Kapitel 7
Judith bestand ihre Prüfungen. Sogar diejenigen Ärzte, die sie sonst missbilligten oder ihr aus dem einen oder anderen Grund eher feindlich gesinnt waren, fanden in den Tagen danach wohlwollende Worte über ihren Vater und ihre baldige Hochzeit. Inzwischen kam sie sich vor wie ein Tier, das in einer Falle gefangen saß und bereit war, sein eigenes Bein abzunagen, um wieder zu entkommen. Meir ben Eleasar besuchte sie, nannte sie Magistra und sagte, dass er sich schon sehr darauf freue, wenn sie ihm erst bei seinen Patienten zur Hand ginge.
Sie spürte ein weiteres Mal den Wunsch zu schreien, aber er kannte als Jude jedes Trauerritual und hätte eher an einen Fall von dämonischer Besessenheit geglaubt. Wieder zählte sie in Gedanken alle Vorteile, die in dieser Ehe liegen würden, und sagte sich, dass es kleinlich war zu grollen, weil er es noch nicht einmal für nötig hielt, sie selbst zu fragen; schließlich wusste sie nicht, was genau ihr Vater seinem Vater bereits versprochen hatte. Aber Josef war tot, sie würde ihn nie wieder sehen, nie wieder seine warme Stimme hören oder ihn wegen seiner Vorliebe für Honigkuchen necken, die ihm nicht bekamen. Dass sie stattdessen den Rest ihres Lebens mit einem Mann verbringen sollte, der sie so wenig kannte, dass er ihr Einverständnis für gegeben hinnahm, war der Tropfen Wasser, der das Fass für sie zum Überlaufen brachte.
»Ich wäre Euch dankbar, wenn Ihr mich den Rest der Scheloschim in Ruhe verbringen lasst«, sagte sie so höflich, wie es ihr in diesem Moment möglich war, doch an seinem gekränkten Gesichtsausdruck erkannte sie, dass es nicht höflich genug war. Aber er erfüllte ihren Wunsch und ging.
Eine weitere Woche verging. Giovanni fragte, ob er sich eine neue Stelle suchen sollte, denn im Haushalt von Rabbi Eleasar gebe es bereits genügend Gesinde. Lucia, die ihr Kind auf dem Rücken in einem Tragesack trug, obwohl es fast zwei Jahre alt sein musste und bald zu schwer für dergleichen werden würde, machte ein entsetztes Gesicht. Offenbar war ihr die Möglichkeit, entlassen zu werden, noch nicht in den Sinn gekommen. »Wie steht es um Mägde?«, fragte sie hastig.
Judith versicherte, dass sie weiter in ihren Diensten bleiben könnten, doch als die beiden für die Nacht gegangen waren, fragte sie sich, ob sie die Wahrheit gesagt hatte. Als verheiratete Frau würde sie nicht das Recht haben, Mägde und Knechte ohne Einwilligung ihres Gemahls einzustellen oder zu entlassen. Sie konnte das, was nun kommen würde, auch nicht einfach hinausschieben. Sie hatte nur Zeit gewonnen, mehr nicht.
Sie schaute auf ihren Arm, als stecke er tatsächlich in einer Falle. Die Erinnerung an den alten Herzog von Österreich flackerte in ihr auf, an die Leiche mit dem fehlenden Bein. Nicht nur Tiere waren in der Lage, sich Glieder abzuhacken, um vor etwas zu fliehen.
Sie versuchte, die Habseligkeiten ihres Vaters zu ordnen nach Dingen, die sie fortgeben würde, und Dingen, die sie behalten wollte. Es war nicht einfach, weil dumme Kleinigkeiten wie der Umstand, dass seine Hemden noch nach ihm rochen, sie zum Weinen brachten. Ein Mittel gegen Tränen, dachte Judith, ist das Nächste, das unbedingt von Ärzten entdeckt werden musste. Bisher gibt es nur Mittel, die Tränen auslösen. Warum hat niemand nach dem Gegenteil geforscht?
Jemand klopfte an ihre Tür. Sie kannte nur einen der beiden Männer, den Boten des Spitalvorstehers. Der andere war ein Fremder, der Schwert und Kettenhemd trug. Sie erkannte das Wappen: Es war ein Kriegsknecht der Staufer. Gemessen daran, was geschehen war, als Heinrich von Hohenstaufen die Stadt das letzte Mal betreten hatte, wunderte es sie nicht, dass bei den Leuten, die in der Straße standen und zu ihnen blickten, eisiges Schweigen herrschte.
»Ihr seid«, sagte der Mann auf Deutsch und mit eindeutig schwäbischem Akzent, »die Magistra Jutta von Köln?«
Sie nickte. Jutta war für jedermann in Salerno leichter auszusprechen, und, wie sie sich selbst nur selten eingestand, es war kein jüdischer Name, was ihr bei neuen Patienten oft Fragen ersparte und somit eine schnellere Behandlung ermöglichte.
»Dann kommt bitte mit mir.«
»Worum geht es?«, fragte sie und versuchte, nicht an Salvaggia zu denken.
