28

Als Dr. Leienberg klingelte, war Eva gerade mit einem Kontrollgang fertig, bei dem sie alle Fenster und Türen auf Einbruchspuren überprüft hatte. Leienberg stand im Schein der Außenbeleuchtung in dem trockenen Halbkreis, der durch die Überdachung vor dem Schneeregen geschützt war, und sah ihr sorgenvoll entgegen. »Wie geht es Ihnen?«

»Jemand ist in mein Haus eingedrungen und war in meinem Schlafzimmer. Es geht mir nicht so gut.« Sie drehte sich um und wartete mit eng vor der Brust verschränkten Armen in der Diele auf ihn. Als er die Tür hinter sich geschlossen hatte, zog er seine dunkle, vor Nässe glänzende Daunensteppjacke aus, hängte sie aber nicht an die Garderobe zu Evas Jacken und Mänteln, sondern legte sie über den Schirmständer, der auf einem Fußabtreter stand. Seine Brille war beschlagen, was ihm eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Maulwurf verlieh. Er nahm sie ab, rieb sie mit einem sauberen Taschentuch trocken und setzte sie wieder auf. »Zeigen Sie mir die Nachricht?«

Sie nickte und ging ihm wortlos voraus ins Schlafzimmer. Leienberg betrachtete die Wörter auf dem Spiegel und runzelte die Stirn. »Warum steht die Nachricht zweimal da? Waren Sie das?« Eva nickte. »Sie halten es für möglich, dass Sie die Botschaft selbst geschrieben haben?«

»Ich weiß nicht. Ich …« Evas Hände wollten nicht stillhalten, sie strichen an den Seiten der Jeans entlang, als führten sie ein Eigenleben, dann verschränkten sie sich vor ihrem Bauch krampfartig ineinander. »Ich konnte nirgendwo Spuren entdecken, weder an einer Tür, noch an einem der Fenster. Und weil ich doch manchmal diese Erinnerungslücken habe, dachte ich …«

Wieder betrachtete Leienberg die Worte auf der Spiegeltür. »Das sieht mir aber nicht danach aus, als gäbe es irgendwelche Gemeinsamkeiten im Schriftbild.«

»Ja, das habe ich auch gedacht, aber kann man die Handschrift nicht auch verstellen?«

»Man kann es versuchen, aber es wird einem nicht gelingen. Jede Handschrift hat bestimmte Eigenheiten wie besonders verschnörkelte Buchstaben oder den Neigungswinkel. Und diese Eigenheiten sind immer zu erkennen, egal wie sehr man sich anstrengt.« Wieder wanderte sein Blick zu der Nachricht. »Man müsste die Schriften genauer untersuchen, um ganz sicher gehen zu können. Aber ich habe auch so keinen Zweifel daran, dass nur eine der beiden Nachrichten von Ihnen stammt.«

»Dann bin ich wirklich erleichtert. Zumindest in dieser Hinsicht bin ich also nicht verrückt.«

»Ich halte Sie in keinerlei Hinsicht für verrückt, aber ein Grund zur Erleichterung ist das nicht unbedingt.« Als sie ihn fragend ansah, machte er mit dem Kopf eine Bewegung in Richtung Spiegel. »Das bedeutet auch, dass definitiv jemand in Ihrem Schlafzimmer war. Und ich rate Ihnen dringend, den Vorfall der Polizei zu melden.«

»Auf keinen Fall.« Eva wandte sich abrupt ab und machte sich auf den Weg zum Wohnzimmer. Leienberg blieb noch eine Weile im Schlafzimmer und kam ihr dann nach. Er setzte sich ihr gegenüber und legte die Fingerspitzen gegeneinander. »Ich bin kein Polizist, aber für mich deutet alles darauf hin, dass es im günstigsten Fall jemand darauf anlegt, Sie dazu zu bringen, sich selbst für verrückt zu halten, oder wie Sie es auch nennen wollen.«

»Und im ungünstigsten Fall?«

Leienberg überging die Frage. »Gehen wir doch mal logisch an die Sache heran. Sie erwachen plötzlich, eingeschlossen in einen Sarg, und Sie wissen nicht, wie sie dort hineingekommen sind. Sie versuchen alles, um aus diesem Sarg zu entkommen, aber Sie schaffen es nicht. Und dann, ganz plötzlich, erwachen Sie wieder und sind wieder hier bei sich zu Hause, in Ihrem Bett. Sie müssen doch zugeben, dass das nur ein Traum sein kann, Eva.«

»Und die Verletzungen?«

»Gut, Sie haben Verletzungen, die so aussehen, als würden sie von Ihren Versuchen stammen, diesem Sarg zu entkommen. Aber es kann auch tausend andere Gründe dafür geben. Der wahrscheinlichste ist, dass Sie sich diese Blessuren tatsächlich während des Traums zugefügt haben, aber um dazu mehr sagen zu können, werden wir uns noch öfter in meiner Praxis unterhalten müssen.«

