Vorstellungsrunde

117554.jpg

Wo sind denn die ganzen Männer?«, flüsterte Kate, klammerte sich hilfesuchend an ihren Orangensaft und schaute sich nervös im Saal um, bemüht, sich ihre Enttäuschung nicht anmerken zu lassen.

»Im Pub, so wie alle normalen Menschen«, schnaubte Lou unüberhörbar. Obwohl sie schon ein volles Weinglas in der Hand hatte, ließ sie sich die Gelegenheit nicht entgehen, dem Kellner, der gerade mit einem neuen Tablett an ihnen vorbeiging, noch ein weiteres zu stibitzen. »Herrgott, Kate, was machen wir hier?«

Das fragte Kate sich allmählich auch. Eigentlich hatte sie das Ganze für eine geniale Idee gehalten, aber jetzt, wo sie hier waren, im überheizten Veranstaltungssaal des Holly Bush Hotels, war sie sich da plötzlich nicht mehr so sicher.

»Ich bin immer für einen Lacher zu haben, aber das ist so sehr ein Witz, dass es schon nicht mehr komisch ist«, erklärte Lou harsch. »Das sind doch alles Freaks, jeder Einzelne von denen!«

»Pssst! … Du hast mir versprochen, nett zu sein!« Hektisch versuchte Kate, ihre Freundin zum Schweigen zu bringen und der ganzen Sache doch noch etwas Gutes abzugewinnen; schließlich erwartete sie ja nicht, heute Abend den Mann fürs Leben zu finden. »Das sind ganz normale Leute«, erklärte sie leichthin. »Menschen wie du und ich. Wir sitzen alle im selben Boot.«

»Wir sitzen überhaupt nicht im selben Boot«, widersprach Lou entschieden. »Wir beide, wir gehören auf eine Luxus-Yacht, Kate. Auf ein Rennboot, einen Katamaran. Diese armseligen Gestalten dagegen sehen aus, als seien sie auf einem angerosteten Ausflugsdampfer mit Schlagseite hierhergetuckert. Himmel Herrgott, kein Wunder, dass die keine Frau ins Bett bekommen. Guck dir den doch bloß mal an!«

Womit Lou auf einen der wenigen anwesenden Männer im Saal zeigte. Kate war er bisher noch gar nicht aufgefallen. Klein, dünn und Mitte fünfzig, hielt er sich an seinem Weinglas fest, als sei es das letzte Rettungsboot der untergehenden Titanic. Er war von Kopf bis Fuß beige; sogar sein Teint erinnerte frappierend an Haferbrei. Das einzig Bemerkenswerte an ihm waren die Schweißperlen auf seiner Oberlippe. Während Kate ihn noch musterte, drehte er sich zu ihnen um und schaute sie gerade lange genug an, um zu signalisieren, dass er ihre gehässige Bemerkung gehört hatte. Kate schlug das Herz bis zum Hals, und ihre Wangen brannten vor Scham. Schnell lenkte sie Lou von ihm weg in eine Ecke des Raums. Sie hätte sich denken können, dass es keine gute Idee war, ihre Freundin mitzunehmen. Aber sie machten harte Zeiten durch, und harte Zeiten verlangten harte Maßnahmen.

Lou tat, als sei sie damit beschäftigt, ihr Glas in einem Zug leer zu trinken, und es kam auch keiner, der ihnen von hinten auf die Schulter tippte und sie diskret dazu aufforderte, den Raum zu verlassen, also entspannte Kate sich langsam wieder. Verstohlen schaute sie sich im Saal um. Was waren das für Menschen, die zu einem Vortrag mit dem Titel »Den Mann/die Frau fürs Leben finden« kamen? Neugierig schweifte ihr Blick über die Köpfe der Anwesenden, die sich um die Tische mit dem Knabbergebäck drängten. Die meisten schienen Ende dreißig, Anfang vierzig zu sein, beruflich erfolgreich, mit dezenten Strähnchen oder einem teuer aussehenden herbstlichen Farbton in den Haaren. Daneben gab es aber auch die ausgelaugten Kurz-vor-dem-Aufgeben-Köpfe, die sich allem Anschein nach die Haare zuletzt am Morgen vor dem Badezimmerspiegel gekämmt und sie dann vergessen hatten. Diese trugen das Gewuschel hinter die Ohren geklemmt oder zu einem unordentlichen Pferdeschwanz zusammengebunden. Und dann die Damen mit den Helmfrisuren; zu allem entschlossene, dick geschminkte Ü-Fünfzigerinnen mit betonierter Fönwelle. Hier und dort stachen im harschen Deckenlicht vereinzelte Kahlstellen in dem Meer aus Haaren hervor, was hieß, dass der Männeranteil auf eine magere Handvoll beziffert werden konnte. Und mitten hindurch schnaufte wie ein Dampfschiff eine Frau mit hochroten Wangen und einem wilden Vogelnest aus krisseligen orangeroten Haaren, die sämtliche Anwesenden lautstark ermahnte, noch schnell für kleine Jungs und Mädchen zu gehen, »und zwar dalli«, da in fünf Minuten der Vortrag anfinge.

