Kapitel 39

Markwart antwortete auf die Nachricht, Paul würde mit ihnen zu Otto reisen, mit der Frage, ob er dann zurück zu Weib und Kindern kehren könne.

»Nein. Als ich das letzte Mal mit meinem Vetter unterwegs war, wurde jemand ermordet, und mich hat er versucht zu entführen.«

»Ich verstehe Euch nicht.« Markwart seufzte. »Ich verstehe Euch wirklich nicht.«

»Das behauptet so mancher Mann von uns Frauen, Markwart.«

»Aber Ihr seid selbst für eine Frau unverständlich, Frau Jutta. Walther, der Euch geliebt und Jahre um Euch gelitten hat, lasst Ihr verbannen, aber Eure Verwandten, die Euch nur Übles wollen, die nehmt Ihr in Gnaden wieder auf?«

Sie hätte sagen können, dass sie keineswegs die Absicht hatte, irgendjemanden in Gnaden wieder aufzunehmen, aber sie wollte nicht, dass Markwart sich bei Paul verplapperte; außerdem ahnte sie, dass es ihm im Grunde gleichgültig war, was sie mit ihren Verwandten tat.

Vielleicht lag es an der Begegnung mit ihrem Onkel und dem unheimlichen Gefühl, das sie erfasst hatte, als er darauf bestand, dass sie sich ähnelten, aber sie ertappte sich dabei, wie sie anfing, sich vor Markwart zu rechtfertigen. »Es geht nicht um das, was Walther mir getan hat, sondern um …«

»Jaja«, sagte Markwart, den all die verwirrenden Ereignisse über seine gewohnte Vorsicht hinausgetrieben haben mussten, »um Gilles, das weiß ich. Was geschehen ist, das tut mir auch herzlich leid. Aber es war weder Walthers Schuld noch die meine. Wir haben es nicht beabsichtigt, und wir haben nichts davon gewusst. Doch was ist mit Euch? Ihr habt es sehr wohl absichtlich getan, das könnt Ihr nicht leugnen!«

»Und was ist das?«, fragte sie, zu verblüfft, um ärgerlich zu sein.

»Walther mag ja ein Hagestolz sein, aber Euch heiraten, das wollte er immer. Und Ihr habt ständig behauptet, dass es nicht geht, weil Ihr doch mit Gilles verheiratet seid und diese Ehe erst für ungültig erklärt werden müsste. Nun, an dem Tag, als Ihr ihn hinausgeworfen habt, da hat Walther mit dem Kaplan des Königs darüber gesprochen, ob die Ehe zwischen einem Christen und einer ungetauften Jüdin gültig sein kann, und ganz ehrlich, wenn Ihr zu allem anderen auch noch ungetauft seid, dann ist er noch irrsinniger, als ich das je von ihm gedacht habe. Oder habt Ihr ihn belogen? Habt Ihr ihn alle Jahre warten lassen, weil Ihr Euch für zu gut oder zu schlau für ihn hieltet, Magistra? Wir wussten nicht, was mit Gilles geschehen ist, aber Ihr wusstet immer ganz genau, ob Ihr verheiratet seid oder nicht!« Er hatte sich in Hitze geredet, sein Kopf war krebsrot geworden. Als sie ihn schweigend anstarrte, setzte er mürrisch hinzu: »Mit Verlaub.«

Das war es. Das musste es sein, was Walther mit »was kümmert dich das?« gemeint hatte, jener Satz, von dem sie glaubte, er bewiese seine völlige Gleichgültigkeit Gilles’ Schicksal gegenüber. Es war ihr nie in den Sinn gekommen, dass er daran, dass sie ihn im Unklaren über die Gültigkeit ihrer Ehe ließ, eine Zurückweisung für sich hatte sehen können.

Nein, das war nicht ganz richtig. Sie hatte ihn nie zurückweisen wollen, und es war einfacher gewesen, ihn weiter im Unklaren zu lassen, als darüber zu sprechen, bis sie vor wenigen Wochen nachgegeben hatte und sich einverstanden erklärte, ihre Ehe von einem christlichen Bischof für ungültig erklären zu lassen, damit sie heiraten konnten. Was in Rom geschehen war, hatte dazu beigetragen; er hätte sterben können. Außerdem war ihr bewusst geworden, wie sie das, was sie durch ihr Schweigen vermeiden wollte, weiterhin umgehen konnte: Niemand würde fragen, ob sie sich hatte taufen lassen. Sie war ja schließlich schon christlich verheiratet gewesen.

Judith hatte befürchtet, dass Walther – wenn sie ihm gestand, wie es um die Ungültigkeit ihrer ersten Ehe bestellt war – von ihr verlangen würde, sich taufen zu lassen, um sie rechtmäßig zu seiner Frau zu machen. Die Möglichkeit, dass er zum Judentum übertreten könnte, hatte sie noch nicht einmal flüchtig in Erwägung gezogen. Er mochte gegen den Papst schimpfen und wüten, aber er war ein Christ, dem man das Wort Gottesmörder bereits an der Wiege gesungen hatte. Sie lebte in so vielem wie eine Christin; die Taufe jedoch war der eine Punkt, in dem sie den Glauben und das Volk ihrer Väter nie verraten hatte, und es doch zu tun, wäre für sie einer Vernichtung ihres wahren Selbst gleichgekommen. Dieses Dilemma konnte nur in Zwist und mit einem Bruch ihrer Liebe enden, und vor die Wahl gestellt zu werden, entweder Walther oder sich selbst zu verlieren, war ein unlösbarer Zwiespalt, der ihr das Herz brechen würde, dessen war sie sich sicher gewesen. Nur deswegen hatte sie ihre Unterlassungslüge weiter und weiter bestehen lassen; ganz gleich, was Markwart jetzt sagte, die eine Lüge ließ sich nicht mit der anderen vergleichen.

»Meine Lüge hat kein Leben zerstört«, entgegnete Judith. Ihre Lippen fühlten sich taub an.

»Seid Ihr sicher?«, fragte Markwart heftig. »Mir kommt es nämlich so vor, als hätte jemand, der vor mir steht, kein Herz mehr!« Damit wandte er sich ab und seinem Pferd zu, um es für die Weiterreise zu satteln.


Otto residierte dieser Tage in Schwerin. Der Weg dorthin war vor allem zu Beginn eine langwierige Angelegenheit, da es Judith schwerfiel, das Wort an Markwart oder Paul zu richten, und die Männer offensichtlich beschlossen hatten, gar nicht miteinander zu sprechen. So war sie mit ihren Gedanken und Sorgen allein, und das war keine gute Gesellschaft.

Wenn Judith nicht an Irene und Beatrix dachte, dann war es Gilles, und wenn nicht, dann erinnerte ihr widerspenstiger Verstand sie beständig an die letzten Jahre, die sie mit Walther verbracht hatte. Sie war erleichtert, als Paul eine offenbar länger vorbereitete Rede darüber hielt, wie froh er sei, dass sie endlich zu der richtigen Seite zurückgekehrt wäre, und dass man alles, was geschehen und gesagt worden war, Vergangenheit sein lassen sollte.

