John
John hielt vor dem Four Seasons Hotel, ging um das Auto herum zur Beifahrertür und half Janey aus dem Wagen. Sie lächelte ihn dankbar an, denn eigentlich hatte sie eine Heidenangst. Fürsorglich nahm er ihre Hand, legte sie auf seinen Arm und führte sie die Treppe hinauf in die Lobby.
Janey hatte ihn heute Abend zum zweiten Mal engagiert, und zwar anlässlich der von ihr schon lange im Voraus gefürchteten alljährlichen Unternehmensfeier. Sie arbeitete in der Versicherungsbranche, und ihre Kollegen schienen von der besonders fiesen, unerbittlichen Sorte zu sein. Als ihr Mann sie und die drei kleinen Kinder einfach sitzengelassen hatte – wegen einer Frau, die halb so alt war wie sie und mehrere Kleidergrößen schlanker –, hatte sie ihren Kollegen nicht gestehen wollen, dass ihre ganze Welt in Trümmern lag. Nicht, dass sie die mitleidigen Blicke gefürchtet hätte, die hätte es ohnehin nicht gegeben. Nein, sie hatte Angst, ihre persönlichen Lebensumstände könnten gegen sie verwendet werden. Sollte sie einmal ein Meeting versäumen, würde man das ihren Verpflichtungen als alleinerziehende Mutter ankreiden und ihre Prioritäten infrage stellen; sollte sie ihre Verkaufsziele nicht erreichen, würde man es auf ihren fragilen Seelenzustand schieben. Alles war Munition, um sie bei zukünftigen Beförderungen zu übergehen – Beförderungen, die Gehaltserhöhungen mit sich brachten, die sie nun mehr denn je brauchen konnte. Weshalb sie ihre Eheprobleme für sich behalten und alleine weitergekämpft hatte, ohne irgendwem ein Sterbenswörtchen von ihrem Kummer zu erzählen.
Und sie hatte sich tapfer geschlagen. Ihre Kollegen ahnten nichts, sie hatte keinen einzigen Tag bei der Arbeit gefehlt und all ihre Zielvorgaben erfüllt. Doch nun hatte das Leben ihr zwei weitere Steine in den Weg gelegt.
Der erste war die Hochzeit einer guten alten Freundin, zu der ihr Ex und seine Neue ebenfalls eingeladen waren. Absagen war keine Option. Also schien ihr nichts anderes übrig zu bleiben, als die Erniedrigung über sich ergehen zu lassen, allein hinzugehen und dabei zuzusehen, wie ihr Ex mit einer jungen Frau herumpoussierte, die einen straffen, nicht vom Kindergebären aus der Form geratenen Körper und unverheulte Augen ohne Tränensäcke hatte. Doch dann hatte eine Freundin Janey den guten Rat gegeben, ihrem Ex den Mittelfinger zu zeigen und sich für den Anlass einen gut aussehenden Leihmann zuzulegen. Und dieser gemietete Begleiter war John gewesen.
Der zweite Stein lauerte ebenfalls bereits unheilkündend in Janeys Kalender: das unvermeidliche alljährliche Firmenfest. Ehegatten waren ausdrücklich mit eingeladen, und wäre Janey allein hingegangen, hätte das unweigerlich für Aufsehen gesorgt. Sollten ihre Kollegen aber erfahren, dass ihre Ehe gescheitert war, gleichzeitig jedoch ihren knackigen neuen Kerl kennenlernen, würde Janey als starke, souveräne Frau dastehen. Die Beförderung läge immer noch im Bereich des Möglichen. Also hatte Janey ein zweites Mal Geraldines Nummer gewählt und Johns professionellen Begleitservice angefordert.
Und da waren sie nun, an dem Tag, vor dem Janey schon so lange gezittert hatte.