Kates Blick folgte einigen fast entschuldigend gebeugten Rücken, die auf der Suche nach den Toiletten rasch zur Tür hinauswieselten. Sie spähte in den angrenzenden Korridor. Wie diese kleine Versammlung wohl auf Außenstehende wirken musste?, fragte sie sich. Ob wohl jeder, der draußen vorbeiging, ihnen an der Nasenspitze ansah, dass sie niemanden ins Bett bekamen? Drang der verräterische Geruch sexuellen Versagens nach draußen und verriet ihr kleines dunkles Geheimnis?

»Wir brauchen Fakten, Lou«, erklärte sie nüchtern, wobei ihr selbst nicht ganz klar war, ob sie damit ihre Freundin überzeugen wollte oder sich selbst. »Hier stehen wir nun mal. Es muss einen Grund geben, weshalb wir beide keinen Freund haben. Das kann nicht einfach nur Pech sein. Vielleicht machen wir den Männern Angst und werden deshalb nie angesprochen, vielleicht senden wir die falschen Signale aus oder suchen an der falschen Stelle. Wie dem auch sei, irgendwas machen wir genau wie er« – und damit wies sie unauffällig auf den beigen Mann – »falsch, und wir müssen herausfinden, woran es liegt, dass wir keinen Mann abkriegen.«

»Du solltest nicht immer von dir auf andere schließen«, entgegnete Lou trocken. »Ich bin bloß wegen der Gratis-Getränke mitgekommen. Und wenn ich tatsächlich genauso mies dastehe wie Schmittchen Schleicher dort drüben, dann richte ich mich lieber auf eine intime Beziehung mit meiner rechten Hand ein und schätze mich glücklich, dem grausamen Schicksal gerade noch mal von der Schippe gesprungen zu sein.«

Auf der anderen Seite des Raums stand Alice, zog die Ärmel ihrer Strickjacke lang und betrachtete fröhlich das bunte Durcheinander aufgeregter, erwartungsvoller Gesichter. Sie ging gerne zu Audreys Vorträgen und meldete sich stets als Erste (und Einzige) ihrer Kolleginnen als freiwillige Helferin. Eifrig erschien sie dann etwas früher, bereitete alles vor, stellte die Stühle auf, goss den Wein ein und vergewisserte sich, dass die Beleuchtung für Audrey möglichst vorteilhaft war und ihr Mikrofon funktionierte. Zu guter Letzt öffnete sie die Tüten mit den Knabbersachen und den Mini-Würstchen im Schlafrock und legte die Broschüren aus, um anschließend mit einem warmen Hallo und einem Lächeln auf den Lippen die eintrudelnden Gäste zu begrüßen. Stets war sie bemüht, ihnen ihre Bedenken zu nehmen und auf ihre nervösen Nachfragen beruhigende Antworten zu geben. Obwohl Audrey ständig irgendwelche Anweisungen in ihre Richtung kläffte – und den Schlüssel für den Saal nie vor zehn zurückgab –, ging Alice nach solchen Abenden immer beschwingt und aufgekratzt nach Hause, mit einem kribbeligen Gefühl im Bauch, als hätte sie einen kleinen Schwips, bloß tausend Mal besser. Für solche Abende lebte sie; solche Abende waren das, was wirklich zählte.

