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Es war kurz nach neunzehn Uhr. Zehn Männer und zwei Frauen saßen in dem großen Büro, das als Besprechungs-und Schulungsraum diente, und warteten auf den Leiter des KK11. Am vorderen Ende war ein junger Kollege mit dem aufgeklappten Laptop beschäftigt und justierte gerade per Fernsteuerung den Beamer, der an einer Halterung von der Decke hing und das Abbild des Computerbildschirms auf die weiße Stirnwand projizierte. Menkhoff hatte sich in die vorderste der aus jeweils fünf Stühlen bestehenden Reihen gleich neben Jutta Reithöfer gesetzt. Er mochte die Oberkommissarin, deren Äußeres schon so manchen ihrer Kunden zu der Fehleinschätzung verleitet hatte, es mit einer zarten, ängstlichen Frau zu tun zu haben. Auch Menkhoff hatte sich bei ihrem ersten Zusammentreffen einige Monate zuvor von den langen blonden Haaren und dem zart wirkenden Gesicht mit den blauen Augen täuschen lassen. Sie hatte diesen falschen Eindruck mit einigen knappen, scharfen Sätzen aber schnell zurechtgerückt. Menkhoff hatte sie nach einem kurzen Moment der Überraschung angelächelt und gewusst, dass er sich mit ihr gut verstehen würde.

Nun saß Jutta Reithöfer mit übereinandergeschlagenen Beinen neben ihm und wippte nervös mit dem Fuß, so dass ihr blonder Pferdeschwanz im Rhythmus mitschwang. Hinter ihr hatte sich KHK Udo Riedel niedergelassen, ein großer, stämmiger Mittvierziger mit immer leicht geröteter, glänzender Haut und geradezu maskenhaften Gesichtszügen, an denen nur in den seltensten Fällen eine Gemütsregung abzulesen war.

Menkhoff hatte sich im Laufe der neun Monate, die seit seiner Versetzung von Aachen nach Köln vergangen waren, gut eingelebt und kam mit den meisten seiner neuen Kollegen gut aus. Ausnahmen bildeten eben jener Udo Riedel und sein ständiger Partner, Oberkommissar Guido Borens, der äußerlich das genaue Gegenteil Riedels darstellte. Er war erst Anfang vierzig, aber sein kleiner, dürrer Körper und die grau schimmernde Haut, die sich dünn über die eingefallenen Wangen und die hervorstehenden Knochen legte, ließen ihn krank und älter erscheinen. Wenn Riedel und Borens nebeneinander standen, erinnerten sie Menkhoff an Pat und Patachon, das dänische Komikerduo aus der Stummfilmzeit.

Borens hockte neben Riedel und tuschelte angeregt mit ihm. Menkhoff erinnerte sich an seinen ersten Tag in Köln, als er Riedel gegenüberstand, nachdem er sich mit den meisten seiner neuen Kolleginnen und Kollegen bekannt gemacht und von allen ein paar freundliche Worte zum Einstand bekommen hatte. Riedel hatte ihn mit seinen dunklen Augen angestarrt und gesagt: »Wir haben hier schon einiges von Ihnen gehört, Menkhoff, und auch wenn die Kollegen Sie freundlich anlachen, ich sage, was ich denke. Wir sind nicht begeistert davon, jemanden in der Truppe zu haben, der Beweismittel manipuliert und denkt, er kann sich alles erlauben, weil er der Superermittler ist. Was immer Sie ausgerechnet nach Köln getrieben hat – Sie sollten wissen, dass es hier anders läuft.«

Menkhoff hatte damals dem Impuls widerstanden, dem Kerl zu sagen, was er davon hielt, angeblafft zu werden, noch bevor er die Möglichkeit hatte, ein Wort zu sagen. Er hatte an die vielen Stunden gedacht, die er mit Dr. Winkelmann verbracht hatte, dem Aachener Polizeipsychologen, der ihm eine cholerische Persönlichkeit attestiert und ihm viele Schwierigkeiten prophezeit hatte, wenn er das nicht in den Griff bekam. An Schwierigkeiten hatte es zu der Zeit weiß Gott nicht gemangelt.

