Kate

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Kate knallte die Tür ihrer schicken Stadtwohnung zu und rannte in Windeseile die Treppe hinunter. Sie hasste es, zu spät zu kommen.

Eigentlich hatte sie um sechs das Büro verlassen wollen, um in aller Ruhe zu baden und sich sorgfältig zu schminken, aber dann war ihr in letzter Minute ein Notfall mit einem ihrer Kunden dazwischengekommen, weshalb sie sich erst um halb acht dort loseisen konnte. Da war es schon viel zu spät gewesen, ihre akribisch zusammengestellte Garderobe aus der Reinigung abzuholen, weshalb sie sich notgedrungen mit ihren altbewährten Lieblingsstücken behelfen musste. Der Traum vom großen Beautyprogramm war also ausgeträumt, und ihr blieb nur, schnell unter die Dusche zu springen, etwas Trockenshampoo in die Haare zu stäuben und die letzten kostbaren Minuten damit zuzubringen, in fliegender Hast das Schlafzimmer nach ihrem figurformenden Miederhöschen zu durchforsten. Kein idealer Start in einen gelungenen Abend.

Während sie so schnell wie irgend möglich zum Privet raste, versuchte sie nicht darüber nachzudenken, dass dies ihre erste Verabredung seit beinahe zwei Jahren war. Sebastian würde ihr Wiedereinstieg in den doch ziemlich beängstigenden Dating-Zirkus sein. Wenn sie an ihn dachte, krampfte sich ihr Magen jedes Mal panisch zusammen. Beim Öffnen von Alice’ E-Mail hatte sie ihren Augen kaum getraut, denn Sebastian war nicht bloß ein gut aussehender Mann, er war ein Gott! Das Foto im Anhang war eine professionelle Aufnahme, auf der er nach links schaute, als wäre es ganz spontan geschossen worden. Der Winkel war perfekt gewählt und betonte seine gerade Nase, das gemeißelte Kinn und die dichten dunklen Haare. Er sah aus, als müsse er eigentlich mit einem Filmstar liiert sein, anstatt seine Zeit mit einem Nobody in Kleidergröße 42 mit Trockenshampoo in den Haaren und einem figurformenden Miederhöschen zu verplempern.

Errötend dachte Kate an das Foto, das Sebastian von ihr bekommen hatte – ein Schnappschuss, den Lou irgendwann vor fünf Jahren im Sommerurlaub von ihr gemacht hatte. Das Bild war aus einiger Entfernung aufgenommen und etwas unscharf, aber sie hatte sich bewusst dafür entschieden, da sie durch die Entfernung und ihre knackige Sonnenbräune etliche Kilo schlanker aussah.

Hastig bog Kate um die letzte Ecke, und schon tauchte das Privet in seiner ganzen einschüchternden Größe vor ihr auf. Nun gab es kein Zurück mehr. Heute könnte es passieren, dachte sie ganz kribbelig – das Date, das der Beginn ihres neuen Lebens sein würde! Ein Leben, das ihr Singledasein zur Vergangenheit machte, um schließlich mit einem freistehenden Haus mit fünf Zimmern, einem umwerfenden Ehemann, zwei Kindern und einem Golden Retriever zu enden.

»Haben Sie reserviert?« Misstrauisch wurde Kate von der hochgewachsenen, hochnäsigen Dame am Empfang beäugt.

Worauf Kate sich räusperte und versuchte, ganz selbstsicher zu antworten.

»Ja, ich bin mit Sebastian Lincoln verabredet.«

Mit hochgezogenen Augenbrauen sah die Frau sie an.

»Mr Lincoln? Hier entlang.« Kurz, aber unverhohlen musterte sie Kate.

Kleinlaut folgte ihr diese, während sie in den Speiseraum rauschte und leichtfüßig zwischen den Tischen hindurchtänzelte. Kate rutschte das Herz in die Hose, als sie sah, wie dicht die Tische zusammenstanden. Ihre Hüften waren eindeutig zu breit für dieses Restaurant; früher oder später würde sie im Vorbeigehen unfreiwillig einen Teller oder eine Vase abräumen. Doch die Frau lief unbarmherzig weiter, und so blieb ihr keine andere Wahl, als zu folgen. Sie holte tief Luft und marschierte tapfer los, wobei sie jedes Mal den Atem anhielt und den Bauch einzog, wenn sie sich zwischen zwei Tischen hindurchzwängen musste. Ihr entging nicht, wie einige der Gäste vorsorglich ihre Weingläser beiseitenahmen, sobald sie wie ein Eisberg auf Kollisionskurs in ihre Richtung steuerte.

