Audrey
Den Arm bei John untergehakt rauschte Audrey hocherhobenen Hauptes in den Town and Country Golf Club. Die petrolblaue Ballrobe schmiegte sich raschelnd um ihre Knöchel. In ihrer Vorstellung legten John und sie einen beeindruckenden Auftritt hin: sehr distinguiert und fast schon hoheitsvoll. Sie bildete sich gerne ein, die anderen Mitglieder des Verbandes betrachteten sie als herausragende Persönlichkeiten in der Welt des Liebeswerbens. Sie waren ein Paar, das sich in gereifter Liebe zugetan war, und nichts an ihnen erinnerte an die überschwänglichen Liebesbekundungen frisch verliebter Pärchen – nein, sie beide verband eine tief empfundene, diskret offenbarte, spät erblühte Liebe wie, sagen wir, die von Charles und Camilla. Im Laufe der Jahre hatte Audrey eine kleine Schwäche für Camilla entwickelt. Zugegeben, sie war nicht unbedingt ein Bild von einer Frau, aber sie war stets gepflegt und ansprechend gekleidet. Man sah ihr an, dass sie sich große Mühe gab.
An Johns Arm, der sie zur Bar führte, nickte Audrey im Vorbeigehen den verschiedenen Mitgliedern des Verbandes herablassend zu. Neben ihm fühlte sie sich wie eine echte Frau. Zu keiner anderen Zeit strahlte sie so von innen heraus. Sie spürte die pulsierende Energie an dem Punkt, wo sein Smoking ihren Arm berührte. Heute war ein Festtag wie Geburtstag, Weihnachten und Ostern zusammen. An diesem Abend war sie nicht bloß Audrey, sie war ein Teil von Audrey und John.
Urplötzlich schob sich eine dicke schwarze Wolke vor ihre Sonne, und Audrey runzelte die Stirn. Warum nur musste Sheryl Toogood ihr jetzt schon über den Weg laufen? Und was um Himmels willen hatte diese unmögliche Person da an?
Audrey brauchte einen Moment, bis sich ihre Augen an den spektakulären Anblick gewöhnt hatten, den Sheryls Garderobe bot. Sie sah aus, als hätte man sie in das tief ausgeschnittene silberne Glitzerkleid hineingegossen, zu dem sie Stilettos mit transparentem Acrylabsatz und eine silberne Clutch trug. Außerdem schillerte sie nur so vor aufdringlich funkelnden Diamanten, die einzigen Farbkleckse an ihr waren die fuchsiafarbenen Fingernägel und die farblich darauf abgestimmten glänzenden Lippen. Audrey schürzte die dezent korallenroten Lippen. Sie fand, dass Sheryl aussah wie ein billiges Revuegirl aus Las Vegas. Oder bestenfalls wie ein falscher Kristalllüster.
Wie Audreys Blick so abschätzig an Sheryl herunterwanderte, blieb er an ihrem Rumpf hängen. In diesem Bereich war ihr Kleid nicht aus schillerndem Stoff, sondern aus durchsichtigem Chiffon. Sheryl ging sozusagen bauchfrei! Audrey war völlig entgeistert. Ab einem gewissen Alter sollte niemand, aber auch wirklich niemand, mehr bauchfrei herumlaufen! Audrey wusste zwar nicht so recht, ab welchem Alter diese Regel galt, und sie konnte sich noch vage daran erinnern, dass diese Mode sich vor einigen Jahren unter jungen Damen großer Beliebtheit erfreut hatte. Aber dennoch, sollte sie ein konkretes Alter benennen, ab wann man seinen Bauch lieber nicht mehr nackt in der Öffentlichkeit zeigen sollte, dann würde sie wohl sagen, acht. Ein Gefühl siegesgewisser Zufriedenheit überkam Audrey. Sheryl hatte es vermasselt. Sie sah einfach unmöglich aus! Sollte sie sich irgendwelche Hoffnungen gemacht haben, ihre Barbie-Klauen nach John ausstrecken zu können – und es stand außer Frage, dass sie genau das beabsichtigt hatte –, so hatte sie diese mit einem Schlag selbst zunichtegemacht.
