Kapitel 25
Braunschweig schien für Judith eine gute Gelegenheit zu sein, das zu tun, was ihr Leben bestimmen sollte: das Heilen von Kranken. Doch hier konnte sie auch fortführen, was sie in Brabant begonnen hatte – sich für die Sache der Staufer einzusetzen. Trotzdem schien es ihr besser zu sein, sich nicht sofort als Hofärztin aufzudrängen. Sie hatte in Brabant sehr viel Glück gehabt; darauf allein durfte sie sich nicht verlassen. Besser, sich in Braunschweig erst einen Ruf als Judith von Salerno zu schaffen und dann zu versuchen, bei der Pfalzgräfin empfangen zu werden.
»Was, wenn Graf Otto seinen Bruder besucht?«, fragte Gilles.
»Die Möglichkeit besteht«, gab Judith zu, »aber es gibt andere Orte, an denen er dringender sein muss, um Verbündete in seinem Kampf gegen Philipp zu finden.« Es bereitete ihr großes Vergnügen, dass Ottos Krönung durch ihr Handeln beinahe in Frage gestellt worden war, weil er nicht mit Maries Mitgift rechnen konnte und hart um Unterstützung ringen musste.
»Er wird die großen Fürsten mit Versprechungen und Land umwerben, und Geld, sobald er etwas hat«, erklärte ihr Irene. »Aber wie man hört, wähnt er seinen Bruder als Verbündeten sicher. Nun, meines Vaters Bruder hat meinen Vater gestürzt und geblendet, also sehe ich Verwandtschaft etwas anders, als Otto es gerade tut.«
»Wisst Ihr, wie die Pfalzgräfin ihre Verwandtschaft zu König Philipp sieht?«
»Die beiden kennen sich nicht«, sagte Irene. »Er hat selbst seine Geschwister selten zu Gesicht bekommen, geschweige denn Basen. Aber die Pfalzgräfin ist Mutter, genau wie ich. Sie wird das Beste für ihr Kind wollen. Erinnert sie daran, dass Otto ihren Gemahl darum gebracht hat, Oberhaupt des welfischen Hauses und König zu werden, und von dem Welfenerbe, was noch geblieben war, nimmt und nimmt und nimmt. Wenn der Pfalzgraf nun Philipp den Lehnseid schwört, dann wird mein Gemahl ihm mehr als nur Braunschweig von den alten Besitzungen Heinrichs des Löwen bestätigen.«
Natürlich konnte Judith nichts davon als Grund dafür angeben, Braunschweig zu besuchen, geschweige denn, sich dort anzusiedeln, als sie die Stadt betrat. Es war zum ersten Mal seit längerer Zeit nötig, die Urkunde vorzuweisen, die sie in Salerno erhalten hatte. Die Siegel und Namen zu sehen, berührte sie eigenartig; sie fragte sich unwillkürlich, ob sie Salerno wohl je wiedersehen würde.
Selbstverständlich, versicherte Judith sich. Wenn Otto besiegt ist, dann kann ich mit Gilles nach Salerno ziehen.
Nur einer der Stadtwächter konnte lesen, und das nicht sehr gut. Doch sie zeigten sich genügend beeindruckt von den Siegeln, um »den Arzt Gilles und seine Gemahlin Judith« passieren zu lassen. Man wies sie aber darauf hin, dass ein längerer Aufenthalt in Braunschweig davon abhing, ob bewährte Bürger für sie sprechen würden.
Gilles entdeckte bald jemanden, den er kannte und der in Braunschweig lebte. Jener Robert war selbst ein gestrandeter Krieger; als der Pfalzgraf vom Kreuzzug zurückkehrte, hatte er wegen der Unruhen in Italien hastig alle ungebundenen Kriegsknechte angeworben, um seinen Tross zu verstärken und sicher zurückkehren zu können. Judith kannte niemanden, doch sie fand heraus, dass etwa fünfzig Juden in Braunschweig lebten. Es war kein Arzt darunter, dafür aber ein Rabbi aus Spanien, der einmal mit Mosche ben Maimon selbst diskutiert hatte und dessen philosophische Schriften übersetzte. Er sammelte alle Werke Rabbi Mosches, derer er habhaft werden konnte, also war er bereit, Judith gegen ihr Exemplar der Schrift über das Asthma eine Unterkunft zu besorgen und für sie zu sprechen. Sie brachte ihn auch dazu, für diese Unterkunft zu bezahlen, doch ihr Herz blutete, als er zufrieden sagte: »Niemals würde ich mich von einem solchen Schatz trennen! Das bringt nur eine Frau fertig.«
Nicht zum ersten Mal fragte sie sich, ob sie das Richtige tat. Doch die Unterkunft und einen Bürgen in Braunschweig zu haben, versetzte sie in die Lage, wieder als Ärztin zu arbeiten, und das war wichtiger als der Besitz eines Buches, das sie fast auswendig kannte. Das sagte sie sich wenigstens.
Gilles fand über seinen alten Freund schnell eine Beschäftigung bei der Stadtwache, und dank des Rabbis dauerte es nicht lange, bis Judith ihre ersten Patienten hatte. Manchmal zitterten ihr immer noch die Hände, selbst, wenn sie nur etwas Einfaches tat, wie einen verstauchten Knöchel einzusalben und zu verbinden. Während der Behandlung selbst ließ sie sich nichts anmerken, doch sie hütete sich immer noch vor Schwangeren.
Bereits wenige Tage nach ihrer Ankunft kam es zu einer Begegnung, die Judith immer erwartet, von der sie aber irgendwie gehofft hatte, diese vermeiden zu können. Es fing alles normal an – mit einem Klopfen an der Tür. Als Judith öffnete, stand dort eine Frau, etwas älter als sie, mit selbstsicherem Auftreten, einem hübschen Gesicht und guter Kleidung. Die Besucherin stellte sich als Maria aus Braunschweig vor. »Seid Ihr die Magistra aus Salerno?«
Judith bat die Frau herein, froh, dass die Hemmschwelle zu ihr als neuer Ärztin selbst bei den wohlhabend erscheinenden Frauen so schnell gebrochen schien. Was sie überraschte, war der neugierige und selbstbewusste Blick, als die Frau ihre Kammer betrat, der so überhaupt nicht in das Muster ihrer bisherigen Patientinnen passte, die meist verängstigt und scheu wirkten, wenn sie nicht wie Irene meinten, eine gewisse Überheblichkeit zum Ausdruck bringen zu müssen. Deshalb begann sie auch nicht sofort mit den üblichen Fragen »womit kann ich Euch helfen« oder »woran fehlt es Euch«, sondern sagte: »Ihr macht mich neugierig, werte Dame. Seid Ihr Euretwegen oder als Botin zu mir gekommen?«
Sie freute sich über die Antwort, Maria käme für sich selbst, und dachte, es würde sich lohnen, diese Frau als Freundin zu gewinnen. Judith erkundigte sich daher zunächst, ob Maria in Braunschweig geboren sei, in welchem Bezirk sie wohne und wie es ihr dort gefiele. Es entging ihr nicht, dass sie besonders aufmerksam gemustert wurde, als Maria die Straße nannte, wusste aber als Neuling in der Stadt nichts damit anzufangen. Es entspann sich ein Gespräch, das beiden Spaß zu machen schien, bis Judith dann doch die entscheidende Frage stellte: »Was kann ich für Euch tun?«
»Ich habe eine Entzündung am Hintern.«
Judith war daran gewöhnt, dass eine solche Aussage unsicher vorgetragen wurde oder voller Schamgefühl, auch wenn es dazu keinen Grund gab. Doch wieder wurde sie überrascht: Maria drehte sich um, schlug die Röcke hoch und zeigte ihren Hintern, als sei es für sie das Selbstverständlichste von der Welt. Judith erkannte rund um den Schließmuskel Pusteln, Entzündungen und sogar Furunkel, die sicher unangenehm waren, bei den meisten Menschen aber dazu geführt hätten, nicht darüber zu reden und zu hoffen, alles ginge alleine vorüber. Sie hatte eine derartige Häufung auch nur bei einer Fischerin in Salerno gesehen, die täglich lange bis zur Hüfte im Wasser gestanden hatte. Um die Ursache für diese Entzündungen zu erfahren, wollte Judith wissen, ob ihre Besucherin vielleicht zu häufig bade, was ungewöhnlich wäre; viele Menschen, die zu ihr kamen, besaßen nicht einmal einen Zuber.
