Audrey
Audrey rauschte in Partridges’ Kaufhaus, konsultierte den Lageplan und marschierte dann zum Aufzug, um in die Unterwäscheabteilung im ersten Stock zu fahren. Kaufhäuser im Allgemeinen waren Orte, die Audrey in der Regel eher selten aufsuchte, ja sogar völlig mied, wenn irgend möglich. Lieber orderte sie per Katalog und entging damit den doppelten Höllenqualen, sich in einer engen, unvorteilhaft beleuchteten Kabine umziehen zu müssen und den abschätzigen, unerbittlichen Blicken ihrer Miteinkäuferinnen schutzlos ausgeliefert zu sein.
Heute allerdings machte sie eine Ausnahme. An diesem Freitag hatte sie während ihrer Mittagspause nur eines im Sinn: sich todesmutig auf feindliches Terrain zu begeben und in Partridges’ Unterwäscheabteilung ein ganz bestimmtes Wäschestück zu erstehen – ein figurformendes Miederhöschen.
Seit dem Ballabend verfolgten Audrey zwei quälende Visionen. Die erste war Sheryl Toogood mit ihrer silberglitzernd verpackten, professionell präsentierten, vollkommen makellosen und viel zu perfekt proportionierten Figur. Die zweite war ihr eigener, schlaffer, delliger Körper im Schlafzimmerspiegel. Jedes Mal, wenn sie daran dachte, schüttelte es sie. Wollte sie John wirklich zurückgewinnen, dann musste sie an sich arbeiten. Und mit der richtigen Unterwäsche, wurde doch immer behauptet, sehe man gleich zehn Kilo schlanker aus.
Audrey trat aus dem Fahrstuhl und setzte ihren finstersten »Ich bin nicht zum Vergnügen hier«-Blick auf. Sie wollte diese unangenehme Angelegenheit so schnell wie möglich hinter sich bringen.
Wäre nicht am nächsten Tag Jasons und Jennifers Hochzeit gewesen (als Stifterin dieser Verbindung würde sie sicher zusammen mit dem glücklichen Brautpaar für die Lokalzeitung geknipst werden, und das wäre nicht nur ausgezeichnete Werbung für Table For Two, sondern es bestand auch die Möglichkeit, dass John das Foto sah), dann hätte sie den Unterwäscheeinkauf vermutlich noch ein, zwei Wochen vor sich hergeschoben. Aber so musste es eben jetzt sein. Also scharwenzelte sie geschäftig zum ersten Unterwäscheständer und beäugte misstrauisch die dünnen Stofffetzen aus Satin und Spitze.
War das etwa moderne Stützwäsche?, fragte sie sich staunend. Die Teile, die sie zu Hause hatte – gekauft, als sie zwanzig Jahre jünger und zwei Konfektionsgrößen schlanker gewesen war –, waren mittlerweile fadenscheinig und ausgeleiert. Stützwäsche musste sich seitdem doch gewaltig weiterentwickelt haben, oder nicht? Neugierig betastete Audrey einen hübschen türkisblauen Slip und fragte sich, ob es das war, was sie suchte.
»Kann ich Ihnen vielleicht helfen?«, erkundigte sich eine Stimme.
Ertappt fuhr Audrey auf.
»Ja!«, keifte sie übertrieben barsch und gab sich große Mühe, vollkommen ruhig zu wirken. »Ich suche ein Miederhöschen. Um etwas schlanker auszusehen.«
»Natürlich, gerne«, entgegnete die Verkäuferin liebenswürdig. »Wenn Sie mir bitte folgen wollen.«
Und damit führte sie Audrey quer durch die Abteilung, vorbei an Wäsche in Zartrosa und Hellgelb, das allmählich soliderem Schwarz und Beige wich, bis dorthin, wo die Slips eine hohe Taille und tiefe Zwickel hatten. Schließlich blieb die Verkäuferin vor einer Auslage mit Höschen stehen, die eher nach Reithosen aussahen als nach Dessous. Das konnte doch unmöglich Unterwäsche sein, dachte Audrey entgeistert. So was trugen nur verkalkte Omas im Altersheim, die ihre Blase nicht mehr unter Kontrolle hatten.
Aber tatsächlich, die Lippen der Verkäuferin bewegten sich, und Wörter wie »nahtlose Verarbeitung«, »schlanke Silhouette« und »besser als eine Bauchdeckenstraffung« drangen an Audreys ungläubige Ohren. Mit unverhohlenem Missfallen beäugte sie die Unterhosen. Manche waren so lang, dass man sie vermutlich bis unter die Achselhöhlen ziehen musste. Und die sollten ihr allen Ernstes helfen, John zurückzuerobern?
