36

Menkhoff war seit einer knappen Stunde wieder im Büro, als er einen Anruf von dem Schriftgutachter erhielt, der die Handschriften auf Eva Rossbachs Zeitung vorliegen hatte.

»Guten Tag, Herr Menkhoff, Grundhöfer hier«, meldete er sich. Seine Stimme klang wie immer heiser, was wohl von den vierzig filterlosen Zigaretten herrührte, die der Diplompsychologe am Tag qualmte. »Es geht um diese Nachricht auf der Zeitung. Ich konnte natürlich auf die Schnelle noch keine detaillierten Untersuchungen vornehmen, aber aufgrund der Prüfung und Gegenüberstellung hinsichtlich der typischen graphischen Grundkomponenten wie Strichbeschaffenheit, Bewegungsführung, Druckgebung et cetera, et cetera, kann ich mit ziemlich hoher Sicherheit ausschließen, dass die Handschriften von ein und derselben Person stammen. Was ich damit sagen möchte, ist: Die Originalnachricht wurde mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht von der Person geschrieben, die anschließend die Schriftproben auf dem anderen Teil der Tageszeitung abgegeben hat.«

»Okay, danke. Das habe ich mir fast gedacht.«

»Gern geschehen. Aus graphologischer Sicht ist die Originalnachricht übrigens äußerst interessant, allein schon hinsichtlich des Formniveaus. Sie zeigt einen extrem unruhigen Ablauf bis hin zur Formauflösung, was auf eine unfertige Persönlichkeit hindeutet. Selbstverständlich folgt noch ein detaillierter schriftlicher Bericht, in dem dann auch weiterführende Tests wie spektralselektive Untersuchungen et cetera, et cetera aufgeführt sein werden, die ich, wie ich schon sagte, in der Kürze der Zeit bisher noch nicht anwenden konnte. Allerdings denke ich, in diesem speziellen Fall wird das Hauptaugenmerk auch weniger auf den Untersuchungen hinsichtlich Vorzeichnungsspuren wie zum Beispiel bei indirekten Pausfälschungen liegen, weshalb mein vorläufiges Gutachten quasi auch das endgültige sein wird.«

Menkhoff bedankte sich erneut und legte schnell auf, bevor Grundhöfer zu einem neuen Wortschwall ansetzen konnte. Er war in Sachen forensischer Schriftgutachten ein anerkannter Fachmann, aber er redete einfach zu viel. Und drückte sich meistens so aus, dass man nur die Hälfte verstand. Menkhoff hatte kaum den Hörer aufgelegt, als das Telefon erneut läutete. Es war einer der beiden Beamten, die sich vor Eva Rossbachs Haus postiert hatten.

»Wir haben gerade bei Frau Rossbach geklingelt, um ihr zu sagen, dass wir da sind«, erklärte er. »Es öffnet niemand. Was sollen wir tun?«

»Seltsam. Schaut euch mal die Fenster an, und geht ums Haus herum, vielleicht könnt ihr durch das Glaselement von der Terrasse aus was sehen. Und checkt mal die Garage. Meldet euch wieder, wenn ihr nachgesehen habt.« Menkhoff legte auf und starrte eine Weile vor sich hin. Es widerstrebte ihm zu glauben, dass Eva Rossbach das Haus verlassen hatte, obwohl er sie ausdrücklich darauf hingewiesen hatte, wie gefährlich das für sie werden konnte.

Er hatte von Anfang an nicht geglaubt, dass sie etwas mit der Sache zu tun hatte, da sie schlicht nicht in der Lage war, diese Frauen zu begraben und qualvoll ersticken zu lassen. Der Schriftexperte hatte ihm nun zudem bestätigt, dass sie auch nichts mit der Nachricht auf der Zeitung und damit höchstwahrscheinlich auch nichts mit der auf ihrem Spiegel zu tun hatte. Damit zählte Eva Rossbach nicht länger zum Kreis der Verdächtigen. Die Tatsache, dass sie nun nicht zu Hause sein sollte, ließ ihn unruhig werden. Er hoffte nur, dass der Täter nicht vor den Kollegen wieder bei ihr gewesen war. Wiebke Pfeiffer fiel ihm ein, und dass sie vielleicht wissen konnte, wo ihre Freundin sich aufhielt. Sie war ja gerade gekommen, als er zusammen mit Jutta Eva Rossbachs Haus verlassen hatte.