»Sie wollen eine Magistra. Eine Frau«, sagte der Spitalbote. »Und es muss eine Deutsche sein. Ihr seid die Einzige.«
»Wer verlangt nach mir?«, fragte Judith auf Deutsch. Erst da wurde ihr bewusst, dass sie ihre Sprache seit fast zwei Jahren nicht mehr gesprochen hatte, weil ihr Vater, um ihr dabei zu helfen, in der Volgare und dem Arabischen flüssiger zu werden, nur diese Sprachen verwendet hatte.
»Mein Herr Diepold von Schweinspeunt.« Er musterte sie misstrauisch. »Ihr seid wirklich eine Ärztin?«
Sie hätte ihm die Urkunde zeigen können, die man ihr gegeben hatte, auf kostbarem Pergament, aber das war ihr die Sache nicht wert. »Ja«, sagte sie knapp. »Was fehlt Eurem Herrn?«
Der Mann im Kettenhemd schnaubte verächtlich, als sei die Unterstellung, dem edlen Herrn von Schweinspeunt könne es je an etwas mangeln, wofür er die Hilfe einer Magistra benötigte, völlig lächerlich. »Es fehlt ihm gar nichts. Aber er hat die Aufgabe, die Prinzessin von Byzanz über die Alpen zum Herzog Philipp zu bringen, und die schreit vor Schmerzen. Ihre Weiber meinen, ihr müsste der Bauch aufgeschnitten werden. Wenn sie stirbt, während Ihr zögert, dann habt Ihr den Tod der Schwägerin des Kaisers zu verantworten, also würde ich mich an Eurer Stelle beeilen.«
Auf dem Weg zum Kastell, wo früher die Normannenherrscher residiert hatten, erfuhr Judith mehr. Irene von Byzanz war die Tochter des oströmischen Kaisers, die vor ein paar Jahren mit dem älteren Sohn Tankreds von Sizilien verheiratet worden war. Die Ehe dauerte nur knapp ein Jahr, weil zuerst ihr Gatte und dann auch Tankred starben; danach eroberte – und erheiratete – Kaiser Heinrich das Königreich. Er hatte Tankreds jüngeren Sohn kastrieren und blenden und den gesamten männlichen normannischen Adel am Tag der Geburt seines Sohnes ermorden lassen, doch die Prinzessin Irene war als Tochter eines Kaisers ein zu gutes Pfand, um entweder ebenfalls getötet oder zurück zu ihrem Vater geschickt zu werden. Kaiser Heinrich verlobte sie mit seinem jüngsten Bruder Philipp und hätte sie wohl sofort nach Schwaben bringen lassen, wenn nicht ihr Vater, Kaiser Isaak Angelos, gerade von seinem eigenen Bruder gestürzt worden wäre.
»Da wusste der Kaiser nicht, ob diese Ehe sich noch für das Haus Hohenstaufen lohnt«, sagte Schweinspeunts Dienstmann sachlich. »Aber jetzt hat er Nachricht erhalten, dass der alte Isaak Angelos noch am Leben ist. Geblendet und im Kerker, aber noch am Leben. Und der Kreuzzug steht an. Mein Herr sagt, dass es sehr wohl sein mag, dass wir nicht direkt ins Heilige Land ziehen, sondern zuerst nach Byzanz.«
Es war nicht schwer zu verstehen, worauf das hinauslaufen konnte: Das gesamte oströmische Reich als Mitgift seiner Schwägerin zu beanspruchen, war zwar etwas abwegig, entsprach jedoch durchaus dem gleichen Prinzip, mit dem sich Heinrich Sizilien angeeignet hatte. Nur musste dazu die Tochter des eingekerkerten Isaak Angelos auch tatsächlich mehr sein als nur die Verlobte seines Bruders.
»Herr Diepold von Schweinspeunt ist einer der getreuesten Vasallen Kaiser Heinrichs«, prahlte dessen Mann. »Deswegen hat ihn der Kaiser zum Grafen von Acerra gemacht, und darum hat er die Ehre, die Prinzessin ihrem Bräutigam zuzuführen. Der Kaiser weiß, dass er sich auf Herrn Diepold verlassen kann.«
»Und dann wurde die Prinzessin Irene krank?«, fragte Judith ungeduldig, um die Rede endlich auf ihre Aufgabe zu bringen. Der Kriegsknecht missverstand sie.
»Es war nicht Herrn Diepolds Schuld! Ich möchte wetten, das hiesige Natterngezücht ist dafür verantwortlich. Wir wollten nur kurz in Salerno Rast machen, für eine Nacht, aber das war eine Nacht zu viel, wenn Ihr mich fragt. Gift, ganz bestimmt ist Gift im Spiel. Die Welschen sind doch alle gleich. Und die hier in der Stadt haben schon die Kaiserin Konstanze entführt, da würde es mich nicht wundern, wenn sie auch noch die Prinzessin Irene vergiftet haben. Deswegen hat Herr Diepold auch auf einen deutschen Arzt bestanden.«
»Ich dachte, auf eine Ärztin.«
»Das war die Prinzessin«, sagte der Kriegsknecht. »Ein wenig zimperlich sind sie schon, die Weiber hier im Süden. Wollen wohl nicht von Männern angefasst werden. Von echten Männern, nicht den hiesigen Weichlingen. Bei denen ist alles etwas zu kurz geraten, der Kopf und der Schwanz.« Er bog sich über seinen eigenen dummen Witz vor Lachen.
