60.

Als Frank Connor die Zentrale von Division betrat, wurde er von Peter Erskine begrüßt. »Frank, gut, dass Sie da sind. Seit einer Stunde klingelt das Telefon wie verrückt. Es gibt Neuigkeiten aus Islamabad. Wo haben Sie denn nur gesteckt?«

»Überall und nirgends«, entgegnete Connor, während er auf direktem Weg zu seinem Büro ging. »Was gibt’s denn so Dringendes?«

»Laut ISI hat auf Balfours Anwesen ein Feuergefecht stattgefunden.«

»Auf Blenheim? Machen Sie die Tür hinter sich zu. Ich höre.«

Erskine schloss die Tür zu Connors Büro und lehnte sich mit auf der Brust verschränkten Armen dagegen. »Die ISI hat noch immer einen Mann auf Balfour angesetzt, obwohl der Personenschutz abgezogen worden ist. Von ihm wissen wir, dass vor einer Dreiviertelstunde auf Balfours Grund und Boden die Hölle losgebrochen ist. Kleinkalibrige Waffen. Handgranaten. Panzerfäuste. Der Mann war zwar nicht auf dem Anwesen, aber von seinem Posten aus konnte er, wie er sich ausdrückte, den erbitterten kleinen Kampf beobachten.«

»Irgendwelche Hinweise, dass der indische Geheimdienst hinter dem Angriff steckt? Immerhin ist der RAW seit der Mumbai-Geschichte ganz wild darauf, Balfour in die Finger zu kriegen. Vielleicht haben sie davon Wind bekommen, dass er die Stadt verlassen will, und endlich den Mumm aufgebracht zu handeln.«

»Nein, keine. Es ist noch zu früh, um das sagen zu können.«

»War das etwa schon alles? Kleinkalibrige Waffen? Ein paar Handgranaten? Wie lang hat dieser erbitterte kleine Kampf denn gedauert?«

»Schwer zu sagen. Zwanzig Minuten vielleicht.«

Connor stellte seine Aktentasche auf dem Schreibtisch ab. »Verflucht noch mal. Wahrscheinlich hat Balfour nur ein paar Waffen vorgeführt.«

»Das glaube ich nicht. Angeblich sind zwei Krankenwagen auf das Gelände gefahren.«

Diese Information ließ Connor aufhorchen. »Tatsächlich? Zweifel ausgeschlossen?«

»Wir reden hier von Pakistan. Es könnten genauso gut auch Kleintransporter von irgendwelchen Handwerksbetrieben gewesen sein. Außerdem ist keiner der Wagen schnell und mit Blaulicht wieder davongefahren.«

»Was bedeuten könnte, dass es Tote gegeben hat.«

Erskine löste sich von der Tür und kam zum Schreibtisch herüber. »Haben Sie schon etwas von Jonathan Ransom gehört?«

»Er ist erst vor acht Stunden in Blenheim eingetroffen. Ich habe ihm geraten, sich so lange bedeckt zu halten, bis er etwas Konkretes herausgefunden hat. Finden Sie heraus, wo Oberst al-Faris gerade steckt, und verbinden Sie mich mit ihm. Wenn es unser Mann war, der das Zeitliche gesegnet hat, will ich Einzelheiten wissen. Versuchen Sie es bei ihm zu Hause, und wenn er nicht da sein sollte, versuchen Sie es bei seiner Geliebten.«

»Haben wir ihre Nummer?«

»Sie steht in den Akten«, erwiderte Connor. »Die Frau arbeitet für uns.«

Erskine wandte sich zum Gehen, blieb an der Tür jedoch stehen. »Ach übrigens, fast hätte ich es vergessen. Die Briten haben uns einen Hinweis auf Prinz Raschids geheimnisvollen Begleiter geliefert, nachdem wir ihnen eine Kopie von Emmas Foto gemailt haben. Sie wissen schon, den finsteren Typen am Hangar in Sharjah, den wir nicht identifizieren konnten.«

Connor musterte Erskine alarmiert. »Was ist mit dem Mann?«

»Vermutlich handelt es sich um Massoud Haq. Sultan Haqs älteren Bruder.«

»Das ist unmöglich. Massoud Haq sitzt in Gitmo, und zwar schon solange ich denken kann. Er war General der Taliban und Anführer einer berittenen Kampftruppe bei einem Angriff gegen ein Bataillon der 82. Luftlandedivision. Total durchgeknallt der Mann. Ein Fanatiker von der übelsten Sorte.« Connor schüttelte den Kopf. Allein der Gedanke an Massoud Haq jagte ihm einen Schauer über den Rücken. »Nein, die Briten müssen sich irren. Massoud Haq sitzt für den Rest seines Lebens hinter Gittern.«

Erskine schob seine Brille hoch. »Massoud Haq ist vor sechs Monaten entlassen worden«, sagte er. »Ich habe das überprüft. Die Freilassung wurde vom Justizministerium veranlasst.«

»Wie bitte?« Fassungslos ließ sich Connor auf seinen Schreibtischstuhl fallen. »Nicht schon wieder. Die Hälfte der Typen, denen wir hinterherjagen, haben vorher in Gitmo eingesessen. Ist den Idioten eigentlich klar, dass wir uns im Krieg gegen den Terror befinden? Zu meiner Zeit hat man Gefangene erst dann wieder auf freien Fuß gesetzt, wenn der Feind sich vollständig ergeben hatte.« Er legte eine Pause ein und musterte Erskine nachdenklich. »Seit wann genau wissen Sie das, Pete?«

»Die Antwort der Briten kam in Ihrer Abwesenheit.«

Connor hatte den Eindruck, dass Erskine ihm auswich, bohrte aber nicht weiter nach. Mit einer Handbewegung gab er zu verstehen, dass sie hier fertig waren, und Erskine verließ das Büro. Von seinem Platz aus beobachtete Connor, wie er an seinen Schreibtisch zurückkehrte. Im Stillen fragte er sich, wie lange Erskine tatsächlich schon über Massoud Haq Bescheid wusste. Demoralisiert und zutiefst verärgert öffnete er die Aktentasche und zog seinen Notizblock und das Blackberry heraus. Er durchforstete die eingegangenen Kurzmitteilungen, fand aber keine Nachricht von Danni. Kurzerhand wählte er die Nummer des Mossad in Herzliya und verlangte, sofort mit dem Chef des Geheimdiensts verbunden zu werden.