»Aber wenn du an deine Kameraden denkst, die von den Männern getötet wurden, die ich verarztet habe«, fragte sie, »was fühlst du dann?«

»Dass es den Mistkerlen recht geschehen ist«, murmelte Markwart und bewies, dass er immerhin zuhörte. Direkt an Paul gewandt, fuhr er herausfordernd fort: »Wie fühlt man sich denn so als Knecht der Engländer? Nichts anderes seid Ihr Kölner ja. Zehn Jahre lang zu versuchen, einen Kerl auf den Thron zu setzen, der eigentlich in die Normandie oder auf die alte Nebelinsel gehört, das ist wahrlich großartig.«

Verspätet schwante ihr, dass der sonst so zurückhaltende und zuverlässige Markwart schon seit längerem nach der Möglichkeit gesucht haben musste, seinem Groll auf sie, sich, vielleicht sogar auf Walther Luft zu machen, indem er sich prügelte. Da Judith eine Frau war, und nicht die seine, konnte er sie nicht schlagen, doch Paul kam ihm offenbar gerade recht. Binnen kurzem waren die beiden von ihren Pferden herunter in den norddeutschen Schlamm gesprungen, wo sie aufeinander einprügelten, was wegen Markwarts Größe eine einseitige Angelegenheit wurde. Immerhin zog niemand ein Messer; auch die anderen Waffen blieben an den Satteln der Pferde. Am Ende gelang es Judith, dazwischenzugehen und beide zu veranlassen weiterzureiten, nicht, ehe sie aufgeplatzte Lippen und ein blutendes Ohr versorgt hatte.

»Man sollte meinen, Ihr hättet genug gekämpft, um Euer Leben zu verteidigen, als dass Ihr es jetzt für nichts und wieder nichts tut«, sagte sie aufgebracht und opferte etwas Branntwein, um Markwarts Lippe zu reinigen.

»Das verstehst du nicht, Base«, entgegnete Paul. »Es ist eine Frage der männlichen Ehre.«

Danach schlossen Paul und Markwart überraschenderweise Brüderschaft. Wann immer sie an den nächsten Abenden in einem Hospital übernachteten, fanden die beiden einen Weg, um Schenken aufzusuchen. Als sie einige Tage danach von einer kleinen Gruppe halbverhungerter Bauern überfallen wurden, die sich mit Dreschflegeln und umgebauten Sensen als Wegelagerer versuchten, wurden die zwei leicht mit ihnen fertig und schlugen sie in die Flucht.

»Arme Schweinehunde«, sagte Paul zu Markwart, und dieser nickte.

»Werden durch den Krieg alles verloren haben«, stellte er fest, ohne Vorwurf, weil niemand wissen konnte, ob das Dorf der Bauern von Philipps oder Ottos Anhängern verwüstet worden war. Judith dachte daran, dass ein oder zwei der Männer nur wenig älter als Beatrix zu sein schienen, und fragte sich einmal mehr, ob der Frieden im Land nicht eine unglückliche Ehe mit Otto wert war. Dann sah sie das Kind vor sich, das nie in ihrem Leben von jemandem hart angefasst worden war, erinnerte sich an Salvaggia und Lucia, als sie beide kennenlernte, biss die Zähne zusammen und ritt weiter.

Bis sie in Schwerin eintrafen, war der Frühling weit genug fortgeschritten, dass sie ein paarmal im Freien übernachten konnten, wenn sie nicht rechtzeitig eine Herberge fanden. In der letzten Nacht war das nicht der Fall.

»Base, meinst du nicht, du solltest dich, nun ja, etwas herrichten, ehe du deine Bitte vorträgst?«, fragte Paul.

»Ich will Missverständnisse vermeiden«, entgegnete Judith.

»Eines davon könnte sein, dass du eine Landstreicherin bist«, gab Paul zurück.

Judith blickte an sich hinunter, auf ihren zerknitterten, von dem langen Ritt gezeichneten Kittel, und musste eingestehen, dass er nicht unrecht hatte. Zwischen dem bewussten Herausstellen weiblicher Reize und dem Aussehen einer Bettlerin gab es noch einen großen mittleren Bereich. Die kleine Stadt verfügte über kein Badehaus, war dafür aber von nicht weniger als sieben Seen umgeben, so dass sie alle badeten. Bei dieser Gelegenheit stellte sich heraus, dass weder Markwart noch Paul schwimmen konnten. Markwart, der in den Bergen zur Welt gekommen war, fand das nicht weiter ungewöhnlich, doch Paul fragte peinlich berührt, ob man es ihr denn als Kind im Rhein beigebracht habe.

»Nein«, musste Judith zugeben. »Ich habe es in Salerno gelernt. Die Stadt liegt in einer Meeresbucht, und im Salzwasser zu schwimmen tut dem Rücken sehr gut, das hat man uns gleich zu Beginn erzählt.«

»Ich hatte nie die Zeit, um schwimmen zu lernen«, sagte Paul. »Außerdem gab es ständig Belagerungen. Da konnte man sowieso nicht zum Vergnügen in den Rhein springen.«

Er sagte das im Gegensatz zu früheren Anspielungen ohne vorwurfsvollen Ton, aber Judith dachte einmal mehr, dass der Krieg ein Ende haben musste. Sie ließ die Sonne ihr Haar trocknen und fragte sich, ob das ihre letzten freien Stunden sein würden, aber seltsamerweise fehlte ihr mittlerweile jede Angst. Es war, als befände sie sich immer noch im See und triebe an der Oberfläche, bewusst, dass alles Mögliche auf dem Grund lauern konnte, ohne dass es sie wirklich berührte.


Als sie in den Innenhof der Residenz der Grafen von Schwerin einritt, die Ottos derzeitige Gastgeber waren, saß sie kerzengerade auf ihrem Pferd, in ihr sauberstes Oberkleid gewandet, die Haube und Kinnbinde so streng gebunden wie bei einer Nonne. Es herrschte reges Treiben. Wie Paul rasch in Erfahrung brachte, verhandelte Otto derzeit von hier aus mit dem Dänenkönig, wohl immer noch auf der Suche nach Verbündeten, und wartete auf Gesandte. Daran, dass sein Haushofmeister, der Paul erkannte, noch nicht einmal so tat, als ob Otto zu beschäftigt wäre, um Vertreter der Kölner Kaufleute sofort zu empfangen, konnte man erkennen, dass er deren Wichtigkeit nicht mehr sehr ernst nahm. Sie mussten warten. Wie vereinbart ließen Judith und Paul dann Markwart mit dem Gepäck zurück.

»Wer sagt dir, dass er sich nicht auf und davon macht?«, fragte Paul.

»Er ist ein ehrenwerter Mann.« Er war außerdem ein Mann, dessen Weib und Kinder von der Königin abhingen; Irene würde nicht glücklich sein, wenn er ohne Judith zurückkehrte.

Es war früher Nachmittag. Otto hatte sich nach dem Mittagsmahl bereits zurückgezogen, als Paul und Judith zu ihm gebracht wurden. Er ruhte auf einem mit Fellen bedeckten Lager und erhob sich nicht, als die beiden den Raum betraten.

»Der Sohn des Kaufmanns Stefan aus Köln und die Magistra Jutta von Salerno, Euer Gnaden«, sagte der Diener, der sie hereinführte.

»Wie angenehm. Ich war heute früh jagen. Ein Aderlass, um die Säfte auszugleichen, käme mir da gerade recht«, kam es von der Liege. Judith stellte fest, dass sie in den Jahren, die seit Chinon vergangen waren, vergessen hatte, wie Ottos Stimme klang. Er hätte ein Fremder sein können, so, wie er da lag. Er streckte einen Arm aus und winkte sie näher. »Nur zu.«

Er war immer noch der blonde, muskulöse Mann, aber im Gegensatz zu dem jungen Adeligen, dem sie in Österreich begegnet war, umgab ihn nicht mehr die Aura unberührbaren Hochmuts. Er ist es inzwischen gewohnt, enttäuscht zu werden, schoss es Judith durch den Kopf. Bei näherer Betrachtung durchzogen erste graue Haare seinen blonden Bart, Falten hatten sich in sein Gesicht gegraben und zogen seine Mundwinkel nach unten. Seine blaugrauen Augen zeigten rote geplatzte Äderchen und glitten von Paul zu Judith, ohne jeden Anschein eines Wiedererkennens.

