51

»Was? Wo? Und hat er schon irgendwas zugegeben? Nun sag schon.« Menkhoff sprach aufgeregt in sein Telefon.

»Die Kollegen haben ihn an einer Bushaltestelle gefunden, nachdem sie von Passanten alarmiert wurden. Er ist dort mit einer Flasche niedergeschlagen worden.«

»Was? Von wem?«

»Wo bist du gerade?«

»Bei Frau Pfeiffer, der Freundin von Eva Rossbach, aber …«

»Das hörst du dir am Besten von ihm selbst an, Bernd. Es ist etwas kompliziert.«

»Wo ist der Kerl? Im Krankenhaus?«

»Nein, er ist hier.«

»Auf dem Präsidium? Wieso bist du um diese Uhrzeit überhaupt noch da?«

»Weil ich dein Chef bin, Herr Menkhoff. Also, sieh zu, dass du deinen Hintern hierher bewegst.«

»Bis gleich.« Menkhoff steckte das Telefon weg und wandte sich an Reithöfer: »Wir müssen los.«

»Ist Eva wieder da?«, fragte Wiebke Pfeiffer aufgeregt. »Und geht es ihr gut?«

»Nein, tut mir leid, Frau Rossbach ist noch nicht wieder aufgetaucht, aber vielleicht kommen wir jetzt einen Schritt weiter.« Er stand auf und nickte erst ihr, dann Jörg Wiebking zu. »Wir melden uns wieder.« Ohne sich noch einmal umzudrehen, verließ er das Haus und wartete draußen ungeduldig, bis Jutta Reithöfer bei ihm war.

»Was ist los?«, wollte sie wissen, während sie auf den Wagen zugingen. Menkhoff schlug mit der flachen Hand auf das Autodach. »Komm, beeil dich, ich erzähle es dir während der Fahrt. Und jetzt gib Gas.«

Sie brauchten fünfundzwanzig Minuten bis zum Präsidium. Als sie in ihrer Etage ankamen, stürmte Menkhoff regelrecht durch den Flur und traf auf Udo Riedel, der sich ihm in den Weg stellte. Bevor der etwas sagen konnte, hob Menkhoff die Hand. »Udo, ich bin im Moment nicht sonderlich gut aufgelegt, ich bin in Eile, und vor allem bin ich gerade nicht sehr kritikfähig. Tu uns beiden also bitte den Gefallen und verschone mich mit deiner Meinung über mich, okay?«

Riedel wiegelte ab. »Nein, nun lass mich gefälligst sagen, was ich zu sagen habe, und tu nicht schon wieder so, als wüsstest du alles.«

Menkhoff schnaufte. »Also los, dann sag schon, ich hab’s wirklich eilig.«

Riedel sah an Menkhoff vorbei zu Reithöfer und schien darüber nachzudenken, ob es eine gute Idee war, mit ihm zu reden, wenn seine Kollegin dabei war. Offenbar kam er aber zu dem Schluss, dass es egal war. »Also gut. Der Chef hat mir gesagt, dass du einige Male in den letzten Tagen explizit wolltest, dass ich Dinge übernehme, die für den Fall durchaus relevant waren. Ich weiß nicht, warum du das getan hast, und es ist möglich, dass es Berechnung war, aber irgendwann muss es auch mal gut sein mit dem Misstrauen. Also, ohne Umschweife: Ich gebe zu, ich habe mich wohl in dir getäuscht und entschuldige mich bei dir. Und … du kannst auf mich zählen.« Sein Gesicht schien in diesem Moment noch um einige Nuancen röter zu werden als sonst, und auch, wenn Menkhoff sich an irgendwelche Seifenopern erinnert fühlte, so konnte er doch nicht anders, als Riedel die Hand entgegenzustrecken. »Das freut mich, Udo.« Sie schüttelten sich kurz die Hand.

»Also dann, wir haben noch einiges zu tun«, sagte Menkhoff mit einem Blick zu Reithöfer. Sie gingen weiter, wobei Jutta Reithöfer ihn angrinste. Er sparte sich ihr gegenüber aber jeglichen Kommentar.

Als sie Brosius’ Büro betraten, hielt Menkhoff sich nicht lange mit Vorreden auf, sondern fragte ohne Umschweife: »Wo ist der Kerl?«

»Er sitzt drüben im Vernehmungsraum und fragt alle zwei Minuten, ob er nicht doch vielleicht eine rauchen kann.«

»Okay, irgendwas, das ich wissen muss?«

»Ja, aber wie schon gesagt – das musst du dir von ihm selbst anhören. Ich kann dir aber schon sagen, seine Geschichte ist ziemlich abgedreht. Und es hat mit Eva Rossbach zu tun.« Menkhoff nickte und verließ Brosius’ Büro. Sie verabredeten, dass Reithöfer draußen blieb und das Audioprotokoll mithörte.

