Kate

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Kate war überpünktlich, als sie das Café betrat und sich an einen Ecktisch setzte. Es war beinahe Viertel vor vier nachmittags, und in dem Laden wimmelte es nur so von Eltern, die ihre Kinder gerade von der Schule abgeholt hatten und ihnen nun zur Feier des Tages ein Stückchen Kuchen spendierten. Kleine, aufgeregte Gesichter ließen mit ihrem feuchtwarmen Atem die Scheiben der Kuchentheke beschlagen, während sie mit der Entscheidung rangen, für welche der klebrigen Köstlichkeiten sie sich entscheiden sollten. Kate musste lächeln angesichts dieser süßen Qual der Wahl; wie penibel die Kleinen doch glasierte Donuts gegen Schokoladeneclairs aufwogen.

»Ich muss mich beeilen«, ermahnte sie sich streng.

Es war nicht so, dass sie ihre biologische Uhr nur in solchen Momenten ticken hörte; vielmehr war es eine unaufhaltsam aufsteigende Panik, die sich in ihr ausbreitete und das Gefühl mit sich brachte, dass die Zeit ihr unaufhaltsam zwischen den Fingern zerrann. Fast kam es ihr so vor, als würde irgendwer irgendwo sie auslachen. Und dabei langsam, aber stetig ihren Lebensplan an den Reißwolf verfüttern. Lous ständigen Erinnerungen zum Trotz: Sie war nicht bloß dreiunddreißig Jahre alt; sie war dreiunddreißig Jahre, fünf Monate und eine Woche alt. Himmel, sie war beinahe dreiunddreißigeinhalb. Allmählich wurde es ernst; bis zum Fünfunddreißigsten waren es nur noch fünfhundertneunundsechzig Tage. Wenn sie auch nur einen einzigen Moment verschwendete, würde ihr die Zeit davonlaufen. Beliebte Veranstaltungsorte wären ausgebucht, womöglich müsste sie die Feierlichkeiten auf das Standesamt beschränken. Aus zwei Kindern würde eins werden – oder womöglich gar keins mehr. Alice musste dringend etwas tun, und zwar schnell.

Drei ganze Wochen war es inzwischen her, seit Kate sich bei Table For Two angemeldet hatte, und bisher hatte sie erst zwei Verabredungen gehabt. Ihr dauerte das alles viel zu lange. Ihr Date mit Sebastian war die reinste Katastrophe gewesen, und das mit Michael war auch nicht viel besser gelaufen. Sie hatte zwar damit gerechnet, ein paar Frösche küssen zu müssen, selbst mit Alice als vorgeschaltetem Froschfilter, aber wenn das so weiterging, würde es Monate dauern, bis sie endlich einen neuen Freund hätte. Sie musste unbedingt einen Gang hochschalten. Alice sollte zwei Verabredungen pro Woche für sie arrangieren – oder drei!

»Hallo.« Alice stand unschlüssig vor ihrem Tisch. Sie wirkte blass und müde, Kate hatte sie gar nicht hereinkommen sehen. Rasch stand sie auf und begrüßte sie.

»Alice! Danke, dass Sie hergekommen sind. Möchten Sie einen Tee?«

Kurz darauf hatten beide Frauen eine dampfende Teetasse vor sich auf dem Tisch. Kate kam ohne Umschweife zur Sache.

»Sollen wir gleich loslegen?«, unterbrach sie Alice, während sie einmal kurz Luft holte. »Ich habe nämlich schon einen Vorschlag für Ihre nächste Verabredung: Hier ist er, Kandidat Nummer drei!«

Und damit zog sie ein Blatt Papier aus der Tasche. Begierig überflog Kate die Einzelheiten. Kandidat Nummer drei hieß Harvey. Auf dem Bild bekam er zehn von zehn möglichen Punkten für gutes Aussehen, und ein kurzer Blick auf seinen Steckbrief zeigte, dass er regelmäßig luxuriöse Fernreisen unternahm und einen Maserati fuhr. Alles sehr vielversprechend.