»Versteht Ihr Euer Handwerk, Baderin?«

»Ich bin, wie Euer Diener bereits sagte, eine der weisen Frauen aus Salerno, Euer Gnaden«, gab sie zurück und öffnete ihre Arzneitasche, um das richtige Messer herauszusuchen, eine Fliete.

»Ich habe mich immer gefragt, was man in Salerno lernt, das Bader nicht wissen«, gab er zurück. Die Stimme klang spöttisch, doch nicht angriffslustig. »Über einen Aderlass beispielsweise. Macht es wirklich einen solchen Unterschied, dass Ihr erklären könnt, welche Säfte im Körper kreisen, wenn es doch nur darum geht, ein Messer richtig zu handhaben?«

»Nein, aber es mag Euch das Leben retten«, gab sie gemessen zurück. »Ein Aderlass an der falschen Stelle, zu grob oder eilig ausgeführt, ein rostiges Messer, alles kann tödlich sein.«

»Ein Mann«, sagte Otto und betrachtete sie sehr eingehend, »stirbt nicht von den Händen einer Frau. Zumal einer alten Jüdin, die schon bessere Tage gesehen hat. Macht Euch nützlich, damit ich einen Grund habe, Euch hierzubehalten. Ich verstehe ja, dass Kölner Kaufleute manchmal sehr langsam sind mit der Ware, die sie zu liefern haben, aber wenn sie vertrocknet und überreif ist, was soll man dann anderes tun, als sie sofort zurückzuschicken?«

Irgendwo hinter ihr stieß Paul einen ächzenden Laut aus. Für sie war diese Bestätigung, dass Otto sie sehr wohl erkannt hatte, verstörend, weil ihr bewusst war, dass er in den letzten Jahren unendlich vielen Menschen begegnet sein musste. Sie hätte für ihn nicht wichtiger sein sollen als ein Dorn, der einmal in seiner linken Hand gesteckt hatte. Von Brüssel wusste er, da war sie sich sicher, von Braunschweig wahrscheinlich auch, sonst wäre es kaum zu dem Entführungsversuch gekommen, egal ob er sie jetzt als seine erste kleine Rache genussvoll für überreif erklärte. Gleichzeitig entging ihr nicht, dass er keine Anstalten machte, sie zu bedrohen, so wie es ein Botho von Ravensburg jetzt getan hätte. Otto war völlig anders. Er schuf eine Lage, in der sie ihn sogar gefährlich verletzen konnte, und hatte Lust an solchen Spielen. Wenn er sich an sie erinnerte, dann wusste er sicher durch Stefan, dass sie Irenes Leibärztin war. Was er im Sinn hatte, mochte deshalb eine Prüfung sein, vielleicht aber auch etwas viel Schlimmeres. Wollte er sie am Ende anklagen, ihn im Auftrag Irenes ermorden zu wollen, um so einen Grund zu haben, die Verhandlungen für den Frieden abzubrechen?

»Ich brauche heißes Wasser, eine Schale und ein Tuch«, sagte sie zu einem Diener und wandte sich dann wieder an Otto. »Und etwas Most für Euch. Schließlich sind Euer Gnaden in einem Alter, in dem Ihr es Euch nicht leisten könnt, auch nur einen Tropfen Flüssigkeit mehr zu verlieren als nötig. Wir wollen nicht, dass Ihr vor Schwäche zusammenbrecht, wenn Ihr das nächste Mal ein Pferd besteigt, nicht wahr? Das ist einem uns bekannten österreichischen Herzog nicht gut bekommen.«

»Euer Gnaden«, fiel Paul hastig ein, »meine Base Jutta wirft sich Euch zu Füßen. Sie würde es sich zur höchsten Ehre anrechnen, wenn Ihr ihr einen Platz an Eurem Hof gäbet, und mein Vater hatte Mitleid, da ihr an dem Ort ihrer bisherigen Verirrung Unbill droht. Deswegen sind wir hier.«

»Und ich dachte, Ihr seid hier, weil mein Onkel John, Gott verfluche ihn, mir klargemacht hat, dass er mir die Gelder streicht, wenn ich mich verheirate und Erben in die Welt setze. Die Mitgift einer uns Welfen würdigen Braut wird englische Ausgaben unnötig machen, so hat er sich ausgedrückt, aber irgendwie hatte ich den Eindruck, dass er mich lieber als Junggesellen sterben sehen will. Ihr wisst nicht zufällig, was für Gründe er dafür haben könnte? Wie ich mich erinnere, ist Euer Vater meinem teuren Onkel begegnet, als er so gütig war, zum Grab meiner Mutter nach Rouen zu pilgern.«

Eine Magd kehrte mit Schale und Tuch in den Raum zurück. »Most kommt sofort«, murmelte sie und huschte fluchtartig wieder hinaus. Judith machte Anstalten, Ottos linken Fuß von seinem Lederschuh zu befreien.

»Nein«, sagte Otto. »Ich will, dass Ihr mich an meinem Handgelenk zur Ader lasst.«

»Deswegen ist es gut, dass ich keine Baderin bin, Euer Gnaden. Das Handgelenk ist der falsche Ort. Ich kann Euch am Handballen oder am Unterarm zur Ader lassen, aber das würde Euch stören, wenn Ihr heute oder morgen noch einmal auszureiten wünscht. Das Fußgelenk ist bei weitem der günstigste Punkt, und das Fußgelenk wird es sein.«

»Wird es das«, fragte er mit zusammengekniffenen Augen.

Judith nickte.

Überraschend entspannte sich Ottos Gesicht. »Nun, Ihr habt damals genau gewusst, wie man Zähne zieht. Dann eben das Fußgelenk. Und nun verratet mir doch, Magistra, was gefällt Euch denn nicht mehr am Hof der griechischen Schnepfe?«

Sie hätte genau die gleiche Geschichte vorbringen können, die sie ihrem Onkel erzählt hatte, doch sie gestattete sich eine kleine Abänderung. Männer wie Otto, die sich selbst als die Helden der Geschichte sahen, mochten von Verrätern und Verrat ihren Gewinn ziehen, doch sie verachteten beides so sehr wie die Unterhändler und Geldgeber, die sie ständig benötigten. Ottos Worte über die Kölner Kaufleute hatten das gerade wieder deutlich gezeigt. Also sagte Judith, nachdem sie den Lederstiefel abgestreift hatte: »Ich darf Euch bitten, Euer Gnaden, nicht so von der Königin zu reden. Wenn ich auch ihren Dienst verlasse, so war sie doch Jahre meine Herrin, die ich geliebt und respektiert habe.«

»War das so?« Otto streckte ihr seinen linken Fuß entgegen. »Nehmt ihn in Euren Schoß.« Er hatte die Arme hinter seinem Kopf verschränkt und genügend Felle hinter sich gestapelt, um Kopf und Schultern darauf zu stützen und sie ständig anzuschauen. Wieder erinnerte sie sich an die »Hochzeitsfeier« in Chinon, die er eingefädelt hatte. Wie brachte er es nur erneut fertig, sie nicht zu bedrohen und ihr trotzdem so widerwärtig zu sein?

»So war das«, sagte sie ruhig.