»Was versteht Ihr unter zu häufig?«, wollte Maria wissen, als sie sich Judith gegenüber auf einem Schemel niederließ.
»Nun, ein Mal pro Woche sollte es bestimmt sein, wenn man stark geschwitzt hat, häufiger«, sagte sie gewohnheitsmäßig.
»Nun, bei mir sind es bestimmt zehn Bäder pro Tag, und ich wüsste nicht, wie ich die reduzieren kann!«
Dies ließ nur einen Gedanken zu, doch er war Judith mehr als unangenehm. »Ihr … nun, arbeitet Ihr … bei einem Bader? Sollte ich etwas falsch verstanden haben, bitte ich um Verzeihung«, fügte sie hastig hinzu, verlegen, weil Badehäuser nun einmal einen zweifelhaften Ruf hatten – für jedes, das nur dem Baden diente, gab es zwei, in denen auch andere Geschäfte getätigt wurden.
»Ich arbeite nicht für einen Bader – mir gehört das Haus«, erklärte Maria freiheraus und musterte Judith. »Habt Ihr etwas dagegen? Soll ich gehen?«
Nimm dich zusammen, befahl Judith sich. Es gibt keine Patienten, die keine Menschen sind, oder Menschen einer anderen Art. Du machst keine Unterschiede zwischen Kranken, gerade du nicht.Und weil dieser Gedanke gerade noch zur rechten Zeit gekommen war, konnte sie aus ehrlichem Herzen sagen: »Nein, entschuldigt, ich war nur etwas überrascht.«
»Ich wollte nicht in dem in Braunschweig vorgeschriebenen gelben Kleid zu Euch kommen«, erklärte Maria. »Ich trage es nur, wenn es sinnvoll ist, und ich wollte Euch gegenüber Euren Nachbarn nicht in die Verlegenheit bringen, gefragt zu werden, was eine wie ich von Euch gewollt hat.« Das klang so selbstverständlich, als ob ihr Gegenüber sich mit ihr über nichts anderes als das Backen von Brot unterhielt. Nun, auch sie war in der Lage, unverblümte Beobachtungen zu machen.
»Ich bin nur erstaunt, weil Ihr erwähnt habt, dass Euch das Haus gehört. Also zwingt Euch nicht Armut zu Eurem Gewerbe?«, fragte Judith. Es fiel ihr schwer, sich vorzustellen, dass eine Frau wie Maria als Badehure tätig sein wollte.
»Mir scheint, Ihr wisst nicht sehr viel über das Leben, Kindchen.«
Judith war sehr lange nicht mehr so angesprochen worden, und sie merkte, wie sie zornig wurde, aber das war etwas, was sich für einen Arzt nicht schickte. Also sagte sie nichts dazu, obwohl sie meinte, mehr als die meisten Menschen über das Leben zu wissen, und fragte stattdessen: »Wie meint Ihr das?«
»Gäbe es die Städte nicht, gäbe es uns Huren nicht. Vergesst nicht, früher waren alle Frauen unfrei, den Männern hilflos ausgeliefert. Jetzt können wir erben, können ein Gewerbe ausführen, können sogar ein Hurenhaus leiten. Glaubt mir, keine Stadt kommt heutzutage mehr ohne Huren aus. Wir sind genauso wichtig wie Bäcker, Schmiede, Metzger oder Schneider. Wenn unserem Herrn Gesandtschaften gemeldet sind, schickt der Stadtrat uns den Besuchern entgegen, als Willkommensgruß Braunschweigs. Der Lohn kommt dann auch von der Stadt, nicht von den Gästen. Unsere Kunden sind Kriegsknechte, ja, aber auch Bürgermeister, Handwerker, Priester, sogar Mönche. Doch die meisten sind Ehemänner, die zu Hause nicht das bekommen, was sie wollen, und so von ihren Ehefrauen fast zu uns geschickt werden«, fügte sie mit einem Schmunzeln hinzu.
Maria konnte nicht wissen, dass Judiths Ehe nur dem Namen nach bestand; trotzdem fühlte sie sich berufen, Partei zu ergreifen: »Kaum eine Frau kann und wird sich weigern, ihren ehelichen Pflichten nachzukommen. Das ist einer der Gründe dafür, verprügelt oder gar verstoßen zu werden.«
»Haben Euch Eure Lehrer nie gesagt, dass Pflichten, die nicht gerne getan werden, selten gut erfüllt werden?«, fragte Maria herausfordernd. »Die meisten Männer wollen nicht, dass eine Frau nur ihre Pflicht erfüllt – was er dabei bekommt, kann seine Hand genauso gut, oder besser. Aber wer gibt, der kriegt auch.«
Judith war in eine Diskussion geraten, auf die sie nicht vorbereitet war und die sie hätte abbrechen müssen, weil sie sich für eine ehrbare Frau nicht schickte. Andererseits hatte Judith noch nie eine Frau erlebt, die so voller Selbstbewusstsein, ja Selbstsicherheit über etwas sprach, wovon sie überzeugt zu sein schien, auch wenn außerhalb ihrer Welt ganz anders darüber geredet wurde. Konnte Judith das Thema abbrechen, nur um sich hinter ihrer eigenen Voreingenommenheit zu verstecken? Durfte sie das überhaupt? Nichts war Studenten in Salerno mehr übelgenommen worden, als einem Disput auszuweichen oder die Gelegenheit verstreichen zu lassen, neues Wissen zu erlangen; alles andere galt als Schwäche.