John hörte sie tief durchatmen, als sie den Veranstaltungsraum betraten, also legte er ihr beruhigend die Hand auf den Rücken. Er wusste, was er zu tun hatte – er würde eine Rolle spielen; heute Abend war er Janeys hingebungsvoller neuer Freund, und diesen Part erfüllte er mit dem größten Vergnügen. Frauen wie Janey – ganz normale Frauen, deren Selbstbewusstsein durch ein paar Schicksalsschläge etwas angeknackst war – waren genau der Grund, weshalb er diese Arbeit machte. Er wollte ihnen helfen, wenn es ihnen davor graute, ohne Begleitung zu einer Veranstaltung zu gehen, die sie unter keinen Umständen absagen konnten. Es waren Frauen, denen der Glaube an sich selbst und an ihre Attraktivität abhandengekommen war. Frauen, die die Sicherheit verloren hatten, Teil eines Paares zu sein. Johns Aufgabe war es, ihnen zur Seite zu stehen bei dem Anlass, der ihnen schlaflose Nächte bereitete, ihnen Zuneigung zu zeigen und die Rolle zu spielen, die sie ihm zugedacht hatten. Diese Frauen waren wie ausgehungert; niemand machte ihnen Komplimente, niemandem fiel auf, was sie trugen oder wie sie sich die Haare frisierten. Ihnen ein Kompliment über ihr Aussehen zu machen, ihre Hand zu halten oder ihnen zärtlich über den Rücken zu streichen, wenn gerade jemand Wichtiges hinsah, trug dazu bei, dass sie sich wieder lebendig fühlten, dass sie hocherhobenen Hauptes durch die Welt gingen und wieder strahlten. Zu sehen, wie eine Frau den Glauben an sich selbst wiederfand, war die beste Bestätigung dafür, dass er seinen Job gut machte.
Wenn er allerdings Freunden erklärte, was er von Beruf war – dass er als Mietmann arbeitete –, waren die Reaktionen immer dieselben.
»Oh Gott, du bist ein Callboy!«, kreischten sie dann. »Du gehst doch mit den Frauen ins Bett, oder?«
Worauf die Antwort wahrheitsgemäß, aber für den Fragenden meist enttäuschend, Nein lautete. Klienten mussten einen Vertrag unterzeichnen, der die beiderseitigen Rechte und Pflichten streng regelte. Darin hatte Geraldine die Parameter für Johns Service genaustens abgesteckt: Seine Dienste waren rein platonischer Natur. Ein Handkuss zur Begrüßung vielleicht, womöglich auch ein kurzer Kuss auf die Wange oder die Lippen, aber beide Parteien blieben die ganze Zeit über vollständig bekleidet, und sexuelle Kontakte waren strikt verboten. Es war ihm untersagt, vor oder nach der Verabredung das Haus seiner Klientinnen zu betreten (war die Dame noch nicht fertig, wenn er kam, um sie abzuholen, dann wartete er vor der Tür oder im Auto). Fand die Veranstaltung in einem Hotel statt, hatte er sich ausschließlich im Erdgeschoss aufzuhalten. Unter keinen Umständen durfte er das Schlafzimmer der Dame aufsuchen.
Der Vertrag diente vor allem Johns Schutz. In elf Jahren hatte es nur eine Handvoll Klientinnen gegeben, die versucht hatten, ihm näher zu kommen als erlaubt, und da hatte er dann auf die Vertragsklauseln verweisen und behaupten können, er dürfe einfach nicht weitergehen. Mit diesem Argument abgewiesen zu werden war für seine Klientinnen weniger kränkend, als eine persönliche Abfuhr zu bekommen. Es hatte nichts mit der Frau zu tun, es lag einzig und allein an seinem Vertrag!
Doch die überwältigende Mehrheit der Frauen war vollkommen zufrieden damit, die Beziehung zu John auf rein beruflicher Ebene zu belassen; er war ihr aufmerksamer Begleiter für einen Abend, der kam, wenn man ihn brauchte, und anschließend wieder verschwand. Normalerweise wurde er zwei bis drei Mal von einer Klientin gebucht. Danach hatte sie ihr Leben wieder ausreichend geordnet und brauchte ihn nicht mehr. In der Regel versuchte niemand, diese Grenze zu überschreiten, oder glaubte, sein Rollenspiel sei mehr als eine schöne Illusion.
Bis auf Audrey Cracknell.
Liebevoll lächelte John Janey zu, als sie ihn ihren Kollegen vorstellte. Er gab vor, nicht zu bemerken, wie staunend sie ihn begafften. Mühelos spielte er seine Rolle, holte allen Getränke, beteiligte sich am Gespräch – ohne es an sich zu reißen – und überließ Janey die Manege als strahlender Mittelpunkt der Party. Später sollte sie von ihren Kollegen Komplimente bekommen, wie tapfer sie den Zusammenbruch ihrer Ehe weggesteckt und was für einen Traumtypen sie sich da geangelt hatte. Und Janey würde die Party hocherhobenen Hauptes verlassen, mit funkelnden Augen und der Gewissheit, dass sie, ganz gleich, was ihr Mann auch gesagt und getan haben mochte, noch immer schön und begehrenswert war!
Als er zuschaute, wie Janey mit ihren Kollegen plauderte, sah er keine erschöpfte alleinerziehende Mutter und kein Scheidungsopfer mit gebrochenem Herzen. Er sah eine intelligente, schöne, unabhängige Frau und musste lächeln. Janey würde er wohl nicht wiedersehen.