»Also werdet Ihr mir nicht verraten, womit unsere byzantinische Rose Euch verprellt hat?«

»Nein«, sagte Judith und setzte ihr Messer an. Man musste Otto zugestehen, dass er Fuß und Bein ruhig hielt und nicht aufschrie, wie viele ihrer Patienten. Natürlich war er kampferfahren, hatte vermutlich schon viele tiefere Schnitte weggesteckt und gönnte niemandem einen solchen kleinen Triumph. Stattdessen wandte er sich an Paul und fragte ihn, ob er ihn von der Belagerung und Eroberung der Burg Hochstaden kannte. Paul schaute zum ersten Mal, seit sie den Raum betreten hatten, weniger angespannt und gequält, sondern aufrichtig erfreut drein: »Ja, Euer Gnaden, da war ich dabei.«

»Die Kölner Truppen waren sehr tapfer«, sagte Otto aufgeräumt. »Pfeffersäcke oder nicht, solche Männer wünsche ich mir im Rücken, wenn es hart auf hart geht im Gefecht.«

»Es war uns eine Ehre, für Euch und unsere Stadt zu kämpfen, Euer Gnaden!«

Judith presste den Schnitt zusammen und verband ihn rasch, während Otto meinte: »Das macht es zu einem Jammer, dass Ihr nunmehr Eure Abgaben an Philipp entrichtet. Nun ja, er hat dieses Jahr einiges an Verwandtschaft auszustatten, da sollte ich es ihm nicht übelnehmen, wenn er sich gut mit der Kölner Münze stellt. Schließlich«, setzte er hinzu und schaute zu Judith, »bekommt niemand etwas umsonst.«

* * *

Hans von Brabant war seit vier Jahren Philipps Verbündeter, nicht mehr Ottos; an seinem Hof sprach niemand mehr davon, dass die junge Marie den Welfen hatte heiraten sollen. Dafür wurde umso mehr darüber getuschelt, dass in diesem Jahr der junge Friedrich auf Sizilien vierzehn Jahre alt würde und damit nach normannischem Gesetz mündig, was bedeutete, dass die Vormundschaft des Papstes endete. Offenbar hatten die Brabanter den Eindruck, er würde dann um ihre Marie anhalten, die bald achtzehn wurde und allmählich wirklich heiraten sollte. Man munkelte sogar, Philipp hätte vor Jahren für seinen Neffen etwas in der Art in die Wege geleitet, und nur der Umstand, dass er gebannt und der Papst Friedrichs Vormund gewesen war, habe ihn daran gehindert, die Hochzeit umgehend in die Wege zu leiten.

Wirklich, in diesem Jahr schienen alle Fürsten im ganzen Reich nur noch ans Heiraten zu denken.

Walther lieferte sein Empfehlungsschreiben ab, spielte seine Lieder und wurde im Gegensatz zu seinem Aufenthalt in Bamberg nicht einmal nach Philipp gefragt. Mittlerweile argwöhnte er, dass er sich die Entführungspläne nur einbildete, um nicht darüber nachgrübeln zu müssen, was er in seinem eigenen Leben alles falsch gemacht hatte. Aus der Ahnung, jener Krüppel, von dem die Bamberger Köchin ihm erzählt hatte, sei Gilles gewesen, war Gewissheit geworden, und nun war er auch sicher, dass diese Information Judith erreicht hatte, an dem Tag, als die Kölner in Speyer eintrafen. Es sähe Stefan ähnlich.

Leider änderte das im Grunde überhaupt nichts zwischen ihnen. Seine eigenen Wochen im Spinnhaus hatten dafür gesorgt, dass er sich nur allzu gut vorstellen konnte, was es für Gilles geheißen hatte, Botho ausgeliefert zu sein. Was es bedeutete, die Beine zu verlieren, konnte und wollte er sich nicht vorstellen, aber er wusste, er an Gilles’ Stelle würde so etwas nie verzeihen. Aber Judith hatte nichts von diesem Schicksal gewusst, während sie ihn über Jahre hinweg belogen hatte. Und als sie es erfuhr, da hatte sie ihn nicht um eine Erklärung gebeten. Sie hatte nicht ein Mal versucht, zu erfahren, warum er ihr etwas Falsches erzählt hatte. Sie hatte all ihre gemeinsamen Jahre einfach weggeworfen, als seien sie nichts für sie gewesen. Wenn er einen Fehler gemacht hatte, war sein Herz dafür verantwortlich, nicht sein Verstand, anders als bei ihr.

Manchmal wachte er auf und hatte vergessen, dass er und Judith einander belogen und verlassen hatten. Er wachte auf und war so sicher, die Wärme ihres Körpers zu spüren und ihren vertrauten Duft zu riechen, weswegen er sie noch ein wenig mehr hasste, wenn ihn die Wirklichkeit wieder einholte. Aber sobald Walther Bettler auf der Straße sah, ob verkrüppelt oder nicht, sah er Gilles vor sich und wusste, das Gewicht der verlorenen Beine würde am Tag des Jüngsten Gerichts auf die Waagschale seiner Sünden gelegt werden.

Nein, an Hermanns mögliche Pläne zu denken, war da entschieden leichter. Aber kein Fetzen Hofklatsch und keine betrunkenen Dienstmannen brachten ihn weiter, bis er für die junge Marie und ihre Schwester singen sollte. Auch sie war von ihrer zukünftigen Vermählung mit dem jungen Friedrich überzeugt, im Gegensatz zu ihrer jüngeren Schwester Marguerite, die sie damit neckten, dass Adelaide, Maries Zwilling, bereits verheiratet war.

»Aber mit einem einfachen Grafen«, sagte Marie. »Wir sind Nachfahren Karls des Großen. Nur jemand, der die Kaiserkrone trägt, ist uns ebenbürtig, doch ich werde die Einzige sein, die einen Kaiser heiratet!«

»Das hast du schon einmal geglaubt. Außerdem ist es noch lange nicht abgemacht, dass Friedrich je mehr als König von Sizilien sein wird. Königin Irene kann immer noch Söhne bekommen. Bei denen wird niemand sich fragen, ob sie nicht von einem Schlächter aus Jesi abstammen! Nein, du solltest dich an den Wittelsbacher Otto halten«, spottete die Schwester, »der ist auch einer staufischen Ehe hinterhergehetzt und ist für dumm verkauft worden.«

»Ich hetze nicht! Ich will nur, was mir als Nachfahrin von Kaisern zusteht!«

»Der Vater müsste selbst Kaiser werden«, sagte Marguerite, »das wäre es.«

Walther war genügend in Aufruhr, um die edlen Jungfrauen mit einem Lied über den schönen weißen Körper seiner Angebeteten aus der Fassung zu bringen, ehe er sich empfahl. Mit einem Mal setzte sich für ihn ein Stein zum anderen. Hans von Brabant war gerüchteweise schon einmal als möglicher König im Gespräch gewesen, doch er befand sich damals im Heiligen Land, als das allgemeine Gerangel um Stimmen und Geld losbrach, und war daher nie ernsthaft in Wettbewerb zu Otto und Philipp getreten. Aber er stammte in der Tat von Karl dem Großen ab und hatte daher eine Blutsverbindung zur Königskrone. In zehn Jahren hatten sich weder Philipp noch Otto endgültig durchsetzen können, sondern sich nur aneinander aufgerieben. Was, wenn nun jemand auf den Gedanken kam, den lachenden Dritten zu spielen?

Andererseits: Philipp war im Besitz der wichtigsten Fürstentümer und der Reichskleinodien und mittlerweile mächtig genug, dass ein Friedensschluss mit Otto möglich schien. Walther konnte sich nicht vorstellen, dass Hans von Brabant gewillt war, seine Streitkräfte gegen die eines Staufers ins Feld zu schicken, und an einem Bündnis mit Otto schien ihm auch nicht gelegen zu sein, sonst würden bei Hofe Gerüchte um eine Wiederbelebung des Eheversprechens zwischen Otto und Marie schwirren, statt um eine staufische Ehe.

