41.
Als Frank Connor die Nachricht von Crocketts Tod erfuhr, schien ihn das nicht sonderlich aus der Fassung zu bringen. Abgesehen von einem flüchtigen und kaum sichtbaren Zucken um die Mundwinkel, zeigte er keinerlei Emotionen. Er hatte in seinem Leben schon zu viele Schlachten geschlagen, um bei jedem Rückschlag sofort das Handtuch zu werfen. Eine Niederlage bedeutete noch lange nicht, dass die Gegenseite den Krieg gewonnen hatte und alles für ihn verloren war. Mit Peter Erskine an seiner Seite saß er in seinem Büro und lauschte gleichmütig dem Bericht des Hubschrauber-Crewchefs über die fehlgeschlagene Operation.
»Captain Crockett hat uns über Funk mitgeteilt, dass sich die feindlichen Kämpfer wahrscheinlich ganz in der Nähe versteckt hielten, bevor er bei der Explosion ums Leben kam.«
»Was war die Ursache für die Explosion? Landmine? USBV? Handgranate?«, hakte Connor nach. »Können Sie mir detailliertere Informationen geben?«
»Es war ganz sicher keine Landmine oder Handgranate«, erwiderte der Crewchef in der lang gezogenen Sprechweise der Texaner. »Wir standen direkt über ihm und haben ihn aufgefordert, unverzüglich wieder an Bord zu kommen. Die Flugbedingungen waren katastrophal, Mr. Connor. Etwa die Hälfte der Jungs hatte sich bereits übergeben, und Major McMurphy, unser Pilot, wollte so schnell wie möglich raus aus dieser Hölle. Als wir die bösen Jungs aufgespürt hatten, war schon über die Hälfte des Sprits verbraucht. Jedenfalls, während wir Crockett noch über Funk zum Rückzug auffordern, meldet er sich plötzlich und sagt, dass wir uns sofort aus dem Staub machen sollen. Er muss gewusst haben, in was für einem Schlamassel er steckte, denn drei Sekunden später flog dort unten alles in die Luft. Wenn Sie mich fragen, war es C4. Allein schon wegen der leuchtend orangen Farbe. Die verfluchte Druckwelle hat uns beinah vom Himmel geholt, ohne Scheiß.«
»Was meinen Sie mit: Dort unten flog alles in die Luft? Wo genau hielt sich Crockett denn zum Zeitpunkt der Explosion auf?«
»In einem Zelt, Sir. Habe ich das noch nicht erwähnt? Das war auch der Grund, weshalb er abgeseilt werden wollte. Weil dort oben mitten auf dem Berg ein verdammtes Zelt aufgestellt worden war.«
Connor tauschte einen vielsagenden Blick mit Erskine und sagte: »Er hat es tatsächlich gefunden.« Dann wandte er sich wieder an den Crewchef. »Hat Crockett Ihnen verraten, was in dem Zelt war?«
»Nein, Sir. Er hat überhaupt nichts gesagt, nur dass der Feind ganz in der Nähe sein musste.«
»Gab es denn irgendwelche Anzeichen dafür, dass die feindlichen Kämpfer sich zuvor dort oben aufgehalten hatten?«
»Die Wärmebildkamera hat etwa zwanzig Sekunden lang ein Signal gesendet, aber als wir zu der Stelle kamen, war nichts mehr davon zu sehen. Deshalb haben wir den Suchscheinwerfer angeschaltet, und da hat Crockett das im Wind flatternde Zelt entdeckt.«
»Konnten Sie herausfinden, ob das Wärmesignal von einem Menschen stammte?«
»Nein, Sir. Wie schon gesagt, es war eigentlich nur ein kurzes Aufflackern auf dem Monitor. Das hätte alles Mögliche sein können, aber welches Tier würde sich schon freiwillig in so einem Schneesturm vor die Höhle wagen? So verrückt ist nur ein gottverdammter Marine, das können Sie mir glauben.«
Oder meine beste Agentin, die wild entschlossen ist, eine Atombombe zu bergen, dachte Connor. »Ist Ihnen nach der Explosion dort unten noch irgendetwas Ungewöhnliches aufgefallen?«
»Nur das gigantische Feuer. Auch Crockett war verschwunden. Aber in dem Zelt muss irgendetwas gewesen sein. Der Hubschrauber wurde an der Unterseite von etwas Hartem getroffen. Als wir gelandet waren, fanden wir ein knapp acht Zentimeter großes quadratisches Stück Stahl, das sich in den Heli gebohrt hatte. Wenn das stattdessen den Rotor getroffen hätte, wären wir allesamt jetzt Toast.«
»Ein Schrapnell vielleicht?«, mutmaßte Erskine.
