10

Eva war aufgewühlt. Seit Wiebke eine halbe Stunde zuvor gegangen war, machte sie sich Vorwürfe, dass sie so harsch reagiert hatte. Sie hatte ihre einzige Freundin quasi rausgeworfen. Und das, obwohl die ihr bestimmt nur helfen wollte. Aber warum war Wiebke nur mit diesem Psychiater angekommen? Hatte sie sie die ganze Zeit über etwa nur angelogen und in Wahrheit schon lange gedacht, dass ihre angebliche Freundin Eva verrückt war? Nein, das konnte sie einfach nicht glauben. Andererseits, wozu sonst schickt man jemanden zu einem Psychiater?

Sie hielt wieder das Telefon in der Hand. Bestimmt fünfmal hatte sie es nun schon in der Hand gehabt und wieder weggelegt, einmal hatte sie sogar schon die Taste gedrückt, unter der Wiebkes Nummer gespeichert war, dann aber sofort wieder aufgelegt. Sie wusste einfach nicht, was sie tun sollte. Bevor sie sich entscheiden konnte, klingelte es an der Haustür. Mit einer Ahnung, wer draußen stand, legte sie das Telefon zur Seite und ging zur Tür, und ihr war alles andere als wohl dabei. Hubert Wiebking hatte sie kurz zuvor angerufen und darüber informiert, dass zwei Kripobeamte auf dem Weg zu ihr waren.

Den Mann, der vor ihrer Tür stand, schätzte Eva auf Anfang fünfzig. Seine pechschwarzen Haare waren von silbernen Fäden durchzogen, die wohl bald die Oberhand gewinnen würden. Er hatte ein scharf geschnittenes, sehr maskulines und leicht gebräuntes Gesicht, das Eva ein wenig an das eines Indianers erinnerte. Seine Begleiterin war deutlich jünger, sie durfte ungefähr so alt sein wie sie selbst, war aber zierlicher als Eva. Die blonden Haare fielen ihr bis auf den Rücken, das Blau ihrer Augen war von einer Intensität, die Eva selten gesehen hatte.

»Guten Tag«, sagte der Mann und hielt ihr seine Marke entgegen. »Menkhoff, Kripo Köln. Das ist meine Kollegin Reithöfer. Frau Rossbach?«

»Ja, die bin ich«, sagte Eva und machte einen Schritt zur Seite. »Bitte, kommen Sie herein, ich habe damit gerechnet, dass Sie zu mir kommen, nachdem ich das heute Morgen in der Zeitung gelesen habe.« Die beiden folgten ihr ins Wohnzimmer, nahmen aber nicht auf der Couch, sondern am Esstisch Platz, der auf der anderen Seite des großen Raums vor einem Panoramafenster stand.

»Wir kommen gerade aus Ihrer Firma, wo wir uns mit Herrn Dr. Wiebking unterhalten haben«, erklärte Menkhoff. »Er sagte uns, dass Sie eher selten dort sind.«

Eva Rossbach nickte. »Ja, das stimmt. Er leitet die Firma für mich. Ich könnte das nicht.« Sie bemerkte, dass sie ihre Finger knetete, und zog die Hände schnell vom Tisch. Sie fühlte sich unwohl in Anwesenheit der Beamten, obwohl sie keinen Grund dafür hatte.

»Entschuldigen Sie, ich habe ganz vergessen, Ihnen etwas zu trinken anzubieten.«

Menkhoff lehnte ab, und auch seine Kollegin schüttelte den Kopf.

»Frau Rossbach, wie wir erfahren haben, hatten Sie schon längere Zeit keinen Kontakt mehr zu Ihrer Halbschwester. Können Sie uns sagen, warum das so war?« Er sah ihr intensiv in die Augen, und dieser Blick war Eva unangenehm. Sie riss sich davon los und betrachtete die schnörkellose Glasschale, die in der Mitte des Tischs stand. »Wir haben uns nicht verstanden. Noch nie.« Sie bemerkte, dass ihre Stimme leise war, und bemühte sich, ihr einen festeren Klang zu geben. »Wir waren wohl einfach zu verschieden.«

»Wodurch machte sich das bemerkbar?«, wollte die Polizistin wissen, die in ein kleines Buch geschrieben hatte, während Eva sprach.

