Kate
Daran ist bloß die blöde Daily Post schuld.« Aufgebracht griff Kate nach ihrem Weinglas und trank einen großen Schluck. »Würden die nicht ständig Artikel abdrucken, dass es beinahe ein Ding der Unmöglichkeit ist, mit über fünfunddreißig noch schwanger zu werden, würden wir Frauen längst nicht so viele Gedanken daran verschwenden, wie unerbittlich unsere biologische Uhr tickt.«
Kate und Lou saßen in Luigis Weinbar und nahmen den »Mann fürs Leben«-Abend in allen Einzelheiten auseinander. Kate ging gerne zu Luigi. Sie mochte die abgewetzten Holztische und das stimmungsvolle Kerzenlicht. Dieser Laden hatte alles, was eine Bar ihrer Meinung nach brauchte – Alkohol, gemütliche Sitzgelegenheiten und ein schmeichelhaftes halbdunkles Ambiente.
»Wir verschwenden keinen Gedanken daran. Du tust das«, widersprach Lou entschieden und bedachte den Barkeeper mit ihrem schönsten, unmissverständlich anzüglichen Augenaufschlag. Lou hielt nichts von Zweideutigkeiten.
»Klar tust du das«, entgegnete Kate. »Jede Frau über dreißig, die noch Single ist, macht sich darüber Gedanken. Wir denken doch quasi an nichts anderes. Wenn man sich nicht bis spätestens Mitte dreißig einen Kerl geangelt hat und schwanger ist, kann man gleich auf Schnellvorlauf drücken und schon mal ein Einzelzimmer im Altenheim reservieren.« Im schummrigen Licht der Bar glühte Kate fast vor Empörung.
»Aber du bist noch gar keine fünfunddreißig! Und was du da redest, ist vollkommener Blödsinn.«
Kate schüttelte den Kopf. »Mit dreißig ist der Zug abgefahren. Danach interessiert sich kein Schwein mehr für uns.«
»Was für eine Einstellung«, bemerkte Lou, ohne eine Miene zu verziehen, während sie den Raum nach weiteren potenziellen Opfern absuchte, nur um schließlich wieder beim Barkeeper zu landen. Er zwinkerte ihr zu und fummelte, wie Kate fand, ziemlich eindeutig an den Zapfhähnen herum.
»Ich bin bloß realistisch«, erklärte Kate. »Die Daily Post raubt einem auch das letzte Quäntchen Optimismus. Jede Woche bringen die so einen bescheuerten Artikel nach dem Motto ›Die Zeit verrinnt‹. Weißt du, was ich gestern gelesen habe? In Amerika gibt es achtundzwanzig Millionen Singlefrauen über fünfunddreißig, aber nur achtzehn Millionen Singlemänner. Das heißt, zehn Millionen Frauen werden zu Ladenhütern, und zwar allein aufgrund der ungünstigen Zahlenverhältnisse.«
»Dann solltest du deine Auswanderungspläne wohl lieber auf Eis legen.«
»Und wie jeder weiß, ist Amerika uns stets ein paar Jahre voraus. Was immer da passiert, früher oder später schwappt es auch zu uns rüber«, betonte Kate. »Laut der Daily Post ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis Großbritannien eine beispiellose Singlefrauenschwemme erlebt. Vor uns liegt eine düstere Zukunft voll unbezahlter Überstunden, und wenn wir dann in den Ruhestand gehen, können wir uns nicht mal an Kindern, Familie und Ehemann erfreuen, die uns das öde Rentnerdasein versüßen. Ich sage dir, Sex and the City war keine Komödie; es war eine düstere Prophezeiung!«
»Blödsinn«, schnaubte Lou. »Seit wann glaubst du denn, was in der Zeitung steht? Und was hast du bloß mit fünfunddreißig? Als würden an diesem Geburtstag schlagartig sämtliche Männer vom Erdboden verschluckt. Außerdem hört man doch ständig von diesen Uraltmüttern, die noch mit sechzig Kinder in die Welt setzen. Wenn die lächeln, sieht man ihre dritten Zähne. Du bist gerade mal dreiunddreißig und hast noch deine eigenen – du hast noch massenhaft Zeit.«
Kate drehte den Stiel ihres Weinglases zwischen den Fingern. In einem hatte Lou Recht: Sie sollte nicht alles glauben, was in der Zeitung stand. Nicht zuletzt, weil viele dieser Geschichten aus ihrer eigenen Feder stammten. Kate arbeitete in der PR-Branche – oder im »Lügengeschäft«, wie Lou gerne abfällig sagte. Eigentlich müsste sie genau wissen, wie oft da übertrieben wurde, nur um eine gute Story zu bekommen. Denn sie war Teil der Maschinerie, die dieses unersättliche Biest fütterte. Dafür wurde sie bezahlt.