Doch dann ermahnte sie sich, die Dringlichkeit ihrer Mission nicht zu vergessen, und schickte die Verkäuferin schnell fort. Entschlossen schnappte sie sich eine der beigen Reiterhosen und stapfte zügig Richtung Kasse.
Plötzlich ließ sie etwas auf halbem Weg wie angewurzelt stehen bleiben.
An der Kasse stand eine Kaskade hellblonder Haare. Ihre Trägerin kramte gerade in einer großen Krokohandtasche und wippte dabei auf ihren grellbunten Stilettos.
»Wann bekommen Sie denn die lila Strings mit den Marabu-Federn wieder rein?«, fragte eine vertraute heisere Stimme unter den Haaren hervor. »Nun gut, dann muss ich bis dahin ein paar von den pinkfarbenen mitnehmen. Wobei das vermutlich ohnehin keinen Unterschied macht. Anhaben werde ich sie bestimmt nicht lange!«
Und dann lachte die Blonde rau.
»Er wird dann immer ganz wuschig!«, erklärte sie ungefragt. »Ich weiß auch nicht, ob das an dem Federflaum liegt oder daran, dass sie so winzig sind, aber sobald er die Schätzchen sieht, reißt er sie mir vom Leib!«
Audrey drehte sich der Magen um, und sie versteckte sich fluchtartig hinter einem Regal mit Strumpfhosen. Sheryl Toogood! Ausgerechnet hier. Schweißperlen traten ihr auf die Oberlippe. Ob Sheryl sie gesehen hatte? Hoffentlich nicht! Sie würde sich bestimmt keine Gelegenheit entgehen lassen, Audrey mit Häme zu übergießen, und wenn sie gesehen hätte, dass Audrey diese Oma-Unterwäsche kaufte, wäre das ihr sicherer Tod gewesen.
Audrey duckte sich ungelenk und knüllte die Stützwäsche in der geballten Faust zusammen.
»Ich sage Ihnen«, tuschelte Sheryl unüberhörbar der Verkäuferin an der Kasse zu, »nehmen Sie unbedingt einen dieser durchsichtigen BHs mit. Wirklich neckisch, wenn man die Nippel sieht, obwohl man den BH noch anhat! Mein Kerl flippt bei dem Anblick völlig aus. Der wird zum Tier. Wenn wir essen gehen, hat er kaum eine Gabel in den Mund gesteckt, da fragt er mich schon, ob ich den BH anhabe. Und dann wird er spitz wie Nachbars Lumpi und bringt keinen Bissen mehr runter. Kaufen Sie sich so ein Ding. Sie werden es nicht bereuen!«
Audrey wurde schlecht. Das Letzte, was sie wollte, war, sich Sheryl und Brad im Schlafzimmer vorzustellen oder auf dem Esstisch oder wo auch immer. Und vor allem wollte sie nicht über Sheryls Nippel nachdenken. Ob John auch so ein Mann war, der zum wilden Stier wurde?, fragte sie sich plötzlich leicht panisch. Mochte er transparente BHs, die so dünn waren, dass man alles sehen konnte?
Endlich hatte Sheryl ihre Einkäufe bezahlt und verschwand in Richtung Aufzug. Erst als sich die Tür vor ihrer blonden Löwenmähne schloss, traute Audrey sich vorsichtig aus ihrem Versteck und huschte schnell zur Kasse. Hastig warf sie die schlaffe, schweißnasse Reithose auf die Theke und kramte hektisch ihr Portemonnaie heraus. Bar ging es schneller als mit Karte, und je rascher sie hier verschwinden konnte, desto geringer war die Wahrscheinlichkeit, dass Sheryl noch mal zurückkam, um weitere nicht jugendfreie Einkäufe zu tätigen und ihr dabei über den Weg zu laufen.
»Unverschämtes Weibsstück!«, schimpfte sie tonlos. »Ordinäres Flittchen!«
»Wie bitte?«, fragte die Verkäuferin an der Kasse pikiert.
»Doch nicht Sie!«, entgegnete Audrey brüsk, griff nach ihrer Tüte und marschierte schnurstracks zum nächsten Ausgang. Sie nahm lieber die Treppe nach unten, denn um nichts auf der Welt wollte sie riskieren, Sheryl zu begegnen. Um nichts auf Gottes weiter Erde.