Die Erinnerung an Salvaggias Angst vor zwei Jahren ließ Judith entgegnen, ehe sie es sich versah: »Nein, es ist nur Rücksichtnahme auf Euch. Wisst Ihr denn nicht, was mit einem Mann geschieht, der eine Frau aus dem Süden gegen ihren Willen berührt?«
Schweinspeunts Mann kniff misstrauisch die Augen zusammen.
»Nichts passiert.«
»Nicht sofort«, sagte Judith honigsüß. »Aber sie können ihr Glied weniger und weniger gebrauchen. Der Urin brennt jedes Mal schlimmer, der Samen wird immer schwächer, so dass sie keine Kinder mehr zeugen können. Und dann fängt das Glied an, sich mit Schorf und Blasen zu überziehen, bis es schließlich gänzlich zerfressen ist wie die Haut eines Aussätzigen und vom Körper abfällt.«
Er wirkte ein wenig bleicher um die Nasenspitze. »Das habe ich noch nie gehört! Überhaupt gibt es hier Männer, die seit den Zeiten des alten Kaisers Friedrich im Land sind. Denen ist das auch nicht geschehen.«
»Wollt Ihr damit sagen«, sagte Judith mit hochgezogenen Brauen, »dass Ihr die Glieder alter Männer selbst gesehen habt? Bei welcher Gelegenheit war das denn?«
»Nein, natürlich nicht, aber so etwas hätten sie doch erzählt!«
»Würdet Ihr jüngeren Kameraden erzählen, wenn Euch Eure Männlichkeit abgefallen wäre?«, fragte Judith freundlich.
Mittlerweile sah er leicht grünlich aus. »Ich habe auch noch nie gehört, dass eine anständige Frau vom Glied eines Mannes gesprochen hat«, stieß er wütend hervor.
»Nun, dann habt Ihr gewiss noch keine Magistra kennengelernt. Wir sind, Gott sei’s geklagt, gezwungen, auch diesen Teil des männlichen Körpers zu behandeln, wenn er von Schorf zerfressen wird und abfällt. Aber ich bin sicher, Ihr selbst habt nichts zu befürchten. Als ehrenvoller Mann habt Ihr gewiss nie Hand an eine Frau gegen ihren Willen gelegt, nicht wahr?«
Das war das Ende jeglicher Unterredung, bis sie das Kastell betraten. Judith war nicht sicher, ob sie mit ihrem boshaften Märchen ihren hippokratischen Eid verletzt hatte oder nicht, doch es fehlte ihr jedes Schuldgefühl deswegen.
Die Prinzessin Irene war im Bergfried untergebracht worden. Vor ihrer Kemenate standen so viele Wachen, dass sie mehr wie eine Gefangene als eine Braut erschien, aber da sie beides war, wunderte Judith das nicht. Die Damen der Prinzessin waren keine Byzantinerinnen, sondern stammten alle aus dem Königreich, so dass sich Judith mit ihnen in der Volgare verständigen konnte. Sie berichteten, dass die Prinzessin vor ein paar Stunden unter heftigen Magenschmerzen zusammengebrochen sei, und deuteten auf die gekrümmt liegende Gestalt auf einem Bett, das in dieser Umgebung merkwürdig armselig wirkte. Doch auch das Kastell war seinerzeit gebrandschatzt worden, und die wenigen Möbel, die jetzt darin standen, waren durch Diepold von Schweinspeunts Leuten hastig aus der Stadt geholt worden.
Die Prinzessin konnte höchstens sechzehn oder siebzehn Jahre alt sein; sie war kleiner als Judith, mit schwarzen, lockigen Haaren und einem sehr weißen, schmerzverzerrten Gesicht. Sie trug keinen Überrock mehr; ihr Unterhemd war aus weißer Seide. Niemand schien daran gedacht zu haben, ihr die Beinlinge auszuziehen, und so waren die Beine noch immer in Scharlachrot gehüllt, der kaiserlichen Farbe, die sich selbst die hohen deutschen Adligen kaum leisten konnten. Sie sagte etwas in einer Sprache, die dem Griechischen ähnlich war, doch nur so, wie die Volgare dem Latein ähnelte. Trotzdem, die Betonung ließ Judith sicher sein, dass sie das Gesagte richtig interpretierte: Irene wollte, dass man sie sterben ließ.
