Alice

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Eins der vielen Formulare, das neue Klienten der Table For Two-Partnervermittlung ausfüllen mussten, enthielt die Fragen »Was machen Sie an einem perfekten Samstagabend?« und »Wie sieht für Sie der perfekte Sonntagmorgen aus?« Während Alice nie so recht wusste, was sie am Samstagabend unternehmen sollte, konnte sie sich den perfekten Sonntagmorgen nur allzu gut bildlich vorstellen … ein gemütlicher Bummel durch das Gartencenter bei ihr gleich um die Ecke.

Es hatte etwas sehr Befreiendes, in einer abgewetzten Strickjacke und ihrer ältesten Jeans durch Greenfingers zu schlendern. Allein der Anblick der ordentlichen Pflanzenreihen – schnurgerade aufgereiht wie disziplinierte Soldaten, und doch rebellisch unsymmetrisch wie aufmüpfige Schuljungen – hob unweigerlich Alice’ Laune. Ein oder zwei Stunden waren im Nu vertrödelt, wenn sie durch die Gänge mit den Baby-Clematis oder den Azaleen bummelte und sich vorstellte, was für ein Feuerwerk an Farben hier bald explodieren würde. Und wie sie so an einer Reihe hochgewachsener Christrosen vorbeiging, kam ihr der Gedanke, dass Gärtnereien eigentlich Hoffnung verkauften. Man erstand nicht nur Blumenzwiebeln, sondern ein kleines Päckchen Zuversicht, dass Mutter Natur freundlicherweise dafür sorgen würde, sie zum Wachsen und Blühen zu bringen. Einfach pflanzen und gießen, und bald schon wurde man mit einem wahren Farbenzauber belohnt.

Alice schob ihr Fahrrad zur Einfahrt von Greenfingers und schloss es am Geländer an. Es war fünf vor zehn, und sie war wieder einmal die einzige ungeduldige Gärtnerin, die es nicht erwarten konnte, dass die Türen sich endlich öffneten. In der Glastür betrachtete sie ihr Spiegelbild. Die Haare standen zerzaust in alle Richtungen (sie hatte wohl wieder mal vergessen, sie zu kämmen), und sie trug eine uralte Jeans aus dem Klamottendiscounter. Ihre Strickjacke hatte vorn ein großes Loch von einem kleinen Zwischenfall mit einem störrischen Ast. Sie sah wirklich aus wie etwas, das die Katze ins Haus geschleppt hatte – so würde zumindest Audrey es formulieren.

Dudley vom Wachpersonal spähte durch die geschlossene Glastür und lächelte ihr zu. Strahlend erwiderte sie seine Begrüßung. Dudley und sie hatten sich am Sonntagmorgen schon oft unterhalten, ehe Gott und die Welt hier auftauchten. Genau wie sie mochte Dudley die Stille des Außenbereichs der Gärtnerei. Die Innenräume dagegen sagten beiden nicht besonders zu. Dort kam Musikberieselung vom Band, und es wimmelte nur so von gelangweilten Kindern und entnervten Eltern. Aber draußen war es kühl und ruhig, und die plätschernden Springbrunnen bildeten die einzige Geräuschkulisse – die Vorfreude darauf ließ Alice bereits in der Früh fröhlich aus dem Bett hüpfen.

Dudley zog die Türen auf, und Alice ging durch den Ladenbereich, vorbei an den Regalreihen mit Holzschutzmittel und Biodünger, hinaus in den angrenzenden Hof. Mit einem glücklichen Seufzen atmete sie die friedliche Atmosphäre ein und stürzte sich auf die erste Reihe mit Grünpflanzen.