»Ach, Sheryl!«, flötete Audrey. »Fast hätte ich dich für einen Rauschgoldengel gehalten!«
»Aber Auuuuudrey«, säuselte Sheryl. »Das Kleid steht dir noch genauso gut wie letztes Jahr!«
Beschämt spürte Audrey heiße Röte ihren Nacken hinaufkriechen. Eine giftige kleine Pause entstand, dann sprang John ritterlich für sie in die Bresche.
»An einem Klassiker gibt es nun mal nichts zu verbessern«, versicherte er ihr und wandte sich dann höflich an Sheryl. »Wie schön, Sie wiederzusehen, Sheryl. Audrey hat mir erzählt, dass Sie den heutigen Abend organisiert haben. Sicher hatten Sie alle Hände voll zu tun.«
»Ach, John, und wie«, bekräftigte Sheryl, »aber ich habe wie immer alles im Griff. Dennoch hätte es nicht geschadet, wenn es bei Love Birds ein klitzekleines bisschen ruhiger zugegangen wäre!« Und dabei tippte sie ihm anzüglich mit einem knallpinken Fingernagel auf die Brust. Audrey trug zwar keine Brille, hätte aber schwören können, dass Sheryl beim Reden die Brust rausstreckte. »Das Geschäft ist wirklich durch die Decke geschossen. Wissen Sie, wenn wir heute nicht den Preis für die Agentur des Jahres gewinnen, dann fresse ich meine Tiara!«
»Tja, das werden wir ja dann sehen«, fiel Audrey ihr brüsk ins Wort. Dann drehte sie sich wieder zu John, um sich zu vergewissern, dass sein Blick nicht an der glitzernden Ms Toogood kleben geblieben war. »Darling, habe ich dir eigentlich schon erzählt«, setzte sie an und versuchte, das »Darling« ganz beiläufig klingen zu lassen, wobei es allerdings selbst in ihren Ohren irgendwie seltsam klang, »dass wir in diesem Quartal die höchsten Gewinne aller Zeiten eingefahren haben? Und Präsident Ernie hat Table For Two in der jüngsten Ausgabe des Verbands-Newsletters als Tempel der Vortrefflichkeit bezeichnet und als eine der letzten Bastionen der Partnervermittlungsagenturen, die noch Wert auf geschätzte Traditionen wie Kundenservice und Diskretion legen … Oh!« Etwas ließ sie aufschrecken, sodass sie ihre Ausführungen unterbrach – Alice war soeben hereingekommen und hatte sich etwas schüchtern zu ihnen gesellt. »Alice!«, rief Audrey konsterniert. »Sie sehen ja …«
»Heiß aus!«, rief Sheryl und pfiff anerkennend durch die Zähne.
Die beiden Damen ließen ihre Feindseligkeiten für einen Moment ruhen, um Alice unter die Lupe zu nehmen. Audrey stand mit heruntergeklappter Kinnlade da, während Sheryl Alice eingehend musterte und abschätzte wie ein Preisboxer seinen Gegner. Mehrere lange Sekunden vergingen. Vergeblich suchte Alice nach einem neutralen Fleckchen, das sie anstarren konnte.
»Alice!«, meldete John sich da unvermittelt zu Wort und brach damit abermals das unangenehme Schweigen. »Ich bin John. Wie nett, Sie endlich kennenzulernen.« Herzlich gab er ihr die Hand. »Audrey hat mir schon so viel von Ihnen erzählt.«
»Oh!«, entgegnete Alice verschüchtert. »Danke. Ich freue mich auch, Sie kennenzulernen. Wir sind alle ganz beeindruckt, was für hübsche Blumen Sie Audrey immer schicken.«
Audrey sah die Verwirrung in Johns Gesicht aufflackern.
»Tja, also, wie ich sehe, haben Sie gut hergefunden«, unterbrach sie die beiden.
Sheryl taxierte Alice immer noch. »Seht, seht!«, erklärte sie anerkennend. »Was sind Sie doch für ein stilles Wasser, Misssss Brown. Auf Sie wird man in Zukunft wohl ein Auge haben müssen.« Und damit bedachte sie Alice mit etwas, das man wohl nur als »den Blick« bezeichnen konnte.
Audrey blinzelte verständnislos. Sie hatte keine Ahnung, was dieser »Blick« bedeuten sollte, sie wollte John nur so schnell wie möglich aus Sheryls Reichweite bringen.