»Frank, wenn ich wüsste, wo Danni ist, würde ich es dir sagen. Sie hat sich frei genommen und kann überall stecken. Das Mädchen hat jede Menge Überstunden angesammelt, weißt du? In sechs Tagen ist sie wieder hier. Gönn ihr doch die Verschnaufpause, sie hat sie bitter nötig.«

Connor beendete das Gespräch und wählte eine andere Nummer, die zu einem Anschluss ganz in der Nähe gehörte: Fort Meade, Maryland, Sitz der National Security Agency, kurz NSA. Die NSA war zuständig für das Sammeln von Informationen aus dem weltweiten Telekommunikationsnetz. Mit anderen Worten, für das Abhören jeder erdenklichen Form der Telekommunikation, egal ob im Festnetz oder über Satellit. Dieses Gespräch dauerte nicht lange. Connor gab vier verschiedene Telefonnummern an und bat darum, alle unter diesen Nummern eingegangenen oder geführten Anrufe der letzten dreißig Tage zu überprüfen. Die Nummern gehörten zu Peter Erskines Privatanschluss, seinem Handy, seinem Dienst-Blackberry und seinem Faxanschluss zu Hause.

Verrat war eine ernste Angelegenheit, und Connor wollte kein Risiko eingehen, solange er keine handfesten Beweise vorweisen konnte. Bis dahin blieb ihm nichts anderes übrig, als Erskine nach Möglichkeit alle Informationen über Ransoms Suche nach dem Sprengkopf vorzuenthalten. Außerdem ging es hier nicht nur um Erskine. Er war nur ein kleiner Fisch in einer großangelegten Operation. Für Connor war es viel wichtiger herauszufinden, für wen er arbeitete, um dann die gesamte Operation zerschlagen zu können. Wenn er Erskine jetzt aus dem Verkehr ziehen ließe, würden seine Hintermänner alle Spuren verwischen und untertauchen. In sechs Monaten würde das gleiche Spiel wieder von vorn beginnen, mit neuen Spielern und anderen Decknamen, aber nach wie vor mit der teuflischen Absicht, Division und alle irgendwie damit verbundenen Geheimdienste zu vernichten.

Nach dem Telefonat mit der NSA führte Connor ein Gespräch mit einer Organisation, deren Sitz diesseits des Potomac gelegen war: dem Financial Crimes Enforcement Network, kurz FinCEN. Das FinCEN zählte zu den weniger bekannten Helden im Krieg gegen den Terror. Ursprünglich gegründet, um finanzielle Straftaten innerhalb der USA aufzudecken und zu verfolgen, war das Aufgabengebiet des FinCEN nach dem 11. September erheblich erweitert worden. Heutzutage zählte die Organisation zu den erfolgreichsten Akteuren im internationalen Kampf gegen das finanzielle Netzwerk des Terrors.

Nachdem Connor seinen Kontaktmann beim FinCEN begrüßt hatte, nannte er ihm Erskines Sozialversicherungsnummer und bat um eine umfassende Aufstellung von Erskines finanziellen Transaktionen in der letzten Zeit. Am meisten interessierten ihn Erskines Bankkonten. Alle Zahlungseingänge in den letzten sechs Monaten sollten genauestens unter die Lupe genommen und nach Möglichkeit zurückverfolgt werden, um an den Namen des oder der Auftraggeber zu gelangen. Anfragen wie diese gehörten zum Tagesgeschäft des FinCEN und wurden normalerweise innerhalb von vierundzwanzig Stunden erledigt.

Als das hausinterne Telefon klingelte, beendete Connor das Gespräch mit dem FinCEN-Kontaktmann. »Ja«, meldete er sich, nachdem er den Hörer abgenommen hatte.

»Ich habe Oberst al-Faris für Sie aufgetrieben.«

»Danke, Pete«, sagte Connor. »Stellen Sie ihn bitte durch.«

Es dauerte einen kleinen Moment, bis die Leitung stand.

»Frank, Nasser hier. Was kann ich zu dieser späten Stunde denn für meinen amerikanischen Freund tun?«

»Hallo, Nasser«, antwortete Connor. »Mich würde interessieren …« Doch noch bevor er den Satz beenden konnte, blieb sein Blick an etwas hängen.

Auf dem Computerbildschirm blinkte ein roter Cursor. Im nächsten Moment öffnete sich ein Fenster, in dem es hieß: »Remora 575 aktiv. Kopiere 1 von 2575 Dateien.« Darunter erschien eine IP-Adresse. »Verbleibende Zeit: 2 Minuten.«

»Frank … Bist du noch dran?«

»Heilige Muttergottes«, stieß Connor aus und konnte seinen Blick nicht vom Monitor losreißen. »Ich rufe dich in ein paar Minuten zurück.«

Remora 575 gehörte zu Jonathan Ransoms USB-Stick. Ungläubig und fasziniert sah Connor zu, wie die Dateien von Lord Balfours Festplatte nach und nach auf seinen Computer kopiert wurden.

Manchmal werden Gebete erhört, selbst wenn die Welt um einen herum im Chaos versinkt.