Er brauchte eine Minute, um über das Internet die Nummer der Rossbach Maschinenbaubetriebe herauszubekommen, und eine weitere, bis er dort Jörg Wiebking am Apparat hatte.

»Guten Tag, Menkhoff hier«, meldete er sich. »Können Sie mir bitte Frau Pfeiffers Telefonnummer geben?«

»Oh, ja, natürlich, Moment, ich muss mal nachsehen, wo ich sie habe …«

Der Kerl schläft mit einer Frau und weiß nicht mal, wo er ihre Telefonnummer hat, dachte Menkhoff, während er den erst raschelnden, dann klickenden Geräuschen am anderen Ende der Leitung lauschte.

»Haben Sie Fragen an Frau Pfeiffer wegen des Mordes an Inge?«

»Ja, ich habe ein paar Fragen an Frau Pfeiffer.«

»Sie möchten sich sicherlich auch mein Alibi von ihr bestätigen lassen, stimmt’s?«

»Das habe ich schon längst getan. Wie ist es nun mit der Telefonnummer?«

»Ah, da ist sie ja, also: …« Er nannte die Mobilnummer, und Menkhoff wiederholte sie, um sicher zu gehen, dass er sie richtig notiert hatte. Als Wiebking bestätigte, bedankte er sich und legte auf. Kurz darauf hatte er Wiebke Pfeiffer am Telefon und kam ohne Umschweife zur Sache. »Sagen Sie, wie lange waren Sie eben noch bei Frau Rossbach?«

»Wie lange? Hm … ich denke, als Sie gegangen sind, war ich noch etwa eine Dreiviertelstunde bei ihr. Warum?«

»Sie ist nicht zu Hause, und ich wüsste gerne, wo sie sich im Moment aufhält. Hat sie Ihnen gegenüber erwähnt, dass sie noch aus dem Haus wollte? Zum Einkaufen vielleicht?«

»Nein, davon hat sie nichts gesagt. Ich weiß nicht, wo sie sein könnte.«

»Worüber haben Sie mit ihr gesprochen, während Sie bei ihr waren?«

»Ja, also … sie hat mir erzählt, was in der letzten Nacht passiert ist. Furchtbar.«

Sie sagte es eher zögerlich, was Menkhoff veranlasste, nachzuhaken. »Hat Sie Ihnen irgendetwas gesagt, das für uns interessant sein könnte? Oder das Rückschlüsse darauf zulässt, wo sie sich jetzt aufhält?«

»N … Nein.«

Menkhoff spürte, dass sie ihm etwas verheimlichte. »Frau Pfeiffer, wenn die Geschichte stimmt, die Frau Rossbach uns erzählt hat – und im Moment deutet alles darauf hin, dass sie stimmt –, kann es sein, dass sie gerade in großer Gefahr ist. Wenn es also vielleicht doch etwas gibt, das ich wissen sollte, dann sagen Sie es mir bitte. Ich möchte nicht, dass wir bald wieder irgendwo eine Kiste mit einer Leiche darin ausgraben müssen.«

»Tut mir leid, ich weiß sonst nichts.«

»Na gut, ich melde mich wieder bei Ihnen«, entgegnete Menkhoff und legte auf. Er war sicher, dass Wiebke Pfeiffer ihm nicht alles gesagt hatte, was sie wusste. Nur Sekunden später klingelte das Telefon erneut. »Mossner hier«, meldete sich der Kollege vor Eva Rossbachs Villa wieder. »Sieht nicht so aus, als ob Frau Rossbach weggefahren wäre. Wir haben durch ein Fenster gesehen, dass in der Garage ein Auto steht.«