»Nein«, sagte Judith in der Volgare und hoffte, dass die Prinzessin in den drei Jahren in Sizilien genügend davon gelernt hatte. Sie kniete sich neben das Bett des Mädchens und rollte sie behutsam auf den Rücken. Dann bat sie eine der Hofdamen, Irene an den Schultern festzuhalten, damit sich die Prinzessin während der Untersuchung nicht wieder umdrehen konnte.
»Meinem Bruder erging es einmal ähnlich«, sagte die Frau. »Abu Abbas, der Arzt König Tankreds, hat ihm damals das Leben gerettet. Er hat gesagt, der Darm meines Bruders sei gebrochen, oder so etwas Ähnliches, und er hat ihn aufgeschnitten. Könnt Ihr das auch, Magistra?«
»Wenn es nötig ist«, entgegnete Judith, obwohl sie in so einem Fall lieber einen weiteren Arzt zur Seite gehabt hätte, um ihr zu assistieren, nicht einen Haufen Hofdamen. »Aber nicht jeder Anfall von Magenschmerzen muss die gleiche Ursache haben.«
Sie stellte die Tasche mit ihren Instrumenten und den Mitteln, die sie hastig eingepackt hatte, auf den Boden, dann beugte sie sich über Irene und sah ihr in die Augen. Den Patienten nicht wie ein unwissendes Tier zu behandeln, sondern zu versuchen, sein Vertrauen zu gewinnen, das hatte man hier in Salerno immer sehr betont. Sei nicht zu hastig, hatte Francesca öfter zu ihr gesagt. Du neigst dazu.
»Manchmal ist das Leben nur schwer zu ertragen«, sagte sie leise zu der Prinzessin, »das weiß ich. Mein Vater ist mir gestorben, vor wenigen Wochen nur, und nun soll ich einen Mann heiraten, den ich mir nicht wünsche. Aber es wird besser. Ich weiß, dass es besser wird.«
Die dunklen Augen der Prinzessin richteten sich auf sie. »Ich habe nicht das Wort an dich gerichtet, Frau«, sagte sie in der Volgare. »Es hat eine Zeit gegeben, da warfen sich die Menschen auf den Boden vor mir und küssten meinen Fuß, ehe sie zum ersten Mal das Wort an mich richten durften, und selbst dann nur, wenn ich es gestattete. Und nun werde ich den Bruder eines Schlächters heiraten, und fremde Weiber tun so, als sei ich ihresgleichen. Sprich also nicht davon, dass mein Leben besser wird! Gott hat mir diese Krankheit gesandt, damit ich zu ihm komme und endlich Frieden finde.«
Etwas anderes, das man in Salerno lernte, war, Beleidigungen von Patienten an sich abperlen zu lassen; auch darin war Judith noch alles andere als vollkommen, das wusste sie. Sie biss die Zähne zusammen. Eine kranke Frau ist eine kranke Frau, sagte sie sich, gleich, welchen Standes sie ist.
»Gott hat mich zu Euch geschickt«, sagte sie so ruhig wie möglich, »damit ich Euch gesund mache. Wenn Ihr hier sterbt, dann wird der Kaiser Salerno ein weiteres Mal mit seinem Zorn heimsuchen. Wollt Ihr wirklich, dass unschuldige Frauen und Kinder für Euren Frieden bezahlen? Ihr, deren Name Frieden bedeutet, wollt der Anlass für mehr Tote sein?«
Irenes Hofdamen zischten und tuschelten empört, doch in Irenes Gesicht zuckte es. »Ich habe gesehen, wie der Kaiser Palermo in seinem Zorn heimsuchte«, flüsterte sie. »Ich habe es gesehen. Mit eigenen Augen.«
Judith dachte daran, was Schweinspeunts Dienstmann erzählt hatte: dass der kleine Sohn König Tankreds vor seiner Mutter und seiner Schwägerin entmannt und geblendet worden war, und von all den anderen Toten, die darauf folgten. Mitleid und Zorn nahmen ihr für einen Moment fast den Atem.
»Du hast recht, Frau«, sagte Irene mit einem Mal rauh. »Niemand hat verdient, dass er aus Rache sterben muss. Wenn ich es verhindern kann, so will ich es tun.«
Was auch immer zu diesem Sinneswandel geführt hatte, das war ihr jetzt völlig gleich. Judith dankte ihr und bat die Prinzessin, das linke Knie zum Magen zu ziehen, falls sie es vermochte. Irene tat es, zwar langsam, doch sie tat es, und als Judith sie fragte, ob ihre Schmerzen dadurch schlimmer würden, schüttelte sie den Kopf. Stirnrunzelnd schob Judith vorsichtig das weiße Hemd zur Seite und begann, den Bauch der Prinzessin behutsam abzutasten. Es gab keine Schwellung. Sie übte leichten Druck aus. »Und jetzt? Werden die Schmerzen stärker?«
»Nein.«
Judith überlegte. »Habt Ihr heute Obst gegessen? Oder Hülsenfrüchte?«
»Man hat der Prinzessin Feigen und ein Linsengericht bereitet«, sagte die Hofdame, die Irenes Schultern hielt. Eine andere rief aufgeregt: »Aber nichts davon war vergiftet! Herr Diepold hat uns alle davon kosten lassen, und uns geht es gut!«
»Es muss kein Gift gewesen sein«, sagte Judith zögernd. Allmählich dämmerte ihr, worum es gehen konnte. »Setzt einen Kessel für heißes Wasser auf.«
»Für Eure Instrumente?«
»Nein«, gab Judith zurück. »Für ein Bad. Außerdem müsst Ihr Malven pflücken, die um das Schloss wachsen, und das schnell.«
»Wir sind keine Mägde«, sagte eine der Damen spitz, doch dann klatschte Irene in die Hände, und die Frau senkte den Kopf. »Gewiss, Allerdurchlauchtigste«, murmelte sie unterwürfig und verließ mit zwei weiteren den Raum, während die anderen sich um das heiße Wasser kümmerten. Die Prinzessin war gewohnt, täglich zu baden, und hatte eine Reisebadewanne aus Palermo mit sich gebracht, was bedeutete, dass nicht erst nach Kesseln gesucht werden musste.