»Ich weiß, dass jede Tätigkeit schneller von der Hand geht, wenn sie gerne getan wird«, antwortete sie. »Aber Ihr wollt mir doch nicht ernsthaft einreden, dass jeder Mann, der bezahlt, einer Hure angenehm ist! Wenn eine Ehefrau das Unglück hat, an einen Mann verheiratet worden zu sein, den sie nicht liebt, nun, so muss sie ihn aushalten, aber eben nur diesen einen. Ihr dagegen habt gerade von zehn Bädern pro Tag gesprochen. Bei dreihundertsechzig Tagen im Jahr sind das eine Menge Männer. Darunter müssen allein der Wahrscheinlichkeit nach auch viele sein, die Euch widerwärtig sind, und bei Dirnen, die nicht mit Eurer Schönheit gesegnet sind und daher noch weniger wählerisch bei ihren Kunden sein können, sind es gewiss noch mehr.« Sie sah Maria offen an. »Ist das etwa besser, als unfrei und Leibeigene zu sein?«
Die schweigende Pause ließ erkennen, dass es sich ihre Besucherin nicht leichtmachte, hierzu eine Antwort zu finden.
»Ihr habt recht, die meisten von uns treibt eine Notlage in unser Gewerbe. Ich wüsste auch von keiner, die nicht von Vater, Bruder, Bauer, Großknecht oder Verwalter vorher vergewaltigt worden ist. Nicht einmal, sondern ständig. Aber glaubt Ihr wirklich, unsere Frauen wären, was das betrifft, Ausnahmen? Jeder zweiten Frau in dieser Stadt ist das widerfahren, wenn es nicht mehr sind. Keine konnte ihre Familie, den Hof, die Stelle verlassen oder den Mann mit der Hoffnung auf Gerechtigkeit anzeigen. Je besser die Frauen aussehen, je größer ist die Gefahr für sie. Sie tun bei mir also nichts, was sie nicht anderswo jeden Tag auch tun müssten, dort aber umsonst und meist mit Gewalt verbunden. Und was ist falsch daran, es in einer Umgebung zu tun, wo es fröhlich zugeht, wo gelacht wird, wo es keinen Hunger gibt und nicht vierzehn Stunden Arbeit am Tag, sieben Tage in der Woche? Da, wo es keine Ehemänner gibt, die ihre Frauen züchtigen dürfen, wann und wie oft sie wollen, und wo der Lohn für mehr als das Überleben reicht.«
»Kein Mann, der sich eine Dirne nimmt, schlägt sie?«, fragte Judith ungläubig.
Maria zögerte. »Doch, auch das geschieht. Manche bezahlen im Voraus mehr dafür, manche im Nachhinein, aber mehr bezahlen müssen sie auf jeden Fall.«
»An Euch oder an das Mädchen, das sie schlagen?«
Diesmal hob Maria beide Hände, wie um selbst einen Schlag abzuwehren. »Getroffen«, sagte sie lächelnd. »Aber ich kann Euch versichern, eine Ehefrau bekommt überhaupt kein Geld für Schläge, genauso wenig wie dafür, besprungen zu werden, also geht es trotzdem gerechter bei uns zu. Und«, sie fuhr sich lächelnd mit der Zunge über die Lippen, »es gibt auch Frauen, die es gerne tun.«
Judith meinte herauszuhören, dass Maria sich selbst dazu zählte. Das veranlasste sie, kühn eine Frage zu stellen, die sie schon lange beschäftigte.
»Warum eigentlich?«, platzte sie heraus. »Was ist so schön an diesem Rein und Raus, dass es einem Spaß machen soll, wo man eigentlich hofft, dass es schnell vorbei ist? Ich vermisse jedenfalls nichts davon.« Sie dachte an ihre einzigen Erfahrungen mit ihrem Schwager zurück und war erstaunt über sich selbst, dass dieses Eingeständnis über ihre Lippen kam.
Das Lächeln auf Marias Lippen wurde größer, als sie antwortete: »Ich bin zwar zu Euch gekommen, um Hilfe für meinen Hintern zu erhalten, nicht um Arzt bei Euch zu spielen. Eure Worte lassen mich aber erkennen, dass sowohl Eure Lehrer in Salerno, Eure Mutter und Euer Mann etwas versäumt zu haben scheinen. Man vermisst natürlich nur das, was man kennt, so kennt, wie es sein könnte! Glaubt mir, die Lust kommt mit dem Tun. Das ist das Geheimnis für uns Frauen. Verzeiht, ich will nicht persönlich werden, aber wenn eine Frau nicht gelernt hat, sich selbst Vergnügen zu bereiten, kann sie auch ihre Pflicht ihrem Ehemann gegenüber nicht erfüllen … nicht erfüllen wollen. Hat man Euch in Salerno nicht gelehrt, dass Hände zum Entdecken da sind? Warum also nicht zuerst den eigenen Körper entdecken, damit diese Erkenntnisse von Nutzen sind? Eine Frau muss wissen, was ihr wo und wie guttut, und ein vernünftiger Ehemann wird sich darüber freuen!« Sie strich sich spielerisch über den Hals. »Jede Frau hat Stellen an ihrem Körper, die gestreichelt, verwöhnt werden wollen, die sie erregen. Manche Frau hier, manche woanders. Manche brauchen mehr, manche weniger Zeit. Magistra, Ihr … verzeiht, Frauen müssen diese Bereiche kennen oder finden, um so ihr Vergnügen zu entfalten. Jede von uns wird über ihrer Pforte eine Perle finden, die ihr absolut sicher hilft, Lust zu spüren, auch wenn ihr Mann es noch nicht verstanden hat. Und was kann es Schöneres geben, für beide, Mann und Frau?«
Obwohl Maria wirklich überzeugt schien, wollte – nein, konnte Judith nicht darauf eingehen und griff nach dem ersten Argument, das ihr die Aussage unlogisch erscheinen ließ. »Hätte ich das meinen Patientinnen sagen sollen, die vergewaltigt zu mir kamen, denen Gewalt angetan worden war an Körper und Seele?«
»Für die Seele bin ich nicht zuständig, dafür sind die Pfaffen verantwortlich, oder die Familie und die Freunde. Für den Körper seid wiederum Ihr gefragt, zunächst jedenfalls. Aber nach der Gewalt kommt auch immer wieder das Leben, und darauf gilt es vorbereitet zu sein.« Dann wechselte Maria das Thema. »Doch weil wir gerade wieder beim Körper angelangt sind: Was ist zu tun, um mein Problem loszuwerden? Es hemmt meine Möglichkeiten … Ihr versteht?«
Judith verstand zwar nicht, wie Maria das meinte, war aber Ärztin genug, um die Hilfe für eine Patientin über die Befriedigung ihrer Neugier zu stellen.
