13
Nur wenige Sekunden, nachdem Eva die Augen geöffnet hatte, wusste sie, wo sie sich befand, und die Erkenntnis entlud sich in einem langgezogenen Schrei, der ihr selbst durch Mark und Bein ging. Als ihr die Luft wegblieb, atmete sie gierig wieder ein und schrie erneut: »Nein, neiiiiiiiin.« Ihre Hände schnellten hoch und drückten kraftlos gegen den gepolsterten Deckel, die Füße stießen schon nach Zentimetern auf Widerstand. Sie kämpfte gegen die Panik an, die sich wie eine schwere, kratzende Decke über sie legte und ihr die Luft zum Atmen rauben wollte, sie brüllte sich selbst zu: »Nein, nicht, es nützt nichts, du weißt es doch.« Und doch begannen ihre Arme und Beine zu zucken in dem Drang, gegen die Wände und den Deckel des Sargs zu hämmern, in dem sie erneut eingeschlossen war. Ihr Atem ging stoßweise, aber sie zwang sich, nicht wild um sich zu schlagen. Sie musste Ruhe bewahren.
»O Gott, das ist kein Traum.« Sie erkannte ihre eigene Stimme nicht wieder. »Das ist real. Ich … ich bin eingesperrt. Das ist kein Traum. Kein Traum.« Beim letzten Wort brach ihre Stimme, die Panik überrollte sie. Sie bäumte sich auf und schlug wild um sich. Sie spürte keine Schmerzen, hatte keine Gedanken außer dem einen: Ich muss raus. Die Welt war ein Chaos aus dumpfen, wummernden Geräuschen und verdrehten Gliedmaßen, aus Schreien und einem schnell näherkommenden schwarzen Abgrund. Selbst als es wieder erste sinnvolle Bruchstücke des Denkens gab, war ihr ganzer Körper noch in unkontrollierter Bewegung. Schließlich wurden ihre Bewegungen langsamer und mündeten in einen letzten, kraftlos ausgeführten Schlag gegen die Seitenwand. Dann lag Eva still. Sie schnappte nach Luft, aber was sie mühsam einatmete, schmeckte alt und muffig. Die Atemluft wurde knapp. Sie hatte mit ihrem irren Gezappel zu schnell zu viel verbraucht. Das kostete sie nun wertvolle Minuten. Minuten ihres Lebens? Sie musste … ja, sie musste ruhiger werden, flacher atmen, Sauerstoff sparen. Ruhig, ja, ruhig war wichtig, wenn sie überhaupt eine Chance haben wollte. Flach atmen, Eva, ganz flach. Wie war es beim letzten Mal? Irgendwann war alles schwarz geworden, und dann war sie in ihrem Bett aufgewacht. Ja, in ihrem Bett, vielleicht würde sie gleich wieder in ihrem Bett liegen? Natürlich würde sie das. Es musste einfach so sein. Genau. Aber was, wenn nicht? Flach atmen, ruhig bleiben. Nachdenken. Was, wenn das letzte Mal nur ein Vorgeschmack auf das gewesen war, was noch kommen sollte? Was jetzt kam? Nein, nein, halt, das war nicht gut. Gar nicht gut. Keine guten Gedanken. Wenn man im einen Moment zu Hause in seinem Bett ist, und im nächsten eingeschlossen in einen Sarg, und gleich darauf wieder in seinem Bett aufwacht, dann ist das eindeutig ein Traum. Dann musste es ein Traum sein. Ein sehr realistischer, zugegeben, aber … ein Traum. Eva kicherte, und es hörte sich für sie selbst irre an. Sie lag jetzt wahrscheinlich in ihrem Bett und schlug wie wild um sich, und wenn sie gleich aufwachte, tat ihr wieder alles weh, und sie würde sich wundern, wie das sein konnte. Und dabei sah sie jetzt, hier, in diesem Traum-Sarg, vollkommen klar und wusste, wie alles zusammenhing. Ein böser, ein ganz übler Traum. Konnte man im Traum ersticken, wenn die Luft knapp wurde? Wieder kicherte sie, brach abrupt ab. War sie verrückt? O nein, schlimmer Gedanke. Geh weg. Vielleicht schlief sie ja gar nicht? Vielleicht lag sie schon längst angebunden in einem Anstaltsbett und dachte nur, sie hätte sich gerade noch zu Hause mit den Polizisten unterhalten? Vielleicht bildete sie sich ja überhaupt alles nur ein, und ihr