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»Scheiße«, stieß Menkhoff leise aus und zog seine Waffe. Die Taschenlampe legte er achtlos in das staubige Regal und machte Reithöfer ein Zeichen, dass er vorgehen würde. Er hob die Waffe an, atmete durch, machte dann zwei, drei große Schritte und sicherte mit schnellen Bewegungen nach allen Seiten. Wer immer hinter dieser scheußlichen Sache steckte, er befand sich offensichtlich nicht in diesem Raum. »Los, machen wir das Ding auf«, sagte er und ging mit schnellen Schritten zu dem Sarg. Reithöfer folgte ihm und sagte: »Hast du schon mal einen Sarg geöffnet?«
»Nein, aber so schwer kann das ja nicht sein.«
Wie sich herausstellte, war es das doch, denn so sehr sie sich auch bemühten, der Deckel ließ sich nicht anheben. Nach einigen vergeblichen Versuchen sah sich Menkhoff nach Werkzeug um. Als er nichts entdecken konnte, ging er zurück in den Kellerraum davor und suchte hastig die Regale mit der Taschenlampe ab. Zwischen den vergammelten und verrosteten Werkzeugen fand er schließlich einen großen Schraubenzieher und einen Hammer. Damit bewaffnet kehrte er zurück, bückte sich und ertastete etwa in der Mitte des Sargs die Stelle, an der der Deckel auflag. Dort setzte er den Schraubenzieher an und trieb ihn mit einigen festen Schlägen in den Schlitz. Schließlich stand er wieder auf und zog den Griff mit einem heftigen Ruck nach oben. Reithöfer stand mit gezogener Waffe daneben, der Lauf zeigte auf den Sarg.
Mit einem knirschenden Geräusch sprang etwas auseinander, der Deckel löste sich vom Sarg, klappte einige Zentimeter auf und knallte wieder zu, als der Schaft des Schraubenziehers herausglitt. Menkhoff ließ ihn achtlos zu Boden fallen, sah noch einmal zu Reithöfer und legte dann die Hände unter den Deckelrand. Bevor er jedoch zugreifen konnte, flog der Deckel mit einem gewaltigen Knall auf, ein Schatten glitt mit einem wahnsinnigen Schrei auf Menkhoff zu, und eine zur Klaue geformte Hand schoss nach oben und wollte sich in seinem Gesicht verkrallen. Menkhoff stieß einen überraschten Schrei aus und konnte in allerletzter Sekunde ausweichen. Adrenalin schoss ihm durch den Körper, er versuchte, die Situation zu erfassen, während der Schrei endlich verebbte. Reithöfer neben ihm hatte die Waffe noch immer im Anschlag, war aber besonnen genug gewesen, nicht abzudrücken, denn vor ihnen saß mit aufgerichtetem Oberkörper Eva Rossbach. Sie war nackt und sah fürchterlich aus, die Haare waren zerzaust, die rechte Schulter war blau verfärbt und hing seltsam herab. Am schlimmsten waren jedoch ihre Augen, die so weit aufgerissen waren, dass man das Weiße rings um die Pupillen sehen konnte. »Nein, nicht, Manuel, nein, bitte«, stammelte sie nun und bewegte dabei den Oberkörper vor und zurück.
»O nein«, stieß Reithöfer aus, und Menkhoff sah im gleichen Moment, was sie meinte. In diesem Sarg, unter Eva Rossbach, lag eine weitere Frau, und es war unverkennbar, dass sie tot war. Menkhoff stellte sich vor, dass Eva Rossbach mit dieser Toten zusammen in dem engen Sarg eingesperrt gewesen war, und musste gegen das Gefühl der Übelkeit ankämpfen, das ihm den Magen zusammenkrampfte. »Gott, wer tut so was!«, stieß er aus und sah Eva Rossbach wieder an. Die Frau war vollkommen apathisch, schien nichts mehr von ihrer Umgebung mitzubekommen. »Hilf mir mal, wir müssen Sie da rausholen«, forderte er Reithöfer auf. Vorsichtig ging er ganz nahe an Eva Rossbach heran und sagte dabei mit ruhiger Stimme: »Keine Angst, Frau Rossbach, ich tue Ihnen nichts, alles wird gut. Sie sind jetzt in Sicherheit.« Langsam legte er ihr einen Arm um die Taille und achtete dabei darauf, ihre übel aussehende rechte Schulter nicht zu berühren und nicht unnötig zu bewegen. »Nimm ihre Beine bitte.«
Er wartete, bis Reithöfer ihre Waffe weggesteckt hatte und ihren Arm zwischen die nackten Beine von Eva Rossbach und die der Toten unter ihr geschoben hatte, dann nickte er ihr zu, und sie hoben gleichzeitig an. Eva Rossbach stöhnte auf, aber in ihrem Gesicht war keine Regung erkennbar. Mit einiger Anstrengung hatten sie es schließlich geschafft und setzten die Frau vorsichtig auf dem Steinboden ab. Gerade, als er sich wieder aufrichten wollte, nahm Menkhoff aus den Augenwinkeln eine schnelle Bewegung wahr, dann gab es ein kurzes Handgemenge, und mit einer geradezu unglaublich schnellen Bewegung sprang Eva Rossbach auf. In der Hand hielt sie Reithöfers Dienstwaffe, mit der sie nun beide bedrohte.