»Die fortwährende Feuchtigkeit schadet Euch und führt zu diesen Entzündungen. Ihr müsst Euch nach dem Bade besser abtrocknen, gerade um den betroffenen Bereich. Ich werde Euch noch eine Salbe aus Kamille und Mineralien geben; die tragt täglich mehrmals auf, und Ihr werdet dort bald wie neugeboren sein, zumal Ihr diesen Teil nicht so dringend braucht für Euer Geschäft!«
Sie war froh, schon wieder etwas scherzen zu können, und nicht gefasst auf das, was sie als Antwort bekam. »Nun, der hintere Eingang ist ein sicherer Eingang, wie sollte ich ihn da nicht genauso dringend benötigen?«
Judith wurde feuerrot und stotterte: »Aber das … das ist doch nur der Weg zwischen Männern, nicht bei Frauen.«
»Man sollte meinen, Ihr hättet in Salerno etwas über den sicheren Eingang erfahren. Es wäre ein gutes Werk, dies mancher verlassenen Ehefrau, manchem jungen Mädchen und mancher Rittersfrau, deren Mann auf dem Kreuzzug ist, zu verraten, weil sie es sich nicht leisten können, schwanger zu werden.« Maria lachte. »Es scheint, als könnten wir beide viel voneinander lernen.«
Als ihre neue Patientin schließlich ging, war Judith nicht sicher, ob sie eine weitere Begegnung mit Maria fürchtete – oder sich trotz der Welt, die sich ihr unerwartet eröffnet hatte, wünschen sollte.
Mit Ausnahme von Maria, die nur auf ihrer eigenen Seite zu stehen schien, waren alle Patienten, die zu Judith kamen, voll und ganz für Otto. Zwar hatten ihn die wenigsten je mit eigenen Augen erblickt, doch sein Vater war allen immer noch als »der gute Herzog« in Erinnerung. Niemand hatte vergessen, wie Braunschweig an Bedeutung verlor, als Barbarossa das Herzogtum Heinrichs des Löwen in zahlreiche kleinere Fürstentümer aufteilte. Außerdem war Ottos Geschichte fast wie die eines Helden aus einem Lied: der Fürstensohn, der in der Verbannung groß geworden war, zurück in die alte Heimat kehrte und dort endlich die Krone erhielt, die schon die seines Vaters hätte sein sollen. Wenn Judith danach fragte, ob denn die Krone nicht seinem älteren Bruder gebührt hätte, dann waren die meisten der Meinung, der verstorbene König Richard, bei dem die Brüder aufgewachsen waren, hätte gewiss am besten gewusst, wer einer Krone würdiger sei.
Dann trafen die ersten Nachrichten vom verwüsteten Straßburger und dem Kölner Umland ein. Judith sagte sich, dass das Gerücht gewiss übertrieb. Was nicht übertrieben aussah, war der Mann, der in einem der Gefechte seine linke Hand verloren hatte und zu ihr kam, weil der Wundbrand ihn plagte und er dem Bader nicht traute. Es gelang Judith, den Mann und den Rest des Armes oberhalb seines Ellbogens zu retten, nachdem sie alles darunter entfernte und den Stumpf ausbrannte, so dass er ohne faulendes Fleisch verheilte. Karl war einer der Kriegsknechte des Pfalzgrafen, und während seiner Besuche erzählte er vom Krieg. Was er zu sagen hatte, unterschied sich nicht von den Geschichten, die Judith in Salerno von den Überlebenden gehört hatte; sie ertappte sich dabei, den Gedanken laut auszusprechen.
»Heinz von Kalden hat sein Handwerk unter dem Kaiser in Italien gelernt«, stimmte Karl zu, »und er befehligt nun Philipps Truppen. Aber keine Sorge. König Otto hat an Richards Seite gefochten, und der war der beste Krieger unseres Zeitalters, das sagen alle. Er weiß auch, wann er hart zu sein hat. Kennt Ihr die Geschichte, wie all die Gefangenen vor Akkon hingerichtet wurden, damit Saladin verhandelte?«
»Nein, aber ich möchte sie auch nicht hören.«
Was hatte sie erwartet – einen unblutigen Krieg? Judith sagte sich, dass sie dazu beitragen konnte, dass dieser so rasch wie möglich zu Ende ging. Ob sie dabei auf der richtigen Seite stand, war bisher eine Frage gewesen, die sie sich leicht beantwortet hatte: Otto hatte bei Richard Löwenherz gelebt, als dieser ein großes Massaker an Juden in York zuließ. Die Staufer dagegen hatten die Juden schon seit Jahrzehnten unter ihren Schutz gestellt. Dieser Schutz erschien ihr wichtig, auch wenn dafür beträchtliche Steuern gezahlt werden mussten. Zudem war Otto ein Mann, der Freude an der Furcht anderer und seiner Macht über sie hatte, und damit konnte er kein guter Herrscher sein. Philipp war ihr bei den wenigen Malen, die sie ihm begegnet war, als ein nachdenklicher, freundlicher Mann erschienen, und er war Irene ein guter Ehemann. Das machte es leicht, sich für ihn zu erwärmen.
Stefan hatte einmal zu ihr gesagt, dass die Tugenden eines Herrschers und die Tugenden eines Mannes in seinem Familienleben nicht unbedingt die gleichen waren. Damals hatte sie es nur für eine weitere seiner eigenen Selbstrechtfertigungen gehalten. Sie glaubte immer noch nicht, dass er recht hatte, zumal er ihrem Hinweis, ein Herrscher sei durch seine Macht bestimmt noch nie ein besserer Mensch geworden, nicht widersprochen hatte. Aber die Vorstellung, dass Philipp, was die Einstellung zum Krieg betraf, nicht besser als Otto sein mochte, machte ihr zu schaffen.
Endlich kam es zu dem Ereignis, auf das sie gewartet hatte: Die Pfalzgräfin schickte ihre Leute, um die Magistra Judith von Salerno zu sich zu bitten. Ihr kleiner Sohn, der noch keine zwei Jahre alt war, litt unter Pickeln, was harmlos war, zumal Judith ihr wiederholt versichern konnte, dass es sich nicht um die Masern handelte. »Kein Honig mehr«, ordnete sie an, »und seine Haut wird sich bessern. Ich kann Euch auch Salzumschläge bereiten.«
Schwerwiegender war, dass die Pfalzgräfin erneut schwanger war und bereits unter Blutungen litt, obwohl sie nach ihrer Rechnung erst drei Monate hinter sich hatte. »Meine letzte Geburt«, vertraute sie Judith an, »war sehr schmerzhaft und dauerte eineinhalb Tage lang.« Judith dachte an die Schriften Trotas, welche die Ansicht vertreten hatte, dass manche Frauen einfach nicht geeignet für Schwangerschaften waren und dass man ihnen einen Gefallen tue, wenn man ihnen half, nicht zu empfangen. Die Pfalzgräfin hatte ein sehr enges Becken; ihre Hautfarbe war fahl und ungesund.
»Ich weiß nicht, ob ich Euch helfen kann, Euer Kind zu behalten«, sagte sie ehrlich und versuchte mit aller Macht, den Wunsch zu unterdrücken, davonzulaufen. Agnes war nicht Richildis.