ganzes Leben war ein nicht enden wollender Albtraum? Sie hustete. Die Atemluft wurde immer knapper. Flach atmen, Eva, ganz flach. Muss hier raus! Wir wollen doch die Zeit, bis wir wieder aufwachen, möglichst ohne Erstickungsanfälle hinter uns bringen, nicht wahr? Erneutes Kichern. Dumm nur, dass sie sich nachher, nach dem Aufwachen, wahrscheinlich wieder fragen würde, ob das ein Traum gewesen war oder die Realität. Wenn sie nur irgendwie … Husten … Reiß dich zusammen, Eva, denk endlich nach, wenn du das nicht immer wieder erleben willst. Ich muss hier raus! Denk nach. Wie konnte sie ihrem wachen Ich mitteilen, dass das hier gerade ein Traum war … eine Botschaft. Ja, das war es doch. Eine Botschaft, etwas, das sie sicher wissen ließ, dass … Ja, genau, Eva, eine Botschaft aus dem Sarg. Etwas, das eigentlich nicht mehr da sein dürfte, wenn ich aufwache. Ihre Finger tasteten an den Seitenwänden entlang, fanden aber nicht, was sie suchten. Also tastete sie den Deckel über sich ab und wurde fündig. Direkt auf Höhe ihres Gesichts, rechts in der Ecke, wo der Deckel auf der Seitenwand auflag, konnte sie ein Stück des Stoffs packen, mit dem der Sarg ausgekleidet war, einen kleinen Zipfel, der etwas herausstand. Sie konnte immer schwerer atmen, es war, als würde sich die Luft dagegen sperren, als würde sie immer … dicker werden. Gut, dass ich nicht dick bin, dachte sie. Dann wäre hier drinnen noch weniger Platz. Andererseits wäre sie dann wahrscheinlich schon wieder aufgewacht, weil kein Sauerstoff mehr in dem Sarg war. Kein Sauerstoff. Schlecht, Eva, ganz schlecht. Sie zog an dem Stoffzipfel und spürte, wie er ein wenig nachgab, aber das Geräusch fehlte, auf das sie gehofft hatte. Sie versuchte es erneut, packte mit Daumen und Zeigefinger zu, so fest sie konnte, und zog mit aller Kraft. Der Stoff gab zuerst wieder nicht nach, dann aber riss er doch, es gab keinen Widerstand mehr, und ihre Hand schnellte zurück und schlug gegen ihren Mund. Der Schmerz trieb ihr Tränen in die Augen, und nur Sekunden später spürte sie den kupfernen Geschmack frischen Bluts auf ihrer Zunge. Sie stöhnte auf, verdrängte aber im nächsten Moment alle Schmerzen, als ihr bewusst wurde, dass sie Erfolg gehabt hatte. Sie spürte, dass sie ein abgerissenes Stück Stoff zwischen den Fingern hielt. Husten. Es wurde immer enger. Sie überlegte fieberhaft, dann tastete sie an sich herab. Sie trug keine Hose, aber einen Slip. Dort hinein stopfte sie das Stoffstück, an die Seite. Würde sie sich daran erinnern, wenn sie aufwachte? Würde sie aufwachen? Wäre das Stoffstück dann noch da? Das Atmen wurde fast unmöglich, und in dem krampfhaften Versuch, den verbliebenen Sauerstoff mit aller Gewalt in ihre Lunge zu pressen, fiel die Panik sie wieder an, hinterrücks und so überraschend, dass sie sich nicht dagegen wehren konnte und sich dem chaotischen Strudel ihres taumelnden Verstands ergeben musste. Krächzend, den letzten Rest Sauerstoff verbrauchend, wehrte sich ihr ganzer Körper verzweifelt gegen den Sarg und …
… Evas Blick strich über die Uhr auf dem Sideboard schräg gegenüber der Couch. Sie riss sich davon los und sah sich um. Es war zweifelsfrei ihr Wohnzimmer, in dem sie saß. Nahtlos, ohne Übergang. Sie schüttelte den Kopf, presste die Fingerspitzen der Mittelfinger gegen ihre Schläfen und legte die Hände dabei auf ihre Wangen. Es überraschte sie nur wenig, dass ihre Handgelenke und Handballen höllisch schmerzten. Und auch die Füße und ihre Hüfte … Sie überlegte, dass es trotzdem anders war als beim ersten Mal. Kein langsames Erwachen, kein Stück für Stück Zurückgleiten aus diesem