Alice

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Was hat sie gesagt?«

Ginnys Stimme überschlug sich fast, so fassungslos war sie, während sie versuchte, sich gegen die im Hintergrund ohrenbetäubend kreischende Scarlet Gehör zu verschaffen. Es war zehn Uhr abends. Scarlet hatte wohl Probleme mit dem Einschlafen – wieder mal.

»Sie sagte, kein Partnervermittler würde ein Paar zusammenbringen, ehe er den Klienten nicht mindestens den Mitgliedsbeitrag für ein halbes Jahr aus den Rippen geleiert hat«, wiederholte Alice, so laut sie konnte, ohne tatsächlich in den Hörer zu schreien.

»Aber das ist ja schrecklich! Meinst du wirklich, das stimmt?«, brüllte Ginny zurück und gab sich große Mühe, ein normales Gespräch in Gang zu halten. So als würde der schreiende Säugling in ihrem Arm nicht gerade mehrere gesundheits- und sicherheitsrelevante Geräuschpegel sprengen, während er zeitgleich wütend gegen ihre Schulter trommelte.

»Das kann einfach nicht sein. Das wäre unmoralisch. Und außerdem wüsste Ernie vom Berufsverband von solchen Geschäftspraktiken und würde die fragliche Agentur sofort schließen lassen.«

»Also glaubst du, das ist nur bei Love Birds gang und gäbe?«

»Ich denke schon«, entgegnete Alice leicht verunsichert. »Dass Audrey so etwas tun würde, kann ich mir einfach nicht vorstellen. Ich meine, ich weiß zwar, dass sie …«

»Ein Unmensch ist? Ein Sumpfmonster? Eine Soziopathin?«

»… ein bisschen sauertöpfisch ist, aber sie freut sich wie ein kleines Kind über jede erfolgreiche Vermittlung, und wenn das Paar dann sogar vor den Traualtar tritt, ist sie kaum noch zu halten.«

»Ja, ja, ein echter Sonnenschein, unsere liebe Audrey«, brummte Ginny mehrdeutig. Alice hörte, wie sie die kleine Scarlet an Dan weiterreichte, und urplötzlich ebbte das Heulen ab. Alice klingelten bei der Anpassung an einen normalen Geräuschpegel die Ohren.

»Audrey hat ihre Fehler, aber sie ist nicht wie Sheryl«, erklärte sie entschieden, wohl genauso sehr, um sich selbst zu überzeugen.

Ginny lachte. »Nicht korrupt, nur kratzbürstig.«

Dieser Satz hing schwer zwischen ihnen. Gedankenverloren starrte Alice ins Leere.

»Und was ist jetzt mit Sheryl?«, unterbrach Ginny schließlich ihre Gedanken. »Willst du ihr Jobangebot annehmen? Doppeltes Gehalt … so ein Angebot bekommt man nicht alle Tage.«

»Ich glaube, das kann ich nicht«, entgegnete Alice düster. »Nicht, nachdem ich über ihre schäbigen Tricks Bescheid weiß. Ich wäre dazu nicht in der Lage; ich könnte meinen Klienten das nicht antun. Kannst du dir vorstellen, wie furchtbar das sein muss? Sechs Monate lang ein schlechtes Date nach dem anderen?«

»Draußen in der wahren Welt schlagen die meisten Leute sich jahrelang mit schlechten Dates herum.«

»Aber genau darum geht es doch: Meine Aufgabe besteht darin, ihnen das alles zu ersparen. Wie kann ich denn einen Menschen absichtlich unglücklich machen, wo ich ihn genauso gut glücklich machen könnte?«

»Und wie steht es damit, ausnahmsweise mal dich selbst glücklich zu machen, Alice Brown? Was ist mit dem Geld und der Beförderung und dem Gewächshaus? Wie wäre es, nach all den Jahren endlich mal die Anerkennung zu bekommen, die du verdienst?«

Alice dachte kurz nach.

»Könntest du das denn, Ginny? Mit dem Wissen, das ich habe – könntest du wirklich Sheryls Angebot annehmen und nachts noch ruhig schlafen?«

»Du fragst die Mutter eines einjährigen Kindes, ob sie nachts ruhig schlafen könnte? Für acht Stunden Schlaf, ein Paar Ohrenstöpsel und ein leeres Doppelbett würde ich dem Teufel meine Seele verkaufen.«

»Ein leeres Doppelbett?«

»Ach, du weißt schon: Ein bisschen Platz zum Ausstrecken und niemand, der einem die Decke wegzieht.«

»Dann wäre das also ein ›Ja‹?«

»Ja! Nein! Ach, ich weiß auch nicht.« Ginny seufzte. »Hör zu, Alice, du musst tun, was du für richtig hältst. Du bist eine großartige Partnervermittlerin, aber dein Talent wird von dieser Gewitterziege von Chefin mit den gesellschaftlichen Umgangsformen eines Dritte-Welt-Diktators vollkommen ignoriert. Du kannst also bleiben, wo du bist, und dich weiter als Fußabtreter benutzen lassen, oder du wechselst das Schiff und bekommst endlich die Anerkennung, die du verdienst, und zwar von einer anderen Hexe mit den Moralvorstellungen einer Straßenkatze. Du hast die Wahl, aber jeder, der dich kennt, weiß, wie du dich entscheiden wirst.«

»Ich entscheide mich für meine Klienten«, entgegnete Alice schlicht und ergreifend. »Und das heißt, ich entscheide mich für Audrey. Wenigstens ist sie eine ehrliche Haut.« Den bedrohlichen Gedanken, Audrey könne womöglich auch nicht ganz aufrichtig sein, wollte sie erst gar nicht aufkommen lassen.

»Bye-bye Gewächshaus«, sagte Ginny mahnend.

»Bye-bye Gewächshaus«, wiederholte Alice ernst.