Audrey

115573.jpg

Wie blind starrte Audrey nach vorne, während John den Audi nach Hause steuerte. Das gedämpfte Motorengeräusch vermittelte ein trügerisch friedliches Gefühl. Keiner von beiden hatte auch nur ein einziges Wort gesagt, seit sie vor zehn Minuten in den Wagen gestiegen waren. Erst jetzt, als ihr Zorn auf Sheryl langsam verrauchte und auch die Empörung sich legte, von Präsident Ernie verraten und verkauft worden zu sein, merkte Audrey, wie aufgebracht John war. Keine Spur von ihren sonst so unbeschwerten Unterhaltungen. Stattdessen fuhr er in frostigem Schweigen, mit gerunzelter Stirn und unergründlicher Miene durch die Nacht. Audreys Wut verwandelte sich augenblicklich in Panik. John war doch nicht etwa wütend auf sie? Er war nie wütend. Sie kannte ihn nur ruhig und freundlich. Ihr Mund wurde trocken, und ihr Magen krampfte sich zusammen.

Vorsichtig räusperte sie sich und setzte an, etwas heiter Belangloses zu sagen, aber ihr wollte partout nichts einfallen. Stattdessen saß sie wie versteinert da und beobachtete niedergedrückt seine Hände am Steuer. Mit jeder Lenkbewegung kamen sie näher zu ihr nach Hause, und mit jedem Druck aufs Gaspedal rückte auch das Ende des Abends ein bisschen näher.

Audrey wurde übel. So lange hatte sie sich auf diesen Abend gefreut – ihn regelrecht herbeigesehnt. Dann war irgendwas schrecklich schiefgelaufen. Und was immer das auch war, es war Sheryls Schuld.

Allzu bald waren sie bei ihr zu Hause angekommen. Mit einem flauen Gefühl im Magen bemerkte Audrey, dass John den Motor nicht abstellte, seinen Gurt nicht löste und sich auch nicht zu ihr umdrehte. Es war vorbei, dachte sie verzweifelt. Der Abend war vorbei. Keine kostbaren Minuten mehr, die sie genießen konnte. Und daran würde sich in den kommenden Monaten auch nichts ändern – so lange nicht, bis sich ein entsprechender beruflicher Anlass ergab, und das konnte eine halbe Ewigkeit dauern.

»Kaffee?«, fragte sie panisch.

»Nein.« Er seufzte schwer. Ein unbehagliches Schweigen machte sich breit. »Sie haben mich heute Abend überrascht, Audrey.«

»Ich?«

»Ich … ich wusste gar nicht, dass Sie so sind.«

»Wie, so?«, wollte Audrey wissen und fühlte sich plötzlich ganz klein. Johns Augen waren starr auf einen Punkt jenseits der Windschutzscheibe gerichtet.

»So … hart. So vollkommen ohne jedes Mitgefühl.«

»Das war Sheryls Schuld«, beeilte sich Audrey zu sagen. »Sie hat mich absichtlich provoziert. Das tut sie immer.«

»Nein, das lag nicht an Sheryl. Ach, vergessen Sie es einfach. Ich sollte so etwas gar nicht sagen.«

»Was sollten Sie nicht sagen?«

Er blieb stumm.

»Bitte … ich möchte es wissen. Ich muss einfach wissen, was Sie gedacht haben!« Doch sie hatte die Worte kaum ausgesprochen, da kamen ihr schon Zweifel, ob sie die Antwort wirklich hören wollte. Alles lief falsch. So sollte die Geschichte nicht enden. Atemlos wartete sie darauf, dass er etwas sagte.

Doch John schaute eine lange Zeit einfach nur geradeaus.

»Tut mir leid«, sagte er schließlich, »aber ich muss morgen früh raus.«

Audrey nickte wie benommen. Das war das Stichwort.

Linkisch tastete sie nach dem Türgriff, während sie insgeheim hoffte, er würde es sich doch noch einmal anders überlegen und sie mit seinem unwiderstehlichen Lächeln anstrahlen, bei dem er Fältchen um die Augen bekam und ihr Magen einen Purzelbaum schlug. Doch sein Blick war stur auf die Straße gerichtet.