furchtbaren Traum in die Realität. Kein Erwachen am Morgen in ihrem Bett. Im Bruchteil einer Sekunde hatte sich das Bild verändert, das sie wahrnahm. Die Schwärze innerhalb des geschlossenen Sargs war in einem einzigen Augenblick ausgetauscht worden gegen ihre Uhr in Säulenform auf dem Sideboard gegenüber, gegen Tageslicht. Und nicht nur das. Hatte sie sich gerade noch liegend gewunden und gegen die Wände und den Deckel des Sargs gekämpft, so saß sie jetzt, nur einen Augenblick später, aufrecht auf ihrer Couch. War sie im Sitzen eingeschlafen und hatte geträumt? Ein Tagtraum? Konnte ein Traum so abrupt enden? War es überhaupt ein Traum gewesen? Es war ihr so real vorgekommen. Andererseits, wenn sie in der einen Sekunde kurz vor dem Ersticken war, und in der nächsten in ihrem Wohnzimmer saß, müsste sie dann nicht zumindest außer Atem sein? Also musste es doch ein Traum … ihr Slip. Evas Herzschlag beschleunigte sich rasant. Sie hatte in diesem Sarg einen Stofffetzen … Sie sah an sich herab und stellte fest, dass sie Jeans trug. Natürlich, warum sollte sie auch am helllichten Tag im Slip im Wohnzimmer sitzen? Sie sprang auf und öffnete mit einer hastigen Bewegung die Knöpfe, streifte den Hosenbund über die Hüften und suchte in ihrem Slip nach dem Stück Stoff. Als sie es nicht finden konnte, obwohl sie alles abgetastet hatte, ließ sie sich auf die Couch fallen und zerrte die Jeans über ihre Beine und Füße. Sie hörte sich selbst dabei aufstöhnen, ignorierte es aber. Danach entledigte sie sich ihres Slips, den sie sofort eingehend untersuchte. Nichts. Als sie auch auf der Innenseite ihrer Jeans nichts fand, stand sie auf und suchte die Couch und den Boden um sich herum ab. Nach einigen Minuten gab sie schließlich auf und war sicher: Es gab keinen Stofffetzen. Alles war also tatsächlich nur ein Traum gewesen. Gut nur, dass sie auf die Idee mit dem Stück Stoff gekommen war und es jetzt auch noch wusste. Sie hatte zwar noch immer keine Ahnung, wieso ihr die Hände und Füße so weh taten, aber der Test mit dem Stoff hatte es bewiesen: Der Sarg war ein Traum. Nur ein böser, schlimmer Traum. Eva horchte in sich hinein und versuchte herauszufinden, ob sie über diese Erkenntnis erleichtert oder besorgt war. Sie betrachtete ihre Hände. Die Knöchel waren stark gerötet, an einer Stelle am Handrücken schien sich ein blauer Fleck zu bilden. Wie war das möglich? Aber sie wollte in diesem Moment nicht weiter darüber nachdenken. Sie war also nicht vollkommen durchgedreht, nein, sie träumte einfach nur sehr realistisch und intensiv. Sie stand auf und ging in die Küche, um sich die Coolpacks aus dem Kühlschrank zu holen, mit denen sie ihren geschundenen Händen etwas Gutes tun wollte. Als sie die Kühlschranktür öffnete, kam ihr die Milchflasche entgegen, die sie offensichtlich nicht richtig hineingestellt hatte. Sie stieß ein überraschtes »Hach« aus und bekam die Flasche gerade noch zu fassen, bevor sie zu Boden fallen konnte. Dieses »Hach« verursachte ihr einen unangenehmen Schmerz am Mund, den sie sich nicht erklären konnte. Sie stellte die Flasche in den Kühlschrank zurück und tastete mit den Fingerspitzen vorsichtig über ihre Lippen. Ihre Oberlippe fühlte sich seltsam an, knubbelig, uneben, fremd. Zudem tat die Berührung weh. Eva drückte die Kühlschranktür zu und ging mit schnellen Schritten ins Badezimmer, vor den Spiegel, sah hinein … und stieß einen entsetzten Schrei aus. Wie erstarrt stand sie vor dem Spiegel, bis sie es endlich schaffte, die Hand zu heben und vorsichtig mit den Fingerspitzen über die dick angeschwollene, blutverkrustete Oberlippe zu streichen.
