Kängurus

Ein Freund von mir ging Pilze suchen und hat nach mehreren Stunden im Wald aus Frust den Pilzratgeber zerrissen, weil kein einziger Pilz so aussah, wie er im Buche stand. Ihm gehe es seit der Wende so, schimpfte er. Früher, als die Mauer noch stand, sahen die guten Pilze saftig und rund aus, die schlechten waren dünn und richtig gefährlich. Im Wald der Gegenwart aber gleicht kein Pilz dem anderen, jeder hat seine eigene Farbe und Form. Oft machen die guten einen schlechten Eindruck, die schlechten möchte man dagegen sofort in den Korb legen.

Alles ist nach dem Fall der Mauer durcheinandergekommen. Sie war ein Spiegel, in dem jeder sehen konnte, was er sehen wollte. Wie ein Zauberstab trennte sie Licht und Schatten, hier war die Hölle und dort das Paradies. Ohne Mauer haben sich Licht und Schatten miteinander vermischt, Gut und Böse sind nicht mehr auseinanderzuhalten, das Paradies sieht aus wie die Hölle und die Hölle wie das Paradies. Hilflos irren wir im Wald umher und streiten um jeden Pilz. Die Deutschen suchen mit einem Ratgeber, die Russen handeln nach Gefühl. Während der Deutsche zweifelt und oft mit leerem Korb nach Hause geht, nimmt der Russe erst einmal alles mit. Seine Erfahrung sagt ihm, dass eigentlich alle Pilze essbar sind. Manche muss man einige Tage lang kochen, andere stärker salzen, aber essen kann man sie eigentlich alle. Eine gefährliche Lebenseinstellung aus europäischer Sicht. Und doch vergiften sich die Russen mit allem Möglichen, aber kaum mit Pilzen, während die übervorsichtigen Deutschen laut Vergiftungsstatistik sehr oft unter falschen Pilzen zu leiden haben.

Die besten Pilze wachsen hier übrigens in der ehemaligen sowjetischen Besatzungszone, überall dort, wo Russen stationiert waren. Anscheinend stehen die Pilze und die Russen in einer mysteriösen Verbindung. Mein Freund und Nachbar, ein ehemaliger Leutnant der sowjetischen Armee, der sich aus der Armee entlassen, Deutschland jedoch nicht verlassen hat und hier als Taxifahrer sein Geld verdient, kennt alle geheimen Pilzsammelplätze in und um Ostberlin. Er fährt mit seinem alten Audi immer dorthin, wo er früher mit seinem Panzer herumgefahren ist. Dort sprießen jedes Jahr Steinpilze aus dem Boden. Auf seinen Ausflügen verirrt er sich nie in den Westen, er weiß genau, wo die Grenze verlief. Überhaupt scheinen die Berliner Taxifahrer besonders vom Fall der Mauer betroffen zu sein. Alle, die ich treffe, waren früher etwas ganz Großes gewesen und mussten sich später zum Taxifahrer umschulen lassen. Sie erzählen gern ihre Geschichten, besonders wenn wir an der imaginären Mauer entlangfahren.

