Lou
Fast wäre Lou gar nicht ans Telefon gegangen. Es war halb zwölf Uhr nachts, und normalerweise sprach sie nach zehn Uhr abends mit niemandem mehr. Es sei denn, er war ein gut aussehender Kerl in der Bar, und das Gespräch versprach, später noch auf einen kleinen, unverbindlichen Fick hinauszulaufen. Aber wenn sie gerade gemütlich in eine Decke gekuschelt auf dem Sofa saß, eine Flasche Roten leer machte und genüsslich Mars-Riegel futterte, während im Fernsehen irgendeine Sendung über ein unglückliches, etwas zu oft schönoperiertes italienisches Pornosternchen lief, das dem Milieu den Rücken gekehrt hatte und sein Glück nun in der Politik versuchte, dann hatte sie keine Lust auf belanglosen Smalltalk.
Doch der Anrufer war sehr beharrlich.
Das konnte nur Kate sein.
Ohne den Blick vom Fernseher zu wenden, griff Lou nach dem Telefon.
»Das war der zweitschlimmste Abend meines Lebens!«
Tatsächlich, es war Kate.
»Schlimmer als die Verabredung mit Sebastian im Privet konnte es nicht werden. Aber dieser Abend war nahe dran.«
Trotz des Keuchens aus dem Fernseher hörte Lou, dass Kate ganz außer Atem war. Offensichtlich konnte sie es kaum erwarten, ihr alles brühwarm zu erzählen.
»Okay, heute Abend war ich mit Michael verabredet. Weißt du, der Kerl mit dem Internet-Start-up?«
»Mhm.« Lou wusste längst, dass Kate bei Telefongesprächen kaum Wert auf Antworten legte. Oft verging eine halbe Stunde, ohne dass Lou irgendetwas sagte, das im Oxford English Dictionary als Wort durchgegangen wäre.
»Na ja, nach dem Date mit Sebastian meinte Alice, es sei vielleicht besser, wenn ich diesmal das Lokal aussuche. Also habe ich vorgeschlagen, dass wir uns bei Luigi treffen.«
Lou füllte ihr Glas noch mal auf. Das war ganz eindeutig mal wieder ein klassischer Kate-Anruf: ein minutiöser Bericht des gesamten Abends.
»Ich war um Punkt halb neun da, wie ausgemacht. Aber von ihm keine Spur. Also habe ich gewartet. Und gewartet. Du rätst nie, wann er schließlich angetanzt ist!«
»Hmmm«, brummte Lou, den Mund voller Wein.
»Um neun!«, zischte Kate empört. »Sage und schreibe um neun Uhr! Was für eine unglaubliche Unverschämtheit! Der Typ konnte von Glück reden, dass ich überhaupt noch da war! Ich kam mir so blöd vor, da ganz allein am Tisch zu sitzen, während alle dachten, ich sei gerade versetzt worden – ich selbst eingeschlossen!«
Lou schnalzte missbilligend mit der Zunge. Der italienische Pornostar lernte gerade einen weißbekittelten Spezialisten kennen, der ihr erklärte, aus medizinischen Gründen müsse diese Brustvergrößerung unbedingt ihre letzte sein. Mit großen Augen begaffte Lou ihre gigantischen Brüste. Sie sahen aus wie aufgeblasene Hüpfbälle. Die konnte doch nicht ganz dicht sein, die noch einmal vergrößern zu wollen.
»Dann taucht er also endlich auf und nuschelt irgendwas von wegen viel zu tun bei der Arbeit, und er sei nicht früher aus dem Büro gekommen. Ich meine, wem sagt er das? Ich habe auch viel zu tun! Ich komme auch kaum weg! Aber deswegen bin ich noch lange keine halbe Stunde zu spät. ›Und außerdem‹, habe ich zu ihm gesagt, ›sind Sie nicht der Chef? Können Sie die viele Arbeit nicht delegieren oder so?‹ Wobei ich das natürlich wesentlich netter formuliert habe. Ich wollte ja nicht, dass er gleich am Anfang denkt, ich wäre eine hysterische Zicke, die sich über alles aufregt. Und da guckt er mich bloß mit einem traurigen kleinen Lächeln an, und dann klingelt sein BlackBerry, und er geht doch tatsächlich ran! Um fünf nach neun! Wo er gerade erst … viel zu spät … zu seiner Verabredung gekommen ist!«
»Blödmann«, murmelte Lou automatisch. Der Pornostar wollte sich trotzdem weiter operieren lassen.
»Also habe ich dagesessen und versucht zu lächeln und ganz entspannt zu wirken. Als er endlich aufgelegt hat, bestellt er mir was zu trinken. Wir haben gerade angefangen, darüber zu reden, was er so beruflich macht, da klingelt schon wieder das Telefon … und er geht wieder ran! Unsere Verabredung ist gerade mal zwanzig Minuten alt, und er hat schon zehn davon an seinem blöden Handy verbracht.«
Lou schnaubte verächtlich und biss herzhaft in ihren Mars-Riegel.