Eva dachte an ihre Hand, die einen Stofffetzen im Inneren des Sargs abriss, die zurückschnellte und gegen ihren Mund schlug, an den Schmerz, den sie dabei empfunden und an das Blut, das sie geschmeckt hatte. Konnte man in einem Traum überhaupt Schmerz empfinden? Einen Geschmack zuordnen? Ging das? Die geröteten, pochenden Stellen an ihren Händen und Füßen waren eine Sache, die konnte sie sich zugefügt haben, als sie im Traum um sich geschlagen hatte. Aber eine aufgeplatzte Oberlippe? Verursacht durch einen heftigen Schlag, an den man sich ganz genau erinnern konnte? Noch immer strichen ihre Fingerspitzen über die Lippe, als müssten sie sich wieder und wieder davon überzeugen, dass das, was sie sah, der Wahrheit entsprach. Sie bemerkte, dass ihre Finger zu zittern begannen, und ließ sie sinken. Was war nur mit ihr los? Wurde sie am Ende wirklich langsam verrückt? War etwas, das vielleicht ihr ganzes Leben lang schon in ihr geschlummert hatte, nun ausgebrochen?
Sie bekam Angst, zitterte plötzlich am ganzen Körper und schaffte es gerade noch, sich auf den Rand der Badewanne sinken zu lassen, bevor ihr die Beine den Dienst versagen konnten.
Sie hatte eine Verletzung, hier und jetzt, die sie sich selbst zugefügt hatte, in einem vermeintlichen Albtraum, eingeschlossen in einen Sarg. Also doch kein Traum? Was aber war dann mit dem Stück Stoff, das sie sich extra in den Slip gesteckt hatte? Es hätte da sein müssen, wäre all das real gewesen. Oder … Gott, der Gedanke war ja noch viel schlimmer als alles andere: Träumte sie vielleicht jetzt? War der Sarg die Realität, und sie war bewusstlos geworden und träumte jetzt, sie sei zu Hause, in ihrem Badezimmer, frei, während ihr Körper in Wahrheit in diesem Sarg lag, lebendig begraben, und starb? Ihre Gedanken überschlugen sich, sie hatte das Gefühl, nicht mehr richtig denken zu können. Alles schien falsch, nichts ergab einen Sinn, und es schien keinen Weg zu geben, aus diesem Teufelskreis herauszukommen. Oder doch? Gab es eine Chance? Vielleicht …
Eva erhob sich, zaghaft erst und darauf gefasst, dass ihre Beine sie nicht tragen würden. Sie stand zwar etwas wackelig, aber es ging besser, als sie erwartet hatte. Sie wankte ins Wohnzimmer, griff sich ein Telefon und drückte auf eine Kurzwahltaste. Nach mehrmaligem Klingeln meldete sich Wiebke. Eva atmete durch und sagte: »Wiebke, ich möchte … Ich … Kannst du einen Termin für mich bei … bei deinem Freund machen, bitte? Bald?« Dann verabschiedete sie sich schnell und legte wieder auf.