50.
Am Sitzplatz von Frank Connor erkundigte sich keine hübsche Stewardess, ob er gerne noch einen Wodka oder ein Schälchen mit warmen Rauchmandeln hätte. Einsam hockte Connor in der dunklen Kabine eines geliehenen Learjets und stopfte sich den Rest eines Baby-Ruth-Schokoriegels in den Mund, den er anschließend mit einem Schluck Diät-Coke hinunterspülte. Unter ihm war nur die hell erleuchtete Landebahn des Dulles International Airports zu erkennen. Der Rest der Landschaft war in tiefe Dunkelheit gehüllt, denn hier in Virginia war es gerade mal zwei Uhr morgens.
Connor hätte allen Grund gehabt, vollkommen fertig zu sein. Seit sechsunddreißig Stunden war er nun schon auf den Beinen, und er hatte in den letzten zwei Wochen keine Nacht mehr als vier Stunden am Stück geschlafen. Doch er war hellwach und so voller Tatendrang wie ein Kriminalbeamter auf der Jagd nach seinem ersten Verbrecher. Allerdings war es bei ihm keine Nervosität, die ihn gleich nach der Landung die Treppen hinunter zu seinem Wagen eilen ließ, ohne sich zuvor beim Piloten zu bedanken. Was Connor antrieb, war das unangenehme Gefühl, dass er seiner Verantwortung immer weniger gerecht wurde, weil er inzwischen so zynisch und abgestumpft war, dass er dadurch seine Mitarbeiter in Gefahr brachte.
Seine Entscheidung, Ransom zu Balfour zu schicken, auch wenn dieser als Agent vielleicht noch nicht so weit war, hielt er nach wie vor für richtig. Eine Alternative dazu gab es nicht. Der Job musste gemacht werden, und Ransom war der einzige Kandidat, der dafür in Frage kam. Connor räumte ihm kaum mehr als eine zwanzigprozentige Chance ein, tatsächlich auf Informationen über die Bombe, die Emma vom Berg geholt hatte, und den mysteriösen Käufer zu stoßen. In Connors Geschäft bedeuteten zwanzig Prozent, auf einen Verlierer zu setzen. Doch was ihm besonders zu schaffen machte, war die Tatsache, dass er seinen neuen Agenten schon jetzt mehr oder weniger abgeschrieben hatte. Jonathan Ransom war schließlich noch nicht tot und verdiente es, dass Connor ihm das Unmögliche zutraute.
Nachdem er sich hinter das Steuer seines Volvo gesetzt hatte, lenkte er den Wagen auf die Autobahn in Richtung Washington, D. C. Um diese Uhrzeit waren nur wenige Fahrzeuge unterwegs. Connor wählte eine Nummer auf seinem Autotelefon.
»Sie sprechen mit dem wachhabenden Beamten am Empfang. Was kann ich für Sie tun?«, meldete sich eine männliche Stimme aus dem NGA-Gebäude.
»Verbinden Sie mich bitte mit Malloy. Richten Sie ihm aus, dass Frank Connor in der Leitung ist.«
»Einen Moment bitte.«
Connor trommelte ungeduldig mit den Fingern auf das Lenkrad und dachte darüber nach, wie er Malloy dazu bringen konnte, ihm noch einmal zu helfen. Er wusste nur zu gut, dass zwei Gefallen einer zu viel waren. Aber wenn er Malloy überreden könnte, Balfours Anwesen mit einem Satelliten zu beobachten, könnte er vielleicht sogar an eine Aufnahme von dem Sprengkopf kommen, sobald Balfour ihn von seinem Anwesen abtransportieren lassen würde. Ein solches Bild würde als Beweis für die Jungs da oben reichen, sie würden innerhalb von zehn Minuten alle Hebel in Bewegung setzen. Sobald das Bild im CENTCOM auf dem Schreibtisch des Oberbefehlshabers landete, würde niemand mehr warten, bis der Verteidigungsminister oder das Lagezentrum des Weißen Hauses die offizielle Genehmigung für weitere Aktionen erteilt hatten.
