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Eva schreckte hoch. Verwirrt blickte sie sich in der Dunkelheit um und erlebte einen Anflug von Panik. Doch dann registrierte sie, dass sie nicht wie befürchtet von tiefer Schwärze, sondern eher von fortgeschrittener Dämmerung umgeben war. Sie erkannte die Konturen von Möbeln und erinnerte sich daran, dass ihr in der Küche schlecht geworden war. Sie hatte sich wohl auf die Ledercouch im Wohnzimmer gelegt und musste wieder eingeschlafen sein. Aber wenn es nun schon fast wieder dunkel war … Sie warf einen Blick auf die Uhr in Form einer kleinen silbernen Säule, die auf dem Esche-Sideboard schräg gegenüber stand. Fast sechs. Sie hatte den ganzen Tag verschlafen. Aber war das ein Wunder, nach der furchtbaren Nacht? Sie hatte …
Der Türgong ließ sie zusammenfahren. Während sie aufstand, überlegte sie, dass derjenige, der vor ihrer Tür stand, wahrscheinlich schon einmal geklingelt und sie damit geweckt hatte. Ihre Knie und das rechte Handgelenk erinnerten sie pochend an die vergangene Nacht.
Als sie die Tür öffnete, lächelte ihr Dr. Hubert Wiebking entgegen, der seit dem Tod ihres Vaters die Firma für sie leitete. »Guten Abend, Eva, ich bin froh, dich wohlauf zu sehen.«
»Guten Abend, Hubert.« Eva zog ihren Morgenmantel am Hals ein wenig enger zusammen und trat einen Schritt zur Seite. »Bitte, komm doch rein.«
Dr. Wiebking machte ein paar Schritte, blieb aber gleich hinter Eva in der geräumigen Diele stehen und drehte sich zu ihr um. »Ich habe tagsüber ein paarmal versucht, dich zu erreichen, und habe mir Sorgen gemacht, weil du nicht ans Telefon gegangen bist und der Anrufbeantworter ausgeschaltet war. Und als du jetzt erst nicht geöffnet hast … Ich hatte schon überlegt, nach Hause zu fahren und den Ersatzschlüssel zu deiner Wohnung zu holen. Dir hätte ja etwas passiert sein können …«
»Ja, ich … es tut mir leid, mir ging es nicht gut heute Morgen, ich habe mich hingelegt und bin eben erst wieder aufgewacht.«
Ein ernster Ausdruck legte sich über Wiebkings Gesicht. »Meine Sorge war also berechtigt. Aber was fehlt dir denn, Eva? Kann ich etwas für dich tun?«
»Nein, schon gut«, wiegelte sie ab und ging an ihm vorbei. »Es geht mir schon wieder besser. Komm doch rein, bitte.« Wiebking folgte ihr ins Wohnzimmer, zog seinen braunen Mantel aus und legte ihn zusammen mit dem dunklen Kaschmirschal über die Rückenlehne eines der wuchtigen Sessel. Auf dem daneben ließ er sich nieder und strich sich, kaum dass er saß, mehrfach über die Beine der Maßanzughose, als müsse er sie von Fusseln befreien. Erst dann legte sich sein besorgter Blick wieder auf Eva, die ihm gegenüber auf der Couch Platz genommen hatte. »So, jetzt erzähl mal, was mit dir los war, ich bestehe darauf.«
Sie dachte einen Moment darüber nach, ihm von dem furchtbaren Traum zu erzählen, verwarf diesen Gedanken aber schnell wieder. Er würde sie nur für hysterisch halten, wenn sie ihm sagte, dass sie wegen eines schlechten Traums den ganzen Tag auf der Couch gelegen hatte. Und würde sie höchstwahrscheinlich zu einem Psychiater schicken, wenn sie dann noch die Verletzungen erwähnte. Damit hätte er wohl sogar recht. Wer konnte wissen, was sie in der vergangenen Nacht während dieses Traums alles angestellt hatte. Vielleicht hatte sie sich …
»Eva, bitte, rede mit mir. Ich mache mir wirklich große Sorgen um dich. Du weißt, ich habe deinem Vater versprochen, auf dich aufzupassen, und ich nehme dieses Versprechen sehr ernst. Also?« Er sah sie tatsächlich an wie ein strenger Vater, und Eva musste lächeln. »Es ist sehr lieb von dir, dass du dich um mich sorgst, aber es ist wirklich nichts Schlimmes. Ich habe einfach nur schlecht geschlafen in der letzten Nacht und hatte deswegen heute Morgen Kopfschmerzen. Du musst dir keine Sorgen machen.«
Wiebking schien noch nicht ganz überzeugt, nickte aber schließlich. »Also gut. Und du bist sicher, dass es dir wieder besser geht?«
»Ja, alles in Ordnung. Aber weshalb hast du versucht, mich zu erreichen? Ist etwas in der Firma?«
Wiebking leitete die Rossbach Maschinenbaubetriebe selbständig und meldete sich im Allgemeinen nur bei ihr, wenn für einen Vorgang ihre Unterschrift als Inhaberin notwendig war. In den meisten Fällen wusste sie überhaupt nicht, was sie unterschrieb, aber es interessierte sie auch nicht. Ihr Vater hatte Hubert als Geschäftsführer eingesetzt, er würde schon dafür sorgen, dass alles seinen Weg ging.