Der Kerl, der im Vernehmungsraum saß, entsprach tatsächlich absolut der Beschreibung der alten Dame. Als Menkhoff hereinkam, drehte der Mann sich zu ihm um, und als sie sich ansahen, konnte Menkhoff nicht anders als sich einzugestehen, dass der Kerl ihm auf Anhieb sympathisch war. Er hatte einen offenen und ehrlichen Blick. »Guten Abend, mein Name ist Menkhoff. Ich leite den Fall, in den Sie offensichtlich hineingeraten sind.«

Der Mann stand zu Menkhoffs Verwunderung sogar auf und streckte ihm die Hand entgegen. »Guten Abend, mein Name ist Frank Schmidt, aber alle nennen mich Dagger.«

»Bitte, setzen Sie sich, Herr Schmidt.« Menkhoff deutete auf den Stuhl, auf dem Schmidt gesessen hatte, ging um ihn herum und setzte sich ihm gegenüber an den kleinen weißen Tisch.

Schmidt hatte eine Mullbinde mit einem großen Blutfleck am Hinterkopf, auf den Menkhoff deutete. »Dazu kommen wir gleich, Herr Schmidt, aber zuerst möchte ich von Ihnen wissen, ob Sie heute vor der Praxis des Psychiaters Dr. Burghard Leienberg gestanden haben, während Eva Rossbach bei ihm in Behandlung war.«

Schmidt nickte. »Ja, das habe ich, allerdings wusste ich nicht, wer die Frau nun eigentlich ist, die da drin war. Also ich dachte anfangs, es zu wissen, aber dann wurde es komisch.«

»Wie darf ich das verstehen?«

»Ich hab zwar schon versucht, das Ihrem Kollegen zu erklären, aber der hat’s, glaube ich, nicht so wirklich geschnallt. Aber ich kann’s verstehen, ist ja auch echt voll krass, die Story.«

»Dann versuchen Sie Ihr Glück doch mal bei mir, vielleicht verstehe ich es ja.«

»Okay, also: Ich sehe da diese Frau am Dom, die marschiert an mir vorbei und flucht vor sich hin, von wegen Arschloch und so. Ich denke: Mann, die kennst du doch. Aber irgendwie ist die anders. Ich bin Konditor, müssen Sie wissen, und ich liefere meine Torten in ganz Köln aus. Und ich dachte mir, die kenn ich bestimmt, weil sie ’ne Kundin ist. Ich kenn die meisten Leute, weil sie Kunden von mir sind. Also spreche ich sie an, aber so, wie die sich erst mal gibt, passt das irgendwie nicht. Sie sagt mir, sie heißt Britta. Eine Britta sagt mir gar nichts, aber ich weiß sicher, ich kenne sie. Also gehe ich ihr nach, als wir uns verabschieden, weil mich das echt kirre macht. Sie läuft hin und her, und irgendwann steigt sie in einen Bus ein. Ich denke, die Kohle investierst du jetzt, pfeife mir eine Taxe ran und fahre ihr nach.« Er grinste vor sich hin. »War wie so ’n Privatdetektiv. Der Taxifahrer hat mich ganz komisch angeschaut, wenn wir hinter dem Bus gehalten haben.«

»Wo ging die Fahrt denn hin?«

»Tja, an der Stelle fängt es an, echt seltsam zu werden. Der Bus hielt hier und da an, es stiegen Leute ein und aus, aber sie war nicht dabei. Und dann, in Marienburg, steigt eine Frau aus, die ich sofort erkenne: Frau Rossbach. Sie ist eine gute Kundin von mir, ich habe ihr schon eine ganze Menge Torten geliefert, zu irgendwelchen Anlässen. Und wissen Sie, was das wirklich Verrückte ist an der Sache?« Er machte eine Pause, in der er wohl erwartete, dass Menkhoff nachhakte, und der tat ihm den Gefallen. »Nein, was denn?«

»Sie hat die gleichen Klamotten an wie diese Britta. Und als ich die Frau Rossbach da so sehe, weiß ich auch, wieso mir diese Britta so bekannt vorkam. Die beiden sind ein-und dieselbe Frau. Andere Frisur, andere Sprache, aber sonst – eine Frau.«

»Was? Wie, eine Frau?«

»Ja, wenn ich’s Ihnen doch sage. Diese Britta ist Frau Rossbach, nur mit roter Perücke und Schminke drauf. Und sie hat ’ne derbe Sprache, ganz anders als Frau Rossbach. Sogar die Stimme ist irgendwie anders.«

»Soll das heißen, die beiden ähneln sich? Wie Schwestern?«

Schmidt schüttelte lächelnd den Kopf. »Nee, Herr Kommissar, das soll heißen, die beiden sind nicht die beiden, sondern eins.«

Menkhoffs Gedanken überschlugen sich. Eva Rossbach führte ein Doppelleben? Weshalb sollte sie das tun? »Na ja, also ich weiß nicht … Aber erzählen Sie mal weiter.«

»Also, ich hab gesehen, dass sie in ihr Haus gegangen ist, und hab meinen Kumpel Mick angerufen, weil meine Maschine ja noch in der Innenstadt stand. Der kam auch, und gemeinsam sind wir dann auf seinem Motorrad der Frau Rossbach nachgefahren zu diesem Arzt. Ich fand das unheimlich spannend. Da haben wir auf der anderen Straßenseite gestanden und gewartet. Und dann ist plötzlich eine Lampe durch das Fenster geflogen, und zwei Typen sind aus einem Auto gesprungen und da reingerannt. Tja, wir haben noch ’ne ganze Weile gewartet, aber als Ihre Kollegen da angerückt sind, haben wir uns verzogen.«