Bei der letzten Zählung hatte Pakistan über siebzig nukleare Marschflugkörper besessen, und der Gedanke, dass einer von ihnen in falsche Hände fallen könnte, beschäftigte die Militärstrategen nahezu unablässig. Eine abgängige Atombombe auf pakistanischem Territorium war ein Szenario, das schon mehrere hundert Male durchgespielt worden war. Dass ein schneller Eingreiftrupp der Delta Force für einen solchen Ernstfall dauerhaft in einem pakistanischen Militärstützpunkt in Rāwalpindi stationiert worden war, keine dreißig Minuten von Balfours Anwesen entfernt, war kein streng gehütetes Geheimnis.
»Mr. Connor? Mr. Malloy ist leider nicht im Haus. Kann ich Ihnen vielleicht weiterhelfen?«
»Er sagte aber, dass er heute Abend Dienst hat.«
»Das stimmt auch, aber er ist nicht aufgetaucht. Gestern hat er auch schon gefehlt. Es muss ihn wirklich heftig erwischt haben, denn er hat noch nicht mal angerufen, um sich krank zu melden. Sind Sie sicher, dass ich Ihnen nicht vielleicht doch helfen kann?«
»Danke für das Angebot«, sagte Connor, »aber ich fürchte, nein. Es geht um etwas Persönliches. Ich versuche es mal bei ihm zu Hause.«
Connor riss das Lenkrad herum und wechselte auf die rechte Fahrspur. An der nächsten Ausfahrt bog er auf den George Washington Memorial Parkway ab. Da er nachtblind war, musste er sich sehr auf das Fahren konzentrieren. Trotzdem hätte ihm die nagelneue Limousine, die ihm seit dem Flughafen in sicherem Abstand unübersehbar folgte und in diesem Moment sein waghalsiges Fahrmanöver nachmachte, auf keinen Fall entgehen dürfen.
An der Chain Bridge überquerte Connor den Potomac und folgte der Canal Road, die an den Straßenrändern von dürren Eichen gesäumt wurde, deren kahle Äste über der Straße eine Art Dach bildeten. Die Limousine blieb weiter hinter ihm. Als Connor das Wohnviertel von Malloy erreichte, parkte er sein Auto am oberen Ende der Straße, in der dieser wohnte.
Mit gemächlichen Schritten und tief in den Trenchcoattaschen vergrabenen Händen näherte er sich dem Haus. Darin brannte nirgendwo Licht, was zu dieser frühen Tageszeit aber nicht weiter verwunderlich war. Connor drückte auf die Klingel und trat einen Schritt von der Tür zurück, doch niemand öffnete. Kein Laut war im Haus zu hören, weder Stimmen noch Schritte. Nach zwei Minuten ging Connor bis zum Ende des Blocks und bog in die Seitengasse ein, die zur Rückseite der Reihenhäuser führte. Malloys Wagen parkte hinter seinem Haus neben einem anderen Wagen, der vermutlich seiner Frau gehörte. Eine stabil wirkende Treppe führte zur hinteren Veranda. Connor versuchte sein Glück an der Hintertür und stellte überrascht fest, dass sie nicht verschlossen war. Das war zu dieser nachtschlafenden Zeit mehr als ungewöhnlich, vor allem, wenn es sich um das Haus eines ehemaligen Navy SEAL und eines Mannes handelte, der in seinem Beruf mit vertraulichen Informationen zu tun hatte.
Mit der Hand auf dem Türknauf verharrte Connor regungslos auf der Stelle und lauschte auf verdächtige Geräusche im Haus. Aber außer seinem eigenen Herzschlag konnte er nichts hören. Entschlossen drückte er die Tür auf. Der Gestank traf ihn wie eine Keule am Kopf, sobald er die Küche betreten hatte. Hastig band er sich ein Tuch über Mund und Nase und stützte sich mit beiden Händen an der Spüle ab. Ein so abscheulicher Gestank war ihm noch nie zuvor unter die Nase gekommen: säuerlich, beißend, abstoßend und absolut penetrant. Vom Küchenfenster aus konnte Connor die Gasse überblicken, auf der er gekommen war. Im fahlen Licht des Halbmonds war sie still wie ein Grab.