Wiebking wehrte mit beiden Händen ab. »Nein, nein, in der Firma ist alles in Ordnung. Der Anruf war privater Natur, liebe Eva. Jörg kommt heute Abend zum Essen zu uns, und Christiane und ich, wir dachten, es wäre doch nett, wenn du uns auch besuchen würdest.«
»Ah«, machte sie und sah auf ihre Hände. Wiebkings Sohn war zwei Jahre jünger als sie selbst und arbeitete als Ingenieur in ihrem Betrieb. Sie konnte nicht recht einschätzen, wie sie dazu stand, so, wie sie die meisten Dinge nicht einschätzen oder abwägen konnte. Sie war noch nie sehr gut darin gewesen, Entscheidungen zu treffen, aber nachdem ihr Vater zwei Jahre zuvor an einem Herzinfarkt gestorben war …
»Wenn es dir allerdings noch nicht wirklich gutgeht«, wurde sie von Wiebking aus ihren Gedanken gerissen, »kann ich natürlich verstehen, wenn du lieber zu Hause bleiben möchtest. Schade wäre es zwar, aber dafür wird auch Jörg sicher Verständnis haben.«
Eva horchte in sich hinein und versuchte herauszufinden, was sie bei dem Gedanken empfand, Jörg Wiebking an diesem Abend zu treffen. Es fühlte sich nicht gut an. »Es tut mir leid, Hubert, mir geht es zwar wieder besser, aber ich fühle mich nicht danach, heute Abend noch etwas zu unternehmen. Sei mir bitte nicht böse, ein anderes Mal gerne.«
Wiebking hob die Hände. »Schon in Ordnung. Wenn es dir nicht gutgeht …« Sein Lächeln wirkte aufgesetzt. »Dann mache ich mich jetzt mal wieder auf den Weg, damit du deine Ruhe hast. Kann ich noch etwas für dich tun?«
»Nein, danke, ich habe alles, was ich brauche.«
Als Eva die Haustür hinter ihm geschlossen hatte, drehte sie sich um und lehnte sich mit dem Rücken dagegen. Das Gefühl der Angst war wieder da. Nicht mehr so dumpf wie zuvor, aber immer noch wahrnehmbar. Sie würde keine Erklärung für die vergangene Nacht finden, das ahnte sie. Sie hatte noch nie eine Erklärung gefunden, wenn ihre Erinnerung lückenhaft war oder sie nicht wusste, wie sie an einen bestimmten Ort gekommen war. Jedenfalls keine, die einer genaueren Betrachtung standgehalten hätte.
Aber vielleicht war das ja auch gut so. Vielleicht war es besser, wenn sie nicht wusste, was dieser Traum zu bedeuten hatte und wie die Verletzungen zustande gekommen waren.
Sie drückte sich von der Tür ab und ging zurück ins Wohnzimmer, wo sie sich auf die Couch legte und die Knie anzog. Sie hatte Kopfschmerzen, und obwohl sie fast den ganzen Tag geschlafen hatte, fühlte sie sich unendlich müde. Wurde sie krank? Eine aufziehende Erkältung vielleicht?
Oder waren das die Nachwirkungen der vergangenen Nacht? Vielleicht war sie geschlafwandelt und hatte dabei tatsächlich um sich geschlagen, als sie im Traum panisch versuchte, sich aus dem Sarg zu befreien? Vielleicht hatte sie sich dabei auch den Kopf irgendwo gestoßen? Andererseits … warum sollte sie schlafwandeln, während sie davon träumte, in einem Sarg eingeschlossen zu sein? Das ergab doch keinen Sinn!
Ein kalter Schauer überzog Evas Körper. Sie richtete sich ein Stück weit auf und griff sich die braune Decke, die zusammengefaltet auf einem kleinen Tisch neben der Couch lag. Nachdem sie ihre Füße darin eingewickelt hatte, zog sie das andere Ende bis zum Hals hoch und drückte es mit eingezogenem Kopf gegen das Kinn. Der weiche Stoff umgab sie jetzt wie ein schützender Kokon und teilte die Welt in ein Drinnen und ein Draußen. Sie war müde, so schrecklich müde, und riss doch krampfhaft die Augen wieder auf, wenn sie ihr zufielen. Sie hatte Angst davor, einzuschlafen und wieder zu träumen.
Sie hatte Angst vor dem Sarg.