»Zu was seid Ihr dann gut?«, fragte die Pfalzgräfin bitter. »Zu was bin ich gut? Der einzige Grund, warum ich lebe, ist Kinder zu gebären. Ein Erbe für das Haus der Welfen genügt nicht.«
»Manchmal ist eine Fehlgeburt …«
»Verschwindet!«
Eine Woche lang hörte Judith nichts von der Pfalzgräfin. Dann ließ man sie erneut holen. Diesmal fand sie Agnes im Bett vor.
»Ihr habt mir die Wahrheit gesagt«, sagte die Pfalzgräfin. »Ich hatte eine Fehlgeburt.«
»Es tut mir leid.«
»Ich will, dass Ihr mich so schnell wie möglich gesund macht«, befahl Agnes fieberhaft, »damit ich wieder empfangen kann. Vielleicht merkt mein Gemahl es dann nicht.«
»Euer Gnaden, selbst wenn sich Euer Körper sofort wieder erholt, bezweifle ich, dass Ihr innerhalb der nächsten zwei Monate wieder empfangen werdet. Der Pfalzgraf wird dann bereits erwarten, Euch hochschwanger zu sehen. Ihr solltet ihm die schlechte Nachricht jetzt überbringen lassen.«
»Was für eine Art von Ärztin seid Ihr denn?«, stieß die Pfalzgräfin aufgebracht hervor. »Der Bader schwört, dass er mich gleich wieder fruchtbar machen kann!«
»Ich bin die Art Arzt, welcher keine Wunder verspricht, weil ich die Kunst an Menschen studiert habe, nicht an der Deutung von Himmelsgestirnen«, sagte Judith und versuchte, würdevoll zu klingen, doch ihre Worte kamen eher schneidend heraus. Einen Moment lang herrschte Schweigen. Die Mägde der Pfalzgräfin starrten sie bestürzt an.
»Also gut«, sagte Agnes dann. »Zumindest seid Ihr ehrlich.«
Sie ließ sich massieren, nahm die Kräutertränke, die Judith bereitete, und war nach einigem Überreden sogar bereit, Schmerzen in ihrer Vagina einzugestehen. Judith machte ihr moschusöldurchtränkte Zäpfchen und begab sich dann in die Küche. Sie hatte Glück: Der Pfalzgraf, aufgewachsen in Aquitanien und der Normandie, hatte sich daran gewöhnt, hin und wieder Orangen und Zitronen zu genießen, und ließ sie sich nach Braunschweig bringen. Es kostete sie einige Überzeugungskraft und das Herbeirufen einer der Damen der Pfalzgräfin, ehe man ihr glaubte, dass sie die kostbare Zitrone für Agnes haben wollte. Danach brauchte sie einige Zeit, um das Fruchtfleisch zu entfernen und die Schalen so auszupressen und zurechtzuschneiden, wie sie es in Salerno gelernt hatte.
»Ihr wollt …« Die Pfalzgräfin lief rot an, genau wie sie es bei den Zäpfchen getan hatte.
»Es wird Euren Muttermund stärken«, sagte Judith. »Schließlich wollt Ihr so bald als möglich wieder gesund werden, nicht wahr?« Es würde auch mit großer Gewissheit verhindern, dass sie sofort wieder schwanger wurde, jetzt, wo der Pfalzgraf wieder in Braunschweig war und erfahren musste, dass er doch nicht zum zweiten Mal Vater werden würde. Judith hatte kein schlechtes Gewissen dabei, diesen Teil der Wahrheit nicht auszusprechen. Ihrer Meinung nach, das hatten die Untersuchungen bestätigt, würde Agnes nur mit sehr viel Glück eine weitere Geburt überleben; man sollte ihrem Körper wirklich Zeit geben, um sich zu erholen. Nachdem sie Agnes den Zitronenschalenring eingesetzt hatte, musste sie ihr versprechen, dem Pfalzgrafen die schlechte Nachricht von der Fehlgeburt selbst zu überbringen.
Judiths erster Eindruck war Erleichterung, weil der Pfalzgraf Heinrich seinem Bruder kaum glich. Er hatte braune Haare und war nur mittelgroß; anders als Otto war ihm nicht anzuhören, dass er seine Kindheit und Jugend nicht an deutschsprachigen Höfen verbracht hatte. Nachdem sie ihm vorgestellt worden war, fragte er sie sofort, ob sie diejenige sei, die seinen Sohn von seinem Ausschlag geheilt habe. Es lag ihr auf der Zunge, ja zu sagen, aber gemessen an dem Verhalten seiner Gattin, würde er Unter- mehr als Übertreibung schätzen, also beschloss sie, ehrlich zu bleiben, solange es ging.
»Es waren nur Pickel, keine Krankheit, und Eurer Gemahlin und der Amme Eures Sohns gebührt das Verdienst, auf meine Empfehlung geachtet zu haben.«
»Aber er ist noch nicht aus dem Alter hinaus, in dem Kinder sterben wie die Fliegen.« Heinrichs Stimme klang rauh.
»Das liegt in Gottes Händen«, sagte Judith sachlich.
»Nun, Gott will nicht, dass ich ohne Erben bleibe. Ich bin das Oberhaupt meines Hauses. Wann wird meine Gemahlin wieder gesund sein?«
Auf widersinnige Weise war Judith ihm dankbar, weil er ihr durch sein Verhalten die Möglichkeit gab, Abneigung gegen ihn zu empfinden; es half ihr bei ihren wachsenden Zweifeln.
»Verzeiht, doch Eure Gemahlin scheint zu glauben, dass Ihr sofort ein weiteres Kind wünscht. Ich habe ihr natürlich versichert, dass ein großer Herr wie Ihr, der Sohn Heinrichs des Löwen, der Enkel Alienor von Aquitaniens, seine edle Gattin mit doppelt so viel Zartsinn behandelt, wie dies ein einfacher Bürger täte, nachdem sie einen so traurigen Verlust erlitten hat.«
Seine Stirn verdunkelte sich. Ihr fiel ein, dass die Christen an Enthaltsamkeit als Bußübung glaubten. »Auch war sie nicht sicher, dass Ihr nun beten und fasten würdet, aber es war mir eine Freude, ihr zu versichern, dass Ihr – ein Kreuzritter und Neffe eines Kreuzritters – strenger als ein Mönch leben könntet, wenn es dem Seelenheil Eurer Gemahlin und Eures toten Kindes zugutekommt.«
Heinrich starrte sie an; Judith riss ihre Augen weit auf, um so unschuldig wie möglich dreinzuschauen.
»Magistra«, sagte er scharf, »hat man Euch in Salerno nicht gelehrt, wie man mit Menschen spricht, die über Euch stehen?«
»Nicht in Salerno.«
Es erwies sich, dass der Pfalzgraf Heinrich besser zuhörte als sein Bruder, denn ihm fiel sofort die Auslassung auf. »Wo dann?« Es war an der Zeit, den zweiten Zweck ihres Hierseins anzugehen. Wenn sie sich irrte, dann würde sie Braunschweig eben den Rücken kehren müssen.