»Tja, lassen Sie sich von uns nicht aufhalten, Sheryl. Sicher haben Sie mehr als genug zu tun.«
Endlich riss Sheryl ihren Blick von Alice los. »Wissen Sie was, Audrey«, sagte sie zuckersüß, »da haben Sie ausnahmsweise mal Recht! Ich muss mich darum kümmern, dass Lucy Lucinda …« – sie warf John ein Lächeln zu – »… unser prominenter Stargast, alles hat, was sie braucht. Sie wissen schon, das Glas nachfüllen, die Kissen aufschütteln, das Botox anreichen. Ich habe den armen Brad dazu verdonnert, sich um sie zu kümmern, er ist ein Schatz. Sie war ganz hin und weg von ihm; sicher hat sie ihn schon mit Haut und Haaren verspeist!« Mit provokativ herausgestreckter Brust wandte sie sich an John. »John, wie immer war es mir ein Vergnügen, Sie zu sehen! Audrey, möge die Bessere gewinnen!« Und damit rauschte sie von dannen.
»Möge was gewinnen?«, dachte Audrey düster und krallte sich ohne nachzudenken noch fester an Johns Arm.
Eine Kellnerin mit einem Tablett voller Gläser ging an ihnen vorbei. John ließ sich zwei Gläser Champagner für die Damen geben, und erst da erinnerte Audrey sich wieder an Alice. Die stand linkisch da und schien krampfhaft zu überlegen, was sie sagen sollte.
»Bestimmt hat Table For Two dieses Jahr gute Chancen, den Preis für die Agentur des Jahres zu gewinnen«, stammelte sie hilflos.
»Gute Chancen?«, zischte Audrey aufgebracht. »Wir haben wesentlich mehr A- und B-Klienten als Sheryl. Ihre Kundschaft ist zweifellos deutlich weniger hochklassig.«
»Ich wusste gar nicht, dass so etwas in die Bewertung eingeht«, erklärte Alice naiv.
»Natürlich geht das in die Bewertung ein!«, spottete Audrey. »Klasse ist immer ein wichtiges Kriterium.« Und damit strahlte sie John an und ließ es zu, dass sich ein bedeutungsschwangeres Schweigen über die kleine Gruppe legte.
Alice verstand den Wink.
»Sicher haben Sie mich nicht wegen der Gratisgetränke eingeladen. Ich werde mich ein bisschen umsehen und mit den Leuten reden. Es war nett, Sie kennenzulernen, John.« Höflich lächelte sie ihn an, drehte sich dann um und verschwand in der Menge. Im Weggehen fiel Audreys Blick auf ihren bloßen Rücken; schlank, trainiert und erstaunlich jugendlich sah er aus in dem schwarzen Satinkleid. Und … sexy.
»Ach!«, rief sie erstickt.
»Ist irgendwas, Audrey?«, erkundigte sich John besorgt.
»Alles bestens«, entgegnete sie verkniffen und dirigierte ihn in eine stille Ecke, wo die Gefahr, dass ihn verlockende Aussichten ablenkten, wesentlich geringer war.
Drei Gläser Champagner später rief der Zeremonienmeister zum Essen in den großen Speisesaal. Audrey hatte es immer schon ziemlich anmaßend gefunden, dass ein Golfclub seinen Speisesaal die »Große Halle« nannte. Aber da sie sich heute Abend in ihrem Lieblingskleid wie ein Filmstar fühlte, als John ihr sanft die Hand auf den Rücken legte, um sie an den Tisch zu führen, beschloss sie, großzügig darüber hinwegzusehen.
Sie musste sich regelrecht dazu zwingen, ganz ruhig weiterzuatmen, so heiß spürte sie Johns Berührung. Gemeinsam gingen sie an ihren Tisch, einen der besten, direkt vor der Bühne. John gab jedem ihrer Tischnachbarn die Hand, während Audrey die Gelegenheit nutzte, einen Blick auf die Tischkarten zu werfen.
