♦ ZWEI
Beth erwachte aus ihrem leichten Schlaf. Im Bett war es warm und gemütlich. Wärmer als sonst, weil JD neben ihr lag. Nach achtzehn Jahren hatten sie einander endlich wiedergefunden. Noch nie war sie beim Aufwachen so glücklich gewesen. JD war vor ihr eingeschlafen, und sie hatte sich noch etwas wach gehalten, um ihn einfach nur anzuschauen. Ja, er war wirklich zu ihr zurückgekehrt, es war kein Traum gewesen. Beth rieb sich die Augen und drehte sich dann auf die Seite. Doch neben ihr war die Bettdecke aufgeschlagen.
JD war fort.
Ihr Herz setzte einen Schlag aus. Dann hatte sie es also doch nur geträumt? Oder war er wirklich am Ende des Piers aufgetaucht, wo sie gewartet hatte? Gewartet, wie seit achtzehn Jahren in jeder Halloween-Nacht?
Beth überlegte angestrengt. Ihr Kopf arbeitete langsam, und sie war noch nicht richtig wach. Die Vorhänge waren zugezogen, und draußen herrschte tiefste Dunkelheit. Sie legte ihre Hand auf die andere Seite des Bettes. Das Laken war warm. Also konnte es kein Traum gewesen sein. Bestimmt nicht – es kam ihr ja alles so real vor! Sie hatte sich doch nicht eingebildet, dass sie in seinen Armen eingeschlafen war!
Auf dem leeren Kopfkissen entdeckte Beth ein Stück braunen Stoff. Schnell griff sie danach und hielt es in die Höhe. Ein dunkelrotes Herz war daraufgenäht, in dem sich in Blau die Buchstaben JD befanden. Erleichtert stellte Beth fest, dass sie doch nicht verrückt geworden war. Der Stoff war der endgültige Beweis, dass die letzte Nacht tatsächlich stattgefunden hatte. Doch was hatte dieses Stoffstück zu bedeuten? War es vielleicht ein Abschiedsgeschenk?
Eilig sprang sie aus dem Bett und wickelte sich in die Bettdecke. Auf einmal kam ihr das Schlafzimmer kalt und leer vor, obwohl es eben noch so warm und wunderbar dort gewesen war. Beth spähte in das schäbige Wohnzimmer ihrer winzigen Wohnung, doch auch da war niemand. Panik stieg in ihr hoch. War sie etwa wieder ganz allein auf der Welt? Glücklicherweise öffnete sich in dem Augenblick die Wohnungstür und JD kam herein. Er trug immer noch die Jeans, das T-Shirt und die Lederjacke, in denen er auf dem Pier aufgetaucht war. Als er ihren erschrockenen Gesichtsausdruck bemerkte, beruhigte er sie schnell mit einem liebevollen Lächeln.
»Tut mir leid, wenn ich dich geweckt habe«, sagte er.
Beth ließ einen Seufzer der Erleichterung hören. »Ich dachte, du wärst weg.«
»Ich war nur kurz draußen, um etwas frische Luft zu schnappen, weil ich nicht schlafen konnte.«
Er zog die Jacke aus und warf sie auf die Rückenlehne von Beths grünem Zweisitzersofa, dann ließ er sich darauf fallen und starrte auf den Fernseher. Wo war bloß die verdammte Fernbedienung? JD entdeckte sie auf dem Boden vor sich, hob sie auf und stellte das Gerät an. Der eingeschaltete Sender zeigte einen Horrorstreifen.
Immer noch in die Bettdecke eingewickelt, ging Beth hinüber zum Sofa. Sie setzte sich neben JD und küsste ihn auf die Wange. »Ich dachte in meiner Panik schon, ich hätte alles nur geträumt.«
»Vielleicht hast du das ja. Vielleicht träumst du immer noch.«
»Dann will ich nie mehr aufwachen.«
Er erwiderte ihren Kuss. »Nein, Beth, es ist kein Traum, das verspreche ich dir. Ich bin wieder da, und von nun an bleibe ich hier.«
»Du weißt ja gar nicht, wie großartig es ist, das zu hören! Und ich dachte schon, du wärst möglicherweise nur für eine Nacht zurückgekehrt. Kann ja sein, dass du irgendwo noch andere Freundinnen hast.«
»Hab ich auch. Ich ziehe immer von einer zur anderen. Die letzten achtzehn Jahre hab ich die Liste abgearbeitet, und fang oben wieder an. Du bist die Kleine aus Santa Mondega.«
Beth knuffte ihn in die Seite. »Hättest du wohl gern, was?«
»Eines verspreche ich dir, Beth, falls ich jemals fortgehe, nehme ich dich mit.«
»Wie wäre es, wenn du jetzt erst mal zurück mit mir ins Bett kommst?«
»Klar, ich will nur noch kurz die Nachrichten sehen.« JD schaltete auf den Lokalsender um. Mit ernster Miene las dort ein Reporter das Neuste vom Tage vor. Beth schaute auf den Bildschirm und runzelte die Stirn. »Warte mal«, sagte sie. »Worum geht es denn da?«
Unten im Newsticker stand:
HUNDERTE VON TOTEN. DER BOURBON KID SCHLÄGT WIEDER ZU.