Wie hatte Hermann noch geschrieben? Raubvögel mit scharfen Schnäbeln sind allzu gierig, und man muss sie von ihrem Platz vertreiben. Walther hatte das als eine Anspielung auf sich selbst zu entschlüsseln versucht, aber nun fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Das staufische Wappentier war der Adler, der König der Raubvögel. Was die Gier betraf, nun, Hermann war sehr daran gelegen gewesen, den Andechs-Meraniern glaubwürdig zu machen, dass Philipp seine Mitgiftversprechungen nicht hielt. Wenn Hans von Brabant schon seit Jahren auf den jungen Friedrich als Gemahl seiner Tochter wartete, als Belohnung für seinen Seitenwechsel damals und dafür, sie nicht mit Otto vermählt zu haben, und diesen Schwiegersohn nicht bekam, dann hatte er wahrhaft Grund, sich hingehalten zu fühlen. Genau wie die Andechs-Meranier, weil sie eine Nichte statt einer Tochter nehmen mussten, und vielleicht auch nicht das Eisenerz im Nordgau bekamen, welches sie unbedingt haben wollten. Wie Hermann selbst, dessen Söhne erst gar nicht als Gatten in Erwägung gezogen worden waren, weder für Nichten noch für Töchter, was Hermann als Zeichen dafür nahm, dass er nichts Einträgliches mehr aus Philipp herausholen konnte.

Aber wenn Philipp als König plötzlich wegfiel, dann, ja dann konnte das Spiel um den Thron von neuem begonnen werden. Ein Hans von Brabant, der anders als Otto niemanden durch ein Jahrzehnt hindurch enttäuscht hatte, dessen Versprechungen noch neu und glänzend sein würden, der diesmal ganz gewiss nicht im Heiligen Land war, der stand auf einmal ganz anders da. Nur nicht, wenn er dazu erst gegen Philipp Krieg führen müsste.

Die einzige Möglichkeit, wie Philipp vom Schachbrett der Macht verschwinden konnte, ohne erst auf dem Schlachtfeld besiegt zu werden, war der Tod.

Walther dachte daran, wie Konrad von Würzburg gestorben war. Der Stich eines Schwertes, und alles war vorbei gewesen. Einen Bischof zu töten war eine gotteslästerliche Sünde, fast so schlimm, wie einen gesalbten König zu töten. Aber die Verursacher hatten allen vorgemacht, dass solche Sünden nicht mit dem Tod bestraft wurden. Botho, der verwünschte Botho, war vom Papst selbst entsühnt worden, wenn auch niemand mehr mit ihm zu tun haben wollte nach seinem kindischen Spektakel bei der Geißelung.

Das sind keine Beweise, mahnte er sich. Lass deine Einbildungskraft nicht für dich Wirklichkeit sein. Entführte Bräute sind eine Sache. Das geschieht ständig. Aber einen König zu töten, das ist etwas ganz anderes. Philipp ist zweifach gesalbt und gekrönt, und in diesem Jahr wird er auch endlich den Bann loswerden, wenn die Gerüchte wahr sind. Wer einen gesalbten König anders als im Zweikampf oder auf dem Schlachtfeld tötet, der begeht den schlimmsten aller möglichen Morde. Er wird selbst bei den Feinden dieses Königs keine Gnade finden, weil sie von Stund an sonst auch um ihr eigenes Haupt fürchten müssten. Der Täter würde gebannt und für vogelfrei erklärt. Überall und jederzeit könnten er und seine Helfer ungestraft erschlagen werden.

Und doch: Botho war entsühnt worden. Diejenigen, die den Mord an Konrad in Auftrag gegeben hatten, mussten sich nicht einmal die Mühe machen, nach Rom zu pilgern. Fürsten wie Hermann von Thüringen oder Hans von Brabant würden nie selbst Hand an Philipp legen, das nicht. Aber sie mochten sehr wohl einen neuen Botho finden, der die Drecksarbeit für sie erledigte, wenn er sich Begnadigung erhoffen konnte.

Du baust einen Turm aus Vermutungen, und ohne den geringsten Beweis. Aber die Möglichkeit, dass er recht haben könnte, ließ Walther nicht mehr los. Was er mit dieser Möglichkeit anfangen sollte, wusste er nicht. Oh, er konnte sich denken, was Judith an seiner Stelle tun würde: Es würde sie nicht kümmern, ob Philipp bereit gewesen war, sie fallenzulassen, oder dass Philipp alles andere als ein unschuldiges Lamm war und dank seines Heinz von Kalden selbst eine ganze Menge Menschen auf dem Gewissen hatte. Es würde sie nicht kümmern, dass es vielleicht wirklich am besten war, wenn der Krieg im Reich durch den Verlust dieses einen Lebens beendet wurde statt durch ständig neue Metzeleien auf dem Schlachtfeld. Und wer konnte wissen, ob Hans von Brabant nicht besser als Philipp oder Otto für die Deutschen sein würde? Es gab keine boshaften Gerüchte über ihn. Er hatte sich im Heiligen Land Ruhm und Ehre erkämpft. Anders als Otto hatte er nie einen englischen König als Stütze nötig gehabt noch wie Philipp einen Kampfgiganten mit blutgierigen Verwandten. Es mochte sein, dass sich Hans von Brabant, war er einmal an der Macht, als nicht besser als Philipp oder Otto herausstellte, doch bei Gott, er konnte kaum schlechter für die deutschen Länder sein, als es diese beiden in den letzten zehn Jahren gewesen waren.

Mord ist Mord, würde Judith sagen, auf ihre selbstgerechte Weise, die so sehr der eigenen Überlegenheit vertraute, und sie würde hinzufügen, dass Walther schon zu viel durch Wegschauen und Nichthandeln hatte geschehen lassen, und ihn fragen, ob er sich denn gewünscht hätte, dass sie ihn selbst auch seinem Schicksal überlassen hätte, damals in Rom.

Vielleicht dichtete er auch zu viel? Stoff für ein neues Epos, für sein Nibelungenlied hatte er nun jedenfalls.

* * *

Das Gesinde des Grafen von Schwerin hatte seit drei Monaten mit Otto und seinen Rittern zu tun, lange genug, um sich eine Meinung zu bilden. Judith sprach mit den Küchenmädchen und den Stallknechten, dem Bader, sogar mit Ottos Kaplan. Es war nicht schwer, Vorwände dafür zu finden.

Ein Teil von ihnen war stolz, dass die Residenz ihres Grafen nun eine königliche Pfalz war, andere rümpften die Nase, weil sie sich von dem Welfen mehr Glanz und Reichtum erwartet hatten. Insgesamt galt Otto als hart, aber gerecht. Wer durch Nachlässigkeit seinen Unwillen erregte, wurde bestraft, doch er machte sich nicht die Mühe, die Knechte selbst zu prügeln, was man von seinen Leuten allerdings nicht behaupten konnte. Es gab keine ständige Geliebte; hin und wieder befahl Otto eine der Mägde in sein Bett. Die erste der Frauen, der dies geschah, hatte sich etwas mehr erwartet – doch als keine Kleider, Schmuck oder ein höherer Posten im Hauswesen folgten, hatte sie sich gerächt, indem sie Herrn Ottos Geiz und seine kleine Ausrüstung bespöttelte. Wer sie verraten hatte, wollte niemand zugeben, doch man warf sie hinaus und ließ sie wegen Unzucht dazu verurteilen, vor der Kirche von Schwerin einen Tag lang Buße zu tun, nur mit einem Armesünderhemd am Leib und einer Kerze in der Hand. Das war der direkte Weg ins Hurenhaus, wenn sie sich nicht vorher für das Wasser entschieden hatte, was niemand zu sagen vermochte. Danach erzählte keine der Mägde, die Otto als Zeitvertreib dienten, auch nur die geringste Kleinigkeit von dem, was er mit ihnen im Bett tat. Allerdings erfreuten sie sich noch ihrer Gesundheit und hatten nicht den verwundeten Blick in den Augen, an den sich Judith von Salvaggia nach deren Vergewaltigungen erinnerte. Sie versuchte, das als gutes Zeichen zu nehmen.

Dann erzählte ihr der Kaplan, der sich freute, dass er mit jemandem über die Schriften der Hildegard von Bingen sprechen konnte, dass die Gesandten des dänischen Königs nicht die Einzigen waren, auf die Otto wartete. Es war vor kurzem auch ein Bote angekommen, der den Besuch der Markgräfin von Meißen ankündigte.