Eva sah sie an. »Wodurch merkt man, dass man jemanden nicht mag? Wir haben uns wegen jeder Kleinigkeit gestritten, es gab überhaupt nichts, was wir gemeinsam hätten unternehmen wollen. Nicht mal ein dummes Kartenspiel haben wir als Kinder zusammen gespielt. Wenn mir das Essen schmeckte, fand sie es scheußlich, alles, was ich haben wollte, wollte sie auch, und zwar vor mir. Ach, ich weiß nicht. Es ging einfach nicht mit uns beiden.«

»Aber ist das nicht häufig so zwischen Geschwistern?«, fragte die Beamtin, deren Namen Eva vergessen hatte. »Wenn ich mich daran erinnere, wie ich mich früher mit meinem Bruder gestritten habe …«

»Nein, das war anders.« Evas Blick heftete sich wieder auf die Glasschale. »Das war boshafter, als es normalerweise unter Geschwistern ist. Sie hat mich gehasst.«

Eine kurze Pause entstand, in der niemand etwas sagte, dann unterbrach Menkhoff die Stille. »Haben Sie sie auch gehasst?«

Eva schüttelte den Kopf. »Ich mochte sie nie, und ich glaube, ich hätte sie oft gerne gehasst, aber ich konnte es nicht, so sehr ich es mir auch manchmal gewünscht habe.«

»Verstehe. Ihr Vater ist vor rund zwei Jahren gestorben und hat Ihnen die Firma hinterlassen, obwohl Sie, wie Sie eben sagten, ein solches Unternehmen gar nicht führen könnten. Was war mit Ihrer Schwester? Wollte die nicht und Sie haben sie ausbezahlt, oder wie war das?«

»Halbschwester«, korrigierte Eva ihn sofort. »Sie hat ein Haus bekommen und diverse andere Dinge.«

Auf Menkhoffs Stirn zeigten sich Falten. »Hatte das zusammen einen ähnlichen Wert wie Ihre Firma?«

»Ja«, antwortete Eva knapp und wünschte, die beiden würden wieder gehen. »Sie hat eine große Summe und Aktienpakete bekommen. Mein Vater hat akribisch darauf geachtet, dass alles gleichmäßig verteilt ist. Er hatte große Angst, eine von uns zu benachteiligen. Er hatte ja vor allem Angst.«

»Was meinen Sie damit?«

»Nach außen war mein Vater der große Firmenchef, aber in Wirklichkeit war er ein sehr ängstlicher Mensch.« Sie stieß ein kurzes, humorloses Lachen aus. »Er hat sogar extra einen versteckten Raum in unserem Haus bauen lassen, als Fluchtmöglichkeit, falls bei uns eingebrochen würde und wir bedroht werden sollten. Doch niemand außer ihm kannte den Zugang zu diesem Schutzraum – aus Angst, wir könnten uns verplappern. So … paranoid war mein Vater in manchen Dingen. Aber sagen Sie, was hat das alles mit diesem schrecklichen Verbrechen zu tun?«

»Es gehört zur Routine, sowohl die familiären als auch die finanziellen Hintergründe eines Mordopfers zu hinterfragen, Frau Rossbach. Nicht selten kommt der Täter aus dem direkten Umfeld.«

Eva musste an ihren Traum denken und an die Botschaft auf der Zeitung. »Glauben Sie … ich meine, halten Sie es für möglich, dass auch ich …«

»Sie meinen, ob wir glauben, dass Sie gefährdet sind? Nein, dazu gibt es derzeit keine Veranlassung. Was aber nicht heißt, dass Sie nicht vorsichtig sein sollten. Schließen Sie grundsätzlich die Haustür gut ab und achten Sie auf Ihre Umgebung.«