Eva kämpfte gegen die Tränen an, die ihr über die Wangen liefen. »Aber diese Nachricht …«

Leienberg nickte. »Ja, und dann bekommen Sie diese Nachricht. Wer weiß von Ihrem Traum?«

Sie dachte angestrengt nach, obwohl sie die Antwort auch gleich hätte geben können. »Nur Wiebke und Sie.«

»Sicher?«

Eva überlegte kurz. »Ja, ganz sicher.«

»Gut. Ich kann Ihnen versichern, ich war das nicht, und – mal ehrlich – halten Sie es ernsthaft für möglich, dass Wiebke etwas damit zu tun haben könnte?«

»Nein, das glaube ich nicht. Also muss es jemand anderen geben, der mir das antut. Aber wenn doch niemand anderer von dem Traum weiß …«

»… dann ist es vielleicht gar nicht der Traum, der gemeint ist, sondern etwas anderes«, beendete Leienberg den Satz.

»Aber was?«, fragte Eva zaghaft und hatte im gleichen Moment Angst vor der Antwort.

»Ich denke, die Betonung der Botschaft liegt nicht auf beim nächsten Mal, sondern auf dem Du. Dann wird die Bedeutung klar. Beim nächsten Mal wirst du vielleicht sterben. Ich befürchte, damit ist nicht das nächste Mal gemeint, das Sie in einem Sarg aufwachen, sondern der nächste Mord. Und das hieße, es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder derjenige, der Ihnen diese Nachricht geschrieben hat, möchte Sie wirklich warnen, oder aber jemand versucht, Ihnen gezielt Angst zu machen.«

Eva senkte den Blick. »Aber … was, wenn jemand irgendwie hier hereinkommt … und … und mich betäubt, während ich schlafe. Und mich dahin bringt, wo er den Sarg stehen hat und mich darin einschließt. Und ich kurz darauf aufwache und nicht weiß, wie ich dahin gekommen bin?«

»Und wie ist es möglich, dass Sie sich kurz danach wieder in Ihrem Bett befinden?«

»Er … er könnte zum Beispiel ein Betäubungsmittel in den Sarg einströmen lassen. Wenn ich dann wieder eingeschlafen bin, bringt er mich genau so zurück nach Hause, wie er mich zu dem Ort gebracht hat, an dem der Sarg steht. Ich wache wenig später auf und habe Verletzungen an den Händen.«

Leienberg schüttelte den Kopf. »Sie merken doch selbst, wie unwahrscheinlich das alles klingt. Nein, ich bin sicher, es handelt sich um einen Traum. Glauben Sie mir, dieser Sarg, in dem Sie aufwachen, existiert nicht. Wann genau hatten Sie diesen Traum eigentlich zum ersten Mal?«

»Warten Sie, heute ist Donnerstag … Das war … in der Nacht von Montag auf Dienstag.«

»Montag auf Dienstag … Wenn ich mich nicht täusche, wurde am Dienstagmorgen Ihre Halbschwester gefunden.«

»Ja, ich glaube schon.«

Leienberg lehnte sich vor, stützte die Unterarme auf den Oberschenkeln ab und legte die Hände zusammen. »Sie haben also wahrscheinlich in der Nacht, in der Ihre Halbschwester in einer Kiste begraben worden ist, geträumt, Sie seien in einem Sarg eingeschlossen. Ich muss gestehen, dieser Zusammenhang ist mir noch nicht ganz klar, aber es gibt zum Beispiel in der Fachliteratur Berichte von Geschwistern – oft eineiige Zwillinge –, die eine so enge Bindung zueinander haben, dass ein Teil selbst über große Entfernungen hinweg spürt, wenn dem anderen etwas zustößt.«

»Es gab nie irgendeine Bindung zwischen Inge und mir, und schon gar keine enge«, sagte Eva so leise, dass sie selbst ihre Stimme kaum hörte.

Leienberg nickte. »Ja, das sagten Sie bereits heute Morgen. Aber darüber muss man gesondert nachdenken. Fakt ist jedenfalls, dass jemand in Ihr Haus eingedrungen ist, und deshalb müssen Sie die Polizei einschalten. Erstens, weil die Sie schützen können, und zweitens, weil das bei den Ermittlungen …«

»Nein. Ich werde der Polizei nichts davon sagen, Herr Dr. Leienberg. Sogar Sie als Psychiater haben ja keine Erklärung für diese Dinge, was soll dann erst die Polizei denken? Nein, auf keinen Fall.«

Die Falten auf Leienbergs Stirn wurden tiefer. »Warum? Sie müssen doch noch einen anderen Grund dafür haben, sich der Gefahr schutzlos auszusetzen als den, dass Sie befürchten, man könne Sie für verrückt halten. Haben Sie vielleicht irgendeine Vermutung, wer dahinterstecken könnte?«