»Ich dachte, der Markgraf von Meißen kämpft für König Philipp«, sagte Judith beiläufig.

»Ihr müsst Euch daran gewöhnen, dem Herzog von Schwaben hier nicht seinen angemaßten Titel zu geben, Magistra. Nun, es stimmt, dass der Markgraf von Meißen auf Seiten des Staufers steht, doch seine Gemahlin unternimmt wohl eine Pilgerfahrt hierher.« Er warf sich in die Brust. »Wir sind ein Bistum, müsst Ihr wissen. Die Slawen, die hier wohnten, wurden von Heinrich dem Löwen besiegt und bekehrt. Der König hat mich aus Köln mitgebracht, und ich darf hoffen, hier bald ein höheres Amt zu bekleiden, denn an der Ausbildung von hiesigen Geistlichen mangelt es etwas.«

Die Markgräfin von Meißen mochte inzwischen längst über ihre Würzburger Enttäuschung hinweggekommen sein; Judith wollte es aber nicht darauf ankommen lassen. Dass Jutta Otto unter einem vergleichsweise lächerlichen Vorwand besuchte, mochte bedeuten, dass Dietrich von Meißen es seinem Schwiegervater gleichtun und einen Seitenwechsel versuchen wollte. Unter anderen Umständen hätte es Judith gereizt, mehr herauszufinden, doch nicht hier, nicht jetzt und nicht bei Jutta von Meißen. Außerdem hatte sie eine Meinung für Irene, die sich nicht weiter festigen musste.

Judith stöberte Markwart auf und wies ihn an, heimlich zu packen und ihre Pferde vorzubereiten, so dass sie jederzeit Schwerin verlassen konnten.

»Und Euer Vetter?«

»Der deckt uns den Rückzug«, sagte Judith ausdruckslos. Das war der andere Grund, warum sie auf Pauls Begleitung bestanden hatte: Wenn er noch gesehen wurde, zum Beispiel bei Ottos Abendschmaus, bei dem er den König mit Sicherheit im Auftrag seines Vaters um vertrauliche Gespräche bitten sollte, dann würde man auch sie erst später vermissen, und sie gewannen Vorsprung. Paul war der Sohn eines wichtigen Geldgebers; selbst wenn Otto über ihr Verschwinden zornig sein und sich genarrt fühlen würde, statt nur mit den Achseln zu zucken, dann könnte er nicht mehr tun, als Paul anzubrüllen. Ein paar unangenehme Stunden konnte Stefans Sohn durchaus verkraften, nach dem, was er in Würzburg bereit gewesen war, ihr anzutun.

Unglücklicherweise fand Ottos Mundschenk Judith und richtete ihr den Befehl König Ottos aus, die Magistra möge am abendlichen Gastmahl teilnehmen. Otto ist zwar unverheiratet, doch nicht alle seine Dienstleute und Ritter sind es, also werden wenigstens ein paar andere Frauen dort sein, beruhigte sich Judith. Doch es stellte sich heraus, dass sie sich geirrt hatte. Sie war das einzige weibliche Wesen, bis auf die Mägde, welche gerade die ersten Vorspeisen auftischten.

»Die Magistra«, verkündete Otto, »wird uns unterhalten.«

Paul, der am Fußende der Tafel saß, zuckte unwillkürlich zusammen und schaute elend zu ihr herüber. Immerhin zeigte es, dass er inzwischen glaubte, was sie ihm in Würzburg bezüglich Ottos an den Kopf geworfen hatte. »Sie wird uns unterhalten«, wiederholte Otto und ließ die Worte so bedeutungsvoll ausklingen, dass ihr drei Dinge klarwurden: Er wollte ihr Angst machen. Er wusste genau, wovor sie sich seit Chinon bei ihm fürchtete. Er hatte nicht die Absicht, diese Furcht wahr werden zu lassen. Wenn er das wollte, dann hätte er sich nicht die Mühe dieses Vorspiels gemacht.

Was Otto danach sagte, kam trotzdem unerwartet.

»Die Magistra, so erzählte man mir, ist die Dame, der so manche Lieder des Sängers Walther von der Vogelweide gewidmet sind, der – nach Jahren voller Irrtümer – nun unsere Weisen pfeift. Es fällt mir schwer, den Grund zu erkennen, wenn ich sie so ansehe, aber Liebe macht eben blind. Wie auch immer, da sie den Sänger leider nicht mitgebracht hat, habe ich beschlossen, dass sie uns seine Lieder selbst vortragen wird. Das, meine Freunde, ist endlich mal etwas anderes. Mein Onkel Richard und meine Großmutter haben die Troubadoure geliebt, aber keiner von ihnen ist auf solch einen Gedanken gekommen. Lasst die Dame die Lieder vortragen, die sie preisen, damit wir selbst Wirklichkeit und Dichtkunst miteinander vergleichen können!« Er konnte sein Lachen kaum unterdrücken.

Es war die Demütigung, auf die es Otto ankam. Judith war nicht eitel. Sie wusste, dass sie älter geworden war, obwohl ihr Gewicht immer noch das gleiche war. Falten hatte sie auch noch keine, außer an den Augen. Eines musste sie ihm jedoch lassen: Er hatte Spürsinn dafür, wie man Menschen verletzte; das war gefährlicher als die rohe Grausamkeit eines Botho von Ravensburg. Wahrscheinlich glaubt er, er könne sie mit seiner Anspielung auf ihr Aussehen treffen. Bestimmt hatte er auch schon seine Lacher parat, die einstimmten, wenn er anfing. Nun, da hatte er sich gründlich getäuscht. Ob er aber ahnte, warum es für sie wenig Schlimmeres gab, was er hätte befehlen können? Sie wünschte sich, sie wäre tausend Meilen weit weg von hier. Sie wünschte sich, sie läge unter einem Stein, und auf dem Stein läge Erde. Einen Herzschlag lang war sie versucht, einfach kehrtzumachen und den Saal zu verlassen, ganz gleich, was dann geschehen würde.

Zum Glück war ihr Verstand stärker. Es mochte sein, dass Otto ihr Wachen hinterherschickte; auf jeden Fall würde sie die allgemeine Aufmerksamkeit am Hals haben und nicht fliehen können, wie sie es für diesen Abend geplant hatte. Nimm dich zusammen. Bring es hinter dich. Es gibt Schlimmeres. Wenn Walther hier wäre, das wäre schlimmer, sagte sie sich immer wieder vor und schaffte es dennoch nicht, daran zu glauben.

»Ich will nicht hoffen, dass Ihr vorgebt, kein Lied Eures Troubadours zu kennen«, höhnte Otto. »Das wäre gar zu grausam, Magistra, mir gegenüber.«

Sie nahm ihre Beklemmung und ihren Schmerz über Walthers Verrat, machte eine Kugel aus Pfeffer daraus und schluckte sie hinunter, obwohl ihr Innerstes dadurch lichterloh brannte.

»Ich kenne seine Lieder. Doch ich bin keine Sängerin, Euer Gnaden. Ich werde Euer Ohr nicht beleidigen, indem ich sie singe. Stattdessen werde ich vortragen.«

Otto neigte zustimmend den Kopf. Sie stand neben den Spielleuten vor der Empore an einem Ende des Saals. Paul starrte unglücklich vor sich auf den Tisch. Otto hatte sich zurückgelehnt, die Arme ineinander verschränkt, und wartete mit einem genüsslichen Gesichtsausdruck darauf, wie sie sich selbst erniedrigte. Die alte Erkenntnis, die ihr vor Jahren gekommen war, suchte sie erneut heim: Es war für ihn nicht das Zusammenliegen mit einer Frau, das er genoss; es war die Macht, Verlegenheit, Angst, Scham und Schmerz bei ihnen auslösen zu können, ganz gleich, auf welche Weise.