»Na ja, irgendwann kamen wir dann doch noch dazu, uns ein bisschen zu unterhalten, und eigentlich war er sehr nett, weißt du. Und auch ganz attraktiv, obwohl er ziemlich geschafft aussah. Und auf den Kopf gefallen ist er auch nicht, schließlich führt er ein eigenes Unternehmen. Also dachte ich mir, vielleicht sollte ich es ihm nachsehen, dass er so unpünktlich ist und dauernd ans Telefon geht, denn offensichtlich ist er ehrgeizig und hat noch viel vor. Dann bin ich aufs Klo gegangen, um einen Blick in den Spiegel zu werfen – und was sehe ich, als ich zurückkomme? Da hat er doch tatsächlich seinen Laptop auf den Tisch gestellt und tüftelt an irgendeiner Tabelle rum! Angeblich ist ihm da gerade eine Idee für eine Präsentation gekommen, die er morgen halten muss, und er meinte, wenn er die nicht gleich aufschreibt, vergisst er sie wieder. Also habe ich mich hingesetzt und ihm dabei zugeschaut, wie er auf der Tastatur herumgehackt hat. Und ehe ich mich’s versehe, beantwortet er auch noch ganz schnell seine E-Mails. Dabei hat er sich dann dauernd entschuldigt und gesagt, das sei nun mal der Preis dafür, eine eigene Firma zu haben. Während ich dasitze wie ein Depp, den Deckel seines Laptops anstarre und mich die ganze Zeit frage, wann unser Date denn nun endlich anfängt.«
»Horror«, erklärte Lou dumpf.
»Gegen zehn packt er dann endlich den Rechner weg, und wir bestellen eine neue Runde und unterhalten uns. Ich denke, jetzt verstehe ich auch, warum er Table For Two braucht. Ich habe ihn gefragt, ob er oft Überstunden macht, und er meinte ›jeden Abend‹. ›Und was sagen deine Freundinnen dazu?‹, habe ich ihn dann gefragt. Woraufhin er meinte: ›Na ja, die haben es bisher alle nicht lange mit mir ausgehalten.‹ Allem Anschein nach hatte er noch keine Beziehung, die länger als ein paar Wochen gehalten hat. Früher oder später hatten sie alle die Nase voll und haben sich aus dem Staub gemacht. Komisch, nicht wahr? Nach dem Date hat er mir dann angeboten, mich nach Hause zu bringen, und ich habe mir gesagt, warum nicht? Er sieht gut aus, und ich hätte wirklich gern einen Freund mit eigenem Unternehmen. Aber kaum sind wir aus dem Laden raus, klingelt sein Telefon, und er unterhält sich den ganzen Weg bis zu mir nach Hause mit einem Kerl namens Mo, der seine Niederlassung in Japan leitet. Selbst vor meiner Haustür legt er nicht auf! Er stellt Mo nur in die Warteschleife! Ist das denn zu fassen?«
Lou wusste, das war ihr Stichwort, also atmete sie vor Empörung laut schnaufend aus. Der Pornostar hatte es unterdessen bis ins italienische Parlament geschafft und sah im figurbetonten Kostüm mit Nerdbrille wirklich ganz entzückend aus. Doch mit ihrer Gesundheit ging es steil bergab. Eins ihrer Implantate war undicht, und das Silikon war herausgesickert und in ihren Blutkreislauf geraten. Die Ärzte gaben ihr nur noch wenige Monate zu leben, aber sie kämpfte tapfer weiter, nahm ihre politischen Aufgaben wahr und ließ sich nach außen hin nicht anmerken, wie krank sie war, weil sie nicht wollte, dass das Mitleid der Öffentlichkeit ihre politische Arbeit beeinflusste.
»Und dann beugt er sich zu mir runter, gibt mir einen Kuss auf die Wange und sagt: ›Toller Abend, lass uns das bald mal wiederholen.‹ Toller Abend? Auf welchem Planeten lebt dieser Mensch? Kein Wunder, dass der Single ist! Der hat überhaupt keine Zeit für eine Freundin – der ist mit seinem Job verheiratet!«
»Wer im Glashaus sitzt«, brummte Lou undeutlich.
»Was?« Kate war zu empört, um darauf einzugehen. »Jedenfalls werde ich Alice anrufen und ihr sagen, sie soll mal ein ernstes Wörtchen mit ihm reden. Der findet nie eine Frau, wenn er nicht mal gelegentlich sein BlackBerry ausschaltet. Sie muss dem armen Mann helfen. Er sieht wirklich gut aus, aber er vergeudet gerade die besten Jahre seines Lebens!«
Lou grinste bösartig. »Dann läuft also alles wie geschmiert bei Table For Two, was?«
»Hey! Deine negativen Kommentare kannst du dir sparen! Das waren nur ein paar kleine Fehlstarts, nichts weiter. Man kann doch auch nicht erwarten, einen Tennisschläger in die Hand zu nehmen und gleich beim ersten Aufschlag ein Ass zu landen.«
»Genau.«
Es war schon viel zu spät am Abend für derartige Vergleiche. Der italienische Pornostar hatte ins Gras gebissen und bekam fast so etwas wie ein Staatsbegräbnis. Tausende Trauergäste defilierten an ihrem offenen Sarg vorbei, betrachteten ihr makellos geschminktes Gesicht und fragten sich sicher, wie um alles auf der Welt die Totengräber anschließend den Sargdeckel über ihrem überdimensionalen Vorbau schließen wollten.
»Ich vertraue Alice«, widersprach Kate leidenschaftlich.
»Wie du meinst«, gab Lou desinteressiert zurück und trank ihr Glas aus.