»Zuletzt«, sagte Judith, »in Hagenau.«
Der Pfalzgraf verzog das Gesicht, doch er schwieg zunächst und beschränkte sich darauf, einen Brummlaut in seinen Bart hinein zu murmeln. Endlich beschied er ihr, sie möge gehen, ohne weiter etwas zu ihrer Antwort zu bemerken.
Judith besuchte die Pfalzgräfin weiter regelmäßig, wurde gut dafür entlohnt und fand nun auch Patienten unter den reicheren Bürgern, als sich herumsprach, dass die Magistra aus Salerno von Agnes zu Rate gezogen wurde. Die Pfalzgräfin erholte sich gut von ihrer Fehlgeburt, und soweit Judith feststellen konnte, erwiesen sich entweder ihr Rat an den Pfalzgrafen oder die Zitronenschalen als wirksam.
Nach mehreren Wochen befahl Heinrich sie wieder zu sich. »Der verstorbene Kaiser«, sagte er, »war der gefährlichste Mann, dem ich je begegnet bin, aber sein Wort war nichts wert. Fragt die normannischen Adligen im Königreich Sizilien. Das heißt, die kann niemand mehr fragen, weil sie alle tot sind. Warum sollte ich nicht auch alles hinrichten lassen, was von einem Staufer kommt, um mich selbst zu schützen?«
Weil Ihr mich nicht in den Kerker geworfen und nicht einmal gefragt habt, ob ich Philipp je zu Gesicht bekommen habe, dachte Judith. Weil Ihr Wochen verstreichen habt lassen, ehe Ihr mir diese Frage stellt. Ihr tragt den Seitenwechsel bereits in Eurem Herzen. Irene hatte recht!Laut sagte sie: »Weil Euer Sohn zur Hälfte ein Staufer ist. Weil Ihr für Euren Bruder nur ein Rivale und eine lästige Verpflichtung seid, jemand, von dem er nimmt, während Ihr für Philipp ein geschätzter Verbündeter wäret, dem er gibt, um ihn zu gewinnen.«
Er begann, an seinem Bart zu zupfen. »Ich habe mich erkundigt«, schleuderte er ihr entgegen. »Als Otto in Chinon die Krone angeboten wurde, da war es ein Kaufmann aus Köln, der die Nachricht überbrachte, und bei ihm war seine Nichte, eine Ärztin. Wer sagt mir denn, dass Ihr nicht Ottos Geschöpf seid? Es sähe ihm ähnlich, mich auf diese Weise zu prüfen. Er sucht doch nach einer Entschuldigung, mich um das Erbe unseres Vaters zu bringen. Dabei habe ich nie etwas anderes getan, als ihm zu helfen. Ich bin ein Mann, der zu seinem Wort steht.«
Daran, dass er sie für einen Spitzel Ottos halten könnte, hatte Judith nicht gedacht. Natürlich hatte sie kein Schreiben Philipps bei sich, nur Irenes Ring. Ob sich der Pfalzgraf allerdings von so etwas beeindrucken lassen würde? Immerhin blieb ihr die Wahrheit – und die menschliche Eitelkeit.
»Es stimmt, ich war in Chinon. Mein Onkel wollte ein Bündnis mit Eurem Onkel Richard – und es wart Ihr, den wir auf dem Thron sehen wollten und den die Kaufleute Kölns vorschlugen. Euer Onkel bestand auf Otto. Wir verstanden das nicht, aber was soll ein einfacher Untertan tun, wenn ein Fürst spricht?«
»Immer war es Otto«, murmelte der Pfalzgraf. »Gut. Gesetzt, ich glaube Euch, Magistra, wie kommt es dann, dass Ihr dieser Tage für Vetter Philipp die Botin spielt?«
»Weil ich gesehen habe, was für ein Mann Euer Bruder ist«, sagte Judith. Die Muskeln in den Wangen des Pfalzgrafen zuckten.
»Weib, es steht Euch nicht zu, über meinen Bruder zu urteilen«, gab er zurück. In seiner Stimme lag die klirrende Kälte seiner Stellung und seiner Geburt. Ihr Mund war trocken, doch jetzt gab es kein Zurück mehr.
»Ihr habt mich gefragt, und ich habe geantwortet.«
»Wenn sie Euch in Hagenau gelehrt haben, wie man zu Fürsten spricht, dann haben sie es nicht gut getan«, sagte er kühl. Immerhin ließ er sie nicht hinauswerfen, was bedeutete, dass sie recht hatte: Er hatte innerlich schon die Seite gewechselt und wartete nur auf eine bessere Entschuldigung für sich selbst.
»Euer Gnaden, Ihr kennt Euren Bruder besser als jeder andere Mensch auf Erden. Nur Ihr allein wisst, ob er Euch so behandelt, wie es einem Bruder geziemt; es steht mir nicht zu, dergleichen zu beurteilen. Doch kann ich beschwören, was ich selbst erfahren und gehört habe: König Philipp sehnt sich danach, Euch als Verbündeten zu gewinnen, und er wird nicht zögern, Euch mehr vom alten Gut der Welfen zurückzugeben, als Euer Bruder Euch genommen hat.«
»Das sind schöne Worte«, knurrte der Pfalzgraf. »Worte sind billig. Hat er irgendwelche bestimmten Güter genannt?«
»Stade«, sagte Judith und sah, dass die Augen des Pfalzgrafen aufleuchteten, ehe er seine Miene wieder im Griff hatte.
»Otto hat Stade dem Bremer Erzbischof als Dank für seine Unterstützung zugeschanzt«, sagte Heinrich herausfordernd. »Ich wüsste nicht, wie Philipp darüber verfügen will.«
»Ich kann nicht in die Zukunft sehen und wissen, wem das Kriegsglück hold ist, oder gar wann«, sagte Judith großäugig. »Aber König Philipp hat den Wunsch geäußert, Euch bereits einen Vorabentgelt für die Einkünfte zukommen zu lassen, die Stade Euer Gnaden bringen wird, wenn es erst Euer ist.« Sie hoffte, es so formuliert zu haben, dass es den Stolz des Pfalzgrafen nicht verletzte. Da er sie nicht anbrüllte, ob sie ihn für bestechlich halte, schien sie dabei Erfolg gehabt zu haben.
»Geht«, sagte der Pfalzgraf. »Ich werde Euch wieder rufen lassen.«
Judith hielt es nur noch für eine Frage der Zeit, bis sie auch in Braunschweig ihren Auftrag erledigt hatte. Sie war glücklich und zufrieden und überlegte, ob sie nicht sogar in der Stadt bleiben sollte. Immerhin hatte sie hier Patienten gefunden; vielleicht konnte sie in ein, zwei Jahren sogar Mosche ben Maimons Werk über das Asthma zurückkaufen. Ihr Leben schien endlich so zu verlaufen, wie sie es sich wünschte – bis man Gilles aus ihrem Haus zerrte.