»Ihr wollt mich nicht aufschneiden?«, fragte Irene, die sich wieder zusammengekrümmt hatte, nachdem die Hofdame sie losgelassen hatte.
»Ich glaube nicht, dass es nötig ist«, entgegnete Judith und durchsuchte ihre Tasche nach den Mitteln, die sie mitgebracht hatte. »Wenn ich recht habe, dann leidet Ihr unter Blähungen.«
»Aber … das ist unmöglich. Es tut unglaublich weh!«
Es gab Ärzte, die gerne bedenklich dreinschauten und unverständliche Worte murmelten, um ihre Vergütung in die Höhe zu treiben, aber Judith gehörte nicht dazu.
»Gewiss tut es das, und man muss sie auch behandeln, aber dazu ist es nicht nötig, an Euch herumzuschneiden.« Sie stellte die Gerstenkörner neben den Radieschensaft und wünschte sich, sie hätte mehr Rapsblüten mitgebracht. Nach dem Bad würde sie Irene daraus eine Packung bereiten, sie anwärmen lassen und ihr auf den Bauch legen, doch zunächst galt es, die schlimmsten Verkrampfungen zu lockern und es ihr zu ermöglichen, einen Wind von sich zu geben.
»Habt Ihr Euren Vater häufig gesehen?«, fragte die Prinzessin abrupt. Judith, die sich gerade ihres eigenen Obergewandes entledigte, um Irene besser massieren zu können, wenn die Prinzessin erst im Bad saß, stockte in der Bewegung.
»Ja«, antwortete sie mit gesenkter Stimme. »Jeden Tag, bis zu dem Moment seines Todes.« Das enge Gefühl in ihrer Kehle war eine Illusion, derer sie sich entledigen musste. Sie war als Ärztin hier. Es war nicht die Zeit, sich Krankheiten einzubilden.
»Es gab Jahre«, sagte Irene, »in denen ich Seine Heilige und Ruhmvolle Majestät, meinen erlauchten Vater, nur an den hohen Feiertagen sah. Als man mir berichtete, dass mein Onkel ihn gestürzt und eingekerkert hat, da habe ich für ihn gebetet. Doch als man mir sagte, mein Vater sei geblendet worden, da musste ich nachdenken, ob seine Augen braun oder schwarz waren. Für meinen Mann, als er starb, und auch für meinen kleinen Schwager habe ich geweint, als sie ihm das Augenlicht nahmen, aber nicht für meinen Vater. Ich glaube, ich bin eine schlechte Tochter. Deswegen bestraft mich Gott auch mit einer lächerlichen Krankheit, die mich trotzdem quält, als trüge ich glühende Kohlen in meinem Magen.«
»Das glaube ich nicht«, sagte Judith, »denn wie ich Euch schon sagte, hat Gott mich geschickt, damit ich Euch helfe.«
»Ihr seid anmaßend, Magistra«, gab die Prinzessin zurück, doch ihre Mundwinkel hoben sich um ein Winziges nach oben. Es entging Judith nicht, dass Irene aufgehört hatte, sie wie eine Dienerin zu duzen. Um ihre Patientin abzulenken, begann sie, Irene Geschichten von früheren Kaiserinnen zu erzählen. Die von Adelheid von Burgund war ihr besonders gut im Gedächtnis geblieben: Als Sechzehnjährige war Adelheid mit Lothar, dem König von Italien, verheiratet worden, bevor er drei Jahre später vergiftet wurde. »Um die Krone zu erlangen«, sagte Judith, »wollten die Mordbuben Adelheid zwingen, den Sohn des Anstifters, Markgraf Berengar, zu heiraten. Als sie sich weigerte, setzte man sie fest. Es gelang ihr zu fliehen. Doch sie wusste, dass sie, allein auf sich gestellt, nicht lange frei bleiben würde. So wandte sie sich an Otto, den König in deutschen Landen, und bot ihm ein Bündnis an. Er heiratete sie und besiegte Berengar. Durch diese Verbindung ging fast das ganze obere Italien an die Deutschen. Deswegen wurde Otto zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, und Adelheid zur Kaiserin. Ihr Sohn heiratete eine Prinzessin aus Byzanz, so wie Euch, und als er früh starb, da regierten Adelheid und Theophanu, viele lange Jahre. Adelheid überlebte all ihre Feinde und hatte mehr Macht und Einfluss als alle Herzöge beider Reiche zusammen. Heute verehrt man sie als Heilige, und wo die Männer vermodern, die es gewagt hatten, sie gefangen halten zu wollen, weiß keiner mehr.«
