Audrey

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Endlich war Maurice weg. Audrey machte die Tür hinter ihm zu und schloss erleichtert die Augen. Dieser Mann war wirklich unerträglich mit seinem kleinkarierten Gejammer und seiner überzogenen Vorstellung von Perfektion, die es schlichtweg nicht gab. Und selbst wenn eine derart perfekte Frau existierte, dann würde sie wohl kaum so tief sinken, sich auf Maurice einzulassen. Aber das Enervierendste von allem war, dass Audrey sich irgendwann im Verlauf dieser schier endlosen Litanei dazu bereit erklärt hatte, sich persönlich seines Falls anzunehmen. Unfassbar, dass sie sich dazu hatte breitschlagen lassen! Vielleicht lag es daran, dass er sie bei ihrer Berufsehre gepackt hatte, oder womöglich hatte sie ihn auch bloß, so schnell es ging, wieder loswerden wollen. Wie dem auch sei, es war eine Katastrophe. Als sei das Leben nicht schon schlimm genug, jetzt, wo John sich weigerte, sie wiederzusehen, nein, nun hatte sie auch noch selbst einen Nagel in ihren Sarg geschlagen und sich zu regelmäßigen – und zweifellos langatmigen – Gesprächen mit Maurice Lazenby verurteilt, bis sie endlich die richtige Frau für ihn gefunden hätte. Was realistisch betrachtet nie eintreten würde.

»Audrey, Sie Ärmste!«, rief Bianca mitleidig quer durch das Büro. »Das war der schlimmste Maurice, den ich je gesehen habe!«

Audrey wandte den Blick von der Tür ab und nahm Alice ins Visier.

»Alice Brown, haben Sie es sich zum Ziel gesetzt, mir sämtliche Klienten zu vergraulen?«, kläffte sie in einem Tonfall, der Glas hätte schneiden können. »Oder beschränken Sie sich darauf, nur die männlichen zu vertreiben?«

Bianca und Cassandra schnappten entsetzt nach Luft. Eine Partnervermittlerin würde eher ihre eigene Großmutter verkaufen, als männliche Klienten zu vergraulen.

Alice wurde starr vor Schreck. »Oh mein Gott, hat Maurice etwa gekündigt?«

»Hätte er das, dann wäre es allein Ihre Schuld«, bemerkte Audrey schnippisch. »Glücklicherweise habe ich ihn davon überzeugen können zu bleiben.«

Alice fuhr erleichtert zusammen, doch Audrey polterte ohne Pause weiter.

»Nicht nur, dass Sie Mr Lazenby verärgert haben, nein, heute Morgen hat mich ein weiterer Ihrer unzufriedenen Klienten über seine Kündigung in Kenntnis gesetzt.«

Verdattert sah Alice sie an.

»Ich verstehe das nicht – wie um alles auf der Welt haben Sie es geschafft, einen aufstrebenden, ganz passabel aussehenden Mann wie Steve Walker nicht an die Frau zu bringen, wo wir doch Dutzende vollkommen verzweifelter Frauen in unserer Kartei haben, die so ziemlich jeden nehmen würden, den sie bekommen?«

»Steve ist weg?«

»Ja, Mr Walker ist weg! Und wissen Sie, warum er nicht bleiben wollte? Weil Sie ihm keine Verabredungen mehr vermittelt haben!«

Alice wand sich unbehaglich. »Das … das hatte seine Gründe.«

»Ihre Gründe sind mir schnurzpiepegal! Er ist unser Klient, und Sie sind Partnervermittlerin. Sie organisieren für ihn Verabredungen mit Frauen. Dazu muss man doch nicht Atomphysik studiert haben!« So einfach würde sich Audrey diesmal nicht abspeisen lassen, denn die Sache war zu ernst. Ihr Hals lief ganz rot an vor Wut. »Ich habe es Ihnen schon tausend Mal gesagt: Wir müssen jeden Mann in unserer Kartei behandeln wie ein rohes Ei. Jeder männliche Klient ist viel wichtiger für uns als welche Frau auch immer. Frauen gibt es wie Sand am Meer. Die können meinetwegen dutzendweise weglaufen.«

»Ehrlich gesagt halte ich es für keinen großen Verlust, dass Steve gekündigt hat.«

»Keinen großen Verlust?«, tönte Audrey mit vor Sarkasmus triefender Stimme. »Wieso um alles auf der Welt ist das ›kein großer Verlust‹?«