Zuerst dachte Judith, sie hätte sich bei ihrer Einschätzung der Lage wie des Pfalzgrafen völlig geirrt, und die Männer kämen ihretwegen. Dann fiel ihr brennend heiß ein, dass die wichtigste Festung des Kölner Erzbischofs, Andernach, vielleicht so schnell gefallen war, weil Gilles nach ihrer Flucht Heinz von Kalden die richtigen Hinweise gegeben und man im welfischen Lager davon erfahren hatte. Die Männer der Wache blickten tatsächlich ausschließlich zu Gilles, der sich schützend vor sie stellte, mit Hohn und Widerwillen in ihren Mienen.
»So etwas bringen nur die Welschen fertig«, sagte einer von ihnen. »Kerl, du hättest deine dreckigen Finger bei dir behalten sollen.«
Gilles war von seinem alten Freund ausgeliefert worden: Robert hatte einen falschen Mann angesprochen und unter der Folter einen einzigen Namen genannt, bevor er seinen Verletzungen erlag. Gilles wurde in eines der Lochgefängnisse geworfen. Jeder, zu dem Judith ging, um für ihren Gemahl zu bitten, erzählte ihr etwas anderes darüber, was mit Gilles passieren würde. Die einen gingen davon aus, er müsse öffentlich ausgepeitscht und dann aus der Stadt geworfen werden, die anderen dagegen bestanden darauf, ein solches Greuel verdiene den Tod durch Verbrennen. Als Judith in ihrer Not bei der Pfalzgräfin vorsprach, war diese erst gewillt, sie zu trösten, doch als sie Judiths Anliegen hörte, war sie entsetzt.
»Seid froh und dankbar, wenn Euch das Gesetz von so einem Sünder befreit!«, rief sie. »Ich werde beten, dass Gott Euch Einsicht in seine Gnade schenkt.«
Dem Pfalzgrafen dagegen wäre ein Trostversuch erst gar nicht in den Sinn gekommen. »Solche Kerle«, sagte er, »waren mir schon immer zuwider. Ausrotten sollte man sie, wo man sie findet, aber mein Onkel hat ja … hmm … Verständnis gezeigt. Nun, das ist vorbei. Wenn ich Ihr wäre, Magistra, dann würde ich schleunigst zu Philipp zurückkehren. Ich habe mir die Sache überlegt, wir können handelseinig werden. Also, was zögert Ihr noch? Wenn es an sicherem Geleit für die Reise liegt, ich werde Euch Kriegsknechte mitgeben.«
Mit Gilles durfte sie nur einmal sprechen. Er sagte, dass es ihm leidtäte, und machte den Eindruck eines Mannes, den der Alptraum, vor dem er ein Leben lang davongerannt war, eingeholt hatte: Seine Augen waren leer und hoffnungslos. Er bat sie, sich um ein Begräbnis für Robert zu kümmern und ihn dann in Braunschweig zurückzulassen.
»Ganz bestimmt nicht«, sagte Judith. »Wo du hingehst, da will auch ich hingehen. Ich nehme meine Schwüre ernst, und ich werde nie jemanden dem Tod überlassen, wenn ich dagegen kämpfen kann. Du hast mich immer durch alle Gefahren gebracht. Wofür hältst du mich, wenn du denkst, dass ich dir nicht ein Gleiches tue!«
Aber die Lage wurde immer schlimmer. Gilles hatte Freunde in Braunschweig gefunden, doch jeder von ihnen schien Angst zu haben, für ihn zu sprechen, könne ihn selbst verdächtig machen. Ihre eigenen Freunde und Patienten verstanden genauso wenig wie die Pfalzgräfin, warum sie nicht mit Abscheu erfüllt war und auf Gilles’ Tod hoffte.
Auch das Begräbnis des toten Robert innerhalb der Stadtmauern erwies sich als schwer, doch immerhin konnte sie beweisen, dass das Gesetz auf ihrer Seite stand: Robert war nicht hingerichtet worden, und er hatte sich auch nicht selbst umgebracht.
»Er ist ohne Beichte und im Zustand der Sünde gestorben«, sagte der Priester, den sie immerhin dazu gebracht hatte, den Toten zu seinem Grab zu begleiten.
»Das trifft auf die meisten Kriegsknechte zu«, sagte Judith. Der Priester nickte, warf ihr aber einen schrägen Blick zu.
»Wie steht es um Eure eigene Seele, meine Tochter?«
»Ich bin Jüdin«, sagte sie.
»Und trotzdem wünscht Ihr Euch den Segen der Kirche für jenen Toten? Nun, das spricht für Euch.« Er erklärte sich auch bereit, Gilles die Beichte abzunehmen, aber für ihn sprechen wollte er nicht. Der Rabbi, der Judiths Buch gekauft und ihr das Haus besorgt hatte, war nicht minder unwillig und machte ihr sogar zum Vorwurf, dass er ihr Bürge in der Stadt gewesen war. Er hätte bei seinen Glaubensbrüdern schon genug Ärger gehabt, weil sie eine Abtrünnige vom wahren Glauben sei; ohne Taufe habe sie Gilles schließlich nicht heiraten können. »Habt Ihr Euch ihm verweigert?«, wollte der Rabbi wissen. »Ist das der Grund für seinen Sündenfall? Versucht Ihr deswegen, ihn zu retten?«
»Nein«, gab Judith heftig zurück und fragte sich, ob sie nicht hätte lügen sollen. Vielleicht würde jedermann die Sache gnädiger sehen, wenn sie Gilles bemitleideten als einen Mann, dessen Gattin ihre ehelichen Pflichten verweigerte? Doch nein, jeder Dummkopf konnte sich ausrechnen, dass Gilles in diesem Fall zu anderen Frauen getrieben worden wäre.
Sie fragte sich auch, ob er Robert geliebt hatte. Es kam ihr eigenartig vor, dass ihr nicht einmal in den Sinn gekommen war, dass er sein Leben als ihr Gatte nicht keusch wie ein Mönch verbringen würde. Aber sie war nie neugierig gewesen; er hatte Robert einen alten Freund genannt, und sie hatte sich nie gefragt, ob er auch nur »Freund« meinte. Ständig mit sich und ihren eigenen Angelegenheiten beschäftigt gewesen zu sein, war ein weiterer Beweis ihrer Selbstsucht, und sie schämte sich. Hatte sie wirklich geglaubt, dass Gilles damit zufrieden war, sein Leben an ihrer Seite ohne Liebe zu verbringen?
Judith kam gerade von einem weiteren vergeblichen Versuch zurück, das Oberhaupt der Böttcherzunft als Fürsprecher zu gewinnen, dem sie bei seinem Rheuma geholfen hatte, als ihr der Bäcker zurief, ein Verrückter liefe durch die Straßen und frage alle Leute nach ihr. »Und nicht allein«, sagte er anzüglich. »Er hat noch einen anderen Mann bei sich.«
Judith hätte ihn umbringen können, aber dazu war keine Zeit. Wenn jemand sie so dringend suchte, dann hatte es gewiss mit Gilles zu tun, also beeilte sie sich, in ihr Heim zurückzukehren. Es kam ihr auch in den Sinn, dass der Pfalzgraf wissen wollte, warum sie noch nicht nach Hagenau aufgebrochen war, und nach ihr geschickt hatte. Womit sie auf keinen Fall gerechnet hatte, war der Anblick, der sich ihr bot: Walther von der Vogelweide, niedergeschlagen von einem Bewaffneten. Sein Begleiter, den sie nicht kannte, war drauf und dran, einen Streit mit der Wache anzufangen. Judith hatte nicht die Zeit, um nachzudenken.
