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»Was hältst du von dieser Geschichte?« Reithöfer bog von der Straße, in der Eva Rossbachs Villa lag, auf die Hauptstraße ein.
»Ach, ich habe keine Ahnung, das ist alles mehr als merkwürdig. Außerdem hasse ich es, dass jetzt ausgerechnet auch noch ein Psychiater ins Spiel kommt.«
Reithöfer warf ihm einen kurzen Blick zu, sagte aber nichts.
»Als die gute Frau Rossbach uns diese Geschichte erzählt hat, dachte ich zuerst, sie tischt uns irgendwelche Phantasien auf. Aber erstens erklärt das nicht, warum dieser Psychiater gefesselt im Gästebett lag, und zweitens stellt sich die Frage, woher sie wissen sollte, auf welche Art die Opfer gefesselt wurden, wenn sie es nicht tatsächlich selbst erlebt hat. Es sei denn …«, er zuckte mit den Schultern.
»Es sei denn, sie hätte selbst was damit zu tun«, ergänzte Reithöfer, und Menkhoff nickte. »Ja, das wäre theoretisch eine Möglichkeit, aber ich traue es ihr nicht zu. Mein Gefühl müsste mich schon sehr täuschen, wenn sie dazu fähig wäre, jemanden lebendig zu begraben. Vielleicht hängt ja dieser Psychiater irgendwie mit drin. Wir werden ihn mal durchleuchten. Vielleicht findet sich was, das uns weiterhilft.«
»Offensichtlich war Frau Rossbach eben ziemlich überrascht, als sie hörte, dass Jörg Wiebking vorgestern bei Wiebke Pfeiffer übernachtet hat.«
»Ja, und der guten Frau Pfeiffer war es auch nicht gerade angenehm, dass ihre Freundin davon erfahren hat. Aber ich musste ja schließlich Wiebkings Alibi überprüfen.«
»Was denkst du, könnte er doch was damit zu tun haben?«
Menkhoff hob die Hände und ließ sie auf die Schenkel fallen. »Ach, die könnten doch theoretisch alle was damit zu tun haben. Ich blicke nicht durch, wie die Konstellationen tatsächlich sind, aber im Dunstkreis der Rossbachs scheint es niemanden zu geben, der so ist, wie er sich darstellt. Alles Schauspieler, und jeder mauschelt hinter dem Rücken der anderen rum. Das geht mir langsam gehörig auf die Nerven.«
»Aber würde einer von ihnen tatsächlich so weit gehen?«
»Ich frage mich vor allem, was diese Sargspiele mit Eva Rossbach sollen. Wenn sie selbst nichts damit zu tun hat und hat das alles tatsächlich so erlebt … das ist doch Wahnsinn!«
»Ja, wer weiß, vielleicht legt es ja jemand darauf an, sie regelrecht in den Wahnsinn zu treiben?«
Menkhoff dachte einen Moment darüber nach. »Um dann vielleicht einfacher an die Firma ranzukommen, meinst du? Wie Herr Wiebking zum Beispiel? Oder wer weiß, vielleicht auch Herr Glöckner?« Reithöfer hob die Schultern, und Menkhoff schüttelte den Kopf. »Weißt du, was mir dabei Probleme macht? Die Art und Weise. Das passt nicht zu einem Täter, der ein eigennütziges, vielleicht materielles Ziel verfolgt. Das Vergraben vielleicht noch, um Eva Rossbach so richtig Angst einzujagen. Aber diese Sache mit den verbundenen Augen und dem verbundenen Mund und die seltsame Art der Fesselung, obwohl in den Kisten weder das eine noch das andere nötig wäre … das hat schon was Pathologisches.«
Reithöfer sah kurz zu ihm herüber, konzentrierte sich aber sofort wieder auf den Verkehr. »Was aber nicht bedeutet, dass die Kandidaten aus Eva Rossbachs Umfeld damit raus sind.«
»Nein, das bedeutet es nicht«, stimmte Menkhoff ihr zu. »Diesen Psychiater sollten wir uns in jedem Fall vorknöpfen. Ich möchte wissen, was er so zu erzählen hat, wenn seine Patientin nicht dabei ist.«
»Sollen wir jetzt zu ihm …«
»Ja, wir fahren sofort hin«, fiel Menkhoff ihr schroff ins Wort, und als er aus den Augenwinkeln bemerkte, dass sie ihn wieder ansah, wandte er sich ihr zu und sagte: »Was?«
»Ich habe nur gerade überlegt, ob es für Dr. Leienberg vielleicht ein Nachteil ist, Psychiater zu sein, was deine Ermittlungen angeht. Ich weiß ja, dass du …«
»Das ist Quatsch, Jutta. Dieser Leienberg war letzte Nacht dabei, das ist alles.«