In diesem Moment wusste sie, dass sie vor Otto keines der Lieder rezitieren würde, das Walther vor versammelter Gesellschaft vorgetragen hatte, mit einem Scherz oder einer Herausforderung in den Augen, während er von den hohen Damen und Herren zu ihr blickte. Auch keins von denen, die er ihr zugeraunt hatte, während sie in seinen Armen lag. Keines der Lieder, an denen sie ihn hatte feilen sehen, keines, bei dem er sie gefragt hatte, welcher Vergleich der bessere sei, keines, bei denen er hinterher eifrig wie ein kleiner Junge wissen wollte, was sie davon hielt. Das waren ihre Erinnerungen, ihre allein. Otto würde sie nicht bekommen, der nicht!

Walther hatte auch andere Lieder verfasst, und er hatte ihr selbst erzählt, was für ein Gefühl es war, zum ersten Mal zu erkennen, dass man eine Menge lenken und ins Herz treffen konnte, selbst eine Menge an Fürsten. Judith erwiderte Ottos Blick und begann.

Wer schlägt den Löwen, schlägt den Riesen
Wer überwindet große Helden wie diesen?
Nur jener tut es, der sich selbst bezwingt,
Und wohl in Hut all seine Kraft erbringt,
Geliehne Zucht und Scham vor Fremden
Die mögen eine Zeitlang blenden.
Wer Leidenschaften beherrschen kann,
Ist nicht nur zum Schein, der rechte Mann.

Bei der Tischrunde herrschte Schweigen. Die Ritter und Dienstleute schauten alle zu Otto, bis auf Paul, der ein, zwei Mal in die Hände klatschte, während er zu ihr hinsah, doch dann seine Hände hastig wieder sinken ließ und auf den Tisch starrte.

»Das«, sagte Otto eisig, »war kein Liebeslied.«

Judith weitete ihre Augen. »War es das nicht? Oh, dieser Schurke! Er hat mich hintergangen, Euer Gnaden. Aber ich bin eben nur eine dumme, törichte Frau. Das waren die einzigen seiner Verse, die ich mir je habe merken können. Es tut mir leid, wenn sie für Euch nicht unterhaltend waren.«

»Ihr seid in der Tat dümmer, als es erlaubt sein sollte«, brüllte Otto. »Hinaus mit Euch!«

* * *

Es war schon von weitem erkennbar, dass Philipp die Pfalz in Hagenau verlassen hatte: Nirgendwo wehten Fahnen, bis auf Walther hielt auch niemand auf die Burg zu, kein üblicher Strom von Bittstellern, Rittern und Bauern mit ihren Waren, die eine große Hofhaltung täglich anzog. Doch in Philipps Abwesenheit gab es immer noch ein paar Dienstleute, welche die Kaiserpfalz versorgten, und sie mussten wissen, wann genau der König aufgebrochen war und welchen Weg er nahm. Unglücklicherweise erwies sich, dass der angetroffene Dienstmann einer derjenigen war, der kein Bewunderer von Walthers Kunst geworden war.

»Wenn der König Euch bei der Hochzeit seiner Nichte dabeihaben wollte, dann wäret Ihr bei ihm. Keinem von uns ist entgangen, was Ihr im letzten Jahr getrieben habt, Herr Walther. Wenn Euch Herr Philipp zu geizig ist, dann gibt es genügend andere Höfe, deren Herrschaften dafür bezahlen, sich beleidigen zu lassen!« Hämisch fügte der Mann hinzu: »Oder etwa nicht?«

Es war eine starke Versuchung, zu sagen, dass Philipp und seine Anhänger zum Teufel gehen konnten und sich so ihr verdientes Schicksal selbst einbrocken würden. Aber letztendlich tat der Dienstmann nur seine Pflicht. Ohne Beweise für seine Vermutung würde er nur glauben, Walther wolle sich mit einer haarsträubenden Geschichte nur wieder bei Hofe einschmeicheln.

Es kam ihm in den Sinn, dass auch Philipp genau dies glauben mochte. Ganz zu schweigen davon, dass er sich jede Gönnerschaft in Thüringen und Brüssel verscherzte, wenn er eine solche Anschuldigung aussprach. Doch wenn er keine Namen nannte, sondern nur von namenlosen hohen Herren und unlauteren Absichten sprach, dann würde ihm erst recht niemand glauben.

Nun, er war ein Meister der Worte, und von Hagenau bis Bamberg war es noch ein weiter Weg. Lange genug, um sich Formulierungen einfallen zu lassen, die ihm kein ungläubiges Gelächter einbrachten, ihn aber auch nicht für den Rest seines Lebens verarmen ließen.

Da Philipp zu einer Feier reiste, mit seiner Gemahlin, seinen Töchtern, seiner Nichte und ihrem Gefolge, würde er noch langsamer vorwärtskommen als bei einem großen Heereszug mit voller Ausrüstung. Bestimmt nutzte er diese Gelegenheit auch, auf dem Weg so viele Orte wie möglich zu besuchen und dabei den einzig wahren König hervorzukehren, sich so den Menschen im Frieden zu zeigen, statt in ihre Städte einzufallen, um Krieg zu führen. Es musste möglich sein, ihn einzuholen, wenn Walther wusste, welchen Weg der König nahm.

Er beschloss, die Angelegenheit nun von der anderen Richtung her anzugehen. Wenn etwas geschah, dann würde es in Bamberg geschehen. Dahin würde Philipp ganz bestimmt gelangen. Also war es sinnvoll, selbst auf dem direkten Weg dorthin zu reisen. Allein mit seinem Knappen würde Walther schnell vorwärtskommen und mit Sicherheit vor dem Hof eintreffen. Dann war es vielleicht auch noch möglich, Beweise für eine Verschwörung zu sammeln, wenn es eine gab, und sie Philipp zu präsentieren. Auf jeden Fall würde es möglich sein, den Walther wohlgesinnten Haushofmeister Bischof Eckbert zu überzeugen, ihn an dem Empfangsmahl für Philipp teilnehmen zu lassen. Wenn alle Stricke rissen, konnte Walther dabei seine Warnung vorbringen – möglichst, ohne sich damit um Kopf, Kragen und zukünftiges Einkommen zu bringen.

Wenn er ein eigenes Lehen hätte, dann brauchte er sich keine Sorgen in dieser Beziehung zu machen. Nicht zum ersten Mal stellte er sich sein Leben vor, wie es wohl wäre, wenn Judith ihm und er ihr immer die Wahrheit erzählt hätte. Sie war sich so gewiss gewesen, dass die Königin sich bei Philipp für ihre Bitte einsetzen würde. Von all den Dingen, die Walther bedauerte, war dies nicht das Wichtigste, aber es nagte trotzdem an ihm, besonders, wenn er mit dem Knappen in irgendwelchen Scheunen übernachten musste, wofür er allmählich wirklich zu alt wurde.