»Ich glaube, die Motive für seine Mitgliedschaft bei uns waren nicht unbedingt untadelig.«

»Seine Mitgliedschaft bedeutet für uns dreihundert Pfund Aufnahmegebühr und hundert Pfund im Monat. Darauf zu verzichten klingt für mich nach einem ziemlich herben Verlust.«

»Aber er hat jede Menge Frauen kennengelernt, fünfzehn an der Zahl! Und keine einzige wollte er wiedersehen. Kommt Ihnen das nicht auch ein bisschen merkwürdig vor?«

»Nicht unbedingt. Offensichtlich haben Sie fünfzehn Mal danebengelegen.«

»Ich habe nicht danebengelegen«, widersprach Alice erstaunlich bestimmt.

»Tja, als Volltreffer würde ich diese Dates jedenfalls nicht bezeichnen«, gab Audrey schnippisch zurück.

»Ich hatte einfach so ein ungutes Gefühl bei Steve«, versuchte Alice eher halbherzig zu erklären. »Irgendwas an ihm hat mein Misstrauen geweckt, also habe ich alle fünfzehn Frauen danach angerufen und sie zu ihren Verabredungen mit Steve befragt. Und wissen Sie was? Alle haben sie mir genau dasselbe erzählt … Es sei sehr nett gewesen, sein augenscheinliches Interesse habe ihnen sehr geschmeichelt, und er habe richtig begeistert gewirkt. So sehr, dass er darauf bestand, jede Einzelne von ihnen nach Hause zu bringen.«

Alice erwartete offenkundig, dass Audrey außer sich wäre angesichts dieser unehrenwerten Annäherungsversuche, aber sie würde einen Teufel tun, ihr diese Genugtuung zu geben. Stattdessen knurrte sie finster: »Sie sind Partnervermittlerin und nicht Miss Marple. Fünfzehn Frauen, und keine passt, hm? Na und? Dann suchen Sie ihm eben fünfzehn neue.«

Aber Alice redete unbeirrt weiter.

»Und wenn die Frauen dann Nein sagten, verflog sein Interesse schlagartig. Am Morgen nach einem Date war es jedes Mal bereits so weit abgekühlt, dass er keine der fraglichen Damen wiedersehen wollte. Würden Sie seine Motive da nicht auch infrage stellen? Würden Sie unter diesen Umständen nicht auch zu dem Schluss kommen, dass er keinerlei ernste Absichten verfolgt? Und wenn er die nicht hat, was ist dann mit all den Frauen, die er damit enttäuscht?«

Alice’ Augen waren groß wie Untertassen, so ernst sah sie ihre Chefin an. In einer anderen Welt, dachte Audrey plötzlich, einer Welt ohne Arbeitsrecht, ohne Konsequenzen oder Zeugen, hätte sie Alice eine schallende Ohrfeige verpasst.

»Mr Walker war also nicht ganz so begeistert von Ihren Damen, wie Sie in Ihrer Eitelkeit angenommen haben«, zischte sie bösartig. »Aber was ist mit all den Frauen, die ihn jetzt nicht mehr kennenlernen werden? Die Tatsache, dass sich das Verhältnis von Frauen zu Männern in unserer Kartei weiter verschlechtert hat, ist nur Ihnen zu verdanken. Den Schaden habe ich als Agenturchefin. Mit wem sollen unsere Klientinnen sich jetzt treffen – Mr Leere Luft vielleicht?«

Irgendwas von dem, was Audrey gesagt hatte, ließ Alice plötzlich Haltung annehmen. Durch den Nebel ihrer Rage merkte Audrey, wie ihre Angestellte sie mit eindringlichem Blick musterte.

»Wollen Sie damit sagen, ich hätte Steve weiter mit unseren Klientinnen zusammenbringen sollen, nur damit die Zahlen stimmen?«, fragte sie mit belegter Stimme.

»Was ich damit sagen will, Sie Schwachkopf, ist, dass Mr Walker ein Gewinn für diese Agentur war und jetzt weg ist.«

»Gewinn?« Sie zog die kleine Stupsnase kraus.