»Ich glaube nicht, dass das Quatsch ist. Du hast mich jetzt zweimal hintereinander unterbrochen, und zwar recht barsch. Ist dir das aufgefallen? Das tust du sonst nicht. Seit wir auf Dr. Leienberg getroffen sind, hast du dich verändert, du wirkst auf mich plötzlich so … ich weiß gar nicht, wie ich es beschreiben soll.«
Menkhoff war versucht aufzubrausen, besann sich aber. Er ließ einige Sekunden verstreichen, dann sagte er mit kontrolliert ruhiger Stimme: »Leienberg war in der vergangenen Nacht als Einziger im Haus, als Eva Rossbach in diesen Sarg gesperrt wurde, oder was auch immer es war. Dass er zudem Psychiater ist, rückt ihn für den Fall natürlich in ein anderes Licht, das gebe ich ja zu. Aber nicht etwa, weil ich grundsätzlich alle Psychiater hasse, sondern wegen der Art, mit der diese Verbrechen ausgeführt worden sind. Wie ich eben schon sagte, dieses Zukleben der Augen und des Mundes, das Fesseln der Hände in einem geschlossenen Sarg … das deutet auf einen pathologischen Täter hin. Oder auf jemanden, der sich mit den Verhaltensweisen dieser Menschen auskennt und nur vortäuscht, die Taten wären von jemandem verübt worden, der psychisch krank ist.«
»Ich verstehe, was du meinst, aber welches Motiv sollte Dr. Leienberg für das alles haben?«
Menkhoff wandte sich schnaubend ab und sah sich durch das Seitenfenster die schnell vorbeiziehenden Häuser an. »Ich habe keinen blassen Schimmer, aber ich habe vor, es herauszufinden.«
Dr. Leienberg hatte eine Patientin, als sie in seiner Praxis ankamen. Nachdem Menkhoff ihm erklärte, dass sie noch einmal mit ihm über die Geschehnisse der vergangenen Nacht reden wollten, bat er sie, sich noch einen Moment ins Wartezimmer zu setzen. Wenige Minuten später kam eine etwas füllige, schwarzhaarige Frau Mitte vierzig aus dem Behandlungszimmer und nickte ihnen zu, während sie ihren Mantel anzog.
Als sie kurz danach dem Psychiater in gemütlichen Sesseln gegenübersaßen, kam Menkhoff ohne Umschweife zur Sache. »Herr Dr. Leienberg, was halten Sie eigentlich von dieser Geschichte?«
Leienberg sah ihn fragend an. »Wie meinen Sie das?«
»Na ja, es ist ja nicht gerade alltäglich, dass eine Frau mehrfach in einen Sarg eingeschlossen wird und kurz danach in ihrem Bett wieder aufwacht, als sei nichts geschehen. Ich möchte von Ihnen wissen, was Sie davon halten. Glauben Sie die Geschichte, die Frau Rossbach erzählt? Und wenn Sie das tun – was ist der Täter Ihrer Meinung nach für ein Mensch?«
Leienberg wiegte den Kopf hin und her. »Es ist sehr schwer, etwas über die Persönlichkeit eines Menschen zu sagen, von dem man nichts weiß und den man noch nicht einmal gesehen hat.«
»Nun, Profiler tun das doch pausenlos«, warf Menkhoff ein. »Ich dachte, als Psychiater könnte man bei einer so außergewöhnlichen Vorgehensweise einen Täter zumindest grob einschätzen. Aber wie ist das, glauben Sie die Geschichte denn, die Frau Rossbach erzählt hat?«
»Nach dem, was ich letzte Nacht erlebt habe, deutet zumindest alles daraufhin, dass es stimmt, was sie sagt.«
»Ja, aber könnte sie das nicht auch selbst getan haben?«
»Sie meinen, ob Eva Rossbach mich vielleicht betäubt und gefesselt hat? Aber warum sollte sie das tun?«
»Sagen Sie es mir, Sie sind der Fachmann. Vielleicht, um ihre Geschichte zu untermauern?«
Leienberg schüttelte den Kopf. »Davon abgesehen, dass ich das für höchst unwahrscheinlich halte, bliebe immer noch die Frage, warum sie diese Geschichten erfinden sollte.«
»Mein Gott, um sich wichtig zu machen, zum Beispiel. Ein übersteigertes Geltungsbedürfnis, nun tun Sie doch nicht so, als gäbe es so was nicht, Herr Dr. Leienberg.« Menkhoff merkte, dass er seinen aufkommenden Ärger nur schlecht verbergen konnte. Diese Psychiater waren sich in vielerlei Hinsicht alle sehr ähnlich. Sie schienen fest davon überzeugt zu sein, sie könnten andere mit ihrem Psychogehabe täuschen und lenken, wie sie wollten.