»Applaus, Applaus«, sagte sie, und Menkhoff glaubte seinen Ohren nicht zu trauen, als er ihre Stimme hörte. Das war nicht Eva Rossbachs Stimme. Mehr noch, das war nicht einmal die Stimme einer Frau, sondern die zwar etwas hohe, aber doch erkennbare Stimme eines Mannes. Und nicht nur das war seltsam, die ganze Körperhaltung, der regelrecht diabolische Gesichtsausdruck … all das hatte nicht im Entferntesten etwas mit Eva Rossbach zu tun.
»Wer hätte gedacht, dass die Polizei mein Geheimzimmer findet. Nicht bewegen, sonst muss ich euch bestrafen. Ihre Waffe, Herr Polizist. Zu mir damit, über den Boden.«
»Wer sind Sie? Britta?«, sagte Menkhoff mit heiserer Stimme, während er seine Waffe auf den Boden legte und zu Eva herüberschob, woraufhin sie eine gehässiges Lachen ausstieß.
»Britta? Nein, Britta wird von nun an für immer in ihrem Loch stecken, und gleich im Loch nebenan sitzt das kleine, dumme Miststück Eva. Sie ist verrückt geworden, aber das musste sein und ist die gerechte Strafe.« Sie hob die Waffe auf, was nicht so einfach war, denn offenbar konnte sie den rechten Arm nicht richtig bewegen.
»Im Loch? In welchem Loch?«, fragte Menkhoff.
Das Gesicht verzog sich noch mehr, war jetzt zu einer schrecklichen Fratze entstellt. »Eingeschlossen, in einem Verlies in meinem Körper.«
»Aber wer sind Sie?«, fragte Reithöfer. »Manuel?«
»Manuel? Wie einfältig du bist. Manuel ist tot, erschlagen von seiner Mutter, nachts vergraben im Garten. Ich weiß es, ich habe es gesehen.«
»Wer zum Teufel sind Sie dann?« Menkhoff versuchte, seiner Stimme Autorität zu geben, aber er merkte selbst, dass das Ergebnis kläglich war.
»Ich bin der, der gequält wurde für die kleine dumme Gans, wenn sie sich gemütlich zurückgezogen hat. Aber damit ist jetzt endgültig Schluss. Sie hat den Verstand verloren und ist schwach. Jetzt bin ich Herr über diesen Körper. Nur noch ich.«
»Bitte, legen Sie die Waffe weg«, sagte Reithöfer mit betont ruhiger Stimme. »Sie brauchen Hilfe, und die werden Sie bekommen.«
»Hilfe? Ich? Du kleines Miststück, du bist diejenige, die Hilfe braucht, reinigende Strafe, und ich bin der, der sie dir gewährt. Schau her.« Ohne Zögern richtete Eva Rossbach die Waffe auf Reithöfer und drückte ab. Menkhoff schrie auf, während Reithöfer stumm in sich zusammensackte. Er wollte sich auf die Frau stürzen, doch sofort war die Waffe wieder auf ihn gerichtet. Menkhoff zitterte vor überschäumender Wut.
»Na, na, schön langsam. Du möchtest wissen, wer ich bin, Herr Polizist? Du sollst es erfahren. Siehst du die Tür hinter mir? Sie ist ein Fluchtweg, den unser feiger Vater einbauen ließ. Er führt ein Stück weit unter der Erde entlang und kommt an einem versteckten Zugang auf einer Wiese heraus, die mir gehört. Ich habe ihn oft benutzt. Es gibt eine kleine Kammer in dem Gang unter der Erde. Dort findest du meine Memoiren. Es ist ein großes Werk. Lies es, lest es alle. Es soll veröffentlicht werden als Zeugnis des reinigenden Schmerzes, der einen alles überragenden Geist hervorgebracht hat. Einen Geist, der endlich die Herrschaft über seinen Körper hat. Ach, den Schlüssel zur Fluchttür hinter mir habe ich sicherheitshalber entsorgt, nachdem diese Britta es doch heute Abend geschafft hat, mich zu überrumpeln, als ich gerade draußen einen Spaziergang machte. Aber ich habe mir meinen Körper gerade noch rechtzeitig zurückgenommen. Und nun werde ich gehen, denn ich bin frei.« Eva Rossbach, oder wer auch immer es war, wandte sich ab und ging rückwärts auf den Durchgang zum Kellerraum zu. Menkhoff sah ihr nach. Als sie gerade den Vorraum betreten wollte, tauchte plötzlich ein Schatten auf, es gab ein dumpf klatschendes Geräusch, und sie fiel wie gefällt um und blieb reglos liegen. Jetzt erst sah Menkhoff Udo Riedel, der im Türrahmen stand, auf die bewusstlose Eva Rossbach herabsah und sich die rechte Hand rieb.
Menkhoff war im nächsten Moment bei Reithöfer. Sie atmete, versuchte die Augen zu öffnen. Die Kugel hatte sie an der Schulter getroffen, und Menkhoff hatte die Hoffnung, dass keine großen Blutgefäße verletzt worden waren.
Sie sah ihn an, stöhnte auf und flüsterte: »Wo ist sie?«
»Udo hat den alles überragenden Geist umgehauen«, antwortete Menkhoff ihr, erleichtert, dass sie sprechen konnte.
Der Hauch eines Lächelns zeigte sich auf ihrem Gesicht, dann wurde sie wieder bewusstlos.