»Wie haben Sie sich eigentlich mit Ihrer Stiefmutter verstanden?«, wollte die Polizistin nun wissen. Eva fand diese Frage sehr persönlich und verstand nicht, was das mit dem Mord an ihrer Halbschwester zu tun haben sollte. Sie hob die Schultern und antwortete: »Sie war keine sehr herzliche Frau, es gab keine Wärme bei ihr. Aber sonst … eher normal. Ich habe meine leibliche Mutter nicht gekannt, aber was mein Vater mir über sie erzählt hat … Sie wäre sicher eine andere Mutter gewesen.«

»Wann ist Ihre Stiefmutter gestorben?«

»1988. Krebs.«

Menkhoff stand auf. »Gut, das war’s fürs Erste, Frau Rossbach. Wir werden sicher noch Fragen haben und melden uns wieder bei Ihnen.«

Eva spürte, dass sie erleichtert war. Sie begleitete die beiden zur Haustür, wo der Beamte, Menkhoff, stehen blieb und sich noch einmal zu ihr umdrehte. »Wie gesagt, schließen Sie bitte sorgfältig ab. Und seien Sie im Moment vorsichtig mit neuen Bekanntschaften. Nur zur Sicherheit.«

»Ja, natürlich«, versicherte Eva und dachte daran, wie wenig Wert sie auf neue Bekanntschaften legte.

Nachdem sie die Tür hinter den beiden geschlossen hatte, ging sie zurück ins Wohnzimmer und legte sich auf die Couch. Sie war todmüde und musste ein wenig schlafen.

Der Sarg
titlepage.xhtml
Der_Sarg_split_000.html
Der_Sarg_split_001.html
Der_Sarg_split_002.html
Der_Sarg_split_003.html
Der_Sarg_split_004.html
Der_Sarg_split_005.html
Der_Sarg_split_006.html
Der_Sarg_split_007.html
Der_Sarg_split_008.html
Der_Sarg_split_009.html
Der_Sarg_split_010.html
Der_Sarg_split_011.html
Der_Sarg_split_012.html
Der_Sarg_split_013.html
Der_Sarg_split_014.html
Der_Sarg_split_015.html
Der_Sarg_split_016.html
Der_Sarg_split_017.html
Der_Sarg_split_018.html
Der_Sarg_split_019.html
Der_Sarg_split_020.html
Der_Sarg_split_021.html
Der_Sarg_split_022.html
Der_Sarg_split_023.html
Der_Sarg_split_024.html
Der_Sarg_split_025.html
Der_Sarg_split_026.html
Der_Sarg_split_027.html
Der_Sarg_split_028.html
Der_Sarg_split_029.html
Der_Sarg_split_030.html
Der_Sarg_split_031.html
Der_Sarg_split_032.html
Der_Sarg_split_033.html
Der_Sarg_split_034.html
Der_Sarg_split_035.html
Der_Sarg_split_036.html
Der_Sarg_split_037.html
Der_Sarg_split_038.html
Der_Sarg_split_039.html
Der_Sarg_split_040.html
Der_Sarg_split_041.html
Der_Sarg_split_042.html
Der_Sarg_split_043.html
Der_Sarg_split_044.html
Der_Sarg_split_045.html
Der_Sarg_split_046.html
Der_Sarg_split_047.html
Der_Sarg_split_048.html
Der_Sarg_split_049.html
Der_Sarg_split_050.html
Der_Sarg_split_051.html
Der_Sarg_split_052.html
Der_Sarg_split_053.html
Der_Sarg_split_054.html
Der_Sarg_split_055.html
Der_Sarg_split_056.html
Der_Sarg_split_057.html
Der_Sarg_split_058.html
Der_Sarg_split_059.html
Der_Sarg_split_060.html
Der_Sarg_split_061.html
Der_Sarg_split_062.html
Der_Sarg_split_063.html
Der_Sarg_split_064.html
Der_Sarg_split_065.html
Der_Sarg_split_066.html
Der_Sarg_split_067.html
Der_Sarg_split_068.html
Der_Sarg_split_069.html