Während ihrer Erzählung war Irene immer aufmerksamer geworden und schien vergessen zu haben, an ihre Schmerzen zu denken. »Aber woher wisst Ihr, dass es nicht Otto war, der Adelheid gefangen nahm, und sie einfach das Beste aus ihrer Lage machte? Als mein Vater seinen Vorgänger stürzte und den Thron bestieg, da war er es, der den Geschichtsschreibern diktierte, was sie zu erzählen hatten. Und jetzt, da mein Onkel regiert, werden die Chroniken gewiss wieder neu geschrieben.«
»Nun, beschwören kann ich natürlich nicht, dass es sich genauso ereignet hat, wie man uns heute berichtet. Immerhin ist es zweihundert Jahre her. Keiner von uns war dabei. Aber Adelheid war am Schluss diejenige, die alle Männer überlebte und die Macht hatte, die Geschichte so festhalten zu lassen, wie sie es sich wünschte. Mir scheint, das ist der beste Beweis dafür, dass ihr Lebensweg ein erfolgreicher war.«
Inzwischen stand das heiße Bad mit den Malvenblüten bereit. Judith bat Irene, hineinzusteigen. Sie kam nicht umhin, die Figur der Prinzessin interessiert anzuschauen. Sie hatte noch nie eine Frau gesehen, der man jegliche Arbeit, jede Bewegung abnahm, wo immer es ging; sie wollte allzu gerne wissen, was das für Folgen auf einen solchen Körper haben mochte. Die Bäder in Eselsmilch oder mit Tausenden von Rosenblättern, das ständige Getragenwerden in Sänften, selbst zwischen einzelnen Räumen, das man den Prinzessinnen aus Byzanz zuschrieb, musste doch Auswirkungen haben. Was sie aber sah, war die Figur einer jungen Frau, die noch nicht geboren hatte, mit festen, hoch angesetzten Brüsten, einem sanft gewölbten Bauch und Beinen, denen man die mangelnde Bewegung nicht ansah. Auch wenn Judith sicher mehr Muskeln hatte: Alles war so, dass es sich kaum von ihrer eigenen Figur unterschied. Nur der Bereich oberhalb ihres Geschlechts, der war anders: Irene war dort nackt, was wohl hieß, dass sich die Byzantinerinnen rasierten, wie es die Frauen der Muslime taten. Was nichts mit ihrer Herkunft und alles mit ihrem Gemütszustand zu tun hatte, war die Verkrampfung, die sich überall abzeichnete. Dass jedermann Irene in der Ansicht bestärkt hatte, sie litte unter einem tödlichen Geschwür, war die andere Hälfte des Problems.
Judith kniete neben der Wanne, während sie Irenes Bauch massierte, mit den langsamen, kreisenden Bewegungen, die man sie gelehrt hatte.
»Seid Ihr wirklich eine Deutsche?«
»Aus Köln, Euer Gnaden«, bestätigte Judith und wiederholte den Namen in Latein. »Colonia Agrippinensis. Es ist eine der bedeutendsten Städte des Weströmischen Reiches, doch ich muss zugeben, dass sie sich mit allem, was man von Byzanz hört, gewiss nicht vergleichen lässt.«
»Ich habe noch keinen Deutschen ohne ein Schwert in der Hand gesehen«, sagte die Prinzessin. Das musste übertrieben sein, denn ihre Wachen trugen ihre Schwerter wie die meisten Bewaffneten in der Scheide, und außerdem bezweifelte Judith, dass Diepold von Schweinspeunt oder Kaiser Heinrich selbst, dem die Prinzessin einmal begegnet sein musste, dabei die Waffe in der Hand hielten. Aber sie verstand, was Irene meinte.
»Es gibt bei«, sie stolperte einen Moment über das Wort, dann fuhr sie fort, »bei uns Bauern, Handwerker und Gelehrte, ganz wie bei Euch, die niemals ein Schwert in der Hand haben.« Eine Erinnerung blitzte in ihr auf, und sie fügte mit einem Lächeln hinzu: »Und sogar Sänger.«
»Ihr meint Spielleute«, verbesserte eine der Hofdamen.
»Nun, die gibt es auch, aber ich meinte Sänger bei Hofe. Dichter. Gewiss wird es welche an Eurem Hof geben, Euer Gnaden.« Kaiser Heinrich selbst hatte einige Minnelieder verfasst, die an vielen Orten im Reich gesungen wurden, aber Judith bezweifelte, dass Irene für diese Auskunft dankbar sein würde. Sie wollte die Prinzessin auf angenehme Gedanken bringen, nicht sie an Ängste erinnern, was bei einer erneuten Erwähnung des Kaisers unweigerlich der Fall gewesen wäre.