Unvermittelt blieb die hochnäsige Dame stehen.

»Ihr Tisch, bitte schön.«

Und damit war sie verschwunden, und Kate stand urplötzlich vor dem leibhaftigen Sebastian Lincoln.

»Katy.« Ohne aufzustehen, nickte Sebastian ihr kurz zu. Dann vertiefte er sich umgehend wieder in das Studium der Weinkarte. Kate zögerte und überlegte, ob sie ihm sagen sollte, dass er ihren Namen missverstanden hatte, fand dies dann aber zu direkt für den Anfang. Schnell sank sie auf den freien Stuhl und tat, als läse sie die Speisekarte. Dabei versuchte sie, ganz tief durchzuatmen. Sebastian war die fleischgewordene Perfektion.

»Bringen Sie uns den 68er Chateauneuf-du-Pape«, befahl er dem unauffällig wartenden Kellner.

Der nickte und war verschwunden, noch ehe Kate einen Mucks machen konnte. Sie hätte sich dafür treten können, dass sie ihre Chance vertan hatte, denn nach dem Gewaltmarsch zum Restaurant und der ganzen Aufregung hatte sie einen staubtrockenen Mund und hätte sterben können für ein Glas Wasser.

»Der Hummer hier ist einfach göttlich«, erklärte Sebastian, schaute auf und musterte Kate, als überlegte er, ob er die Ware nehmen oder sich lieber nach etwas anderem umschauen sollte. Sie errötete, während er sie unverhohlen von oben bis unten musterte. »Wobei das Wild auch ganz köstlich ist, aber ich finde es immer etwas … schwer.«

Kate versuchte, die pointierte Betonung des Wortes schwer zu überhören – bestimmt bildete sie sich das nur ein –, und rang sich ein Lächeln ab. Trocken klebten ihr die Lippen an den Zähnen. »Dann den Hummer!« Sie hatte immer schon mal Hummer essen wollen, und ihn im Privet zu probieren, mit dem attraktivsten Mann der Welt, schien doch die beste Gelegenheit dazu. Außerdem stand auf der Speisekarte, dass es als Beilage Pommes frites dazu gab.

Der Kellner erschien wieder am Tisch und schenkte den Wein ein. Mit wehmütigem Blick schaute Kate auf ihr Glas. Rot wäre nicht unbedingt ihre erste Wahl gewesen. Davon bekam man immer so unschöne dunkle Ringe um die Lippen, die Zähne wurden grau, und der Mund wirkte fast faulig. Nicht gerade förderlich für die Aussicht auf einen Kuss am Ende des Abends (beim Gedanken daran, Sebastian vielleicht schon in zwei, drei Stunden zu küssen, wurde sie rot). Doch sie wagte es nicht, nach einem Weißwein zu fragen, wo er doch eine ganze Flasche bestellt hatte. Stattdessen würde sie eben nach jedem Glas schnell zur Toilette verschwinden und sich die Lippen mit dem Fingernagel abschrubben.

»Sie wirken in natura wesentlich pummeliger als auf dem Foto«, stellte Sebastian unvermittelt fest. »Und älter.«

Entsetzt schnappte Kate nach Luft und murmelte zur Entschuldigung, dass das Bild schon etwas älter sei.

»Tja, das scheint öfter vorzukommen«, bemerkte Sebastian gelangweilt. »Sämtliche Frauen, die ich bisher über Table For Two kennengelernt habe, sind mindestens fünf Jahre älter und fünf Kilo schwerer als auf ihren Profilfotos.«

Kates Wangen brannten, als hätte man sie geohrfeigt.

»Wir bilden uns eben alle gern ein, wir seien immer noch einundzwanzig«, piepste sie kleinlaut.

»Mmmm.« Irgendwie gelang es Sebastian, gleichzeitig desinteressiert und skeptisch zu klingen. Zum Glück wechselte er dann das Thema. »Sie sind das PR-Mädel, stimmt’s?«

»Ja«, antwortete Kate und nippte zur Nervenberuhigung am Wein, wobei sie beschloss, die herablassende Verwendung von »Mädel« großzügigerweise zu überhören. »Ich bin Kundenbetreuerin bei Julian Marquis PR.«

Mit hochgezogenen Augenbrauen schaute Sebastian sie an. »Julian Marquis? Den kenne ich schon ewig. Wir haben zusammen in Oxford studiert.«

Kate erstarrte.