»Malloy!«, rief Connor.
Totenstille.
Mit zögernden Schritten ging Connor zur Schwingtür, die zum Wohnzimmer führte. Er hatte keine Waffe bei sich. Unter normalen Umständen brauchte er auch keine, und er kannte sich gut genug, um zu wissen, dass er mit seinen Schießkünsten im Ernstfall eher sich selbst denn einen Angreifer verletzen würde. Mit einem leisen Knarren schwang die Tür auf, und Connor ging ins Wohnzimmer. Auf dem Tisch standen eine Dose Sodawasser und eine Schale Popcorn. Keine Spur von Malloy und seiner Frau. Connor stieg die Treppenstufen hinauf in den ersten Stock und stöhnte auf, als der Gestank stärker wurde.
»Malloy! Ich bin’s, Frank Connor. Bist du okay?«
Seine Stimme hallte von den Wänden wider, und Connor kam sich beim Klang seiner Worte wie ein Idiot vor. Vor der Schlafzimmertür blieb er stehen und zog sich das Stofftaschentuch noch einmal sorgfältig über Mund und Nase. Dann zählte er in Gedanken bis drei und öffnete die Tür.
Beim Anblick der beiden leblosen Körper brachte er nur noch ein »Mein Gott« über die Lippen. Der Gestank im Zimmer raubte ihm fast die Sinne. Nachdem er sich vom ersten Schock erholt hatte, wandte er sich immer noch fassungslos ab. Er hatte vielleicht nur eine Sekunde lang auf die übel zugerichteten Körper gestarrt, doch das reichte vollkommen aus, um zu bestätigen, was ihm schon beim Betreten des Hauses klar gewesen war. Malloy und seine Frau waren tot. Der Mörder hatte sie von der Kehle bis zum Schambein aufgeschlitzt, die Organe herausgerissen und auf dem Boden verstreut. Überall im Zimmer wimmelte es nur so von Maden.
Und für all das war allein er verantwortlich.
Jake Taylor »The Ripper« stand am Ende der Gasse und beobachtete den Hintereingang von Malloys Haus.
»Er ist jetzt im Haus. Was soll ich tun?«
»Im Augenblick nichts.«
Mit kalten Augen starrte der Ripper auf das Schlafzimmerfenster im ersten Stock. Er wusste genau, dass Connor in diesem Moment dort oben die Leichen finden und seine persönliche Handschrift bewundern würde. Tief im Inneren verspürte er den unbändigen Wunsch, seinem Kunstwerk noch Connors Leiche hinzuzufügen. Der Fettsack würde bestimmt quieksen, wenn er ihn mit dem Messer aufschlitzte.
»Wirklich nichts? Ich könnte reingehen und die Sache im Nu für Sie erledigen. Niemand wird etwas davon mitbekommen.«
»Im Moment können wir uns das noch nicht leisten. Wenn Sie Connor jetzt töten, war alles für die Katz.«
Der Ripper interessierte sich einen feuchten Dreck dafür, wem Connor noch wie nutzen konnte. Alles, was ihn interessierte, war der Moment, in dem das Messer tief in Connors Unterleib drang und er spürte, wie die Muskeln nach dem ersten Widerstand plötzlich nachgaben.
»Bleiben Sie an ihm dran, und erstatten Sie mir dann später Bericht.«
»Okay, Boss. Wie Sie wünschen.«
Der Ripper ließ sich nicht anmerken, wie sehr er es hasste, von einer Frau Befehle zu bekommen. Erst recht von einer dunkelhäutigen Schönheit wie ihr. Eines Tages sollte sie sein wahres Gesicht kennenlernen. Sein Messer und er würden bestimmt jede Menge Spaß mit ihr haben.