Nun war es ja eine allgemein bekannte Tatsache, dass sich daran, wer neben wem am Tisch saß, der Status der betreffenden Personen ablesen ließ. Also schaute sie schnell nach, neben wem sie sitzen würde. Aber halt – das konnte doch nur ein Versehen sein! Blinzelnd linste sie ein zweites Mal auf die Karte. Man hatte sie neben Matteus gesetzt. Matteus! Ihre gute Laune zerplatzte wie eine Seifenblase. Eine Frau wie sie sollte eigentlich neben Präsident Ernie sitzen – oder zumindest neben Präsident Ernies Frau. Und nicht neben Matteus! Er war nicht mal stellvertretender Büroleiter, er war lediglich ein hübsches Accessoire von Love Birds, vermutlich war er nur über Sheryls schmuddelige Besetzungscouch dort gelandet. Kümmerte er sich nicht bloß um dieses alberne Internet-Dating? Was hatte er überhaupt auf diesem Ball verloren?
Prickelnd breitete sich ein kleiner Ausschlag über Audreys Hals aus, gewiss ausgelöst durch ihre anfängliche Begegnung mit Sheryl und nun neu befeuert. Empört leerte sie ihr Champagnerglas. Ach, was musste Sheryl gelacht haben angesichts dieses miesen Taschenspielertricks. Mit ihrer Tischordnung hatte sie Audrey ins Sibirien des gesellschaftlichen Netzwerkens verbannt.
Da erst ging Audrey auf, wie heftig sie die Zähne zusammenbiss, und ihr kam der Gedanke, John könne sie aus den Augenwinkeln sehen. Sofort versuchte sie, sich zu beruhigen. Als sie hörte, wie John Barry Chambers einen Witz erzählte, zwang sie sich zu einem schrillen Lachen. John sah sie an, und Audrey verzog die Lippen zu einer steifen Grimasse, die hoffentlich als Lächeln durchgehen würde. Ebenfalls lächelnd wandte John sich wieder Barry zu, und Audrey ließ sich ermattet auf ihren Stuhl fallen.
Dann schaute sie sich um, wo die anderen saßen. Natürlich hatte Sheryl sich selbst den besten Platz gesichert, zwischen Brad und Präsident Ernie, mit direktem Blick auf die Bühne. Gleich neben Brad saß Alice (Alice! Selbst Alice hatte einen besseren Platz als sie!), dann Matteus, gefolgt von Audrey und John (Audrey saß mit dem Rücken zur Bühne). Barry Chambers, seine Frau Eileen und Präsident Ernies Frau Patricia machten die Runde komplett.
Sheryl nutzte gerade die Gelegenheit, dass Präsident Ernie heute Abend ganz Ohr war, und flüsterte ihm etwas zu, worauf er sich brüllend vor Lachen zurücklehnte.
Frustriert ballte Audrey die Hand zur Faust, und ihre korallenroten Fingernägel drückten kleine weiße Halbmonde in ihre Handflächen. Sie merkte kaum, wie John ihr Glas auffüllte und die Kellnerin das Essen servierte. Der Anblick der aufgerüschten, flirtenden Sheryl war das Einzige, was sie sah.
In dem Moment kam Matteus.
»Audrey! Ciao!«, rief er strahlend, beugte sich zu ihr herunter und küsste sie auf beide Wangen. Audreys Hals wurde hochrot. Was für eine Dreistigkeit, dachte sie empört und bedachte ihn mit einem kaum wahrnehmbaren Nicken. Sicher war er noch nicht mal Italiener oder Spanier, oder was auch immer er vorgab zu sein. Ihrer Meinung nach klang er eindeutig nach Südostengland. Außerdem war er unpünktlich.
Audrey verlegte sich wieder darauf, Sheryl anzustarren, die Ernies Ohr eine kleine Pause gönnte und nun stattdessen auf Brad einredete, wobei sie ihm ganz unverfroren am Ohrläppchen knabberte. Brad, so dachte Audrey, gehörte vermutlich zu den Männern, die täglich mehrere Stunden im Fitnessstudio und noch viel mehr Zeit vor dem Spiegel verbrachten, um sich selbst zu bewundern. Zweifellos gehörte er zu den Typen, die eine allzu intime Beziehung mit ihrem Haargel pflegten. Sein Teint war eher orange als braun.