»Wie die Troubadoure, meint Ihr?«
Judith wusste, dass der Hof in Palermo ein französisch-normannischer gewesen war. König Tankred und seine Söhne waren aus der Familie der Hautevilles, genau wie die Kaiserin Konstanze. Sicher hatte Irene das Französische eher erlernt als die Volgare. »Ja«, sagte sie daher, obwohl sie in ihrem Leben nie einen Troubadour gehört hatte.
Schweigen fiel zwischen sie, doch es lastete nicht auf Judith. In der feuchten, heißen Luft, die aus der Wanne aufstieg, entspannten sich ihre eigenen Muskeln; ihr Untergewand klebte an ihrem Körper. Sie dachte nicht an Meir ben Eleasar, nicht an das Gefühl, gefangen zu sein, und wenn auch die Abwesenheit ihres Vaters sie schmerzte, so war sie doch gerade jetzt frei von der Idee, ihn irgendwie hätte retten zu können. Ihre Aufmerksamkeit war allein auf ihre Finger gerichtet und den harten Bauch der Prinzessin, der allmählich weicher und entspannter wurde. Und dann, endlich, spürte sie, wie ein Ruck durch Irene ging. Blasen stiegen im Wasser auf.
»Heiliger Cosmas«, rief die Prinzessin, »es wirkt! Darf ich …«
»Ihr bleibt weiter im Bad«, sagte Judith streng. »Es wird noch mehr kommen.«
Als sie Irene aus dem Wasser steigen ließ, war es nur noch mäßig warm, aber dafür war eine Bettpfanne mit glühenden Kohlen erwärmt worden, und auf ihr die radieschensaftgetränkte Gerstenkornpackung. Diese legte Judith ihr auf den Bauch. »Um die Winde in sich aufzusaugen«, sagte sie. »In fünf Stunden würde ich noch ein weiteres Bad empfehlen. Morgen wird es Euch gut genug gehen, dass Ihr weiterreisen könnt.«
Ein Schatten legte sich über Irenes Gesicht. Ihr Dank klang hohl, doch als Judith sich von ihr verabschieden wollte, rief die Prinzessin sie noch einmal zurück und bedeutete einer der Damen, ihr eine Schatulle zu reichen.
»Was Herr Diepold von Schweinspeunt Euch geben wird, weiß ich nicht«, sagte Irene, »aber nehmt diesen Ring von mir.« Es handelte sich um einen in Gold gefassten Rubin, und Judith sah an den unverhohlen neidischen Gesichtern der Hofdamen, dass es sich um eine unerwartete, großzügige Gabe handeln musste.
»Hat nicht der Kaiser den gesamten Kronschatz von Sizilien über die Alpen schaffen lassen?«, fragte eine von ihnen. »Mit Verlaub, Allerdurchlauchtigste, die Deutschen haben schon genügend von unseren Juwelen. Ihr wart ja offenbar noch nicht einmal in Gefahr, wie die Magistra selbst erklärt hat.«
»Der Ring stammt aus Byzanz«, sagte Irene eisig, »und Ihr vergesst Euch. Welche Dienste ich belohne und wie, das entscheide nur ich allein.«
»Ich danke Euer Gnaden von ganzem Herzen«, sagte Judith schnell. Sie wollte nicht Anlass zum Streit geben, doch sie hatte auch nicht die geringste Absicht, die Bescheidene zu spielen und auf den Ring zu verzichten, zumal man wirklich nicht sagen konnte, ob Herr Diepold sie bezahlen würde. Am Ende würde er erklären, die zukünftige Schwägerin des Kaisers behandelt zu haben, sei eine solche Ehre, dass dies Bezahlung genug sei.
Die Wachen vor dem Gemach der Prinzessin teilten ihr mit, dass Herr Diepold sie zu sehen wünsche, ehe sie in die Stadt zurückkehrte. Der frischgebackene Graf von Acerra stellte sich als ein kräftiger Mann mit einem pfiffigen Gesichtsausdruck heraus. Er wollte wissen, was genau der Prinzessin gefehlt habe, und nachdem sie es ihm erklärt hatte, schlug er sich vor Lachen auf die Schenkel. Dann wurde er abrupt wieder ernst und stellte ihr ein paar Fragen hinsichtlich ihrer Herkunft und Ausbildung.
»Nun, Magistra Jutta«, sagte er schließlich, »ich hatte Gift vermutet, aber das war es wohl nicht. Eins steht fest: Wenn es nach diesen Weibern gegangen wäre, dann hätte eine Schlange aus dem Verräternest da unten an der Prinzessin herumgeschlitzt und sie am Ende damit ins Grab befördert.«
»Jeder Arzt von Salerno kann eine Operation gut durchführen«, protestierte Judith, obwohl sie nicht bestreiten wollte, dass auch bei den größten Vorsichtsmaßnahmen nie garantiert war, dass der Patient eine Bauchoperation überlebte.