»Kennen Sie das Borchardt, das Restaurant?«, fragte mich neulich ein lustiger Taxifahrer, der wie ein gealterter Rocker aussah. Er hatte einen Zopf, eine Goldkette um den Hals und einen Wackel-Elvis auf dem Armaturenbrett, der im stressigen Berliner Stauverkehr auch heftig wackelte. »Dieses noble österreichische Lokal, wo die ganzen Politiker und Touristen einander anstarren? Zu DDR-Zeiten war es ein Fischrestaurant, das sich nachts in eine Disko verwandelte. Ich war der erste DJ dort am Plattentisch. Heute darf jeder Depp Musik auflegen, aber damals war das ein heiß begehrter Beruf. Man musste sogar eine Prüfung ablegen und sich als ausgebildeter Schallplattenunterhalter vom Staat anerkennen lassen. Ich war ein Meister der Schallplattenunterhaltung, und wir haben in dem Fischrestaurant die ganze Vorarbeit für die Wiedervereinigung geleistet. Es war eine schicke Disko, großes internationales Publikum. Aus dem Westen kamen die Türken, die Italiener und die Araber, weil sie ostdeutsche Mädels kennenlernen wollten. Fast jeder von ihnen hatte auf beiden Seiten der Mauer eine Freundin, eine Ost- und eine Westfreundin. Was für ein Leben!«, rief der Taxifahrer, und sein kleiner Elvis nickte zustimmend. »Kurz vor Mitternacht verschwanden die Jungs alle in Richtung Grenzübergang, um sich ein neues Tagesvisum zu holen. Kurz nach Mitternacht kamen sie alle zurück und tanzten die ganze Nacht durch. Mit dem damaligen Umtauschkurs landeten sie bei uns im Paradies. Die Getränke waren so gut wie umsonst. Für fünf Westmark machten ihnen die Mädels einen Strip auf der Damentoilette, ein geräucherter Aal von der Fischtheke war noch preiswerter. Nur zu verständlich, dass sie nicht nach Hause gehen wollten. Mich haben sie immer mit neuen Platten versorgt. Ich bin mit ihnen zum Bahnhof Friedrichstraße gegangen. Dort in den Schließfächern hatten sie die Musik gebunkert. Billy Idol kostete hundertfünfzig Ostmark!«, klagte der Taxifahrer. Sein Elvis wackelte entsetzt. »Die Mauer hat unser Leben damals unglaublich aufgewertet. Zwei Welten nebeneinander, jeder war ein Grenzgänger, jeder Schritt eine Entscheidung. Und heute, egal wohin du läufst, überall das Gleiche«, seufzte er.

Wir in Moskau haben auf den Westen gewartet wie die Kinder auf den Weihnachtsmann. Besonders die modernen Künstler, die sich im Osten nicht entfalten konnten, rechneten fest mit der Anerkennung durch die neuen Freunde. Beide Seiten hielten einander für exotisch. Ich erinnere mich noch, wie sich ein Filmregisseur auf den Besuch westlicher Journalisten vorbereitet hat. Er zog Filzstiefel und Pelzmütze an, wenn er Gäste aus dem Westen erwartete. In diesem Karnevalskostüm setzte er sich auf den Balkon seiner Wohnung und spielte Balalaika. Seine Nachbarn, die ihn früher nie Balalaika spielen gesehen hatten, dachten, bei dem Regisseur seien endlich die Sicherungen durchgebrannt, und riefen den Krankenwagen und dazu noch die Feuerwehr, für alle Fälle.

Ein anderer, ein guter Dichter, lud ein paar ausländische Kollegen in sein Wochenendhäuschen ein. Er wollte, wenn sie kamen, nackt aus dem Häuschen springen und sich im Schnee wälzen, um ihnen auf diese Weise seine geheimnisvolle russische Seele zu demonstrieren. Doch die Gäste gerieten in einen Stau, der Dichter saß nackt im Flur, schaute alle zwei Minuten nach draußen, ob jemand kam, und erkältete sich dabei furchtbar.

Damals, in der ausgegrenzten Welt, lebten wir wie im Zoo, schauten einander an und staunten übereinander. Heute sind die Grenzen verwischt, die Mauern niedergerissen, die Welt ist flach geworden. Woher noch Neugier nehmen, wo sind die Exoten? Worüber noch staunen, wovon träumen? Ich fliege demnächst nach Australien, habe schon die Flugtickets gekauft. Ich war noch nie in Australien, ich muss nach Australien wollen. Und so versuche ich, mich täglich für Australien zu motivieren.

»Kängurus !«, sage ich jedes Mal zu mir selbst. »Ja, Kängurus. Die müssen es sein.«