»Vetter Walther!«, rief sie und stürzte neben dem Niedergeschlagenen auf die Knie. Zu den Kriegsknechten aufschauend, klagte sie: »Mein ehrenwerter Vetter kommt in der Stunde meiner Not, und Ihr behandelt ihn so? Ist es nicht genug, dass keiner Mitleid mit meinem Gemahl hat? Müsst Ihr nun auch meine Familie dafür bestrafen, dass sie mir beisteht?«
»Er hat behauptet, ein Ritter zu sein«, sagte einer der Soldaten, doch er klang unbehaglich. Judith brach in Tränen aus. Es fiel ihr nicht schwer, bei all dem, was in den letzten Tagen geschehen war, und sie schluchzte, so laut sie konnte, was das befriedigende Ergebnis hatte, dass die Männer schnell das Weite suchten. Walthers Freund stellte sich als Markwart vor und half ihr, den Bewusstlosen ins Haus zu schaffen. Dabei schaute er immer wieder schnell zu ihr, so dass sie sich fragte, was um alles in der Welt Walther über sie zu ihm gesagt haben mochte.
»Ihr seid doch die Magistra?« Sie nickte, während sie Wasser holte, um kalte Umschläge zu machen. »Wir sind Euretwegen einen ganz schön langen Weg gekommen«, sagte Markwart, doch noch ehe sie ihn darum bitten konnte, ihr zu erklären, wie er das meinte, erlangte Walther wieder das Bewusstsein. Judith sagte das Erste, was ihr in den Sinn kam.
Seine Antwort war völlig unerwartet, aber was sie wirklich aus der Fassung brachte, war sein Gesichtsausdruck, als sie ihn bat, Gilles zu helfen. Sie hatte ihn bisher wütend erlebt, spöttisch, zufrieden, selbstgefällig, verständnisvoll, um Beifall heischend, herausfordernd und in einem Dutzend weiterer Stimmungen, aber selbst, als er über seine Verstrickung sprach, was ihrem Vetter und den Seinen in Wien angetan worden war, hatte keine so große Verwundung in seinen Augen gelegen. Anders als bei allen Streitereien, die sie mit ihm gehabt hatte, war es diesmal nicht ihre Absicht gewesen, ihn zu verletzen, und doch zitterten seine Lippen für einen kurzen Moment wie bei einem Kind, ehe er sich wieder unter Kontrolle hatte und eine Maske wie ein weißes Leinentuch über sein Antlitz fiel.
Sie hörte sich selbst einen kleinen Laut ausstoßen, ein »oh«, ohne sich dessen bewusst zu sein. Konnte er wirklich in sie verliebt sein? Judith hatte sein Verhalten immer als ein Teil des Wettbewerbs genommen, in den sie zu fallen schienen, wann immer sie einander begegneten. Es war ganz bestimmt besser, sich Walther als jemanden zu denken, der außerhalb seiner Lieder gar nicht tief empfinden konnte.
Sie versuchte, sich zu sammeln, und fiel auf ihre Ärztemanier zurück, in der sie sachlich die Symptome einer Krankheit schilderte, ohne sich anmerken zu lassen, was sie selbst empfand. »Gilles ist angeklagt, einem anderen Mann beigewohnt zu haben. Niemand in dieser Stadt ist willens, Gnade walten zu lassen. Ehe Ihr fragt, die Anklage stimmt, aber das bedeutet nicht, dass ich ihn im Stich lassen werde. Er ist für mich durchs Feuer gegangen. Diese Ehe ist ihm aufgezwungen worden wie mir, aber wir haben das Beste daraus gemacht.«
Walther setzte sich so schnell auf, dass sie ihn an den Schultern zurückhielt. »Ihr könntet unter einer Gehirnerschütterung leiden. Bleibt noch etwas liegen.«
»Ich wusste, dass an dieser Ehe etwas nicht stimmte!«, sagte er triumphierend. Sein Tonfall erinnerte sie unglücklicherweise wieder daran, warum es so schwer war, mit ihm im gleichen Raum zu bleiben, ohne einen Streit zu beginnen.
»Woher? Ihr kennt mich nicht gut genug, um das zu wissen.«
»Nun, Euer Vetter Paul hat mir erzählt, dass Herr Otto den Ehestifter gespielt hat«, entgegnete Walther.
»Dann wart Ihr in Köln? Wie geht – ach, das hat Zeit. Walther, wir müssen Gilles helfen, so schnell wie möglich. Heute soll zwischen einer Züchtigung und einer Hinrichtung entschieden werden, und kaum jemand glaubt, dass sie Gnade walten lassen. Morgen könnte schon sein letzter Tag anbrechen.«
»Ich bin ein Sänger, kein Rechtsgelehrter«, sagte Walther, »und ein schwertkämpfender Held, der ihn vom Marktplatz entführen könnte, bin ich auch nicht.«
»Wie habt Ihr mich dann retten wollen?«, warf sie ihm an den Kopf. Er schenkte ihr ein schwaches Lächeln.
»Durch Bestechung, Amtsanmaßung, Fälscherei, was immer notwendig hätte sein können.«
»Bestechung?«, fiel Markwart ein. »Du hast Geld, um Gefangenenwärter zu bestechen, aber wir schlafen immer noch in Ställen?«
»Man kann nicht nur mit Geld bestechen«, entgegnete Walther.
Judith krauste die Stirn. »Ich habe Bücher«, sagte sie, »aber das einzige, das sofort einen Käufer finden würde, habe ich bereits verkauft.« Erneut fiel ihr Irenes Ring ein. Sie trug ihn nicht am Finger, weil Ringe sie nur bei der Arbeit behindern würden, aber er hing an einer Schnur um ihren Hals, verborgen unter ihrem Oberkleid, wo ihn begehrliche Augen nicht sehen konnten. Rasch holte sie ihn hervor. Markwart pfiff durch die Zähne, als er ihn sah.
»Nun, eigentlich sollte der mehr als genügen«, sagte Walther, »nicht nur für einen Wächter, aber das Problem bei Bestechungen ist, dafür zu sorgen, dass die Leute nicht einfach nur das Geld nehmen und einem danach trotzdem nicht helfen.«
»Ihr seid nicht ermutigend«, sagte sie mürrisch und meinte das Gegenteil: Nicht mehr alleine über einen Ausweg nachgrübeln zu müssen, sondern jemanden zu haben, der alles Mögliche war, doch nicht dumm, ließ ihre Lebensgeister aufleben.
Walther setzte sich erneut auf, diesmal wesentlich langsamer. »Wie«, fragte er, und auch in seine Stimme kehrte mehr und mehr Belebung zurück, »steht es wohl um die Gesundheit der Wärter?«