Also stieg Audrey aus dem Wagen, murmelte ein leises, zerknirschtes »Danke« und schloss dann behutsam die Tür. Zögerlich ging sie die Einfahrt entlang und setzte im Schneckentempo einen Fuß vor den anderen, noch immer darauf hoffend, dass er sie zurückrief, ihr hinterherlief, hupte, irgendwas. Doch sie war noch nicht an der Haustür, da hörte sie seinen Wagen schon losfahren, und nur das schnurrende Geräusch des Motors hing noch einen Augenblick in der Abendluft.

Mit zitternden Händen holte sie den Hausschlüssel aus der Tasche. Und dann war sie in ihrer Wohnung, die Tür war hinter ihr ins Schloss gefallen, und John war nicht mehr da.

Sie ging geradewegs ins Schlafzimmer. Pickles lag schlafend auf dem Bett und regte sich kaum, als sie hereinkam. Langsam trat sie vor den bodentiefen Spiegel und schaute hinein. Sie wollte sich selbst betrachten – nicht so wie sonst, wenn sie sich vergewisserte, dass ihr Rock gerade saß und dass sie keinen Lippenstift an den Zähnen hatte. Nein, diesmal wollte sie sehen, was John gesehen hatte. Sie wollte sich sehen: Audrey Cracknell, die Klientin, die Frau.

Sie schaute. Und schaute.

Dann öffnete sie den Reißverschluss ihres Kleides, ließ es am Körper heruntergleiten und machte einen Schritt heraus. Sie streifte die Schuhe ab und stellte die geschwollenen Füße auf den flauschigen Teppichboden.

In Unterwäsche, Strumpfhose und Make-up stand sie da. Und schaute wieder hin.

Was sie da sah, gefiel ihr nicht.

Über der zweckmäßigen Unterwäsche wölbte sich der Bauch, und ihre Oberschenkel klebten von der Leiste bis zu den Knien fest aneinander, was ihrer Silhouette etwas Weiches, Eiförmiges verlieh. Sie hatte so gar nichts von Sheryls hartem, durchtrainiertem Körper. Selbst ihre Brüste, die es, was die Größe anging, durchaus mit Sheryls aufnehmen konnten, waren schlaff und unförmig. Sheryls Vorbau glich zwei prall gefüllten Ballons, die einladend waren wie ein Daunenkissen, auf das jeder Mann gerne seinen Kopf betten wollte. Audreys Brüste dagegen erinnerten mehr an zwei knubbelige Kartoffeln, die man in ein Paar Tennissocken gestopft hatte.

Dann wanderte Audreys Blick zu ihrem Gesicht. Ihre Haare – zu Beginn des Abends, als sie das Haus verlassen hatte, tadellos frisiert – standen wirr und kraus in alle Richtungen ab und waren so flammend orangerot wie nie. Mitten auf der Stirn prangte ein kleiner roter Fleck von dem desaströsen Unfall mit Johns Musikantenknochen. Ihr Mund war schmal, so schmal, dass er kaum zu sehen war, und die Lippen waren viel zu dünn und zu verkniffen, als dass sie jemand würde küssen wollen.

So ist das also, dachte sie. Das bin ich. Plötzlich drohte es sie zu überwältigen. Vor der Frau im Spiegel gab es kein Entkommen. Das war sie, Audrey Bridget Cracknell. Einundfünfzig Jahre alt, 80 Kilo; ein Arbeitstier, eiserner Wille gekleidet in Stützmieder. Konnte man mit diesem Körper ein silbernes Kleid tragen? Konnte man mit diesem Körper Männer bezirzen, damit sie schützend für einen in die Bresche sprangen? Kein Wunder, dass John sich aus dem Staub gemacht hatte. Er konnte jede Frau haben, die er wollte. Warum sollte er sich da ausgerechnet für sie entscheiden?

Pickles auf dem Bett reckte sich kurz, gähnte, leckte sich die Pfoten und schlief wieder ein.

Vor dem Spiegel formte sich in Audreys Augenwinkel eine kleine schimmernde Träne. Irgendwann viel später, als schließlich die kühle Nachtluft ihr Elend durchdrang, zog sie ihr Nachthemd an und ging ins Bett.