»Herr, gib mir Geduld!«, schnaubte Audrey ärgerlich. »Haben Sie denn in all den Jahren hier nichts gelernt?«

»Ich kann keine Menschen zusammenbringen, wenn ich nicht mit dem Herzen dahinterstehe«, erklärte Alice schlicht. »Unsere Klienten suchen die wahre Liebe; und wenn sie die schon nicht finden, dann sollen sie zumindest etwas über sich lernen, das ihnen auf ihrer weiteren Reise hilft.«

»Reise? Wir sind eine Partnervermittlungsagentur, kein Reisebüro. Und unsere Dates sind auch nicht der Pfad zur spirituellen Erleuchtung, Herrgott noch mal. Nun haben wir wieder einen Mann weniger, was unsere Arbeit noch schwerer macht.«

Worauf Alice ganz gelassen erklärte: »Es tut mir leid, aber ich kann die Verantwortung für Steves fragwürdiges Verhalten nicht übernehmen.«

»Ebenso wenig, wie Sie die Verantwortung dafür übernehmen wollen, dass Maurice ohne Voranmeldung in mein Büro geplatzt ist, um sich bei mir über Sie zu beschweren?«, spie Audrey giftig. Je ruhiger und beherrschter Alice ihre Unschuld bekundete, desto ungehaltener wurde Audrey. Es würde nicht mehr viel brauchen, bis ihr der Kragen platzte.

»Über Maurice habe ich auch schon nachgedacht«, entgegnete Alice leise. »Ich glaube, niemand, mit dem wir ihn zusammenbringen, wird ihm gut genug sein.«

»Was schlagen Sie also vor? Dass wir ihn auch ›verlieren‹, bloß weil er sich nicht auf Ihre lausigen, zweitklassigen Partnervorschläge einlässt?« Audrey sah aus, als ginge sie gleich an die Decke. So langsam reichte es ihr wirklich mit Alice Brown, ihren hehren Idealen, den großen Augen und den ausgebeulten Strickjacken, dem altmodischen Fahrrad, den ungekämmten Haaren und dem geschmacklosen Schuhwerk. Sie, Audrey Cracknell, war auch nur ein Mensch, und sie hatte schon mehr ertragen, als man irgendwem eigentlich zumuten konnte. Maurice war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, und Audrey spürte die Wut wie eine Woge in sich aufsteigen. Sie war ein brodelnder Vulkan kurz vor dem Ausbruch.

»Shit!«, ertönte da plötzlich eine Stimme von der anderen Seite des Büros, die Audrey von ihrem Zorn ablenkte und sie aus dem Konzept brachte.

»Shit!«, rief Hilary abermals. »Ausgerechnet jetzt!«

»Klappe, Hilary!«, schnauzte Audrey sie gereizt an. »Solche Ausdrücke möchte ich in meinem Büro nicht hören.«

»Entschuldigung, Audrey.« Hilary klang, als täte es ihr nicht im Geringsten leid. »Aber meine Fruchtblase ist gerade geplatzt!«

Alarmiert wirbelte Audrey herum.

»Doch nicht hier!«, kläffte sie. »Nicht auf dem Teppich!«

»Dafür ist es ein bisschen zu spät!«, gab Hilary gleichgültig zurück.

»Also schön … aber den Rest halten Sie jetzt ein!«, befahl Audrey etwas verunsichert. Von Geburten und allem, was damit zusammenhing, hatte sie nicht die geringste Ahnung, und sie fühlte sich plötzlich sehr hilflos. Aber das durfte sie sich auf keinen Fall anmerken lassen – nicht vor den Augen ihrer Untergebenen.

Hilary verzog wenig damenhaft das Gesicht.

»Verfluchter Mist!«, kreischte sie ganz ungrazil. »Das war eine Wehe!«

»Vielleicht rufe ich besser ein Taxi und fahre mit Hilary ins Krankenhaus?«, schlug Alice leise vor.

Audrey drehte sich zu ihr um, und ihre Wut wurde von aufkommender Panik verdrängt. Sie wusste nicht mal, ob die Versicherung ihr den Schaden am Teppich ersetzen würde.

»Ja, das wäre vielleicht besser«, stieß sie gepresst hervor. »Solange Sie nicht im Büro sind, verlieren wir wenigstens nicht noch mehr Klienten.«

Und damit flüchtete sie in ihr sicheres, eingeglastes Büro und schloss die Tür hinter sich. Ihren allabendlichen Fernsehkrimis zum Trotz konnte sie kein Blut sehen … und auch keine halb nackten Menschen. Alle in ihrem Umkreis sollten stets vollständig bekleidet sein, und Geburten durften nur hinter verschlossenen Türen stattfinden – die natürlich nicht aus Glas waren. Sie knurrte unwillig und versuchte, nicht hinzusehen, als Alice Hilary aus ihrer tropfnassen Strumpfhose half.