»Über Weihnachten fahren wir jedes Jahr zusammen zum Skifahren. Wir quartieren uns mit zwanzig, fünfundzwanzig ganz engen Freunden in einer fantastischen Berghütte ein und verbringen dort gemeinsam die Feiertage. Dieses Jahr war die Piste einfach perfekt …«

Aber Kate hörte ihm gar nicht mehr zu. Hinter ihrem aufgesetzten Lächeln litt sie Höllenqualen. Der heutige Abend entwickelte sich zunehmend zu einem Desaster. Zunächst einmal konnte sie es kaum fassen, dass er ihre Figur kritisiert hatte. War sie tatsächlich so fett? Als Bohnenstange ging sie ganz sicher nicht durch, aber war ihr Gewicht wirklich das Erste, was einem an ihr auffiel? Viel deutlicher hätte Sebastian ihr kaum zeigen können, was für eine herbe Enttäuschung sie für ihn war. Und zu allem Überfluss kannte er auch noch Julian. Womöglich würden die beiden auf sie zu sprechen kommen, und Julian würde sie bis in alle Ewigkeiten damit aufziehen, dass sie sich bei einer Partnervermittlung angemeldet hatte.

Sie trank einen großen Schluck Wein, rasch gefolgt von einigen weiteren Schlucken. Je mehr Sebastian redete, desto mehr trank sie. Als der Kellner schließlich den Hummer brachte, näherte sich seine Geschichte gerade dem Höhepunkt, an dem er sich heldenhaft eine schwarze Piste hinuntergestürzt hatte, und das nur auf seinen zweitbesten Skiern – und Kate musste unbedingt mal aufs Klo und sich den Rotweinring von den Lippen schrubben.

»Entschuldigen Sie mich bitte.« Rasch verdrückte sie sich in Richtung Toilette und ließ Sebastian mitten im Satz mit seinem Krustentier in der Luft hängen.

Im schummerig beleuchteten Zufluchtsort der Damentoilette betrachtete Kate sich eingehend im Spiegel. Tatsächlich, sie sah aus, als hätte sie sich Matsch um den Mund geschmiert. Dann wanderte ihr Blick nach unten, und sie begutachtete niedergeschlagen ihren Aufzug. Okay, sie war in Eile gewesen, aber warum nur hatte sie ausgerechnet dieses Kleid angezogen? Kein Wunder, dass Sebastian enttäuscht war. Sie sah aus wie ein Walross auf Stilettos. Todunglücklich atmete sie einmal tief durch und marschierte wieder zurück ins Restaurant.

Am Tisch nahm Sebastian bereits den Hummer in Angriff, präzise wie ein halb verhungerter Chirurg. Das silberne Besteck in seinen Händen blitzte bedrohlich. Kates Blick wanderte zu ihrem Teller. Neben dem Hummer lagen eine Gabel, etwas Nussknackerähnliches und ein langer, spitzer Spieß. Ein Messer gab es nicht. Ratlos besah sie sich den Hummer. Er befand sich noch in der Schale und schien nur aus Augen, Scheren und Tentakeln zu bestehen. Mit sinkendem Mut ging Kate auf, dass Hummeressen augenscheinlich eine hohe Kunst war, in der sie sich als völlig ungeübt outen würde. Es musste doch eine halbwegs vornehme Art geben, die Schale zu knacken. Ihr brach der Schweiß aus.

Um Zeit zu schinden, mümmelte sie ein paar Pommes frites. Dabei versuchte sie, unauffällig zu beobachten, wie Sebastian das mit dem Zerlegen anstellte, aber was immer er tat, er war zu schnell, und ihr Gehirn kam einfach nicht mit.

Während Sebastian also seelenruhig knackte, spießte und mampfte, führte er einen scheinbar endlosen Monolog über die Situation auf dem Aktienmarkt und den unglaublich wichtigen Job, dem er nachging. Von Kate schien keinerlei Beitrag zu dieser Konversation erforderlich oder erwünscht zu sein, also konzentrierte sie sich ganz darauf, ihres Abendessens Herr zu werden. Sebastians Blick war fest auf seine Sezierarbeit gerichtet, und er schaute kein einziges Mal auf.