Aber in diesem Fall war das etwas anderes. War es nicht etwa eine wissenschaftlich erwiesene medizinische Tatsache, dass die Fruchtbarkeit ab dem fünfunddreißigsten Lebensjahr drastisch abnahm? Und tatsächlich kam es ihr so vor, als würden ihr jedes Jahr weniger Männer hinterhergucken, je weiter sie sich von der magischen Zwanzig entfernte. Was, wenn das einfach der Lauf der Dinge war … eine Art natürlicher Selektion bei der Partnerwahl? So wie das klapprige alte Zebra, das der Herde kaum noch folgen konnte und immer als Erstes von den Leoparden gefressen wurde. Vielleicht konnten die Männer gar nichts dafür, dass sie das Interesse verloren, wenn man nicht mehr im fortpflanzungsfähigen Alter war? Konnte es sein, dass sämtliche Männer zwischen fünfzehn und hundert für das Überleben der menschlichen Spezies darauf programmiert waren, auf fruchtbare Einundzwanzigjährige abzufahren? Wenn man danach ging, wie viele Männer sich in letzter Zeit für sie interessiert hatten, dann musste da was dran sein. Die Männer ahnten unbewusst, dass es nicht mehr lange dauern konnte, bis bei ihr der Zahnfleischschwund einsetzte und ihre Eierstöcke verschrumpelten. Und mit einem entsetzlich flauen Gefühl im Magen wurde ihr klar: Sie war das klapprige Zebra, das kaum noch Anschluss an die Herde halten konnte.
Kate schaute auf, um Lou diese erschreckende Erkenntnis mitzuteilen, doch die hatte gerade ihr Make-up-Täschchen herausgekramt und wie ein Cowboy beim Duell die Kompaktpuderdose herausgezogen.
Mit zähneknirschender Bewunderung sah Kate ihr dabei zu. Sie mochte Lou sehr, auch wenn sie beide völlig gegensätzlich waren. Lou war vieles, was sie selbst gern sein wollte; selbstbewusst, mutig, dramatisch. Sie gehörte zu den Frauen, die Augen und Lippen betonen konnten, ohne im Entferntesten daran zu denken, es könnte nuttig aussehen. Nuttig! Auch so etwas, das Lou war und Kate nicht. Insgeheim beneidete Kate die Freundin um ihren freizügigen Lebensstil und wollte selbst so frei und unbekümmert sein, aber das war sie einfach nicht. Oft träumte sie davon, Männer abzuschleppen, und beim Gedanken an Sex mit einem Fremden in einer dunklen Gasse wurde ihr ganz kribbelig. Aber so eine war sie nicht. Ihre Abende verbrachte sie im Pyjama vor dem Fernseher und ging früh ins Bett. Wobei der Pyjama aus ägyptischer Baumwolle sein und vorne eine Bügelfalte haben musste.
Da erst merkte sie plötzlich, dass Lou mit ihr redete.
