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Eva starrte wie gebannt auf das Schild, sie versuchte, einen Gedanken zu fassen, aber ihr Verstand war nicht in der Lage, auch nur ein einziges Wort zu formulieren. Sie wusste nicht, wie lange sie schon so dagestanden und in den Sarg gestarrt hatte. Schau ihr nicht ins Gesicht, sagte sie sich selbst. Sie ahnte, wenn sie wieder in diese toten Augen blicken würde, nun in dem Bewusstsein, was dieser Irre von ihr verlangte, dann würde sie wahrscheinlich den Verstand verlieren. Sie musste sich irgendwie losreißen und dabei darauf achten, dass ihr Blick keinesfalls abschweifte. Sie musste, musste. Jetzt. Eva schloss die Augen und wandte sich abrupt vom Sarg ab. Der Schmerz in ihrer Schulter war kaum auszuhalten, ihre Sinne schwanden. Sie sank in die Hocke und landete unsanft auf dem Hintern, was eine erneute Schmerzwelle durch ihren gesamten Körper jagte. Sie wurde von einem Weinkrampf geschüttelt, sie schrie vor Qual, immer wieder, bis nur noch ein heiseres Krächzen aus ihrem Mund drang. Und plötzlich brandete ein Gedanke in ihr auf: Sie wollte tot sein.

Sie saß auf dem Boden, ihr Kinn sank auf die Brust, die Augen hatte sie geschlossen. Wenn sie nun starb, hatte all dies ein Ende. Diese unerträglichen Schmerzen, das Grauen, das seit Tagen zu ihrem ständigen Begleiter geworden war, die immerwährende, fürchterliche Angst. Vorbei.

Ihre Augen öffneten sich wieder. Vorbei? Was war denn vorbei? Nichts. Sie würde nicht einfach so sterben, in diesem Moment, dort, wo sie gerade saß. Leg dich zu ihr, schließ den Sarg oder ich töte dich. Das hatte er geschrieben, und sie zweifelte mittlerweile keine Sekunde mehr daran, dass er die Drohung wahrmachen würde. Er. Manuel. War es denn wirklich verwunderlich? Diese Frau hatte ihn damals an irgendwelche Kinderschänder verkauft, da war Eva sicher. Dort war er dann Tag für Tag misshandelt worden, geschlagen und gequält. Sie mochte sich gar nicht ausmalen, was man ihm alles angetan hatte. Sie hatte gesehen, was diese Frau getan hatte, und Manuel war ihr eigenes Kind gewesen. Eva hatte sich Bücher besorgt, sie hatte gelesen, wozu dieser menschliche Abschaum fähig war. So war Manuel wahrscheinlich aufgewachsen, ohne Liebe, ohne Hoffnung, nur immer wieder Schmerzen, Demütigung, brutale Gewalt. Irgendwann musste er den Verstand verloren haben, und nur noch Hass hatte ihn am Leben gehalten und ihn all die Jahre überstehen lassen. Und jetzt war er zurück, er wollte sich rächen, und er hatte mit seiner Schwester begonnen, die damals zugesehen und sogar noch Lügenmärchen erzählt hatte, damit sie von ihrer Mutter gelobt wurde und damit die wieder einen Grund mehr hatte, ihn zu quälen. Ja, Inge hatte ihren Lohn schon bekommen, und sie hatte ihn auch verdient. Aber warum sie, Eva? Konnte Manuel nicht mehr unterscheiden, wer gut war und wer nicht? Oder hatte er einfach alles vergessen, was sie damals für ihn getan hatte? Wahrscheinlich hatte er das. Jedenfalls sollte sie jetzt an der Reihe sein, und sie wusste, sie durfte keine Gnade von ihm erwarten. Er würde sie genauso töten, wie er Inge getötet hatte. Genauso? Ihr Kopf fuhr hoch, sie verzog schmerzhaft das Gesicht. Er würde sie töten, und das konnte nur bedeuten, er würde sie in einen Sarg stecken und lebendig begraben. Und das hier, in diesem Loch, war wahrscheinlich das Vorspiel, das er mit Inge und der anderen Frau auch getrieben hatte. Er kostete seine Rache in vollen Zügen aus.

Lebendig begraben. Eva erinnerte sich, wie es war. Und dieses Mal sollte sie in der Kiste liegen, bis sie starb, vergraben, mit Tonnen von Erde über sich. Mit einer Toten unter sich.

Die Panik kam auf sie zugerollt wie eine riesige Welle, sie schlug über ihr zusammen und elektrisierte all ihre Nerven. Sie ließ sie erzittern, kurz und heftig, sie spürte die Schmerzen in der Schulter und ertrug sie. Ohne ihre Bewegungen bewusst steuern zu können, stand Eva auf. Sie hörte lautes Stöhnen. Zuerst dachte sie, es sei aus dem Sarg gekommen, aber die Geräusche machte sie selbst. Sie stand, sammelte sich, und ging auf die Plastikboxen zu. Der rechte Arm baumelte an ihrer Seite wie ein angeschnallter Fremdkörper, so, als gehöre er nicht zu ihr. Egal.

Der Deckel der Kiste ließ sich leicht öffnen. Ein Schwall unglaublichen Gestanks schlug ihr entgegen, der sie schreiend zurückfahren ließ. Wieder ein brüllender Schmerz in der Schulter. Langsam, bemüht, nicht durch die Nase zu atmen, beugte sie sich wieder ein Stück vor und warf einen Blick in die Kiste. Es war ekelhaft. Der Gestank kam offenbar von den Resten einiger uralter, vermodernder Lebensmittel in Pappschachteln, aus denen der Schimmel wucherte. Außerdem lag eine orangefarbene Tasche darin mit einem weißen Kreuz darauf, wohl eine Art Verbandstasche. Auch sie war größtenteils mit Schimmel überzogen. Eva ließ den Deckel fallen und wandte sich der zweiten Box zu, die direkt daneben stand. Dabei ertappte sie sich, wie sie einen Blick zur Seite auf den Sarg warf. Sie hatte das Gefühl, die Anwesenheit der toten Frau körperlich zu spüren, es war fast, als starre die Leiche sie durch die Sargwände hindurch an.

In der zweiten Box sah es ähnlich aus wie in der ersten, und es roch auch genauso. Eva wollte den Deckel schon wieder angeekelt fallen lassen, als ihr Blick auf etwas fiel, das sie vor Schreck erstarren ließ.

Auf einer halb verfaulten Pappschachtel lag ein gut erhaltenes Foto ihrer Stiefmutter.

Der Sarg
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