Lou

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Ich tu’s«, erklärte Kate trotzig am anderen Ende der Leitung. »Und du solltest es auch.«

»Was zum …?« Blind tastete Lou nach der Uhr auf dem Nachttisch. »Himmel, Kate, hast du eine Ahnung, wie spät es ist? Ich hoffe sehr, das ist ein Notfall. Wenn nicht gerade deine Mutter gestorben ist, dann gnade dir Gott.«

»Es ist fünf vor neun«, erklärte Kate nüchtern. Gedämpft hörte Lou das geschäftige Hintergrundgeräusch des Büros durch die Leitung. Kate war Frühaufsteherin und sicher schon seit Stunden bei der Arbeit. Lou dagegen konnte man nicht unbedingt als Morgenmenschen bezeichnen. Das war einer der Gründe, weshalb sie in einer Bar arbeitete. Da brauchte sie nicht vor elf anzufangen.

»Hast du gehört, was ich gesagt habe? Ich tu’s.«

Lou rieb sich die Augen und ließ sich schwer in die Kissen fallen.

»Was willst du tun, du verrückte ruhestörende Nudel?«, fragte sie gähnend. Dann streckte sie die Hand unter der Bettdecke zur anderen Seite aus. Sie war leer. Der Gedanke an den vergangenen Abend ließ sie zusammenzucken.

»Mich bei Table For Two anmelden und über die Partnervermittlung den Mann meiner Träume kennenlernen.«

Lou machte ein seltsames Geräusch irgendwo zwischen Lachen, Gähnen und Schnauben.

»Das soll ein Witz sein, oder?«

»Nein, ich meine das ganz ernst. Und zwar habe ich mich für den umfassenden persönlichen Service entschieden.«

»Hast du was getrunken?«

»Natürlich nicht, es ist fünf vor neun.«

Wieder rieb Lou sich die Augen, wobei sie die Reste des Make-ups vom Vorabend im Gesicht verschmierte.

»Also, nur damit ich das recht verstehe. Nachdem du gestern Abend die Bar verlassen hast, hast du dir den Kopf angeschlagen, und heute Morgen bist du aufgewacht und glaubst, einer Matrone mit orangen Haaren und Hängetitten bis zu den Knien dein schwer verdientes Geld in den Rachen zu stopfen würde dir dabei helfen, den Mann fürs Leben zu finden, mit dem du dann glücklich bis ans Ende deiner Tage bist?«

»Ich gehe nicht zu Audrey. So blöd bin ich nun auch wieder nicht!«, rief Kate lachend. »Wenn sie ans Telefon geht, lege ich einfach auf. Nein, ich möchte zu dieser netten Alice.«

»Die verklemmte Bibliothekarin mit den Wollsocken? Prima Idee!«

»Es ist mir egal, wie sie aussieht. Sie will, dass ich offen bin für neue Menschen und meinen Horizont erweitere.«

Lou setzte sich auf.

»Sprich, du sollst deine Ansprüche runterschrauben und mit irgendwelchen Ladenhütern ausgehen! Herrgott, Kate. Denk doch nur mal dran, was da gestern Abend für komische Männer rumgelaufen sind. Die waren so dermaßen unter deinem Niveau, das ist … das ist …« Angewidert schlug Lou die Bettdecke zurück und stand auf. »Das ist nicht lustig. Du willst mich doch veräppeln. Was spricht denn dagegen, einfach ins Pub zu gehen oder im Internet zu suchen, so wie jeder normale Mensch auch?«

»Im Internet bestellt man Schuhe, aber doch keine Männer.«

»Das ist eine billige Ausrede.«

»Ist es nicht«, entgegnete Kate spitz. »Ich habe was gegen Online-Dating. Das ist mir zu öffentlich, da kann sich ja jeder mein Profil anschauen. So sehr traue ich fremden Leuten nicht, wer weiß, was die für Absichten haben; die meisten erzählen dir das Blaue vom Himmel. Und was Pubs angeht … hey, was ist eigentlich aus dem Barkeeper von gestern Abend geworden?«

»Was? Ach, der. War nicht mein Typ.«

»Seit wann gibt es Männer, die nicht dein Typ sind?«

Missbilligend zog Lou eine Augenbraue hoch. »Zumindest habe ich einen Typ. Aber egal, ich verstehe trotzdem nicht, wieso du zu einer Vermittlungsagentur gehen musst. Das ist so verdammt altmodisch.«

»Ist mir egal, ob es altmodisch ist oder nicht. Ich will es richtig machen. Denn ich habe die Nase gestrichen voll davon, mich abzurackern, um einen Freund zu finden. Ich rackere mich schon den ganzen Tag im Büro ab. Einen Partner suchen sollte doch keine lästige Pflicht wie tausend andere sein. Also werde ich in Zukunft delegieren: Ich werde meinen Mitgliedsbeitrag bezahlen, mich zurücklehnen und den Experten die Arbeit überlassen, die mir dann ein paar ausgewählte Kandidaten präsentieren, mit denen ich schick essen oder schön was trinken gehe. Ich will keinen Internet-Heini, der bloß auf Sex aus ist, sondern jemanden, der es ernst meint, der eine Beziehung will und eine Familie gründen.«

Lou kaute auf ihrer Unterlippe herum.

»Na ja, du scheinst jedenfalls wild entschlossen.«

»Bin ich auch«, erklärte Kate mit fester Stimme.

