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Als Jutta Reithöfer den Wagen in die Einfahrt von Eva Rossbachs Haus lenkte, sagte Menkhoff: »Was zum Teufel …«, und verstummte.
Unmittelbar vor dem Eingang stand in Mantel und Schal gehüllt Eva Rossbach und redete mit Dominik Mossner, dem Kommissar, mit dem Menkhoff kurz zuvor noch telefoniert hatte. »Jetzt bin ich aber mal gespannt, wo die herkommt.«
Reithöfer stellte den Wagen ab, und sie stiegen aus. Als sie auf die beiden zugingen, rief Mossner ihnen entgegen: »Frau Rossbach ist vor zwei Minuten mit einem Taxi hier angekommen. Sie sagt, sie war in der Stadt.«
Menkhoff musterte Eva Rossbach, die einen verwirrten Eindruck auf ihn machte, und versuchte erst gar nicht, seine Laune zu verbergen. »Frau Rossbach, sie machen es uns nicht gerade einfach! Warum haben Sie nicht auf meine Kollegen gewartet, wie ich es Ihnen geraten habe? Und vor allem, was haben Sie in der Stadt gemacht. Und warum ohne Auto?«
»Ich wollte einfach ein bisschen raus, mir ist im Haus die Decke auf den Kopf gefallen. Und weil ich wegen der letzten Nacht noch etwas zittrig bin, dachte ich, es ist besser, wenn ich mich nicht hinters Steuer setze.«
»Hätten Sie nicht ein wenig im Garten spazieren gehen können? Wir mussten annehmen, dass Ihnen etwas zugestoßen ist, deshalb haben meine Kollegen sich Zugang zu Ihrem Haus verschafft.«
Sie nickte und warf einen Blick zur Haustür, als wolle sie sich den Schaden ansehen, der durch das gewaltsame Eindringen entstanden war. »Können wir vielleicht ins Haus gehen? Ich würde mich gerne setzen.«
Im Wohnzimmer angekommen wartete Menkhoff, bis sie auf einem der Sessel Platz genommen hatte, bevor er sich neben Reithöfer auf der Couch niederließ. »Können Sie mir bitte genau sagen, wo Sie waren, Frau Rossbach?«, fragte er und beobachtete sie dabei genau. Sein Eindruck, dass sie verwirrt war, verstärkte sich noch, als ihr Blick nervös zwischen ihm und Reithöfer hin und her sprang. »Ich war in der Stadt.«
»Wo genau?«
»Na, mitten in der Stadt, in der Nähe des Doms.«
»Und was haben Sie da gemacht?«
»Nichts, einfach nur so, ich … ich war spazieren.«
»Und zum Spazierengehen fahren Sie extra mit dem Taxi in die Stadt? Und das, nachdem ich Sie gebeten habe, auf die Kollegen zu warten.« Menkhoff beobachtete, wie sie ihre Finger nervös knetete.
»Ach, ich weiß es doch nicht. Es geht mir nicht gut, ich bin völlig verwirrt. Das ist alles zu viel für mich.«
»Wie sind Sie denn von hier weggekommen, Frau Rossbach?«, fragte Reithöfer.
»Mit dem Taxi.« Es klang nicht sehr überzeugt.
»Aha, und mit welchem Unternehmen?«
Einige Sekunden verstrichen, dann senkte sie den Kopf. »Das … weiß ich nicht mehr.«
»Moment, Sie wissen nicht mehr, wen Sie angerufen haben, um sich ein Taxi zu bestellen?« Menkhoff spürte, dass ihn dieses ständige »ich weiß dies nicht«, »ich weiß das nicht« auf die Palme brachte.