Also hatte Menkhoff nur genickt und sich abgewandt, um seinen Schreibtisch einzuräumen. Als der Ärger in ihm sich verzogen hatte, war er stolz auf sich gewesen. Mit der Zeit hatten sowohl Riedel als auch er gelernt, aneinander vorbeizukommen, oder, wenn es gar nicht anders ging, notgedrungen zusammenzuarbeiten, auch wenn sie nie Freunde werden würden. Nun aber würde eine neue Situation entstehen, und Menkhoff war gespannt, wie Riedel darauf reagierte, wenn er erfuhr, was der Chef allen gleich eröffnen würde.

Brosius kam in den Raum, ging mit schnellen Schritten an den Stuhlreihen vorbei und legte die Unterlagen, die er mitgebracht hatte, auf dem Schreibtisch ab. Das leise Gemurmel verstummte, der Kollege, der sich mit dem Laptop beschäftigt hatte, sagte leise ein paar Worte und zeigte dabei auf den Beamer, dann setzte er sich auf den Stuhl neben Jutta Reithöfer.

»Alle da?«, fragte Brosius mit schnellem Blick über die Stuhlreihen. »Sieht so aus, fangen wir also an.« Mit einem Mausklick projizierte der Beamer ein übergroßes Foto der toten Frau auf die Wand. Es stammte vom Fundort und zeigte den geschundenen Körper in der geöffneten Holzkiste, die auf dem Waldboden direkt neben dem Loch stand, aus dem sie ausgegraben worden war.

»Inge Glöckner, fünfunddreißig Jahre alt, recht vermögend, wohnt zusammen mit ihrem Mann in Hahnwald. Sie war vor drei Tagen abends mit einer Freundin zum Essen verabredet und hat sich von ihr gegen halb zwölf verabschiedet. Als ihr Mann vorgestern Morgen wach wurde, war das Bett neben ihm leer. Nach etlichen Telefonaten hat er sie dann am späteren Vormittag als vermisst gemeldet. Da es weder einen Verdacht auf Selbsttötung oder auf ein Verbrechen noch eine medizinische Indikation gab, hatten die Kollegen erst gestern die Ermittlungen aufgenommen. Ein bekanntlich vollkommen normales Vorgehen, was sich in diesem speziellen Fall aber spätestens heute Vormittag als Fehler erwiesen hat.« Er machte eine Pause, dann nickte er Menkhoff zu. »Der Kollege Menkhoff wird den Fall leiten und daher ab jetzt übernehmen.«

Sofort setzte wieder Gemurmel ein, und Menkhoff zwang sich dazu, nicht zu Riedel und Borens zu sehen. Noch während er sich erhob, sagte Riedel prompt: »Also, ich möchte mich ja nicht in deine Entscheidungen einmischen, Gerd, aber denkst du …«

»Dann tu es auch nicht«, antwortete Brosius bestimmt. »Bernd wird diesen Fall leiten, darüber gibt es keine Diskussion. Er hat nicht nur die meiste Erfahrung, sondern auch eine ganz beachtliche Erfolgsquote, und ich erwarte, dass er eure volle Unterstützung erhält.«

Riedel murmelte noch etwas, das Menkhoff, der nun neben Brosius stand, nicht verstehen konnte. Er ließ ein paar Sekunden verstreichen, dann atmete er tief durch. »Gut, sehen wir uns also an, was wir bisher haben. Zurzeit deutet alles darauf hin, dass die Frau lebendig begraben wurde und erstickt ist. Als Todeszeitpunkt …«