»Und Sie haben Frau Rossbach nicht rauskommen sehen?«

»Nee, die ist da nicht rausgekommen, das hätte ich gesehen. Ich hab den Eingang die ganze Zeit im Blick gehabt.«

Menkhoff dachte darüber nach. Wenn mehrere Leute den einzigen Eingang beobachtet hatten, und der Entführer war nicht mit Eva Rossbach herausgekommen, mussten die beiden sich noch im Haus befunden haben, als die Kollegen hineingerannt waren. Vielleicht sogar noch, als er selbst dort war. Er führte sich die Situation in Leienbergs Praxis nochmals vor Augen. Der Eingang, der Flur, die Treppe … Die Treppe, natürlich. Der Kerl brauchte sie nur dort hochgeschleppt zu haben. Die Kollegen hatten zwar mit allen Anwohnern gesprochen, aber wenn sich dort oben irgendwo jemand versteckt hätte … Aber darüber konnte er sich später noch Gedanken machen. Er sah sein Gegenüber wieder an. Der beobachtete ihn interessiert und schien darauf zu warten, dass er weitererzählen konnte. »Wie ging es dann weiter?«, forderte Menkhoff ihn auch dazu auf.

»Na ja, ich dachte mir, sie wird wohl irgendwann wieder zu Hause auftauchen, und bin zurück nach Marienburg gefahren, aber da waren nur Polizeiwagen. Da hab ich’s aufgegeben und mich von Mick zu meiner Maschine bringen lassen. Und dann fiel mir ein, dass ich dieser Britta gesagt hab, ich würde abends wieder in der Kneipe auf sie warten, in der wir mittags zusammen waren. Es war zwar noch früh, aber ich dachte mir, ich schau mal da vorbei. Und siehe da, als ich den Laden betrete, steht doch Britta mit roter Perücke vor mir. Wir haben uns hingesetzt, und dann hab ich versucht, aus ihr rauszukitzeln, was dieses ganze Theater soll. Ich war auch vorsichtig und hab sie nicht direkt darauf angesprochen.«

»Moment!« Menkhoff versuchte die Fragmente in seinem Kopf zu einem logischen Gebilde zusammenzufügen. »Wenn sie diese Britta zu diesem Zeitpunkt in der Stadt getroffen haben, dann kann sie nicht Eva Rossbach sein, denn die ist zuvor bei dem Überfall auf Dr. Leienberg entführt worden. Da haben wir einen Bruch in der Geschichte.«

Schmidt hob die Schultern. »Ich weiß nicht, ob jemand entführt wurde und warum, ich weiß nur, dass Britta Eva ist und Eva Britta. Soll ich weitererzählen?«

»Ja, bitte.«

»Also, Britta-Eva hat wohl nicht gefallen, dass ich ihr ein paar Fragen gestellt hab. Sie ist plötzlich so schnell aus der Kneipe gerannt, dass ich ihr nicht mal mehr folgen konnte. Als ich rauskam, war sie schon irgendwo zwischen den Leuten verschwunden. Ich dachte mir, die Gute hat ein echtes Problem, und wollte nicht einfach so aufgeben, und weil sie beim ersten Mal nach Marienburg gefahren ist, hab ich’s wieder da versucht. Aber sie tauchte nicht auf, und irgendwann hab ich es aufgegeben. Ich hab mich auf meine Maschine gesetzt und bin losgefahren. Und was glauben Sie, wer da ein Stück weiter an einer Bushaltestelle sitzt? Die gute Britta. Ich parke also die Maschine und gehe auf sie zu, aber die ist wie weggetreten. Ich dachte, die hat sich irgendeinen Dreck reingezogen und ist high. Ich hab sie geschüttelt und ihren Namen gerufen, und plötzlich schaut sie mich an und ist wieder da. Sie blafft mich an, was ich hier zu suchen hätte, und ob ich ihr aufgelauert hätte. Dann hab ich mich irgendwie zu meiner Maschine umgedreht, und dann gingen die Lichter aus.«

Menkhoff stieß die Luft aus. »Das ist starker Tobak, den Sie hier erzählen, Herr Schmidt.«

»Ja, ich weiß, es klingt vollkommen verrückt, aber ich schwör Ihnen, genau so war’s. Und Frau Rossbach ist Britta.«

Menkhoff stand auf. »Gut, Herr Schmidt, so leid es mir tut, aber Sie werden noch eine Weile hierbleiben müssen. Die Kollegen werden noch eine Anzeige aufnehmen wegen Körperverletzung. Ich danke Ihnen.«

Menkhoff rauchte der Kopf, und während er auf das Büro seines Chefs zusteuerte, versuchte er in alledem, was er gerade gehört hatte, einen Sinn zu entdecken. Es gelang ihm nicht.

Der Sarg
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