sofort versucht Britta aufzustehen. Sie muss wieder auf den Füßen stehen, wenn ihre Mutter bei ihr ankommt, das weiß sie, doch als sie sich mit dem Arm abstützen will, um sich vom Boden hochzudrücken, bewegt der sich kein Stück. Dafür tut ihr die Schulter mit einem Mal so furchtbar weh, dass sie gar nichts dagegen tun kann und laut aufschreit. Die Lampe über ihr leuchtet auf, dann hört sie die Schritte ihrer Mutter auf der Holztreppe.

Wieder versucht Britta aufzustehen, doch sie kann den Arm keinen Zentimeter bewegen, und als sie es panisch ein weiteres Mal versucht, wird ihr von den schrecklichen Schmerzen schlagartig so schlecht, dass sie sich übergeben muss. Als sie wieder zu Atem kommt, ist der große Körper ihrer Mutter über ihr. Verzweifelt versucht es Britta ein weiteres Mal, doch sie schafft es nicht und ergibt sich stöhnend. Ihre Mutter stemmt die Arme in die Seiten und blickt – lächelnd – auf sie herab. »Nun sieh dir die Sauerei an, die du hier angerichtet hast. Dein Kleid, die Bluse, der Boden, alles voll. Pfui. Du schmutziges Mädchen.« Sie schüttelt den Kopf und geht an ihr vorbei. Britta schaut ihr mit klopfendem Herzen nach. Jetzt hat sie Angst. Als ihre Mutter zielstrebig auf ein altes Regal zugeht und etwas herausnimmt, wird ihr wieder schlecht.

Die Bedienung brachte das Kölsch. Britta brauchte nur zwei, drei Sekunden, um sich zu orientieren, dann nahm sie es ihr aus der Hand, bevor sie es abstellen konnte, trank es in einem Zug leer und hielt es ihr wieder entgegen. »Noch eins.«

Leider sagte die Frau auch dieses Mal nichts. Es wäre Britta ganz gelegen gekommen, Dampf abzulassen.

Der Sarg
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