»Nein.«
»Also gut, das führt jetzt zu nichts. Haben Sie vor, heute noch einmal das Haus zu verlassen, Frau Rossbach?«
»Nein, ich werde mich gleich hinlegen.«
»Gut. Wie wir hörten, ist ihre Haushälterin zurzeit bei ihrer Schwester in Trier. Können Sie uns sagen, wie wir sie dort erreichen?«
»Nein, tut mir leid, das weiß ich nicht. Aber Hubert Wiebking hat bestimmt die Telefonnummer. Hubert ist in solchen Dingen sehr gewissenhaft.«
»Danke.« Menkhoff stand auf. »Sie sollten sich wirklich hinlegen, Frau Rossbach. Meine beiden Kollegen werden draußen vor Ihrer Einfahrt aufpassen, dass niemand Sie belästigt. Sollten Sie doch noch irgendwohin wollen, stimmen Sie sich bitte mit ihnen ab, in Ordnung?«
Sie nickte zaghaft und erhob sich ebenfalls. »Ja, ist gut.«
Auf dem Weg zurück zum Präsidium besorgte Menkhoff sich bei Hubert Wiebking Adresse und Telefonnummer, unter der die Haushälterin in Trier zu erreichen war. Von Wiebking erfuhr er auch, dass Hildegard mit Nachnamen Gerling hieß und nie verheiratet gewesen war. Gleich danach rief er in Trier an. Nachdem er ihrer Schwester erklärt hatte, wer er war, hatte er die Frau kurze Zeit später am Telefon.
»Guten Tag, Menkhoff, Kripo Köln. Bitte nicht erschrecken, ich habe nur ein paar Fragen zu Ihrer Tätigkeit bei Eva Rossbach.
Haben Sie schon aus der Zeitung oder den Nachrichten erfahren, was passiert ist?«
»Um Gottes willen, ist etwas mit Eva? Was ist geschehen«
»Nein, nicht mit Eva, sondern mit ihrer Schwester Inge. Sie ist ermordet worden.«
Stille, mehrere Sekunden lang, die Menkhoff der Frau auch gab, um diese Nachricht zu verdauen.
»Inge … ermordet? O mein Gott. Aber wie ist das passiert? Ich … das ist ja schrecklich!«
»Sie wurde am Dienstagmorgen gefunden.«
»Weiß man, wer es war? Und Eva geht es gut?«
»Nein, wir wissen noch nicht, wer das getan hat. Und Frau Rossbach geht es den Umständen entsprechend. Sie ist sehr verwirrt, die Situation macht ihr zu schaffen.«
»Die armen Mädchen …«, sagte sie so leise, dass Menkhoff es fast nicht verstanden hätte.
»Was sagten Sie?«
»Ach, entschuldigen Sie, nichts.«
»Nein, bitte, sagten Sie gerade die armen Mädchen?«
»Ja, das ist mir so rausgerutscht.«
»Was soll das heißen? Welche Mädchen meinen Sie?«
Wieder verstrich eine Weile, bis sie sagte: »Ich meinte Eva und Inge. Ganz besonders Eva. Diese unglückselige Familie …«
»Was ist mit dieser Familie?«
»Nichts, das … Sie sagten, Sie haben Fragen an mich.«
Menkhoff traf eine spontane Entscheidung. »Ja, ich bin mit meiner Kollegin auf dem Weg nach Trier. Wir sind in etwa zweieinhalb Stunden dort. Dann können wir uns unterhalten.«
»Sie kommen nach Trier? Meinetwegen?«
»Ja, wir müssen wirklich dringend mit Ihnen sprechen.«
»Gut, ich warte dann hier auf Sie.«
Als Menkhoff das Telefon sinken ließ, sah Reithöfer ihn an. »Wir fahren nach Trier? Was ist los?«
Menkhoffs Gedanken überschlugen sich. Im Grunde hatte die Haushälterin das angedeutet, was er auch die ganze Zeit über schon gedacht hatte: Dass mit dieser Familie Rossbach etwas ganz und gar nicht stimmte.
»Die gute Hildegard hat gerade ein paar Andeutungen gemacht … kann sein, dass sie uns einige entscheidende Dinge über die Rossbachs erzählen kann.«
»Gut, dann also nach Trier.«
Menkhoff gab die Adresse in das Navigationssystem ein, dann rief er auf dem Präsidium an und informierte die Kollegen.