»Himmel noch eins, Kate, wach auf!«, schimpfte Lou, die gleichzeitig trank, glitzernden schwarzen Lidschatten auftrug und dem Barkeeper vieldeutige Blicke zuwarf. »Hör endlich auf zu jammern und geh aus. Mach dir nicht immer so viele Gedanken. Du bist noch viel zu jung, um dir den Kopf über Kinder zu zerbrechen. Überleg dir lieber mal, wie du früher aus dem Büro kommst. Amüsier dich! Lass dich mal wieder flachlegen!«
Und damit legte Lou ihr Schminkzeug beiseite und schaute Kate sehr ernst an. »Ich meine, herrje, Kate, wie lange ist es her, seit du das letzte Mal gevögelt wurdest?«
Kate verschluckte sich, so peinlich war ihr das.
»Wer rastet, der rostet!« Lou trank ihr Glas aus und fing an, ihr Make-up-Rüstzeug wieder einzupacken.
»Weißt du was … du hast Recht«, stimmte Kate ihr unvermittelt zu. »Und darum wollte ich auch heute Abend zu diesem Vortrag gehen.«
»Du meinst diese erbärmliche Aneinanderreihung nutzloser Kalenderweisheiten?«
»So schlimm war es nun auch wieder nicht …«
»Das soll doch wohl ein Witz sein!« Schockiert schnappte Lou nach Luft. »Das war der größte Käse, den ich je gehört habe! Ich meine, mal ehrlich, was hat die arme Irre sich bloß dabei gedacht? Meinst du, diese Vogelscheuche hatte jemals im Leben eine Verabredung mit einem Mann? Und hat die noch nie was von Haarspülungen gehört? Ich hab schon Schamhaare gesehen, die geschmeidiger waren als dieses Storchennest.« Empört schenkte sie sich noch ein Glas Wein ein. »Und dann noch du mit deinem O-Saft und dem emsigen Notizengekritzel! Du bist echt eine Streberin!«
Kate wurde rot. »Ich wollte halt nichts vergessen.«
»Das war bloß ein blöder Vortrag, keine Prüfung!« Lou wurde kurz von einem Hinterteil abgelenkt, das im Zickzackkurs von der Theke auf sie zusteuerte, während im Glas seines Besitzers beim Gehen das randvolle Bier überschwappte. Schließlich fand der Hintern seine Freunde und setzte sich. Lou heftete ihren Blick wieder auf Kate. »Und ganz ehrlich, Kate, versprich mir bitte, dass du keinen ihrer Tipps befolgen wirst. Diese Vorschläge waren einfach nur lächerlich. Wenn du dich daran hältst, wirst du vermutlich nie mehr im Leben Sex haben. Sie selbst ist der beste Beweis dafür, dass man mit ihrer Methode keinen Mann abbekommt.«
»Sagt die Frau, die seit Menschengedenken keinen festen Freund mehr hatte«, murmelte Kate.
»Hör zu.« Lou beugte sich vor und zeigte vorwurfsvoll mit dem Zeigefinger auf Kate. »Wenn du allein und kinderlos bleiben und deine Eierstöcke verschimmeln lassen willst, genau wie die Daily Post behauptet, dann los, tu, was diese Schrapnelle uns geraten hat. Und ehe du dich’s versiehst, bist du eine vertrocknete alte Jungfer mit vierzig Katzen. Ich meine, was sollte bitte dieser Quatsch, man solle ›versehentlich‹ seine Einkäufe in den Einkaufswagen eines Mannes legen? Ich bitte dich! Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass dich irgendwer begeistert zum Essen einlädt, nur weil du Wein und Tampons auf sein Gemüse hast fallen lassen.«
»Ich lasse mir meine Sachen ohnehin nach Hause liefern«, erklärte Kate nachdenklich. »Der einzige mögliche Flirtpartner wäre der Lieferant, und der hat kaum noch Zähne.«