»Oh Gott!«, rief Beth und holte tief Luft. »Hoffentlich kenne ich keines der Opfer!«
Genau in diesem Moment verlas der Reporter, dass sich unter den Toten auch Bertram Cromwell befand – Beths Chef im Museum.
Sie war vollkommen entsetzt. Cromwell war praktisch ihr einziger Freund in dieser Stadt. »Ich glaub das einfach nicht«, sagte sie. »Cromwell war einer der nettesten Menschen in Santa Mondega. Meinen Job habe ich nur ihm zu verdanken. Und jetzt hat der Bourbon Kid ihn ermordet. Cromwells Frau wird am Boden zerstört sein. Wie schrecklich!«
JD massierte Beth den Rücken, um sie zu beruhigen. »Vielleicht solltest du das als Zeichen sehen und im Museum kündigen. Oder wir hauen am besten gleich ganz aus diesem Drecksloch ab.«
Beth bekam kaum mit, was JD sagte. Sie konnte nur noch an Bertram Cromwell und seine Familie denken. »Diesen Bourbon Kid sollten sie auf den elektrischen Stuhl bringen!«
JD zog sie eng an sich. »Ich glaube, der Bourbon Kid hat sich nur die Vampire in der Stadt vorgeknöpft. Bestimmt hat er mit Cromwells Tod nichts zu tun.«
»Vampire?«, wiederholte Beth und kehrte mit ihren Gedanken in die Gegenwart zurück. »So wie dieses Ding, das uns damals auf dem Pier angegriffen hat?«
»Genau.«
»Aber war das auch wirklich ein Vampir? Ich bin seitdem nie wieder einem begegnet. Inzwischen hab ich schon überlegt, ob ich mir die Geschichte nur eingebildet habe.«
»In der Stadt wimmelte es nur so von denen. Aber die sind jetzt alle tot, da wette ich drauf.«
»Kann sein, aber der Bourbon Kid rennt noch immer lebend herum. Den halte ich für eine schlimmere Bedrohung als diese Vampire.«
Der Newsticker meldete indes anderes:
EILMELDUNG+++++BOURBON KID VON SPEZIALKRÄFTEN GESTELLT UND GETÖTET+++++ EILMELDUNG
JD zog Beth wieder an sich, fester diesmal, und küsste sie. »Siehst du, du musst keine Angst mehr haben. Der Bourbon Kid ist tot und alle Vampire auch.«
Beth zwang sich zu einem Lächeln. Plötzlich fiel ihr der Stoff mit dem Herzen darauf wieder ein, den sie noch immer in der Hand hielt. »Das hast du auf deinem Kissen liegen lassen«, sagte sie und hielt das Stoffstück hoch.
»Das ist für dich.«
»Und was genau ist das?«
JD überlegte kurz. »Wofür hältst du es denn?«
»Für ein Stück Stoff mit deinen Initialen.«
»Dann ist es das wohl auch.«
»Komm schon, JD.« Sie knuffte ihn liebevoll. »War das ein Zeichen für mich, dass du wiederkommst?«
Er lächelte. »Ja. Pass gut drauf auf. Zu diesem Herzen kehre ich immer wieder zurück. Aber bis dahin musst du nicht noch einmal achtzehn Jahre warten, das schwöre ich dir.«
»Dann kann ich es behalten?«
»Es gehört dir.«
Beth musterte das Herz. Jetzt besaß sie etwas von JD, das eine besondere Bedeutung hatte. Es allein schon in der Hand zu halten, gab ihr ein Gefühl von Sicherheit. Solange sie dieses Herz mit den Initialen darauf besaß, gehörte JD zu ihr.