»Ich wollte Sie allerdings noch etwas fragen«, unterbrach Alice’ Stimme Kates Träumerei. »Und zwar bezüglich Ihrer Auswahlkriterien.«

»Ja?« Kate legte die Unterlagen beiseite.

Alice druckste herum. »Nun ja … ich habe mich gefragt, ob Sie die womöglich noch mal überdenken möchten?«

»Wie meinen Sie das?«, fragte Kate, bei der bereits die Alarmglocken klingelten.

»Na ja, suchen Sie immer noch den Mann, den Sie anfangs beschrieben haben?«

»Aber selbstverständlich!« Worauf wollte Alice denn da hinaus? Wollte sie damit etwa sagen, sie sei nicht gut genug für die Sebastians oder Michaels dieser Welt? Hatten die sich womöglich bei ihr beschwert? Hatten sie behauptet, Kate sehe nicht gut genug aus? Oder sei zu dick? Ihr schnürte es die Kehle zu.

»Sie suchen also immer noch einen großen, gut aussehenden, dunkelhaarigen Mann?«

»Ja.«

»… mit ausgeprägtem Kinn und blauen Augen?«

»Ja!«

»… der im gehobenen Management arbeitet, regelmäßig verreist und ein schönes Auto fährt? Jemand, der sportlich ist und einen durchtrainierten Körper hat?«

»Ja, ja!« Kate hörte, wie ihre Stimme immer schriller wurde. »Warum fragen Sie das alles?« Forschend schaute sie Alice ins Gesicht. Wollte sie ihr womöglich sagen, sie müsse ihre Ansprüche zurückschrauben? Sollte das heißen, für so einen Mann war sie nicht gut genug?

Alice errötete und stellte ihre Teetasse ab. Ihren rosigen Wangen zum Trotz wirkte sie nach wie vor blass und mitgenommen.

»Ich wollte mich nur vergewissern, dass ich auf der richtigen Spur bin.«

Kate überkam eine Woge der Erleichterung.

»Ja, das stimmt schon alles. Genau so einen Mann suche ich!«

»Sie würden also niemanden in Erwägung ziehen, der, sagen wir, beispielsweise etwas weniger verdient oder ein oder zwei der anderen Kriterien nicht erfüllt?«

»Ähm …« Kate war irritiert. Fast kam es ihr vor, als sei das ein Test. Sie versuchte zu lachen. »Natürlich weiß ich, dass man kein besserer Mensch ist, nur weil man reich und gut aussehend ist. Geld ist bestimmt nicht alles. Aber es ist doch so: Na ja … kleine Mädchen wollen immer einen Märchenprinzen heiraten, oder? Und nicht den Müllmann. Nichts gegen Müllmänner, es ist bloß … na ja … ein Müllmann gehört einfach nicht in meine Lebensplanung.« Sie lächelte matt.

»Okay.«

Kate entspannte sich wieder.

»Dann suche ich also weiter. Wie gehabt, ja?«

»Ja!«, rief Kate mit absoluter Überzeugung. Doch insgeheim war sie sich da gar nicht so gewiss. Noch mal so ein Date wie mit Sebastian und Michael? Diese Verabredungen waren schrecklich gewesen, obwohl beide Männer sämtliche ihrer Auswahlkriterien erfüllt hatten. Vielleicht hatte sie aber auch nur Pech gehabt. Sebastian und Michael wirkten auf dem Papier perfekt, waren in Wirklichkeit aber nicht die Richtigen. Doch das musste ja nicht gleich heißen, dass alle großen, dunkelhaarigen, gut aussehenden Männer Nieten waren. Denn genau so jemanden suchte sie! Groß, dunkelhaarig, gut aussehend und mit einem schicken Auto. Und einem dicken Bankkonto. Und schönen Zähnen.

»Ja«, wiederholte sie, nahm ihre Teetasse und schaute Alice an. »Wie gehabt, bitte.«