Dann schwiegen beide für einen Moment, und schließlich hörte Lou, wie Kate eine Kollegin abwimmelte.

»Na dann, leg los«, sagte sie betont beiläufig. »Viel Glück.«

»Meinst du das wirklich ernst?«, fragte Kate, und ihre Stimme klang mit einem Mal sehr verwundbar.

»Ja«, entgegnete Lou und tastete nach dem Lichtschalter im Badezimmer. »Wenn du so blöd bist, Geld hinzublättern, um glatzköpfige alte Säcke mit Bierbäuchen kennenzulernen, die bestimmt noch nie im Leben eine Freundin hatten, dann wirst du eine Menge Glück brauchen. Männer sind alle gleich, weißt du … ob im Internet oder bei einer Vermittlungsagentur. Da gibt’s in unserem Alter nur noch die Restposten, die Guten sind längst vergeben. Besser, du gehst einfach in eine Bar und angelst dir einen Vierundzwanzigjährigen.«

Urplötzlich musste Lou an den vorigen Abend denken. Was hatte der Barkeeper doch gleich gesagt? Danke, nimm’s nicht persönlich, aber ich steh nicht auf ältere Frauen. Nicht persönlich nehmen? Dieser unreife kleine Wichser. Von wegen ältere Frau, dachte sie, als sie im Spiegel ihr Pandabären-Make-up und den aschfahlen Teint begutachtete. Sie hatte es immer noch drauf. Sie brauchte bloß ein Glätteisen und eine Schicht Schminke. Alles nur eine Frage der Präsentation und der Beleuchtung. Und außerdem sah frühmorgens niemand gut aus.

»Also, raus damit … Wie viel wird dich dieses Privileg kosten?«, fragte sie angriffslustig.

»Dreihundert einmalig, und dann hundert pro Monat.«

»Heiliges Kanonenrohr, Kate! Und wenn es ein ganzes Jahr dauert, bis du den Richtigen findest?«

»Bestimmt nicht!«, widersprach Kate zuversichtlich. »Schließlich werde ich professionell betreut; sicher ist schon in ein paar Wochen alles in trockenen Tüchern. Und außerdem, so lange darf es einfach nicht dauern; ich habe keine Zeit. Ich hinke ja jetzt schon meinem Zeitplan hinterher.«

»Deinem Zeitplan?«

Kate senkte die Stimme, damit niemand sie belauschen konnte.

»Na ja, ich möchte zwei Kinder, und das noch ehe ich fünfunddreißig bin. Idealerweise sollten sie zwei Jahre auseinander sein, also sind wir bei höchstens zweiunddreißig für das erste. Davor muss ich natürlich heiraten. Und ich war immer der Meinung, mein Mann und ich sollten mindestens ein Jahr zusammen und ein paar Mal richtig schön in Urlaub gefahren sein, bevor wir Kinder bekommen und nur noch Freizeitparks infrage kommen … Also sind wir bei einunddreißig. Und ehe wir uns verloben, sollten wir achtzehn Monate zusammen sein – wenn es länger dauert, könnte es so aussehen, als wollte er sich alle Möglichkeiten offen halten, für den Fall, dass er eine Bessere findet … neunundzwanzigeinhalb. Und jedes Kind weiß, dass man mindestens anderthalb Jahre braucht, um eine ordentliche Hochzeit auf die Beine zu stellen …«

»Gütiger Himmel, träume ich das alles? Schlafe ich noch?«

»… da siehst du also, wie weit ich schon hinter meinem Zeitplan liege!« Kates Stimme wurde lauter und ein bisschen schrill. »Eigentlich hätte ich schon mit achtundzwanzig Mr Right kennenlernen müssen; und jetzt sollte ich bald das erste Baby bekommen! Ich bin schon fünf Jahre zu spät dran, es darf also nicht noch ein Jahr dauern, den Richtigen zu finden. Das darf es einfach nicht!«

Dann wurde es plötzlich still in der Leitung.

Verdutzt und erschrocken atmete Lou aus.

»Kate, wieso habe ich bis heute nicht gewusst, dass du nicht alle Tassen im Schrank hast?«

»Man ist doch nicht gleich irre, nur weil man einen Plan für sein Leben hat«, entgegnete Kate dickköpfig.

Und für einen kurzen, seltenen Augenblick fehlten Lou vollkommen die Worte.

»Ach Lou, komm, bitte!«, flehte Kate sie an. »Du musst mich moralisch schon ein bisschen unterstützen. Ich wage einen sehr mutigen Schritt.«

Eine Pause entstand.

»Ich brauche dich wohl gar nicht erst zu fragen, ob du mitmachen würdest, oder?«

»Bestimmt nicht!«

»Nicht mal aus Spaß?«

»Wenn ich lachen will, schaue ich mich nackt im Spiegel an. Und wenn ich dringend einen Mann brauche, gehe ich in eine billige Spelunke, so wie jede andere normale Frau auch. So tief wie du bin ich jedenfalls noch nicht gesunken.«

»Tja, ich schon!«, zwitscherte Kate. »Und ich rufe jetzt gleich bei Table For Two an, damit sie mir einen tollen Mann und ein Happy End verschaffen.« Und dann legte sie auf, ehe Lou noch eine sarkastische Bemerkung machen konnte.

Lou legte das Telefon auf den Wannenrand und betrachtete mit kritischem Blick ihr Spiegelbild.

»Un-fucking-fassbar«, sagte sie zu ihrem leeren Badezimmer.