»Sind Sie verheiratet?«

Die Frage kam so unvermittelt, dass Leienberg sie vollkommen irritiert ansah. »Ich weiß zwar nicht, wie Sie jetzt darauf kommen, aber nein, ich bin nicht verheiratet. Nicht mehr. Aber …«

»Leben Sie mit jemandem zusammen?«

Leienbergs Blick wurde noch fragender. »Das sind sehr private Fragen, Eva. Nein, ich lebe mit niemandem zusammen. Aber warum wollen Sie das wissen?«

»Würden Sie heute Nacht hier schlafen? Also, ich meine natürlich im Gästezimmer.« Bevor er etwas dazu sagen konnte, fügte sie schnell hinzu: »Ich möchte einfach eine Nacht ohne die Angst einschlafen können, dem Ganzen hilflos und allein ausgesetzt zu sein, verstehen Sie das? Wenn Sie hier wären, würde mich das sehr beruhigen. Nur eine Nacht. Ginge das?«

Es war offensichtlich, dass Leienberg mit einer solchen Frage überhaupt nicht gerechnet hatte. Eva konnte ihm ansehen, dass die Situation ihm unangenehm war. Er schien fieberhaft nachzudenken. »Ich weiß nicht, immerhin sind Sie eine neue Patientin, und …«

»Und ich habe wahnsinnige Angst, heute Nacht wieder in einem Sarg aufzuwachen. Und vielleicht nicht mehr rauszukommen.«

»Aber dieser Sarg existiert gar nicht, da bin ich ganz sicher. Eva, ich bin kein Polizist, sondern Arzt, und …«

»Auch wenn es vielleicht nur ein Traum ist … bitte«, flehte sie, und er sah sie lange an, bis er schließlich langsam nickte. »Also gut.«

»Danke«, sagte Eva erleichtert. »Ich danke Ihnen sehr.«

»Schon gut. Aber Sie haben meine Frage von eben noch nicht beantwortet. Haben Sie irgendeine Vermutung?«

»Nein.« Sie stand auf. »Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie erleichtert ich bin. Möchten Sie etwas trinken?«

»Nein, danke, ich muss noch einmal für ein, zwei Stunden weg. Ist das für Sie in Ordnung?«

Eva hätte ihn am liebsten angefleht zu bleiben. Der Gedanke, gleich wieder allein zu sein, mit dieser Nachricht auf ihrem Spiegel, machte ihr Angst. Schlimmer noch aber war die Vorstellung, Leienberg würde es sich vielleicht noch einmal anders überlegen. Deshalb sagte sie schnell: »Solange ich weiß, dass Sie bald wieder kommen, ist es kein Problem.«

»Versprochen«, sagte er und erhob sich. »Da fällt mir ein … haben Sie eigentlich eine Haushaltshilfe oder eine Reinigungskraft?«

»Ja, Hildegard, sie war schon bei meinem Vater. Als er starb, habe ich sie übernommen. Sie macht sauber und kocht für mich.«

»Wie oft ist sie hier?«

»Eigentlich dreimal in der Woche, jeweils für sechs, sieben Stunden.«

»Was heißt eigentlich?«

»Na ja, diese Woche hat sie Urlaub, sie besucht ihre Schwester in Trier.«

»Gibt es für diese Zeit einen Ersatz oder machen Sie alles selbst?«

»Nein, sie … Ich bin keine gute Köchin, wissen Sie. Hildegard kocht für mich vor, wenn sie ein paar Tage nicht da ist. Das Saubermachen erledige ich aber selbst.«

»Wie gut kennen Sie sie?«

»Ich … Moment, denken Sie etwa, Hildegard könnte etwas damit zu tun haben? Auf gar keinen Fall! Sie ist sechzig und eine Seele von einem Mensch. Ich kenne sie seit meiner Kindheit.«

»Hm … hat sie einen Hausschlüssel?«

»Natürlich. Sie kann kommen und gehen, wann immer sie möchte. Aber noch einmal: Ich würde für Hildegard meine Hand ins Feuer legen.«

»Aber vielleicht hat sich jemand den Schlüssel von ihr besorgt, ohne dass sie es bemerkt hat.«

Das war nicht vollkommen abwegig, wie Eva zugeben musste. »Ja, vielleicht. Aber sie kommt erst am Montag wieder.«

»Eva, ich bitte Sie noch einmal, die Polizei zu informieren. Ich rate Ihnen wirklich dringend dazu. Denken Sie einfach noch einmal darüber nach, ja?« Damit wandte er sich ab und verließ das Wohnzimmer.

Als die Wohnungstür ins Schloss fiel, ging Eva in die Küche und schenkte sich ein Glas Apfelsaft ein. Während sie der goldenen Flüssigkeit dabei zusah, wie sie in das hohe Glas lief, dachte sie daran, dass Apfelsaft Manuels Lieblingsgetränk gewesen war.

Der Sarg
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