»Ein schwarzer X5?«

»Ja, genau. Im Haus ist allerdings alles ruhig.«

»Okay, seht zu, dass ihr da reinkommt. Macht eine Tür oder ein Fenster auf, durchsucht das ganze Haus. Wir kommen rüber.«

Ohne eine Antwort abzuwarten legte Menkhoff auf und machte sich auf den Weg zum Büro seines Chefs. Nach kurzem Anklopfen öffnete er die Tür einen Spalt und streckte den Kopf in den Raum. Menkhoff hatte Gerd Brosius zum letzten Mal am Vortag gesehen und bemerkte sofort, dass der Leiter des KK11 müde aussah. »Hast du einen Moment?«, fragte er, und als Brosius nickte, trat er ein und setzte sich.

»Na, gibt’s endlich was Neues?« Brosius’ Stimme klang genauso müde, wie er wirkte.

»Ich weiß es nicht, die Kollegen haben gerade von Eva Rossbachs Haus angerufen. Sieht so aus, als ob sie verschwunden ist, obwohl ihr Wagen in der Garage steht. Ich habe ihr ausdrücklich gesagt, dass es gefährlich für sie ist, das Haus zu verlassen, und ihr geraten, auf jeden Fall so lange zu Hause zu bleiben, bis die Kollegen vor Ort sind. In Anbetracht dessen und der Tatsache, was da in der letzten Nacht los war, habe ich die Kollegen angewiesen reinzugehen.«

»In Ordnung. Hältst du es für möglich, dass ihr was passiert ist?«

»Ich hoffe es nicht, aber möglich ist es. Ihre Geschichte klingt zwar total verrückt, aber andererseits … was sie erzählt hat, deckt sich zum größten Teil damit, wie wir die beiden Opfer aufgefunden haben.«

Brosius schob einen Stapel Papiere zurück, der vor ihm auf dem Schreibtisch lag, und legte die Hände nebeneinander auf die freie Stelle. »Was, glaubst du, bezweckt der Täter mit diesem Szenario?«

»Ich halte es durchaus für möglich, dass die beiden ersten Opfer nur das Vorspiel waren und es dem Täter eigentlich um Eva Rossbach geht. Er möchte, dass sie vor Angst nicht mehr ein noch aus weiß, was er auch bald erreicht hat.«

»Hm … Und hast du auch eine Idee, warum?«

»Geld, Macht … es könnte vielleicht um ihre Firma gehen. Sowohl dieser Jörg Wiebking als auch der Mann des ersten Opfers scheinen ein Interesse an der Firma zu haben. Es gibt da eine Haushälterin mit einem Hausschlüssel. Sie ist zurzeit bei ihrer Schwester in Trier. Ich rufe dort nachher mal an. Theoretisch könnte jemand von ihrem Schlüssel eine Kopie anfertigen haben lassen.«

»Wie kommst du mit Udo Riedel klar?«

»Es geht schon. Ich kümmere mich mit Jutta um die Familie Rossbach, Riedel und die anderen Kollegen sind für alle anderen Hinweise und Spuren verantwortlich. So kommen wir uns kaum ins Gehege.«

»Gut. Bernd … Wir müssen bald irgendwas vorweisen können. Man beobachtet diesen Fall und auch dich ganz genau.«

Menkhoff stand auf. »Ja, ja, ich weiß. Die Sesselfurzer verlangen Ergebnisse und haben keinen blassen Schimmer, wie Polizeiarbeit überhaupt aussieht. Manchmal könnte ich kotzen.«

Bevor er das Büro seines Chefs verließ, drehte er sich noch einmal um. »Tut mir leid, Gerd. Ich weiß ja, dass du viel riskierst, indem du mir den Fall gegeben hast. Ich tue mein Bestes.«

Der Sarg
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