24

Kurz nach 16 Uhr stand der nächste Besuch vor der Haustür. Eva hatte geschlafen und war wohl noch im Halbschlaf aufgestanden. Sie war vollkommen verwirrt, als sie plötzlich an der geöffneten Haustür stand, die Klinke noch in der Hand, und Dr. Leienberg anstarrte, der ihr freundlich, aber auch etwas skeptisch entgegenlächelte. Es nieselte, seine Haare und die Schultern seines dunklen Mantels glänzten von den feinen Tropfen. »Guten Tag, ich hoffe, Sie verzeihen mir mein unangemeldetes Auftauchen, aber ich war gerade in der Nähe und dachte mir, ich schaue kurz bei Ihnen vorbei. Geht es Ihnen gut?«

»Guten Tag«, erwiderte Eva zaghaft, noch immer verwirrt. »Ja, mir geht es gut, doch, ich habe … ich meine, ich hatte geschlafen und bin noch etwas durcheinander. Ach, entschuldigen Sie – möchten Sie reinkommen?«

Sein Lächeln wurde noch etwas breiter. »Sehr gerne. Ich hatte gehofft, dass Sie das fragen.«

»Kann ich Ihnen einen Kaffee anbieten?« Eva stand im nächsten Moment schon vor der Maschine in der Küche. Während Leienberg sich an den kleinen Tisch setzte, fragte sie sich kurz, warum sie nicht mit ihm ins Wohnzimmer gegangen war. Aber das war auch egal. Wichtiger war die Frage, was der Psychiater hier bei ihr zu Hause wollte. »Sie waren zufällig in der Nähe?«, wollte sie wissen, ohne sich zu ihm umzudrehen. Sie hörte ihn hinter sich lachen.

»Nein, von zufällig habe ich nichts gesagt. Ich sagte, ich war in der Nähe. Das war ich, nachdem ich zu Ihrer Adresse gefahren bin.«

Nun drehte sie sich doch um, während die Kaffeemaschine gurgelnd ihre Arbeit tat. »Wie?«

»Es war kein Zufall, ich bin ganz bewusst hierher gekommen, weil ich sehen wollte, wie es Ihnen geht, und weil ich Sie davon überzeugen möchte, wieder zu mir in die Praxis zu kommen.«

Evas Verwirrung schlug in das Gefühl um, sich zur Wehr setzen zu müssen. Sie stellte eine der Tassen vor Leienberg ab und setzte sich auf die Kante des Stuhls, so, dass sie jederzeit würde flüchten können, wenn es nötig wäre. Im gleichen Moment fragte sie sich, warum es nötig sein sollte, vor einem Arzt zu flüchten. Leienberg sah sie an, und sein Blick fühlte sich an wie der eines Forschers, der ein Versuchstier beobachtete. »Ich weiß nicht, warum ich noch mal zu Ihnen kommen sollte, Dr. Leienberg.«

»Weil Sie mir noch gar nichts von den Dingen erzählt haben, die Sie belasten. Ihre Albträume zum Beispiel.«

»Ach, das wird sich bald wieder geben.« Eva war sich darüber im Klaren, dass es nicht besonders überzeugend geklungen hatte, und versuchte, ihrer Stimme einen festeren Klang zu geben. »Ich denke, das hat alles mit dieser furchtbaren Sache mit Inge zu tun.«

Leienberg dachte einen Moment nach, dann sagte er: »Aber es geht doch nicht nur um irgendwelche Träume, Eva. Was ist mit diesem Sarg? Und was mit den Verletzungen?«

Evas Herz begann zu rasen. »Woher wissen Sie davon? Hat Wiebke Ihnen das erzählt?«

Leienberg sah sie überrascht an. »Ja, Wiebke hat mir das gesagt, aber doch nur, weil sie Sie sehr mag und sich große Sorgen um Sie macht. Sie musste mir doch den Grund dafür nennen, dass ich so schnell einen Termin freimachen sollte. Als Sie mir von einer Freundin erzählte, die Albträume hat, sagte ich ihr, dass viele Menschen darunter leiden und dass solche Träume, vor allem in Stresssituationen, gar nichts Ungewöhnliches sind. Dann war sie gezwungen, mir das mit den Verletzungen zu sagen, damit ich verstand, dass die Sache hier anders liegt.«

»Sie erzählt einem Fremden ohne mein Wissen Dinge über mich, die ich ihr im Vertrauen gesagt habe? Und das, obwohl ich sie explizit darum gebeten habe, mit niemandem darüber zu reden. Das ist so … Ich … ich …« Ihr Blick verschwamm, und als ihr die Tränen über die Wangen liefen, verbarg sie das Gesicht in ihren Händen.