Audrey trank einen großen Schluck Champagner und schenkte John ein schmallippiges Lächeln. Sheryl gestikulierte immer lebhafter, sie konnte die Hände gar nicht mehr von Brad lassen. Bei dem Anblick verging Audrey der Appetit. Nun beugte sich Sheryl zu ihm rüber und flüsterte ihm etwas zu, worauf er breit grinste und sich anzüglich die Lippen leckte. Audrey war empört. Also wirklich! So benahm man sich doch nicht bei einer geschäftlichen Festivität. Außerdem war Brad viel zu jung für Sheryl und eitel und oberflächlich, und geistlos war er obendrein. Eigentlich gar kein Mann, sondern ein aufgepumpter, aufgebrezelter männlicher Blondinenwitz, dümmer als ein Stück Brot.
Stinkwütend schaufelte Audrey sich eine gebackene Kartoffel in den Mund und warf einen verstohlenen Blick zu John hinüber. Der schien weder von dem Zorn, der in Audrey kochte, noch von der Bangkok-Peepshow gegenüber irgendetwas mitzubekommen, denn er unterhielt sich seelenruhig mit Eileen Chambers. Audrey versuchte, sich darauf zu konzentrieren, wie stolz sie war, dass John sie begleitete. John war das genaue Gegenteil von Brad: gut aussehend, intelligent und diskret. Und er gehörte ihr, ihr ganz allein, wenn auch nur für ein paar Stunden und zu einem nicht gerade günstigen Preis. Plötzlich überkam sie ein warmes Gefühl der Zuneigung zu ihm. Sie wusste, dass auch er tief in seinem Inneren den Tag herbeisehnte, an dem sie alle Vorsicht fahren lassen und den Zirkus mit Geraldine als Anstandsdame und irgendwelchen Honoraren, Terminen und Rechnungen als Tarnung hinter sich lassen konnten. Bestimmt wünschte er sich ebenso sehr wie sie, endlich offiziell ein Paar zu sein. Audrey hielt den Atem an, nahm all ihren Mut zusammen und überließ sich der Wirkung des Champagners. Wenn Sheryl auf der anderen Seite des Tisches Kamasutra-Übungen machen konnte, dann konnte Audrey doch sicher ein wenig diskrete, aber kuschelige Zweisamkeit genießen, oder etwa nicht?
Schwindelig vor Aufregung rückte sie näher an John heran und wollte sich gerade zärtlich an seinen Arm schmiegen. In einer perfekten Welt hätte John ihr spontan seine Zuneigung gezeigt, den Arm um sie gelegt und sie an sich gezogen. Audrey wäre allerdings auch nicht unwissentlich angetrunken und dementsprechend ungeschickt gewesen. Sie hätte ihn mit ihrem ungelenken Hechtsprung nicht völlig auf dem falschen Fuß erwischt, und ihr beunruhigend schwerfälliger Annäherungsversuch hätte ihn nicht ausgerechnet am Musikantenknochen getroffen, sodass ihm die Gabel aus der Hand katapultiert wurde, die um die eigene Achse rotierend durch die Luft wirbelte und nur um Haaresbreite einer verhängnisvollen Kollision mit einem der Chandelier-Ohrringe von Präsident Ernies Ehefrau entging. In einer perfekten Welt hätte Audreys unvermittelte Kuschelattacke für alle anderen Ballgäste nicht wie ein schlecht ausgeführter Kopfstoß ausgesehen. Aufgeschreckt unterbrach John mitten im Satz sein Gespräch und drehte sich zu ihr um, nur um das Ende von Audreys missglücktem Manöver zu sehen, das wirkte, als wollte sie sich die Nase am Ärmel seines Smokings abwischen.
»Audrey, alles in Ordnung?« John klang ehrlich besorgt.
Peinlich berührt richtete Audrey sich abrupt auf, wandte sich von Johns betroffenem Gesicht ab und begann ein angeregtes Gespräch mit Matteus. Der fing sofort an, ihr seinen Lebenslauf herunterzubeten, während John widerstrebend sein abrupt unterbrochenes Gespräch mit Eileen Chambers wieder aufnahm, und Audrey gab sich alle Mühe, den verschmierten korallenroten Lippenstiftfleck auf Johns Ärmel zu ignorieren, ebenso wie den Abdruck an ihrer Stirn und den pochenden Schmerz, dort, wo sie mit dem Kopf gegen seinen Ellbogen geschlagen war. Den körperlichen Schmerz und den kleinen Schönheitsfehler konnte man leicht übersehen, aber das nicht enden wollende Gegacker von Sheryls Seite des Tisches war schwer zu überhören.