20
Menkhoff überließ Riedel den Wagen und fuhr mit Jutta Reithöfer zurück zum Präsidium. Die ersten Minuten der Fahrt war er sehr schweigsam, er starrte vor sich hin und fühlte sich innerlich kalt und leer, fast so, als hätte sein Verstand sämtliche Gefühle und Emotionen in eine dunkle Kammer in den Tiefen seines Unterbewusstseins verbannt. Dieser Zustand hatte sich schon in der Vergangenheit immer dann bei ihm eingestellt, wenn ein Verbrechen extrem grausam gewesen war. So schaffte er die nötige emotionale Distanz, die sein Verstand brauchte, um sich analytisch mit dem Fall auseinandersetzen zu können.
»Mir fällt gerade ein, ich habe da gestern Abend noch was Interessantes entdeckt«, riss Reithöfer ihn nach einer Weile aus seinen Gedanken. »Ich habe mir die Unterlagen über die Rossbachs mitgenommen, und in den Papieren vom Standesamt etwas gefunden, das mich überrascht hat.« Sie warf einen schnellen Blick zur Seite.
»Sprich nur weiter, ich höre dir zu«, versicherte Menkhoff ihr und nickte zur Bekräftigung. »Also, da taucht ein weiterer Name auf, ein Bruder des Opfers, Manuel Rossbach.«
»Was? Es gibt noch einen Bruder? Aber warum hat Eva Rossbach nichts von ihm erwähnt?«
»Es gab einen Bruder, muss es richtigerweise heißen. Er ist im Alter von sechs Jahren bei einem Unfall ums Leben gekommen.«
»Hm … Die Sterblichkeitsrate in dieser Familie ist recht hoch. Ich frage mich trotzdem, warum uns niemand etwas von diesem Bruder erzählt hat. Ein Unfall sagst du? Hast du herausfinden können, wie er gestorben ist?«
»Nein, auf der Sterbefallanzeige der Kollegen von damals ist nur der Unfalltod vermerkt.«
»Dann wollen wir mal Frau Rossbach fragen. Wie alt war sie bei seinem Tod?«
»Warte, das ist 1986 passiert, da war sie elf.«
»Hm … Bin gespannt, ob das neue Opfer auch etwas mit der Familie Rossbach zu tun hat«, sagte Menkhoff schließlich grimmig und verschränkte die Arme vor der Brust.
Sie kamen zeitgleich mit Eva Rossbach vor deren Haus in Marienburg an. Während sie aber durch das schmiedeeiserne Tor auf ihr Grundstück und dort über einen Kiesweg bis zur Garage fuhr, die rechts an das große Haus angesetzt war, parkte Reithöfer den Wagen kurz vor dem Tor am Straßenrand. Sie betraten das Anwesen, als Eva Rossbach gerade das Garagentor schließen wollte. Als sie sie bemerkte, betätigte sie einen Schalter an der Innenwand und stoppte den Schließvorgang. »Guten Morgen, Frau Rossbach«, begrüßte Menkhoff sie, noch während sie auf sie zugingen. »Entschuldigen Sie bitte, dass wir Sie wieder stören müssen, aber wir haben noch ein paar Fragen an Sie. Sie kommen sicher gerade vom Einkaufen?«
»Ehm … nein. Nicht vom Einkaufen. Ja, also … gut, dann kommen Sie am besten gleich mit durch die Garage. Bitte.«
Sie folgten ihr durch einen kurzen Flur, von dem rechts eine Tür abging, und standen dann in der Diele. »Darf ich fragen, wo sie gerade hergekommen sind?«
Eva Rossbach war sichtlich irritiert, fast schien es, als fühle sie sich ertappt, und Menkhoff rechnete schon damit, dass sie ihm antworten würde, dass es ihn nichts angehe, wo sie herkam. Vielleicht hatte sie ja die Nacht bei einem Freund verbracht? Stattdessen erklärte sie knapp: »Ich komme vom Arzt«, und wandte sich ab, um Mantel und Tasche abzulegen. »Vom Arzt«, wiederholte Menkhoff. »Hoffentlich nichts Ernstes?«
»Nein, nichts Ernstes. Aber kommen Sie doch bitte mit ins Wohnzimmer. Sie sagten, Sie hätten noch Fragen an mich?«
Menkhoff tauschte einen Blick mit Reithöfer, bevor sie ihr folgten. Er wurde das Gefühl nicht los, Eva Rossbach fühle sich bei etwas ertappt, und er nahm sich vor, diesem Gefühl nachzugehen.