»Bitte vergessen Sie nicht, ich bin Arzt.« Seine Stimme war jetzt sanft. »Wiebke hat sich nur aus einem Grund an mich gewandt: Weil sie wollte, dass ich Ihnen helfe.«

Eva ließ die Hände sinken. Sie würde jetzt ziemlich verheult aussehen, aber es war ihr egal. »Mir helfen? Ist das ein Grund, das Vertrauen einer Freundin zu missbrauchen?«

»Wenn die Hintergründe, die dazu führen, dass man glaubt, eine Freundin braucht Hilfe, schwerwiegend genug sind, dann ja.«

Eva schüttelte entschieden den Kopf. »Nein, das sehe ich anders, tut mir leid.«

Leienberg war nach wie vor vollkommen ruhig, sein Gesichtsausdruck freundlich. Er nahm einen Schluck Kaffee und stelle die Tasse wieder ab. »Aber wenn wir nun mal davon absehen, dass Wiebke es war, die mir diese Dinge gesagt hat – das Problem besteht doch nach wie vor. Warum quälen Sie sich mit diesen Dingen? Denken Sie nicht, es wäre einen Versuch wert, mit mir darüber reden? Wer weiß, vielleicht kann ich Ihnen ja tatsächlich helfen? Und selbst wenn nicht – was können Sie dabei verlieren? Ich weiß doch sowieso schon von diesen … Dingen.«

»Was hat Wiebke Ihnen genau erzählt?«, fragte Eva nach einer längeren Pause unvermittelt.

Leienberg zögerte nur kurz, bevor er antwortete: »Nun, sie hat mir erzählt, dass Sie glauben, in einem Sarg aufzuwachen, lebendig begraben. Sie versuchen sich zu befreien, aber es gelingt Ihnen nicht. Und dann wachen Sie plötzlich in Ihrem Bett wieder auf und haben Schwellungen am ganzen Körper.«

Eva trank von ihrem Kaffee und verzog das Gesicht, er war kalt und schmeckte bitter. »Was ist mit Schlafwandeln?«

»Was? Was meinen Sie damit?«

»Kann es sein, dass ich schlafwandle, während ich davon träume, in einem Sarg zu liegen? Vielleicht weil ich unbedingt da raus möchte? Weglaufen will? Und dass ich mich dabei verletze, weil ich an allen möglichen Stellen anstoße?«

Der Psychiater schüttelte den Kopf. »Das halte ich für ziemlich unwahrscheinlich. Schlafwandeln tritt nur in einer Tiefschlafphase auf. In der Traumphase ist der Schlaf hingegen wesentlich oberflächlicher. Zudem kann man sich nach dem Aufwachen an nichts erinnern, egal, was man während des Schlafwandelns auch getan hat. Das Schlafwandeln ist also nie die Umsetzung eines Traums in tatsächliche Bewegungen, oder in Ihrem Fall die Umsetzung des Bewegungsdrangs, der dadurch entstehen könnte, dass Sie träumen, eingeschlossen zu sein. Nein, das glaube ich nicht. Aber das schließt natürlich nicht aus, dass Sie zuerst tatsächlich schlafwandeln und sich dabei die Verletzungen zuziehen und diesen Albtraum danach, vielleicht Stunden später, haben. Sind Sie früher schon mal geschlafwandelt?«

»Ja, ich glaube schon. Aber wie sollte das zeitlich gehen, ich wache doch immer innerhalb einer Sekunde auf. In einem Moment bin ich noch in dem Sarg eingeschlossen, im nächsten bin ich wach.«

»Das kommt Ihnen wahrscheinlich nur so vor, es könnten theoretisch aber trotzdem Stunden dazwischen liegen.«

Eva dachte darüber nach und griff nach dieser Theorie wie eine Ertrinkende nach einem Stück Holz. Diese Erklärung war zumindest halbwegs plausibel und gestattete trotzdem die Annahme, dass sie bei klarem Verstand war.