»Entschuldigung, wie soll sie denn sonst gestorben sein, wenn sie lebendig begraben wurde? Selbstmord vielleicht?« Riedel hatte die Arme vor der Brust verschränkt und sah Menkhoff ausdruckslos an. Den überraschte es kaum, dass Riedel die erstbeste Gelegenheit für einen überflüssigen Kommentar genutzt hatte. Verwundert war er nur über die Plumpheit, mit der er das tat. Riedel war nicht dumm und hätte eigentlich wissen müssen, wie blödsinnig dieser Einwand gewesen war, und dass er ihm damit eher eine Steilvorlage bot, als ihm zu schaden. Es musste Riedel tatsächlich viel mehr ärgern, als Menkhoff es für möglich gehalten hätte, dass ausgerechnet er den Fall leitete. »Zum fachlichen Gehalt deiner Bemerkung möchte ich mich an der Stelle nicht äußern«, sagte Menkhoff betont gelassen. »Ich wäre dir aber dankbar, wenn du mich nicht unterbrechen würdest, auch wenn dich die Fakten des Falls langweilen. Dein Einverständnis vorausgesetzt, würde ich dann jetzt gerne mit den Infos zu dem Fall für alle Kolleginnen und Kollegen fortfahren, die daran interessiert sind, diesen Mord schnellstmöglich aufzuklären. Ich hoffe doch, ich darf dich auch dazurechnen?« Einige Sekunden lang sahen sie sich an, und Menkhoff war sich bewusst, dass alle Augen auf ihm und Riedel ruhten, vor allem die seines Chefs. Er war fest entschlossen, sich von Riedel das Heft nicht aus der Hand nehmen zu lassen, und sich doch so besonnen zu verhalten, dass man ihm nicht mehr nachsagen konnte, cholerisch zu reagieren. Brosius gab ihm trotz der unschönen Passagen in seiner Personalakte die Leitung dieses wichtigen Falles, und er musste nun zeigen, dass das Vertrauen in ihn gerechtfertigt war.

Riedel deutete mit einer großzügigen Geste an, er könne weitermachen, und Menkhoff glaubte dabei sogar so etwas wie ein Grinsen auf seinem Gesicht zu entdecken.

»Also noch einmal: Die Spuren am Körper, und hier besonders an den Fingern, weisen deutlich darauf hin, dass die Frau noch gelebt hat, als sie in die Kiste gesteckt und vergraben wurde. Wie die Obduktion sicher bestätigen wird, ist sie qualvoll erstickt, nachdem sie sich bei ihren Versuchen, sich zu befreien, das Fleisch von den Fingerkuppen geschabt hat. Dazu die auf besondere Art gefesselten Hände sowie die zugeklebten Augen und der Mund … das alles könnte auf einen Ritualmord hindeuten, wir werden also als Erstes herausfinden müssen, ob eine Gruppierung bekannt ist, die solche Scheußlichkeiten begeht. Vielleicht war sie sogar selbst Mitglied einer Sekte oder Ähnlichem.« Menkhoff berichtete noch über den Todeszeitpunkt, der laut ersten Einschätzungen des Gerichtsmediziners wahrscheinlich in der Nacht ihres Verschwindens liegen musste, und über die Vernehmung ihres Mannes. Er hatte geschlafen und erst am Morgen das Verschwinden seiner Frau bemerkt. Schließlich schaltete Menkhoff den Beamer aus und klappte den Computer zu. »Die Grausamkeit, mit der der Täter vorgegangen ist – oder auch die Täter –, wird für ein riesiges Medienspektakel sorgen, darüber sind wir uns wohl alle im Klaren. Das heißt, wir stehen ab sofort unter genauer Beobachtung der Öffentlichkeit und der Boulevardpresse und können uns keine Patzer erlauben. Ich erwarte von allen hundertprozentigen Einsatz. Danke, das war’s fürs Erste.«

»Dann wollen wir mal hoffen, dass die Presse keine alten Kamellen ausgräbt, nicht wahr, Bernd?«, sagte Riedel und erhob sich.

Der Sarg
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