Die Luft war rein.

Schnell nahm Kate den Nussknacker in eine Hand, packte den Hummer mit der anderen und versuchte ungeschickt, das Tier zwischen die Schenkel des Geräts zu klemmen. Aber wo ansetzen? Am Kopf bestimmt nicht, das war zu brutal. Und der Bauch war zu dick. Also beschloss sie, es mit einer der Scheren zu versuchen. Sie wog den Nussknacker in der Hand, setzte an und drückte zu, so fest sie konnte. Man hörte es vernehmlich knacken, und im nächsten Moment schoss ein Hummersplitter von ihrem Teller geradewegs auf den Teppich neben dem Tisch. Kate hielt die Luft an und sah erschrocken zu Sebastian. Der war allerdings gerade dabei zu rezitieren, wie viel Geld er pro Tag verdiente, und hatte glücklicherweise von ihrem Missgeschick nichts mitbekommen. Erleichtert griff Kate zu dem Spieß, in der Hoffnung, ein Stückchen Fleisch aufnehmen zu können. Durch ihr ungeschicktes Vorgehen war der Hummer allerdings mit Schrapnellstückchen gespickt. Vorsichtig spießte sie ein kleines Häppchen auf und steckte es sich in den Mund. Es knirschte und knackte, als würde man auf einem Nadelkissen mit Fischgeschmack herumkauen. Ausspucken konnte sie das Stück wohl kaum, nicht hier im Privet, also trank sie verlegen einen großen Schluck Wein und schluckte. Sie spürte, wie die Schale beim Hinunterrutschen in der Speiseröhre kratzte. Verzweifelt bemühte sie sich, das verdorbene Festessen unter den Pommes frites zu verstecken.

»Hat Madame der Hummer nicht gemundet?«, erkundigte der Kellner sich später, als er die Teller abräumte. Kate wurde rot.

»Er war ganz köstlich. Ich war bloß … nicht sehr hungrig.« Hastig rieb sie sich den Bauch und hoffte inständig, er möge sie nicht gerade jetzt laut knurrend Lügen strafen.

»Darf ich Ihnen dann die Dessertkarte bringen?«

Voller Vorfreude setzte Kate sich gerade hin. Die Nachspeisen im Privet waren sagenumwoben. Lange schon hatte sie die legendäre »Death by Chocolate«-Schokoladentorte probieren wollen, die mit Eiscreme von schwarzen Feigen serviert wurde. Doch Sebastian winkte den Kellner kurzerhand fort.

Enttäuscht ließ Kate den Kopf hängen. Der heutige Abend war eine einzige Katastrophe gewesen. Sie griff nach ihrem Weinglas und trank es in einem Zug leer. Zum Teufel mit den schwarzen Ringen, dachte sie tollkühn, die Chancen, dass Sebastian sie heute Abend noch küssen wollte, tendierten ohnehin gegen null.

Und dann kam die Rechnung. Ein Hoch auf die altmodische Konvention, die den Kellner veranlasste, sie auf Sebastians Seite zu platzieren, dachte Kate insgeheim. Das fehlte noch, dass sie achtzig Pfund für vier Fritten hinblätterte. Mit großer Geste legte Sebastian seine Platinkarte auf den Tisch. Trinkgeld gab er keins.

Kurz darauf standen sie draußen in der kalten Luft.

»Tja, es war wirklich sehr … interessant … Sie mal persönlich in Ihrer ganzen Pracht kennenzulernen«, verabschiedete Sebastian sich steif. Das Wort »Pracht« blieb förmlich zwischen ihnen in der Luft hängen, und Kate zog den Kopf ein. So viel zu ihrem Abschiedskuss. Wie von Zauberhand tauchte neben ihm ein Taxi auf.

»Ich rufe Table For Two an und gebe Ihnen Rückmeldung«, brummte er kurz angebunden und sprang dann in den Wagen. »Sie heißen Biggs, nicht wahr?«, höhnte er ihr vom sicheren Rücksitz aus noch hinterher, was Kate lediglich zu einem resignierten Nicken veranlasste.

Sebastian lächelte, als sei dies die endgültige Bestätigung. »Fahren Sie los«, wies er den Fahrer an. Und dann war er in einer Abgaswolke verschwunden, und Kate stand allein auf dem Bürgersteig.