Nachwort

»Ich han min lehen, al die werlt, ich han min lehen!« Dieser Jubelruf von Walther von der Vogelweide darüber, dass ihm Friedrich II. ein Lehen in der Nähe von Würzburg gab (zumindest gibt es Hinweise darauf, auch wenn andere Städte das Privileg für sich beanspruchen), waren die ersten Zeilen Walthers, die ich bewusst las, von diversen Übertragungen von Unter den Linden einmal abgesehen.

Walther erhielt sein Lehen mutmaßlich 1217, auf jeden Fall jedoch vor 1220, und starb um 1230. Wie so vieles in Walthers Leben liegt das genaue Todesdatum im Dunkeln, obwohl sein mögliches Grab heute noch Besuchern in Würzburg gezeigt wird. Obwohl kaum ein zweiter Minnesänger so viel von seiner eigenen Persönlichkeit in seine Gedichte bringt, wissen wir von Walthers Leben sehr, sehr wenig, noch nicht einmal den Geburtsort – Südtirol, Franken, Böhmen und sogar Frankfurt streiten sich um die Ehre –, was ihn andererseits zu einem idealen Romanhelden macht. Fest steht jedenfalls, dass er lange vor Luther Verfehlungen innerhalb der Kirche scharf anprangerte, Ritter, Grafen, Herzöge, Könige, ja Kaiser und Päpste angriff in einer Zeit, als ein Starker einen Schwächeren aus einer Laune heraus um Hand, Zunge oder seinen Kopf bringen konnte. Ein Wunder, dass er sechzig Jahre wurde.


Meine Romanheldin Judith dagegen ist erfunden, nicht hingegen die Schule von Salerno und die mulieres Salernitanae, die weiblichen Heilerinnen, die dort studierten und ihren Beruf ausübten. Aus der Zeit zwischen dem 11. und dem 15. Jahrhundert sind zahlreiche Namen von Ärztinnen aus Salerno überliefert: Trota oder Trotula war die berühmteste; ihr bekanntestes Werk, De mulierum passionibus ante, in et post partum, ist auch die Quelle für die meisten medizinischen Behandlungsmethoden, deren Judith sich in meinem Roman bedient. In Frankfurt am Main und Mainz sind im 13. Jahrhundert fünfzehn Ärztinnen nachgewiesen. Zu den drei Augenärztinnen unter ihnen gehörte die Jüdin Zerlin, die aktenkundig wurde, weil man ihr gestattete, außerhalb des Ghettos zu wohnen; das vierte Lateranische Konzil von 1215 schrieb jüdische Viertel neben einer ganzen Reihe weiterer Auflagen für Juden vor; zum Handlungszeitraum des Romans galten sie dagegen noch nicht.

Bis auf den Wiener Münzmeister Salomon, der tatsächlich auf die im Roman beschriebene Weise ums Leben kam, sind alle Familienmitglieder von Judith ebenfalls erfunden. Ich hatte daran gedacht, sie zur Nichte des getauften, ehemals jüdischen Münzmeisters Constantin von Köln zu machen, der gemeinsam mit dem Weinhändler Gerhard Unmaze tatsächlich entscheidenden Einfluss auf die Unterstützung Kölns für Otto als deutschen König hatte, aber eine frei erfundene Figur wie Stefan bot mir einen freieren Handlungsspielraum.


Von 1212 an verlor Otto stetig an Territorium; bei der Schlacht bei Bouvines 1214, die eigentlich ein Teil des englisch-französischen Krieges war, erlitt er eine so vernichtende Niederlage, dass er sich endgültig geschlagen gab. Otto starb 1218 macht- und bedeutungslos; wie der Augenzeugenbericht eines Zisterziensers erzählt, ließ er sich während seiner letzten Tage wiederholt von Priestern mit Weidenruten und Geißeln auspeitschen, um vor seinem Tod noch entsühnt zu werden. Einen derartigen Tod würde man als Romanautorin kaum zu erfinden wagen, genau wie andere Unwahrscheinlichkeiten, die uns die Historie bietet, angefangen von Richard Löwenherz’ Gefangennahme in einer Schenke bei Wien bis hin zu Friedrichs Ankunft in Konstanz knapp vor Otto, bei der er tatsächlich das für Otto von dessen eigenen Quartiermachern zubereitete Festmahl aß.


Es war eine unwahrscheinliche Zeit. Vielleicht ist der Umstand, dass uns so viele von Walthers Gedichten erhalten sind, das Ungewöhnlichste von allen. Wo auch immer er geboren wurde und starb, aus ihnen tritt er plastisch hervor, scharfzüngig wider Päpste, Klerus und Adel, auf das Konzept der unerwiderten Liebe ebenso wetternd wie über unaufmerksame Zuhörer, einmal diesen, einmal jenen König preisend und keine Minute lang zweifelnd, dass seine Dichtungen und Lieder es immer wert waren, gehört zu werden. Damit sei ihm auch diesmal das letzte Wort gegönnt, denn wer könnte sich besser von dem geneigten Leser verabschieden als er?

Ich hab mein Lehen, alle Welt! Ich hab mein Lehen.
Nun fürcht’ ich nimmermehr den Winter an den Zehen,
Und will die geiz’gen Herren umso weniger flehen.
Der edle, milde König hat mich so beraten,
Dass ich den Sommer Lust und in dem Winter Wärme hab.
Die Nachbarn wenden sich nicht ferner von mir ab
Und nehmen mich nicht mehr als Schreckgespenst, wie sonst sie taten.
Ich bin zu lange arm gewesen, ohne meinen Dank,
War überall voll Scheltens, dass mein Atem stank.
Den hat der König rein gemacht, dazu auch meinen Sang.
Das Spiel der Nachtigall
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