»Herr Walther«, wagte der verschüchterte Junge eines Tages zu fragen, als sie mit einer kleinen Schweineherde das Schiff bis Frankfurt teilen mussten, »Ihr wart doch schon in Bamberg dieses Jahr. Müsst Ihr denn wirklich an der Hochzeit teilnehmen? Vor allem, wenn der König Euch dort nicht haben will? Es heißt, der Hof zu Wien soll wahrhaft herrlich sein. Ihr habt ihn schon erlebt, da wäre es doch ein Leichtes …«

Walther hatte ihm nichts von seinem Argwohn, seinen Plänen, seinen Schwierigkeiten erzählt. Das hätte zu viele Erklärungen notwendig gemacht, die alle zu Judith führten, über die er mit niemandem sprechen wollte. Also sagte er nur: »Es würde mich nicht wundern, wenn der Herzog von Österreich ebenfalls an der Hochzeit teilnimmt.«

»Aber wenn nicht …«

»Mein Sohn, wenn du als Knappe beschäftigt bleiben willst, dann achte immer darauf, ob dein Herr schlechter Stimmung ist oder ob er dich um deine Meinung bittet. Ich bin vielleicht nicht mehr so jung, wie ich einmal war, aber ich kann mich nicht erinnern, das getan zu haben«, schnitt ihm Walther das Wort ab. Der Knappe schwieg daraufhin für mehrere Tage. Wenn Reinmar nun zur Rechten der Jungfrau Maria saß und keusche Lieder für die Gottesmutter sang, dann lachte er jetzt bestimmt.


Der Unterschied zwischen dem Bamberg, das Walther verlassen hatte, und dem, was er vorfand, war gewaltig. Wie sich herausstellte, waren alle Andechs-Meranier bereits eingetroffen; da die Königin von Ungarn dazugehörte, wäre bereits ihr Gefolge allein groß genug gewesen, um die Stadt zu füllen. Wenn Philipp eintraf, würde ihm die Altenburg zur Verfügung gestellt werden, die sich über der Stadt erhob, da die alte Kaiserpfalz neben dem Dom von den Ungarn in Beschlag genommen worden war. Andererseits bot just dies eine Möglichkeit für Walther, nach Hinweisen zu forschen. Die Königin von Ungarn war durchaus geneigt, sich Lieder vortragen zu lassen, zumal sie sowohl durch Hermann von Thüringen als auch durch ihre Brüder von Walther gehört hatte. Sie war eine schlanke, befehlsgewohnte Frau, der man die Geburt ihrer Tochter im letzten Jahr nicht mehr anmerkte und die Walther an die frühere Herzogin von Österreich erinnerte. Bei sich hatte sie keines ihrer eigenen Kinder, dafür aber die Tochter ihrer Schwester Hedwig, deren Patin sie war und die – wie sie bemerkte, als sie von Walther ein »bräutliches Sommerlied« verlangte – nun ebenfalls verlobt wurde: »Mit dem Pfalzgrafen Otto von Wittelsbach, also wäre eine bayerische Weise willkommen.« Sie tätschelte ihrer Nichte die Hand. »Nach all den bösen Gerüchten darüber, wie das große Haus Wittelsbach dem Haus Andechs den Rang in Bayern streitig machen will, tut es gut zu wissen, dass wir unsere Kräfte nun vereint haben.«

»Ihr meint, dass ich nach einer Stauferin die zweite Wahl bin«, murrte das Mädchen. »Tante, ich werde tun, was mir gesagt wird, aber ich brauche keine Lieder, die mir vormachen, dass der Wittelsbacher mich um meiner schönen Augen willen freit.«

Die Königin von Ungarn schaute vielsagend zu Walther.

»Wer Eure Augen nicht als Grund nähme, die Welt mit ein paar Liedern mehr zu besingen, muss blind sein«, sagte er mit dem erwarteten Kompliment und trug überzeugend genug vor, um für sich und seinen Knappen eine Schlafstelle zu verdienen. Der Haushofmeister beschied ihm, er möge sich zu den Rittern gesellen, die Bischof Eckbert seiner Schwester als zusätzliches Gefolge zur Verfügung gestellt habe.

»Hat sie denn nicht ihre eigenen Ritter dabei?«

»Natürlich, doch sie ist eine Königin, und da ziemen sich ein paar zusätzliche Ehrenwachen«, entgegnete der Haushofmeister gewichtig. Oder, dachte Walther, die Geschwister von Andechs-Meranien erwarteten Ärger. Auf jeden Fall konnte es nicht schaden, die Bamberger Ritter auszuhorchen. Einer von ihnen war ein vergnügter Mann mit rundlichem Gesicht, der sich als Oswald von Strollo vorstellte. Der andere hatte etwas vage Vertrautes. Als der Ritter den Mund öffnete, bemerkte Walther auch ein kleines gesticktes rotes Kreuz auf seinem Umhang, das besagte, dass dieser Ritter das Heilige Land besucht haben und einst ein Kreuzfahrer gewesen sein musste.

»Georg von Bamberg«, sagte der Mann. Es war die gleiche Stimme, die einst zum Tod des Münzmeisters Salomon aufgerufen hatte. »Ihr seid der Sänger, nicht wahr? Ich glaube, wir sind uns schon einmal über den Weg gelaufen. Habt Ihr nicht zum Gefolge des Bischofs von Passau gehört?«

»Hin und wieder«, gab Walther zurück und versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, wie unangenehm ihm diese Begegnung war.

»Der Passauer war wenigstens noch ein Bischof, zu dem man aufblicken konnte«, sagte Georg, was Rückschluss auf seine Meinung über seinen eigenen Fürstbischof zuließ. Wenn er schon nüchtern solche Bemerkungen machte, dann würde Wein ein Übriges tun, um seine Zunge vollends zu lockern. Ganz gleich, wie sehr er Walther zuwider war, er konnte eine gute Auskunftsquelle sein, also sagte Walther, er würde die edlen Ritter gerne als Dank für ihre Gastfreundschaft zu einem Umtrunk einladen, denn eine feuchte Kehle habe er jetzt dringend nötig, und es tränke sich viel trauriger allein. Die beiden Ritter waren von dem Vorschlag mehr als angetan, machten jedoch ein verächtliches Gesicht, als er Wein als Getränk ins Spiel brachte. Sie erklärten, hier in Bamberg müsse ein echter Mann Bier trinken, es wäre das beste im Reich.

»Dann sollten wir auch meinen Knappen mitnehmen«, sagte Walther, denn der Junge würde in den Ställen schlafen müssen, da hatte er wenigstens etwas Spaß verdient. Ob er, wenn nötig, als Zeuge anerkannt wurde, blieb dahingestellt, aber beeinflussen würde es einen möglichen Richter vielleicht doch. Und da sein Knappe nicht wusste, um was es Walther wirklich ging, würde es eine fröhliche Zechrunde für ihn werden.

Oswald und Georg hegten keinen Groll gegen ihren Bischof, aber da er jünger als sie beide war, nahmen sie ihn auch nicht ganz für voll. »Ich habe bereits Gott im Heiligen Land gedient«, verkündete Georg, »als der noch gelernt hat, wie man Predigten hält. Unser alter Bischof Thiemo, das war noch ein Mann. Dem haben wir es zu verdanken, dass die Stadt jetzt eine Kaiserin als Schutzheilige hat.« Er lachte. »Wird wohl bis auf weiteres die einzige bleiben. Ich glaube nicht, dass Seine Heiligkeit je einen Staufer oder seine Weiber heiligsprechen wird.«

»Der Tod hat schon aus so manchem einen Märtyrer gemacht«, sagte der fröhliche Oswald und grinste. Ob es nun eine bierselige Witzelei war oder eine Anspielung, sie wurde von Georg mit noch mehr Gelächter beantwortet, aber mehr sagten sie den ganzen Abend nicht dazu.

Trotz bester Absichten fiel es Walther schwer, sich zurückzuhalten. Vielleicht hatte er selbst zu viel getrunken, und vielleicht ging ihm einfach zu viel durch Kopf und Herz, das bitter schmeckte und ausgespien werden wollte. Zu gerne hätte er auch gefragt: Märtyrer wie der Münzmeister in Wien. Aber an den dachte Georg bestimmt nicht mehr, und ein Gewissen schien diesen beiden Rittern auch fremd zu sein. So blieb Walther nur der Vorsatz, ihnen in ihre Krüge zu pinkeln, wenn sie sich später draußen erleichterten, und das tat er dann auch, das zumindest.

Das Spiel der Nachtigall
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