Audrey
Beim Nachtisch mit Apple Crumble ließ Maurice die Bombe platzen.
»Sie wissen vermutlich, warum es bisher niemandem bei Table For Two gelungen ist, die perfekte Frau für mich zu finden, oder?«, fragte er ganz unvermittelt.
»Nein«, entgegnete Audrey verdutzt.
Sie hätte nicht damit gerechnet, dass das Gespräch eine solche Wendung nehmen würde. Bisher hatte sie die meiste Zeit das Reden übernommen. Eigentlich hatte sie Maurice gar nicht so viel erzählen wollen, aber etwas an seiner Art hatte Audrey dazu gebracht, ihm rückhaltlos ihr Herz auszuschütten. Nach und nach hatte sie ihm alles gebeichtet: ihre unerfüllte Liebe zu John und ihre jahrelange Schauspielerei, sie seien miteinander verheiratet, weil sie sich es so sehr gewünscht hatte. Sie berichtete, wie Sheryl sie bloßgestellt und versucht hatte, sie aus dem Berufsverband der Partnervermittler zu drängen. Und sie erzählte ihm sogar, wie sie John und Alice beim Abendessen überrascht und später ihren geliebten Pickles getreten hatte. Und Maurice hatte ihr aufmerksam zugehört, ohne sie zu unterbrechen oder zu verurteilen. Als sie schließlich das Dessert bestellten, kam es Audrey vor, als sei ihr eine Zentnerlast von den Schultern genommen worden. Sie hatte alles ausgepackt und nichts verschwiegen. Und doch saß der Mensch, der nun so viel über sie wusste, ihr ohne einen Ausdruck von Mitleid, Abscheu oder Ekel gegenüber. Es war ein herrliches Gefühl.
»Nein«, wiederholte sie. »Ich habe mich noch nie ernsthaft gefragt, woran es liegt, dass wir die Richtige für Sie noch nicht gefunden haben. Ich bin davon ausgegangen, meine Mädchen seien schlicht und ergreifend …«
»Inkompetent?«, fragte er lächelnd.
»Tja, nun ja, ich denke schon«, gestand Audrey verlegen. »Und was meinen Sie, stimmt das?« Sie hielt den Atem an und wartete gespannt auf seine Antwort. Plötzlich merkte sie, wie viel ihr daran lag, etwas Gutes über ihre Mitarbeiterinnen zu hören.
»Ganz im Gegenteil«, erklärte er sehr sachlich. »Sie haben ihr Bestes gegeben, und vor allem Miss Brown hat sich sehr viele Gedanken gemacht über meinen speziellen Fall. Ihre Vorschläge waren …« – er suchte nach dem richtigen Wort – »sehr außergewöhnlich.«
Audrey spürte ein wohlig warmes Flackern in der Bauchgegend. War das etwa Freude? Stolz? Sie war sich nicht sicher, aber es tat merkwürdig gut zu hören, dass Maurice ihre Mädchen lobte. Vor allem Alice, deren Kündigungsschreiben noch immer in Audreys Manteltasche steckte. Sie hatte einfach nicht gewusst, wie sie ihr an diesem Morgen begegnen sollte. Nachmittags würde sie mit ihr reden müssen und sie auf die Kündigung ansprechen, ja, sie wohl sogar akzeptieren. Schließlich hatte sie das Mädchen seit Langem loswerden wollen. Aber nun, da sie endlich bekam, was sie sich immer gewünscht hatte – zumindest in geschäftlicher Hinsicht –, wusste sie nicht so recht, was tun. Erst jetzt ging ihr langsam auf, was für eine begnadete Partnervermittlerin Alice war. Könnte sie der Agentur zuliebe alles andere beiseiteschieben und sie bitten zu bleiben? Sie wusste es nicht.
»Sie sind eine harte Nuss.« Lächelnd schaute sie Maurice an. »Ein Mann, der weiß, was er will, und sich nicht mit weniger zufriedengibt. Eigentlich sind Sie ein bisschen so wie ich. Wir sind beide Perfektionisten. Mir war das bisher gar nicht klar, aber wir beide scheinen viele Gemeinsamkeiten zu haben.«
»Sehr viele«, bestätigte Maurice und schien plötzlich ein wenig nervös. »Vielleicht mehr, als Sie glauben. Und wo wir gerade dabei sind, die Karten auf den Tisch zu legen, ist es wohl auch an der Zeit, dass ich die Hosen runterlasse. Ich muss Ihnen etwas gestehen.«
Fragend schaute Audrey ihn an. Maurice holte tief Luft.
»Ich war leider nicht ganz ehrlich zu Ihnen, Audrey. Meine Beweggründe, bei Table For Two zu bleiben, waren moralisch nicht ganz einwandfreier Natur.«
Audreys Löffel hielt in der Luft zwischen Teller und Mund inne, und sie verzog das Gesicht zu einer verkniffenen Grimasse. »Ach Maurice, Sie sind doch nicht etwa … verheiratet …?« Ihre Stimme klang gepresst. Hoffentlich hatte er es nicht bemerkt.