»Das habe ich auch nicht behauptet«, fuhr Leienberg ruhig und sachlich fort. »Natürlich kommen solche Dinge vor, aber ich halte es für unwahrscheinlich, dass das auf Eva Rossbach zutrifft. Ich kann nicht allzu viel dazu sagen, ohne meine Schweigepflicht zu verletzen, aber ein übersteigertes Geltungsbedürfnis hat Eva Rossbach definitiv nicht, ganz im Gegenteil. Nein, Herr … Menkhoff? … Ich bin überzeugt, dass jemand anderes mich gefesselt hat und Eva Rossbach dann – wie auch immer er es gemacht hat – in einen Sarg einsperrte. Er spielt vielleicht mit ihr, er zeigt ihr, was er mit ihr vorhat, damit sie vor Angst vergeht.«
»Oder selbst an ihrem Verstand zweifelt«, schaltete Reithöfer sich zum ersten Mal in das Gespräch ein, woraufhin Leienberg zustimmend nickte. »Ja, das wäre möglich. Jedenfalls hat sie entsetzliche Angst, das steht fest.«
»Es gab keine Spuren eines Einbruchs. Was glauben Sie, wie der oder die Täter ins Haus gelangt sein könnten?« Menkhoff bemerkte, dass sich die Augen des Psychiaters verengten.
»Was wollen Sie damit sagen?«
Menkhoff hob die Schultern. »Ich wollte damit nichts sagen, sondern von Ihnen wissen, ob Sie vielleicht eine Theorie haben, wie jemand ohne Spuren zu hinterlassen in ein abgeschlossenes Haus eindringen, die Eigentümerin entführen und in einen Sarg einsperren kann, um sie dann – vielleicht Stunden später – wieder in das abgeschlossene Haus zurückzubringen und zu verschwinden.«
Eine Weile sahen Sie sich an als versuche jeder herauszufinden, was der andere gerade dachte, dann sagte der Psychiater: »Ja, ich habe tatsächlich eine Theorie. Frau Rossbach hat eine Haushaltshilfe, Hildegard, wenn mich nicht alles täuscht. Die Frau hat einen Schlüssel.«
»Ach, davon wusste ich bisher nichts.«
»Haben Sie Frau Rossbach denn danach gefragt?«
Menkhoff war sicher, einen süffisanten Unterton herauszuhören, und hatte Mühe, nicht direkt darauf einzusteigen. »Ihre Theorie ist es also, dass Frau Rossbachs Haushälterin sich letzte Nacht ins Haus geschlichen hat, wo sie erst Sie betäubte und fesselte, dann Frau Rossbach …«
»Meine Theorie würde ich Ihnen gerne erklären, wenn Sie mich ausreden lassen würden«, unterbrach Leienberg ihn, und seine Stimme klang nun geradezu provokant ruhig.
Menkhoff lehnte sich zurück. »Gut, ich höre.«
»Frau Rossbach sagte mir, dass diese Hildegard noch eine zweite Arbeitsstelle hat, sie ist auch mehrmals in der Woche im Haus des Geschäftsführers der Rossbach Maschinenbaubetriebe. Ich glaube, er heißt Wiebkind oder so ähnlich. Vielleicht hatte dort jemand Zugang zu dem Schlüssel und hat sich einen Zweitschlüssel anfertigen lassen?«
Menkhoffs Gedanken rasten. Ein Name kam ihm sofort in den Sinn, und ein Seitenblick zeigte ihm, dass Reithöfer ganz offensichtlich wieder einmal den gleichen Gedanken hatte. »Wissen Sie, wie wir diese Haushälterin erreichen können?«
»Ich weiß nur, dass sie eine Wohnung in Rodenkirchen hat und im Moment bei ihrer Schwester in Trier ist.«
Menkhoff nickte. Das machte die Sache nicht eben einfacher, aber an die Frau sollte heranzukommen sein. »Also gut, dann erzählen Sie doch bitte noch einmal genau, was Sie von dem mitbekommen haben, was in der letzten Nacht passiert ist.«
»Noch mal das Gleiche?«
»Ja, Herr Dr. Leienberg. Vielleicht haben Sie bei Ihrer ersten Schilderung ja etwas vergessen.« Menkhoff nickte Reithöfer zu zum Zeichen, dass sie mitschreiben sollte, und wandte sich wieder an den Psychiater. »Also …«