»Frau Rossbach«, begann Reithöfer, nachdem sie sich im Wohnzimmer gegenübersaßen und das Angebot einer Tasse Kaffee abgelehnt hatten. »Heute Morgen ist eine weitere tote Frau gefunden worden. Die Umstände waren ähnlich wie bei Ihrer Halbschwester, was darauf schließen lässt, dass wir es mit einem Serientäter zu tun haben. Wir kennen die Identität der Frau aber noch nicht.«
»Noch eine tote Frau? Das … ist ja schrecklich. Ist sie etwa auch …?«
»Ja, sie wurde ebenfalls in einer Kiste begraben. Und wahrscheinlich hat auch sie zu diesem Zeitpunkt noch gelebt.«
»Gott …«
»Frau Rossbach, haben Sie nahe weibliche Verwandte? Cousinen zum Beispiel?« Sie sah Menkhoff verständnislos an, und er erklärte: »Wir möchten einfach ausschließen, dass es bei diesen Verbrechen um Ihre Familie geht.«
»Nein, ich … Nein. Wieso …«
»Wir haben zu unserer Überraschung festgestellt, dass Sie neben Frau Glöckner auch einen Halbbruder gehabt haben«, warf Reithöfer ein, und Menkhoff sah, wie sich ein Schatten über Eva Rossbachs Gesicht legte. Innerhalb einer Sekunde wandelte sich der Ausdruck von Nervosität zu tiefer Trauer und Verletzlichkeit. Sie senkte den Kopf und sagte so leise, dass man sie kaum verstand. »Manuel. Er starb, als er sechs war.«
»Das haben wir gelesen.« In Reithöfers Stimme lag Mitgefühl. »Frau Rossbach, können Sie uns sagen, wie Manuel ums Leben gekommen ist?«
Sie reagierte erst nicht, und sowohl Menkhoff als auch seine Kollegin ließen ihr Zeit. Schließlich hob sie langsam die Schultern und ließ sie wieder sinken, eine Geste der Hilflosigkeit. »Er ist ertrunken.« Pause. »Meine …« Sie stockte, atmete tief durch und setzte erneut an. »Meine Stiefmutter war mit ihm und Inge auf dem Rhein in einem Paddelboot unterwegs. Sie sagte, Manuel hätte herumgespielt und seine Schwimmweste geöffnet, ohne dass sie es bemerkte. Irgendwann hat er sich dann zu weit über den Rand gelehnt und ist ins Wasser gefallen. Er hat die Schwimmweste verloren und ist untergegangen. So hat sie es jedenfalls geschildert.«
»Mein Gott, und dann?«, fragte Reithöfer. »Ist sie nicht hinterher gesprungen?«
»Nein, sie sagte, das ging nicht, weil die Strömung anscheinend zu stark war und ja Inge noch im Boot saß.« Menkhoff fiel auf, dass ihre Stimme sich veränderte, als sie den Namen ihrer Halbschwester aussprach.
»Aber wie hat man ihn dann … ich meine, ist er irgendwo ans Ufer gespült worden?«
Menkhoff konnte Eva Rossbachs Blick nicht deuten. War es Ärger, Wut oder gar Hass? »Nein. Er ist nie gefunden worden.«
»Was?«, entfuhr es Menkhoff. »Hat man keine Taucher eingesetzt?«
»Doch, aber die sagten, der Untergrund sei meist so schlammig … Es ist wohl schwer, dort einen kleinen Körper zu finden, selbst wenn er da irgendwo liegt.«
Menkhoff spürte Reithöfers Blick und wusste, was sie meinte. »Selbst, wenn er da liegt? Entschuldigen Sie, Frau Rossbach, aber das klingt fast so, als zweifelten Sie daran, dass Ihr Bruder dort ertrunken ist.«
Sie sah ihn mit feucht schimmernden Augen an. »Was? Nein … Nein, wie kommen Sie darauf? Das war nur so dahergesagt. Natürlich ist Manuel dort ertrunken. Ich meinte … vielleicht ist er ja abgetrieben. Flussabwärts. Das ist doch auch denkbar, oder?« Und einen Augenblick später wiederholte sie: »Oder?« Es hörte sich kläglich an.
»Ja, das ist natürlich denkbar«, erwiderte Menkhoff und verzichtete für den Moment darauf, nachzuhaken. »Frau Rossbach, ich muss noch einmal darauf zurückkommen, dass sie lange keinen Kontakt mehr zu Ihrer Halbschwester hatten. Auch Herr Wiebking senior hat uns gegenüber angegeben, Frau Glöckner seit Jahren nicht mehr gesehen zu haben. Wissen Sie, warum sein Sohn noch mit ihr in Verbindung stand?«
Die Überraschung war ihr deutlich anzusehen. »Jörg? Nein, ich wusste gar nicht, dass er noch Kontakt zu Inge hatte. Aber das geht mich auch nichts an.«
»Er hat sie vor nicht einmal zwei Wochen zu Hause besucht. Wir dachten, Sie hätten vielleicht eine Idee, was der Grund dafür gewesen sein könnte.«
»Nein, bestimmt nicht. Das muss er Ihnen schon selbst sagen.«
»Ja, wir werden ihn fragen. Es hätte ja sein können, dass Sie darüber Bescheid wissen. Nun gut. Darf ich Sie noch fragen, was der Grund für Ihren Arztbesuch heute Morgen war?«
»Ach das … Es geht mir im Moment nicht so gut, deswegen war ich bei einem Facharzt für Psychologie und Psychotherapie.«
»Ah, verstehe. Wenn jemand aus der Familie stirbt, geht das nicht spurlos an einem vorüber, auch wenn man lange keinen Kontakt mehr hatte, nicht wahr?«
»Ja, das stimmt«, sagte sie, und Menkhoff war sicher, dass Eva Rossbach in diesem Moment nicht ehrlich war.