Lou

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Es war Samstagabend, und die Bar war rappelvoll. Lou hatte ein Faible für solche Abende. Der Stress der Arbeitswoche war längst vergessen, man machte sich schick, ging aus und tat alles, um sich zu amüsieren. Die Männer verdrehten sich die Köpfe, immer auf der Suche, wo sie ihr Glück als Nächstes versuchen könnten. Lou stand auf die ungeschminkte, nackte Ehrlichkeit dieser Abende. Samstagsabends wollten alle nur das Eine: jemanden abschleppen. Die Bar war klebrig vor Hormonen, und ihre Gäste, alle nicht mehr ganz nüchtern, kloppten sich beinahe um Lous Aufmerksamkeit. An solchen Abenden fühlte sie sich mächtig. Keine Frau der Welt stand so unangefochten im Mittelpunkt der männlichen Bewunderung wie eine Barkeeperin in Flirtlaune an einem Samstagabend.

Lou hatte bereits einige Stunden ihrer Schicht mit Wimpernklimpern und Bierzapfen hinter sich gebracht, und nun war es Zeit für eine Pause. Tony hatte sich den Abend freigenommen, um mit seinen Kumpels durch die Tabledance-Clubs der Stadt zu ziehen. Sobald die Bar zumachte, würde er sicher wieder auf der Matte stehen, in der Hoffnung auf ein kleines außereheliches Betthupferl, ehe er wieder zum sterilen Charme seiner angetrauten Suzy nach Hause ging. Lou musste grinsen. Wenn Tony eins war, dann berechenbar.

Normalerweise verbrachte Lou ihre Pausen draußen auf dem Bürgersteig und qualmte so schnell wie irgend möglich drei oder vier Zigaretten. Aber nachdem Tony nicht da war, hatte sie Zeit für eine etwas gesittetere Zigarettenpause, goss sich eine Weinschorle ein und schlenderte gemächlich rüber ins Büro. Das ohrenbetäubende Dröhnen der Bar wurde gedämpft von der Tür, die hinter ihr zuschlug. Lou setzte sich, lehnte sich bequem zurück, legte die Füße auf den Schreibtisch und zündete sich die erste Zigarette an. Ihr Blick fiel auf das »Rauchen im gesamten Gebäude strengstens verboten«-Schild, das genau über dem Schreibtisch hing, und sie pustete ihm genüsslich den Rauch entgegen.

Dann schaute sie zu der Überwachungskamera, die auf den Thekenbereich gerichtet war. Auf dem Monitor sah man eine wogende Menschenmenge, die in Richtung Zapfhähne drängte. Es war ein einziges Hauen und Stechen da draußen, bei dem es um nichts anderes ging als um Alkohol und Sex. Mit einem Mal waren Lou ihre Mitmenschen sehr sympathisch. Sie nippte nachdenklich an ihrer Schorle und zog an der Zigarette. Am Ende ging es doch immer nur um eins: so viel zu trinken, bis sämtliche Hemmungen fielen, dann einen kleinen Paarungstanz aufzuführen, um am Ende einen Fick für die Nacht klarzumachen. Im Grunde genommen waren Samstagabende nichts weiter als ausgedehnte Paarungstänze – Mutter Natur in Reinform; der eine Abend der Woche, der einzig und allein dem Arterhalt diente. Männer waren wirklich einfach gestrickt, dachte sie. Man brauchte bloß ein bisschen mit den Hüften zu wackeln, und schon fraßen sie einem aus der Hand.

Lou trank noch einen Schluck von ihrer Weinschorle und dachte an Kate. Ihre Freundin hatte das mit dem Paarungstanz irgendwie nie so richtig kapiert. Dazu war sie einfach zu verklemmt. Sie verstand nicht, dass es dazu nicht viel brauchte; nur ein bisschen Popowackeln, Rumstolzieren und Schmollmundziehen. Nein, Kate machte sich immer um alles einen Kopf: dass sie zu breite Hüften hatte, dass sie nach Knoblauch riechen könnte, dass der Mann unlautere Absichten haben könnte (»Der will doch bloß mit mir ins Bett«, lautete ihr übliches Lamento). Dabei war das vollkommen irrelevant. Die Natur hielt sich nicht damit auf, alles »genau richtig« zu machen. Wenn man zu lange darüber nachdachte, war der Reiz ratzfatz verflogen. Ein Löwe machte sich keine Gedanken darüber, welches der Weibchen aus seinem Rudel er als Nächstes beglückte.

Und nun hatte Kate sich endgültig vom Paarungstanzritual verabschiedet, indem sie sogenannte Profis dafür bezahlte, potenzielle Partner zu analysieren und ihr den passenden auf einem Silbertablett zu servieren. So was konnte man doch nicht machen. Man durfte Mutter Natur nicht dermaßen ins Handwerk pfuschen. Die Anziehung zwischen den Geschlechtern war etwas Rohes, Ursprüngliches, und sie entstand im Hier und Jetzt. Selbst wenn das Hier bloß hier war und das Jetzt gerade jetzt und der Partner, den man am Abend zuvor so sorgfältig ausgesucht hatte, sich bei Tagesanbruch mir nichts, dir nichts aus dem Staub machte. So war das Leben. Im Dschungel hielten die Tiere auch nicht Händchen und twitterten Gedichte.

Lou warf einen letzten Blick auf die Überwachungskamera und trank ihr Glas aus. Ihre zwanzig Minuten waren um; Zeit, in den Dschungel zurückzukehren. Vorher allerdings griff sie nach ihrem Schminktäschchen. Der Dschungel konnte noch einen Moment warten. Auf keinen Fall würde sie ohne frische Kriegsbemalung in die Schlacht ziehen.