»Ja, vielleicht ist es ja tatsächlich so«, sagte sie. Leienberg nickte, hob dann aber wie zum Einwand eine Hand. »Wobei das aber erst einmal nur eine vage Idee ist, die Ihnen noch nicht viel weiterhilft. Auch lassen sich damit Ihre Erinnerungslücken, so, wie Sie sie mir bisher kurz geschildert haben, wahrscheinlich nicht erklären. Deshalb ist es wichtig, dass Sie wieder zu mir kommen. Wir können das Problem nur dann in den Griff bekommen, wenn wir genau wissen, worum es sich handelt und woher es kommt.«

Eva stand auf, ging hinüber zum Fenster und lehnte sich mit verschränkten Armen gegen die Küchenarbeitsplatte, während sie nach draußen sah. »Also gut. Wann?«, sagte sie gegen die Scheibe. Hinter ihr wurde ein Stuhl geschoben, Schritte kamen näher. Sie wandte sich nicht um, auch nicht, als sie spürte, dass der Psychiater unmittelbar hinter ihr stand.

»Ich bin froh, dass Sie einwilligen. Das ist eine sehr gute Entscheidung. Gleich morgen früh? Wieder um acht?«

»Ja, ist gut.« Eva rührte sich noch immer nicht, weil sie befürchtete, dass Leienberg ganz nah hinter ihr stand. Schließlich sagte er: »Dann bis morgen«, und Sekunden später entfernten sich seine Schritte. Eva stand noch immer am Fenster, als sie hörte, wie die Tür ins Schloss gezogen wurde. Nur einen Moment später saß sie auf der Couch, und ihr Blick ruhte wieder auf der Uhr schräg gegenüber. Sie musste auf dem Weg zum Wohnzimmer so in ihren Gedanken versunken gewesen sein, dass sie gar nicht bewusst wahrgenommen hatte, die Küche überhaupt verlassen zu haben. Das alles nahm sie offenbar noch viel mehr mit, als sie es sich selbst zugestehen wollte.

Sie hoffte, Dr. Leienberg würde ihr wirklich helfen können. Aber womit? Was konnte er ihr sagen, was sie nicht schon selbst wusste? Dass die Frau, die Ihr Vater geheiratet hatte, als sie fast noch ein Baby war, eine kaltherzige Person war, die Gefühle nur ihrer Tochter Inge gegenüber aufbrachte? Dass sie, Eva, täglich zu spüren bekam, dass sie nicht ihre Tochter war? Dass diese kaltherzige Frau dann einen Sohn bekam, den sie nicht haben wollte und den sie das bei jeder sich bietenden Gelegenheit spüren ließ? Selbst als Manuel noch ein Baby war und seine kleinen Arme nach seiner Mutter ausstreckte, hatte sie ihn angeschrien und die pummeligen Ärmchen zur Seite geschlagen. Dann war Eva hingegangen und hatte ihn auf den Arm genommen, obwohl sie selbst kaum größer war als er. Sie erinnerte sich an die Abende, später, an denen sie in ihrem Kinderzimmer in der Ecke neben ihrem Schrank gesessen und sich die Hände auf beide Ohren gepresst hatte, damit sie Manuels Schreie aus seinem Zimmer nebenan nicht hören musste. Und das Klatschen der Schläge, die seinen nackten Körper trafen, immer und immer wieder. Und ihr Vater? Was hatte der getan? Der hatte seinen Schlüssel genommen und war weggegangen und erst spät in der Nacht wieder zurückgekommen. Ja, ihr Vater war ein Feigling gewesen.

Eva zwang ihre Gedanken zurück in die Gegenwart und beschloss, dass ihr ein heißes Bad guttun würde. Sie ging in die Küche und nahm sich eine Flasche Rotwein aus dem Regal neben dem Kühlschrank, öffnete sie und nahm sie zusammen mit einem Glas mit ins Badezimmer, wo sie beides auf der breiten Ablage neben der Badewanne abstellte. Nachdem sie das Wasser angestellt und einen Schuss von einem nach Pfirsich riechenden Badezusatz dazugegeben hatte, ging sie ins Schlafzimmer, um sich auszuziehen. Sie wunderte sich kurz, dass entgegen ihrer Gewohnheit die Tür nicht geschlossen war, tat das aber damit ab, dass sie am Morgen vor dem Termin mit Dr. Leienberg sehr nervös gewesen war.

Sie betrat das Zimmer, wandte sich ihrem Kleiderschrank zu, und stieß einen spitzen Schrei aus. Wie gebannt stand sie da und starrte auf die Spiegeltür ihres Schranks, über die schräg mit einem Lippenstift in großen roten Buchstaben geschrieben stand:

Beim nächsten Mal

wirst du vielleicht

sterben!!!

Der Sarg
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