»Die Toiletten sind in der Lobby«, tönte Audrey laut. »Hopp, hopp, quasseln können Sie noch Ihr ganzes Leben lang. Der Vortrag beginnt um Punkt halb acht. Und Amor wartet nicht auf Nachzügler.«

Alice gefror kurz das Lächeln im Gesicht, doch zum Glück schweiften ihre Gedanken schnell wieder ab. Wie viele dieser Gesichter sie wohl wiedersehen würde?, fragte sie sich. Wer von ihnen würde nächste Woche den Weg zu ihr ins Büro finden? Etliche, hoffte sie; so viele, wie in ihre Kartei passten, ohne dass sie platzte. Unvermittelt stellte sie sich das versammelte Publikum als lange Warteschlange vor, die sich von ihrem Schreibtisch durch das Büro bis zur Tür hinaus und einmal um den ganzen Häuserblock schlängelte: Ein Band aus lachenden, plappernden Menschen, die allesamt darauf warteten, mit ihrem Traumpartner zusammengebracht zu werden. Und wer weiß: Vielleicht erblühten ja bereits beim Schlangestehen die ersten Romanzen.

Wie sie so in ihre Tagträume versunken dastand und die wimmelnde Menschenmenge zwischen Imbisstischchen und Ausgang hin und her wogte, fiel Alice’ Blick plötzlich auf zwei junge Frauen, die etwas abseits in einer Ecke standen. Eine war eine bildhübsche Dunkelhaarige, die allem Anschein nach gerade zwei Gläser Wein auf einmal trank, doch es war die andere, die Alice’ Interesse erregte. Sie war kleiner und wirkte in ihrem schicken Kostüm mit den hohen Schuhen weicher als ihre Freundin. Doch die elegante Garderobe passte so gar nicht zu ihrem angespannten Gesichtsausdruck. Unter dem stumpf geschnittenen, braven Pony hatte sie ein gezwungenes Lächeln aufgesetzt. Alice kannte dieses Lächeln nur zu gut. Wie oft hatte sie es schon gesehen – an einem solchen Abend gab es immer mindestens einen Gast, der es trug. Übersetzt bedeutete es: Denk positiv, atme tief durch, tu ganz entspannt. Dieses Lächeln zeugte von einem wüsten Durcheinander aus Hoffnung, Enttäuschung und einer wilden Entschlossenheit, diese unangenehme Sache durchzustehen.

Ohne weiter nachzudenken, kam Alice hinter den Doppelkeksen hervor und steuerte auf die Frau zu. Dafür war sie hier: Diese Frau war der Grund, weshalb Alice sich an solchen Abenden freiwillig als Helferin meldete. Sie musste einfach mit ihr reden, ihr ein wenig von ihren Befürchtungen nehmen und dafür sorgen, dass sie eine von denen war, die in der nächsten Woche zu ihr in die Agentur kamen.

»Alice!«, zischte Audrey rüde wie aus dem Nichts, worauf Alice vor Schreck fast in die Luft sprang. »Licht!«

Widerstrebend kam Alice der Aufforderung nach. Eine Welle ging durch die Menschenmenge, und die Frau war verschwunden.

»Nur keine Eile …« Audrey beäugte sie missbilligend.

Alice drehte sich zu dem elektronischen Bedienfeld um, das diskret hinter dem Tisch mit den Knabbereien verborgen war, und machte sich daran, das Licht im Saal zu dämpfen. Sofort verstummten die Gespräche im Publikum, und die Menschen drängten zu den noch leeren Sitzreihen. Dann drehte sie am Regler für den sanften apricotfarbenen Strahler über dem Rednerpult, der ihre Chefin dezent anleuchtete, damit jeder im Raum sie sehen konnte. Alice spähte angestrengt ins Dunkel und hielt Ausschau nach der Frau mit dem Lächeln. Nachher musste sie sie unbedingt ansprechen. Alice war der felsenfesten Überzeugung, es sei nie verkehrt, seinem Bauchgefühl zu vertrauen, und das sagte ihr gerade, dass sie der Frau mit dem schicken Kostüm und dem sanften Gesicht helfen konnte.

Vorne räusperte sich Audrey theatralisch und legte eine Hand auf die Brust. Das Publikum hatte Platz genommen und war nun mucksmäuschenstill. Alle schauten sie an. In dem Moment legte Alice den letzten Schalter um, und mit einem leisen Summen erwachte Audreys Mikrofon zum Leben. Wie auf ein geheimes Zeichen hin beugte sich das Publikum auf den Sitzen nach vorne, um begierig darauf zu lauschen, was denn nun das große Geheimnis war bei der Suche nach dem Mann oder der Frau fürs Leben.