Graf Diepold war nicht an der Ehre ihres Berufsstands interessiert. »Das bestätigt, was der Kaiser immer sagt«, fuhr er fort: »Man kann keinem Welschen trauen. Schon gar nicht diesen schwatzhaften Weibern, die samt und sonders mit einem von den Kerlen verwandt sind, die wir einen Kopf kürzer gemacht haben. Ich hatte eigentlich vor, die Frauen bis nach Genua mitzunehmen, um mir drei Wochen Geheule von der Prinzessin zu ersparen, aber nun besteht kein Grund mehr, sie nicht gleich fortzuschicken, nach diesem Benehmen.«
»Sie wollten gewiss nur das Beste für die Prinzessin«, sagte Judith, doch er hörte ihr nicht zu.
»Also, wenn Ihr Eure Ausbildung hier hinter Euch habt und Euer Vater tot ist, wie man mir zutrug, dann besteht doch kein Grund, länger bei diesem doppelzüngigen Gesindel von Salerno zu verweilen, nicht wahr?«
»Die Schule von Salerno …«
Ungeduldig unterbrach er sie. »Hört, Magistra, mir selbst liegt das Land durchaus am Herzen, denn es hat mir ein paar nette, fette Pfründe verschafft. Ich werde hierher zurückkehren, wenn ich meinen Auftrag erledigt habe, weil ich dem Kaiser hier am besten dienen kann. Das ist es, wonach jeder Untertan streben sollte: dem Kaiser zu dienen. Und wisst Ihr, womit Ihr dies tun könnt? Indem Ihr mir helft, die Prinzessin heil über die Alpen zu schaffen. Es soll Euer Schaden nicht sein, wenn ich sie gesund und munter dem Herzog Philipp in die Arme führen kann. Wenn Ihr Glück habt, dann gestattet der Herzog Euch, an seinem Hof zu bleiben, doch selbst wenn nicht, dann werdet Ihr in ein paar Monaten mehr an Ehre und Gut gewonnen haben als hier beim Verbändewickeln für die Jammergestalten aus aller Welt in zwei Jahren!«
Seit dem Treffen mit Otto von Poitou war ihr keine solche kaltschnäuzige Arroganz mehr begegnet. Judiths erster Gedanke war, Herrn Diepold von Schweinspeunt zu erklären, warum es ihr mehr lag, an der gelehrtesten Stätte zu wirken, welche die Christenheit für Mediziner zu bieten hatte, als in seiner Gesellschaft eine Reise über die Alpen und in eine unsichere Zukunft zu unternehmen. Doch dann meldeten sich umgehend ein zweiter und ein dritter Gedanke und fesselten ihre Zunge.
Wenn der Prinzessin all ihre Vertrauten genommen würden, egal ob Diepold vorhatte, sie durch ein paar seiner Dienerinnen zu ersetzen, würde Irene alleine sein, völlig alleine auf dem Weg in ein Land und eine Zukunft, vor der sie sich fürchtete.
Wenn Judith Diepolds Angebot annahm, würde sie Meir nicht heiraten müssen, ohne deswegen mit den Freunden ihres Vaters zu brechen; angesichts dessen, was die Männer des Kaisers Salerno angetan hatten, würde jeder verstehen, dass man Schweinspeunt besser nicht durch eine Weigerung reizen sollte. Doch sie würde einige Jahre auf das Leben in Salerno verzichten müssen, bis sie sicher sein konnte, dass Rabbi Eleasar für Meir eine andere Braut gefunden hatte, und auch auf die Gesellschaft so vieler kluger Köpfe voll medizinischem Wissen. Auf den Zugang zu allen Büchern der Heilkunst, die man sich nur vorstellen konnte. Auf den Ruf, den sie sich hier erarbeitet hatte, und die Patienten, die ihr vertrauten.
Doch sie würde wieder frei sein. Aus einer Schicksalsfalle entkam man nun einmal nicht, ohne etwas zu opfern.
Außerdem hatte Diepold bei allem Hochmut nicht ganz unrecht: Selbst, wenn Herzog Philipp sie sofort aus der Umgebung seiner neuen Gemahlin fortschicken sollte, würde sie von sich behaupten können, der Tochter des Kaisers von Ostrom und der Schwägerin des Kaisers von Westrom als Leibärztin gedient zu haben. Damit ließen sich überall im Reich neue Patienten gewinnen. Sie hatte ihren Vater für weniger an das Sterbebett des Herzogs von Österreich getrieben.
Giovanni und Lucia kamen ihr in den Sinn. Nun, wenn Diepold sie wirklich gut entlohnte und wenn es ihr gelang, sehr schnell einen Käufer für das Haus zu finden, dann konnte sie die beiden in ihren Diensten behalten, vorausgesetzt, sie waren willens, ihre Heimat zu verlassen.
»Um wie viel genau«, fragte Judith langsam, »wird es mein Schaden nicht sein?«