Kate
Endlich Montagmorgen.
Kate holte tief Luft, strich das funkelnagelneue Kostüm von Reiss glatt (nichts von alledem, was in ihrem Schrank hing, war ihr für den Anlass geeignet erschienen) und marschierte entschlossen durch die Eingangstür der Table For Two-Partnervermittlung. Drinnen angekommen stand sie unverhofft in einem offenen Büro, in dem mehrere weibliche Angestellte saßen und angeregt telefonierten. Einen Empfangsbereich, den sie hätte ansteuern können, gab es nicht, also blieb Kate ein wenig befangen an der Tür stehen und balancierte unsicher auf ihren neuen hohen Schuhen.
Irgendwann legte die junge Frau an dem Schreibtisch neben der Tür den Hörer auf die Gabel und lächelte sie an.
»Ja, bitte? Wen möchten Sie denn sprechen?«
»Alice.« Allen guten Vorsätzen zum Trotz klang Kates Stimme ziemlich nervös.
Die Frau drehte sich in ihrem Stuhl herum und schaute durch das Büro. Dabei fiel Kate ihr dicker Bauch ins Auge. Sie war schwanger; hochschwanger sogar! Gut, dachte Kate freudig. Genau dafür bezahlte sie schließlich: für einen Express-Fahrschein ins Glück, der ihr alberne Spielchen und zu nichts führenden Nonsens ersparte. Hier war sie offensichtlich in den besten Händen, um ihren zukünftigen Partner kennenzulernen, aus dem ein Ehemann und schließlich ein Vater werden würde. Sie hoffte inständig, man würde auch bei ihr ein glückliches Händchen beweisen – am besten jetzt gleich und sofort.
Die Frau wandte sich ihr wieder zu.
»Sie telefoniert gerade. Nehmen Sie doch noch einen Moment auf dem Sofa Platz und machen Sie es sich bequem. Es wird nicht lange dauern.«
Damit wies sie auf eine kleine Sitzecke, die Kate bisher noch gar nicht aufgefallen war. Linkisch setzte sie sich auf das Polster und versuchte, nicht allzu nervös zu wirken.
Die schwangere Frau war schon wieder am Telefon. Verstohlen schaute Kate sich um. Sie hatte sich natürlich gefragt, wie eine Partnervermittlung wohl von innen aussah. Am Abend zuvor, kurz vor dem Einnicken, hatte sie plötzlich die erschreckende Vorstellung überfallen, an den Wänden könnten Bilder der Vermittlungswilligen hängen – wie Fahndungsfotos –, eine Art Gegenüberstellung mit den verzweifeltsten Gesichtern der Stadt. Der Gedanke hatte sie stundenlang nicht einschlafen lassen. Doch zum Glück entdeckte sie nirgendwo eine solche Galerie der Schande. Nein, eigentlich sah es hier enttäuschend normal aus.
Urplötzlich flog die Tür auf, und herein kam ein Bote mit einem riesengroßen Blumenstrauß im Arm. Unschlüssig stand er da, hinter dem gewaltigen Gebinde aus dicken, üppigen Blüten kaum zu sehen. Mehrere Sekunden vergingen. Dann ließ ein lautes Klopfen Kate hochschrecken, und das Blütenmeer auf Beinen marschierte zu einem Bereich, der durch eine Glaswand vom restlichen Büro abgetrennt war. Dort stand Audrey Cracknell und hämmerte gebieterisch gegen die Scheibe. Ohne ihr Telefonat zu unterbrechen, winkte sie den wandelnden Blumenstrauß herein, nahm ihn, ohne eine Miene zu verziehen, an und scheuchte den Boten dann ungeduldig hinaus. Kate war mit einem Mal sehr erleichtert, dass sie ihren Termin nicht bei Audrey hatte. Die Frau hatte etwas durch und durch Furchteinflößendes an sich. Doch der Erleichterung folgte rasch ein Anflug von Ehrfurcht. Die Frauen hier bekamen von ihren Verehrern Blumen geschickt. Sogar Frauen wie Audrey.
»Hallo Kate.«
Eine nette junge Frau stand plötzlich vor ihr und lächelte ihr freundlich zu.
»Alice!« Kate sprang auf und schüttelte ihr nervös und etwas zu energisch die Hand. Dann wurde sie quer durch das Büro in einen kleinen Raum geführt, wo Alice die Tür hinter ihnen schloss. In dem kleinen Zimmer standen zwei Rattansessel und ein niedriger Couchtisch, auf dem sich nur ein Laptop, ein Strauß weißer Blumen und eine Schachtel Taschentücher befanden.