Ihre Liebe zum Gärtnern hatte Alice entdeckt, nachdem sie eine Zweizimmer-Gartenwohnung in der Eversley Road gekauft hatte. Nie hätte sie damit gerechnet, dass sie eine solche Leidenschaft dafür entwickeln würde. Eigentlich war der zur Wohnung gehörige Garten nicht weiter der Rede wert gewesen; lediglich ein quadratisches gepflastertes Fleckchen mit einer mickrigen Eibe. Doch er verfügte über zwei Annehmlichkeiten – er war absolut uneinsehbar und gehörte nur ihr ganz allein! Schnell wurde der Garten zu Alice’ Lieblingsplatz – ein Ort der Ruhe, der Stille und der Tagträumerei. Hier konnte sie ganz sie selbst sein.

Es dauerte nicht lange, dann hatte sie die Pflastersteine herausgerissen, die Eibe wieder zum Leben erweckt und Blumenrabatten angelegt, die schier überquollen vor farbenfrohen Blütenkaskaden. Ein Freund hatte Alice dabei geholfen, einen zwei Meter langen freistehenden Blumenkasten nach Hause zu schleppen, den sie mit duftenden Blumen und Kräutern bepflanzte. Im Sommer, wenn die bodentiefen Fenster ihres Schlafzimmers sperrangelweit offen standen, konnte Alice vom Bett aus das warme Aroma des Lavendels einatmen.

Stundenlang konnte sie summend durch den Freilandpflanzen-Bereich bei Greenfingers stromern, schließlich ihren Drahtfahrradkorb mit Grünzeug füllen und zufrieden nach Hause strampeln. Wenn sie so durch die Straßen radelte, war sie glücklich. Sie mochte ihren Job bei Table For Two, und sie hatte einige ganz wunderbare Klienten. Sie glaubte an gutes Karma und Happy Ends und daran, dass guten Menschen Gutes widerfuhr. Nur äußerst selten hatte sie mit Klienten zu tun, die sie nicht mochte – seltsamerweise schien Audrey die unangenehmen Kandidaten immer persönlich betreuen zu wollen –, aber wenn es doch einmal vorkam, dann fiel es ihr sehr schwer, den richtigen Partner für sie zu finden.

Alice bog in die Eversley Road ab. Sie musste ganz schön strampeln, weil es den Hügel hinaufging, und verzog angestrengt das Gesicht. Es war ihr peinlich, sich das einzugestehen, aber Audrey machte ihr Angst. Sie wusste, dass Audrey sie nicht mochte, gab sich aber trotzdem große Mühe, freundlich zu ihr zu sein. Doch jedes Mal, wenn sie mit ihr reden wollte, war es, als klebten ihr die Worte am Gaumen fest. Dann plapperte sie sinnloses Zeug in dem verzweifelten Versuch, das unangenehme Schweigen zu überbrücken, während Audrey sie bloß herablassend beäugte. So war das immer schon gewesen, und Alice arbeitete schon seit Jahren bei Table For Two. Nach sechs Monaten hatte sie kurzzeitig überlegt zu kündigen. Doch dazu mochte sie ihre Klienten dann doch zu sehr. Die blieben natürlich nicht ewig, sie kamen und gingen – zumindest sollte das so sein, denn ihr Ziel war es schließlich, den oder die Richtige für sie zu finden. Das Problem dabei war bloß, Alice hatte zu jeder Zeit Klienten, die sie mochte. Und die wollte sie nicht im Stich lassen, ohne den richtigen Partner für sie gefunden zu haben. Kaum waren die einen erfolgreich verkuppelt, standen die nächsten schon Schlange. Und ehe sie sich’s versah, war von Aufhören keine Rede mehr.

Zu Hause angekommen stieg Alice vom Rad und trug die Pflanzen nach drinnen. Dann schaute sie auf die Uhr. Gut – sie hatte noch jede Menge Zeit, um in Ruhe im Garten herumzuwerkeln, bevor sie nachher den Sonntagsbraten in den Ofen schieben musste. Um drei wollte Ginny mit Dan und dem Baby zum Essen kommen. Glücklich darüber, noch ein paar Stunden ungestört in der Erde wühlen zu können, trat sie lächelnd in den Garten.