»Keine Sorge – schließlich bleibt immer noch Audreys genialer Rat, einem Verein beizutreten! Wie war das noch? Ach ja, stimmt … Besuchen Sie einen Rhetorikkurs. Du liebes bisschen, was für eine großartige Idee! Man hört doch ständig von jungen, attraktiven, heißen, total angesagten Männern, die spannende Vorträge halten. Ich wette, in deren Vereinsheimen wimmelt es nur so von sexy Sahneschnittchen.«
»Du hast ja Recht; ihre Ratschläge waren eher … altbacken …« Kate unterbrach sich, weil Lou laut schnaufte. »Aber diese Alice war toll. Und eins ist sicher; wir sind Singles, und wir werden nicht jünger. Und wie du so schön gesagt hast, ist es nicht gerade so, dass ich mich vor Angeboten kaum retten könnte.«
»Du kannst dich kaum vor deiner Arbeit retten.«
»Ich will damit bloß sagen, ob Audrey Cracknell nun Recht hat oder nicht, wir sind Singles. Wir sind seit Ewigkeiten Singles. Du behauptest zwar immer, du wolltest es gar nicht anders. Aber mir reicht’s. Ich hab die Nase voll davon. Ich will nicht eines Tages aufwachen und einsehen müssen, dass es endgültig zu spät ist. Ich will einen Mann« – sie konnte sehen, wie Lou den Barkeeper mit Blicken förmlich auszog – »… einen netten Mann! Jemanden, der keine Angst davor hat, sich wie ein erwachsener Mensch zu benehmen, und der damit fertig ist, sich durch alle Betten zu schlafen. Ich will einen Freund, der mich zum Essen ausführt und mit mir zum Wandern aufs Land fährt. Jemanden, der keine Panik bekommt, nur weil er meine Mum kennenlernen soll. Jemanden, mit dem man eine Familie gründen kann. Aber der fällt einem nun mal nicht in den Schoß, und ich kann nicht einfach die Augen zukneifen und es dem Schicksal überlassen. Du kennst mich doch; ich gehe ungern Risiken ein. Und unter keinen Umständen werde ich es riskieren, noch älter zu werden, ohne etwas zu unternehmen – riskieren, dass mein Gesicht runzlig wird, meine Knie knubbelig, meine Fruchtbarkeit den Bach runtergeht und ich immer noch Single bin. Ich habe es satt, mir den Kopf an Mauern einzurennen.«
Danach wurde es still. Die beiden Frauen schauten sich an, Lou mit tiefschwarz umrandeten, vor Zorn funkelnden Augen, Kate mit von dezentem Bobbi-Brown-Make-up betontem ernstem und entschlossenem Blick. Aus den Augenwinkeln sah Kate, wie der Besitzer des Hinterteils seinen Stuhl zurückschob, lautstark verkündete, er müsse mal »die Python würgen«, nur um dann über seine Aktentasche zu stolpern und der Länge nach mit dem Gesicht nach unten auf die Holzdielen zu knallen. Seine Kumpels röhrten vor Lachen. Lou wandte den Blick ab.
»Na ja«, sagte sie, griff nach ihrem Glas und trank es aus, »du hast womöglich die Nase voll davon, dir den Kopf an Mauern einzurennen, aber ich stoße mir gerne gelegentlich den Kopf an einem Betthaupt. Heute Nacht an seinem, wenn er sich nicht allzu dämlich anstellt.« Und damit nahm sie ihre Handtasche und marschierte schnurstracks zur Theke, wobei sie den Barkeeper fixierte wie ein Falke, der eine kleine plüschige Feldmaus ins Visier genommen hat.
»Noch mal das Gleiche?«, rief sie Kate zu, während sie ihr Portemonnaie rauszog und zum Angriff überging.
Seufzend schüttelte Kate den Kopf und griff zu ihrem Handy. Im Adressbuch suchte sie die Nummer für den Taxiruf. Auf einmal wünschte sie sich nichts sehnlicher, als endlich zu Hause im Bett zu liegen. Sie schaute auf. Und tatsächlich, Lou hatte ihre Hand bereits auf die Brust des Barkeepers gelegt und spielte anzüglich mit einem Schnapsglas. Es war höchste Zeit, nach Hause zu gehen. Rasch schlüpfte sie in ihren Mantel.