»Ist das für den Fall, dass ich heulen muss?«, fragte Kate und lachte unbeholfen, wobei sie auf die Taschentücher wies.
»Na ja«, erklärte Alice freundlich, »hier im Gesprächsraum gehen wir in die Tiefe, um herauszufinden, wer Sie sind, was Sie mögen und was Sie wirklich wollen. Manchen Menschen fällt es nicht leicht, über diese Dinge zu reden. Vor allem dann nicht, wenn sie schon lange auf der Suche nach einem neuen Partner sind.« Ihr Blick fiel auf Kates erschrockenes Gesicht, und sie lächelte. »Keine Sorge. Den meisten macht es eher Spaß, darüber nachzudenken, wie der Mensch sein soll, den sie gerne kennenlernen möchten. Also gut! Dann fangen wir doch gleich an, ja?«
Schon nach wenigen Minuten begann Kate sich langsam zu entspannen. Sie hatte sich in Alice nicht geirrt; die Frau war ihr durch und durch sympathisch. Dagegen konnte sie sich beim besten Willen nicht vorstellen, dieses ganze Prozedere mit Audrey durchzustehen. Allein der Gedanke, dieser Frau ihr Herz zu öffnen, war beängstigend. Aber Alice war alles andere als Furcht einflößend; sie war nett und warmherzig und sprühte regelrecht vor Liebenswürdigkeit. Zwar sah sie etwas abgerissen aus – ein taillierter Blazer und eine Nylonstrumpfhose hätten eine entschiedene Verbesserung ihrer Optik dargestellt, und ihre Schuhe waren ein klein wenig zu … vintage. Aber sie hatte schöne markante Wangenknochen, einen makellosen Teint und schien ziemlich auf Draht zu sein. Und man konnte gut mit ihr reden. So gut, dass Kate sich dabei ertappte, wie sie mehr erzählte, als sie eigentlich wollte. Das Wochenende hatte sie, so gut es ging, genutzt, um sich einen genauen Gesprächsplan zurechtzulegen: Eloquent und beherrscht wollte sie auftreten und Alice mit ihrer ruhigen, kultivierten Art und ihrer tadellosen, eleganten Garderobe beeindrucken. Aber auf einmal plapperte sie wie ein Wasserfall und konnte gar nicht mehr aufhören. Es war, als hätte ihr Gehirn die Kontrolle über ihren Mund verloren und ihre Zunge wäre völlig außer Rand und Band geraten. Sie konnte sich einfach nicht bremsen!
»Wenn Sie Ihren idealen Partner beschreiben sollten«, fragte Alice, die Gelegenheit, als Kate Luft holte, rasch ergreifend, »wie sähe der aus?«
»Nun ja«, setzte Kate an und überlegte, wie sehr sie ins Detail gehen sollte. »Er sollte groß sein … dunkelhaarig … gut aussehend. Mit einem netten Lächeln und vielleicht Grübchen. Und ein ausgeprägtes Kinn sollte er haben, natürlich rasiert. Gerade weiße Zähne. Und blaue Augen, ich stehe auf blaue Augen. Er hätte einen guten Job, einen, bei dem er einen Anzug trägt. Vielleicht Manager oder Unternehmer. Natürlich hätte er ein Auto, wenn auch kein zu protziges. Einen Audi vielleicht oder einen Saab. Keinen BMW; die sind zu angeberisch. Er wäre ein sehr guter Chef und nett zu seinen Angestellten. Er hätte ein ordentliches Einkommen. Sechsstellig, mit Aussicht auf einen Sitz im Vorstand. Wobei ich nicht auf einen dicken Fang aus bin. Ich möchte selbst weiterhin arbeiten, ich liebe meinen Beruf! Aber ich hätte gerne ein schönes Haus, ich möchte gelegentlich verreisen und ein sorgenfreies Leben führen. Und außerdem sollten Männer ehrgeizig sein; das macht sie gleich viel männlicher, finden Sie nicht auch? Ach, und sportlich sollte er sein, aber kein übertriebener Sportfanatiker. Er sollte ins Fitnessstudio gehen und nicht nur das ganze Wochenende vor der Glotze sitzen und Sky Sports gucken. Kinderlieb müsste er auch sein, mit dem Wunsch, einmal zwei eigene Kinder zu haben: am besten einen Jungen und ein Mädchen. Ach ja, und ein Familienmensch muss er sein – Sie wissen schon, sich gut mit seiner Mutter verstehen, gerne mal sonntags zum Mittagessen bei den Schwiegereltern vorbeischauen. Und er sollte keine allzu turbulente Vergangenheit haben. Dass er schon andere Freundinnen hatte, versteht sich von selbst, aber bitte nicht zu viele. Auf keinen Fall will ich einen Aufreißer.«
Eine kleine Pause entstand.
