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Eva starrte auf das Foto, unfähig, ihren Blick von dem verhassten Gesicht abzuwenden. Ihre Stiefmutter sah auf der Aufnahme aus, als könne sie keiner Fliege etwas zuleide tun. Es war, als verhöhne sie sie geradezu mit ihrem aufgesetzten Unschuldsblick. »Warum tust du mir das an?«, fragte sie zu dem Foto hin, meinte damit aber Manuel. »Warum quälst du mich so? Sie war es doch, die dir das damals angetan hat, immer und immer wieder, ich habe doch immer versucht, dir zu helfen. Warum nur tust du das?«
Noch immer konnte sie sich nicht abwenden, starrte nur gebannt auf das Bild, während vor ihrem inneren Auge Szenen ihrer Kindheit auftauchten. In jeder dieser Szenen stand ihre Stiefmutter vor ihr, die Hand entweder zur Faust geballt oder mit irgendeinem Gegenstand darin, zum Schlag erhoben, das Gesicht versteinert. Doch aus einem unerklärlichen Grund schlug sie nicht zu. Konnte nicht zuschlagen, weil Eva jedes Mal, wenn das geschah, ganz plötzlich, im Bruchteil einer Sekunde, irgendwo anders war, in ihrem Zimmer oder sonst wo im Haus, als hätte ihr Wunsch, einfach zu verschwinden, sich immer genau zum richtigen Zeitpunkt erfüllt. Oft hatte ihr dabei sogar ihr ganzer Körper weh getan, wahrscheinlich allein schon der Angst wegen, sie könne geschlagen werden.
Sie erinnerte sich, dass sie als Kind der festen Überzeugung gewesen war, sie könne sich fortzaubern, wenn Gefahr drohte. Als sie dann älter wurde, hatte sie es aufgegeben, nach einer Erklärung für das Phänomen zu suchen. Die Hauptsache war doch, dass sie die Fähigkeit besaß, dem zu entkommen, was diese Frau ihrem kleinen Bruder immer wieder antat. Die Szenen verblassten, machten wieder Platz für dieses Gesicht, das …
… diese verdammte Fratze starrte Britta an, als sei sie noch am Leben. »Hey, du bist tot, … Mutter. Schon vergessen?«, blaffte Britta, und das Wort Mutter spuckte sie dabei geradezu aus. Sie wandte sich ab und stieß im gleichen Augenblick einen Schrei aus, als der Schmerz in der rechten Schulter ihr fast den Atem nahm. »Verdammter Mist!« Vorsichtig tastete sie nach der Schulter, ließ es aber sofort sein. Den Arm konnte sie vergessen, wie hatte diese dumme Kuh das denn hinbekommen? Und überhaupt – wo war sie? Sie drehte sich um sich selbst. »Hol’s der Teufel, dieses Loch kenn ich doch!« Dann fiel ihr Blick auf den Sarg. »Ah, so weit sind wir also schon.« Ihr Blick glitt weiter durch den Raum. »Na, du Dreckskerl? Bist du bald am Ziel?« Sie sagte es in normaler Lautstärke, unaufgeregt, ohne jede Gefühlsregung. Er würde sie schon hören. »Hast du sie bald so weit? Ja? Ist sie schon …«
… das … Eva stockte. Gerade hatte sie doch noch dieses Foto angestarrt. Nun fiel ihr Blick geradewegs auf den Sarg. Der Sarg. Eva dachte an die tote Frau, fing unvermittelt an zu weinen. Sie sollte sich zu diesem kalten, toten Körper in den Sarg legen. Das hatte er von ihr verlangt, sonst würde er sie töten! Aber das konnte sie nicht, sie würde durchdrehen, das wusste sie genau. Allein die Vorstellung …
… war plötzlich so real, so … Dunkelheit. Absolute Schwärze. Dicht um sie herum waren Wände, das spürte sie, die Luft roch süßlich, ekelerregend … der Sarg, sie war im Sarg! Ihr Herz begann sofort wie verrückt zu rasen, wummerte gegen ihre Rippen, sie wollte sich bewegen, es ging nicht, es war alles irgendwie … sie lag uneben, der Schmerz in der Schulter pochte. Ihre linke Hand kam auf etwas Weichem, Eiskaltem zu liegen, Eva tastete, packte zu, griff in festes, kaltes Fleisch und realisierte im gleichen Moment, worauf sie lag.
Sie riss den Mund auf und schrie dem Wahnsinn entgegen.