»Nein, nein; nichts dergleichen. Was ich damit sagen wollte, ich fürchte, ich habe Sie auf eine unmögliche Mission geschickt. Sie alle haben in Ihrer Kundenkartei nach der perfekten Frau für mich gesucht, aber ich weiß ganz bestimmt, dass sie dort nicht zu finden ist.«
»Natürlich ist sie dort zu finden!«, entgegnete Audrey hastig. »Wir haben die beste Kundenkartei der ganzen Stadt. Was für eine Frau auch immer Sie suchen, wir vermitteln sie. Ich weigere mich, aufzugeben und die Waffen zu strecken, ganz besonders jetzt, nachdem Sie so freundlich zu mir waren. Ich habe Ihnen mein Wort gegeben, dass ich die Richtige für Sie finde, und das werde ich auch.«
»Werden Sie das?«, fragte Maurice. Seine Frage hing einen Moment in der Luft. »Tja, dann müssen Sie allerdings aufhören, in Ihrer Kundenkartei zu suchen, und stattdessen Ihre Gehaltsliste konsultieren.« Verlegen legte er seine Serviette zurecht.
Verblüfft schnappte Audrey nach Luft.
»Bianca?« Wieder klang ihre Stimme eigenartig gepresst. Irgendwie schien sich ihr Magen verknoten zu wollen, und das lag nicht am Apfelstreusel.
Doch Maurice wischte diese Vermutung mit einer Handbewegung beiseite. »Audrey, was glauben Sie eigentlich, warum ich jedem das Leben schwer gemacht habe, bis mein Fall schließlich Chefsache wurde und Sie sich meiner persönlich angenommen haben?«
»Ich, ähm …« Audrey wusste nicht recht, was sie darauf erwidern sollte. Es erschien ihr unverschämt und eingebildet, seine Aussage zu wiederholen, wonach sie die Beste sei.
»Weil Sie die perfekte Frau für mich sind«, platzte Maurice unvermittelt heraus und schaute ihr dabei tief in die Augen. »Sie sind eine umwerfende Frau: ein Flaggschiff Ihrer Art, die Queen Elizabeth 2 in einem Meer unscheinbarer Schlepper und schnöder Liniendampfer. Warum sollte ich mich für eine Frau wie Bianca interessieren? Oder für den nicht abreißenden Strom fader, immer gleicher Blondinen, die Ihre Mitarbeiterinnen für mich ausgesucht haben? Keine von denen hat auch nur einen einzigen interessanten Gedanken in ihrem hübschen Köpfchen. Keine von ihnen weiß, wie man ein Unternehmen leitet, ein Team managt, sich immer wieder auf die unzähligen einsamen Klienten einlässt und dabei jedem das Gefühl vermittelt, etwas ganz Besonderes zu sein. Seit ich Sie das erste Mal bei Ihrem Vortrag reden gehört habe, sind Sie die einzige Frau, die ich will.«
Ungläubig blinzelte Audrey ihn an. Hatte sie richtig verstanden? In den letzten Tagen hatte sie so viel Erschütterndes erlebt.
»Immer habe ich gehofft, es würde jemandem in der Agentur auffallen«, gestand Maurice mit einem schiefen Lächeln. »Kurz habe ich sogar geglaubt, Miss Brown sei mir auf die Schliche gekommen.«
Es wurde still.
»Maurice, Sie verblüffen mich«, erklärte Audrey nach kurzem Schweigen. »Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll.«
»Sagen Sie, dass Sie es sich überlegen werden.« Er beugte sich zu ihr vor. »Sagen Sie, dass Sie es nicht gleich rundweg von sich weisen oder sich hinter der erfundenen Regel verstecken, niemals mit einem Ihrer Klienten auszugehen. Sagen Sie, dass Sie ernsthaft darüber nachdenken werden.«
Audrey schaute ihn an. Sie merkte, wie verändert er aussah. Früher hatte sie ihn als Nervensäge abgetan, als aalglatten, aufgeputzten Lackaffen. Doch nun erschien er ihr plötzlich umsichtig und angenehm altmodisch. Er war kein Jammerlappen; er war ein guter Zuhörer. Ein guter, mitfühlender, aufmerksamer Zuhörer. Alle hatten ihn missverstanden, in erster Linie sie. Und nun fragte sie sich, wie um alles in der Welt ausgerechnet sie – sie, die sich rühmte, alles über das verzwickte Verhältnis von Männern und Frauen zu wissen – das nicht gemerkt hatte: Maurice war ein echter Gentleman.
»Ja«, hörte sie sich sagen. »Ich verspreche Ihnen, ich denke darüber nach.«
Und ertappte sich dabei, wie sie sein Lächeln erwiderte.
Dann griffen beide zum Löffel und aßen ihren Apple Crumble.