»Das ist sehr präzise«, erklärte Alice diplomatisch. »Würden Sie sich als aufgeschlossen bezeichnen?«
»Aber ja!«
»Gut, denn zu meinen Aufgaben gehört es nicht nur, den perfekten Partner auszusuchen, sondern auch dafür zu sorgen, dass unsere Klienten offen sind für Neues. Wir alle schreiben allzu oft leichtfertig einen Menschen ab, nur weil er nicht alle Punkte unserer Wunschliste erfüllt. Manche Frauen finden einfach nicht den Richtigen, weil sie eine Idealvorstellung im Kopf haben, an die niemand heranreicht. Aber diese Person existiert nur in unserer Fantasie; in der Realität kann da niemand mithalten. Dann kann der echte Mensch noch so nett sein – nur weil er nicht dem Mann unserer Träume entspricht, geben wir ihm keine Chance. Und das ist wirklich schade, denn wer weiß, dieser Mensch könnte womöglich perfekt für Sie sein.«
Kate guckte drein wie ein gerügtes Schulkind. »Das war ja auch bloß ein Wunschzettel«, erklärte sie kleinlaut.
»Gut! Denn das Leben ist viel aufregender, wenn man sich überraschen lässt.«
»Überraschungen sind toll«, stimmte Kate ihr rasch zu.
»Also, Kate«, fuhr Alice fort, »nun kommen wir mal zu Ihnen. Hatten Sie schon viele feste Beziehungen?«
Kate errötete. »Drei. Das ist nicht gerade aufsehenerregend für eine Dreiunddreißigjährige, oder? Ich weiß selbst nicht, warum es nicht mehr waren. Natürlich ist mir klar, dass ich zu breite Hüften habe und einen etwas zu dicken Po. Und nicht blond bin. Aber ich kann gut zuhören. Ich habe einen interessanten Job und bin sehr belesen. Und ich gehe gerne aus – sehr oft! Na ja, ziemlich oft. Wobei, eigentlich eher dann und wann. Aber was ich damit meine, ist, ich sitze nicht permanent zu Hause rum und jammere. Ich bin unternehmungslustig und gehe unter Leute; was man eben so tut, wenn man einen Mann sucht. Aber es ergibt sich einfach nichts.«
»Bestimmt hatten Sie bis jetzt nur ein bisschen Pech bei der Suche«, meinte Alice mitfühlend.
»Ja!«, stimmte Kate ihr nachdrücklich zu.
»Aber das werden wir schon ändern.«
»Prima! Ich bin wirklich kein Freak, ganz bestimmt nicht! Ich meine, ich war natürlich mit mehr als drei Männern im Bett.«
»Das wollte ich eigentlich gar nicht wi…«
»Sieben insgesamt. Was im Grunde genommen auch nicht viel ist. Wenn man die sieben Männer durch die sechzehn Jahre teilt, seit ich das erste Mal, na ja, Sie wissen schon … dann ergibt das einen Durchschnitt von 0,44 Partnern pro Jahr – nicht mal ein halber Mann in einem ganzen Jahr! Wobei ich keine Probleme mit Männern habe, das bestimmt nicht. Aber irgendwie kommen sie mir ein bisschen so vor wie Linienbusse. Man wartet und wartet, und wenn dann schließlich einer kommt, kann man aus irgendwelchen Gründen nicht einsteigen.«
Kate hielt inne, und es wurde still im Raum. Zum Glück ergriff Alice das Wort.
»Sicher hatten Sie genügend Gelegenheiten. Nur waren es vermutlich nicht die Richtigen; weshalb Sie sie gar nicht als Möglichkeiten erkannt haben.«
»Meinen Sie?«, griff Kate diese schmeichelhafte Theorie dankbar auf.
»Ganz bestimmt«, erklärte Alice entschieden. »Und meine Aufgabe besteht nun darin herauszufinden, wer der richtige Mann für Sie ist – und dafür zu sorgen, dass Sie es auch merken, wenn Sie ihm begegnen. Alles andere ist dann ein Kinderspiel.«
Vor Aufregung und Erleichterung musste Kate übers ganze Gesicht grinsen.
»Nun, Alice«, sagte sie, »ich begebe mich vertrauensvoll in Ihre Hände. Meinen Sie, Sie werden den Richtigen für mich finden?«
»Ganz sicher«, entgegnete Alice, beugte sich nach vorne und klappte ihren Laptop auf.