»Nein, Sir, kein Schrapnell. Das Stück war aus Walzstahl und mindestens zweieinhalb Zentimeter dick. Mehr kann ich Ihnen dazu nicht sagen.«
Connor bat den Crewchef, das Stahlstück aus dem Hubschrauber zu holen und per Kurier zum Hauptquartier von Division zu schicken. »Wie schnell können Sie mit einem neuen Einsatzteam auf den Berg zurückkehren?«
»Diese Entscheidung liegt bei Sergeant Major Robinson, aber zunächst einmal muss es aufklaren. Allerdings weiß ich nicht, wozu das gut sein soll. Wer auch immer dort oben war, ist inzwischen schon meilenweit weg.«
Connor beendete das Gespräch. In Nordvirginia war es inzwischen Spätnachmittag. Nachdenklich blickte er aus dem Fenster und stellte zum ersten Mal an diesem Tag fest, wie schön es draußen war. Als er aufstand, dachte er an Crockett und fragte sich, was der Marine wohl in dem Zelt entdeckt hatte.
»Sie hat die Bombe.«
»Woher wollen Sie das wissen?«, widersprach Erskine. »Keiner von uns weiß, was in dem Zelt war.«
»Hören Sie auf, den Advocatus Diaboli zu spielen, Pete. Ich habe seit sechsunddreißig Stunden nicht geschlafen und obendrein noch den Tod dieses Jungen auf dem Gewissen. Wenn es dort oben auf dem Berg ein Zelt gab, dann hat Emma es aufgebaut, als sie den Atomsprengkopf aus der Cruise Missile ausbaute. Danach hat sie sämtliche Beweise in den Orkus geschickt, genau wie ich vermutet habe. Manchmal frage ich mich, ob wir sie nicht zu gut ausgebildet haben.«
»Soll ich den Minister informieren?«
Connor drehte sich zu Erskine um. »Und was genau wollen Sie ihm sagen? Dass einer unserer Agenten zu den Terroristen übergelaufen und im Besitz einer Atombombe ist? Wenn ich das tue, ist das das Aus für Division. Nein, Pete, das ist ganz allein unsere Angelegenheit. Wir haben entschieden, die Sache selbst zu regeln, und wir werden das bis zum Ende durchziehen oder zumindest bis man uns die Sache aus der Hand nimmt. In diesem Fall traue ich niemandem sonst.«
Erskine runzelte missbilligend die Stirn. »Frank, ich glaube, dass es an der Zeit ist, die Sache an jemanden weiter oben in der Hierarchie, der mehr Ressourcen hat, abzugeben.«
»Diese Diskussion hatten wir bereits«, wehrte Connor ab. »Ressourcen brauchen Zeit, und die Zeit haben wir nicht.«
»Aber …«
Connor brachte Erskine mit einem einzigen Blick zum Schweigen. »Wir haben noch nicht all unsere Mittel ausgeschöpft.«
Erskine sank resigniert auf einen Stuhl. »Und was haben Sie als Nächstes vor?«
»Besorgen Sie mir sofort einen Flug nach Zürich. Ich muss mit Jonathan Ransom sprechen.«