Die Brücke über die Isar

Der freundliche Taxifahrer am Münchner Flughafen war ein Geschichtenerzähler. Während der dreißigminütigen Fahrt in die Stadt erzählte er mir nahezu deren gesamte Historie inklusive ihres Entstehungsmythos. Der Taxifahrer dachte dialektisch, er wusste, nichts passiert einfach so, alles hat einen Grund oder sogar zwei. Unter anderem machte er mich auf den expressiven Fahrstil der Münchner aufmerksam. Viele Autos mit Münchner Kennzeichen schienen in der Tat Fangen auf der Autobahn zu spielen. Sie blinkten nach allen Seiten und wechselten ständig die Fahrbahn.

»Der Münchner ist ein Halbstarker, der sich immer wieder zu beweisen versucht«, klärte mich der Fahrer auf, der selbst ein gebürtiger Freisinger war.

Diesen Minderwertigkeitskomplex hat München nach Meinung meines Fahrers seinem Gründungsmythos zu verdanken. Vor mehr als tausend Jahren war nämlich Freising groß, reich und berühmt. Sein kleiner Bruder München war dagegen klein und arm, ein Dorf am Rande des Lebens. Seinen Reichtum hatte Freising der Brücke über die Isar zu verdanken. Laut damaliger Gesetze mussten alle Kaufleute, die mit ihren Waren die Freisinger Brücke passierten, nicht nur eine Gebühr bezahlen, sondern sich mehrere Tage in der Stadt aufhalten und ihre Waren auf dem dortigen Markt zum Verkauf anbieten. Heute nennt man solche Orte Wirtschaftssonderzonen. Sie bringen Regionen wie Shenzhen oder gar ganze Länder wie Polen zum Blühen. Und Freising war ein germanisches Shenzhen, es blühte über alle Maßen auf.

Einmal, während der Bischof von Freising irgendwo in Italien in einer militaristischen Angelegenheit unterwegs war, besuchte der Münchner Herzog Heinrich der Löwe Freising und brannte die Brücke über die Isar nieder – ohne böse Absicht, wie er später behauptete. Er ließ auch sofort eine neue Brücke über die Isar bauen, diesmal aber in München. Als der Bischof von Freising aus Italien zurückkam, wollte er als Erstes dem Herzog die Fresse polieren. Aber das ging nicht, da beide dem Kaiser unterstellt waren. Und der Kaiser des römischen Reiches germanischer Nation tat sich schwer, in diesem Fall zu richten. Außerdem war er mit dem Kläger und dem Beschuldigten gleichermaßen verwandt. Er meinte, der Herzog und der Bischof sollten die Sache selbst, d. h. untereinander klären, wie es unter Verwandten üblich war. Daraufhin bot der Herzog dem Bischof eine prozentuale Beteiligung an den Brückeneinnahmen an, aber er schummelte bei der Abrechnung, und so wurde Freising nach und nach arm und vergessen, München dagegen reich und berühmt. Doch das diffuse Gefühl, durch eine Gemeinheit zu Reichtum und Ruhm gekommen zu sein, dieses Gefühl hat die Münchner nie wieder losgelassen, behauptete jedenfalls der Taxifahrer. Man sehe es auf den Straßen, auf der Autobahn, in der Kunst und in der Architektur. Die Münchner hätten alle ihre Kirchen und Dome irgendwo in Europa abgeguckt, kopiert oder geklaut, zog er Bilanz und ließ mich raus. Die Stadt machte einen guten Eindruck, es roch nicht nach brennenden Brücken, sondern nach geräucherten Makrelen im Biergarten. Die Einheimischen sahen außerordentlich freundlich aus, glücklich und zufrieden.

Mir ist in München an diesem halben Tag allerdings etwas Seltsames passiert. Nur ein paar Stunden habe ich dort verbracht und gleich zweimal Geld auf der Straße gefunden, einen Zehneuroschein und einen Zwanziger. Beide lagen vor der Tür einer Apotheke. Es gibt in München übrigens unüblich viele Apotheken, mindestens zwei in jeder Straße, manchmal sogar vier oder sechs. Dabei sehen die meisten Münchner überhaupt nicht krank aus, im Gegenteil: Sie strotzen vor Gesundheit und positiver Energie. Die Münchner haben auch sehr gepflegte Umgangsformen, sie geben auf alte Menschen Acht und essen alle Weißwürste vor zwölf Uhr restlos auf. Darüber hinaus gehen sie anscheinend oft und gerne zum Apotheker und schmeißen danach mit Geldscheinen nur so um sich. Vielleicht hatte der Taxifahrer recht, und die Leute hier hatten alle eine leichte Meise. Deswegen bekamen die Münchner besondere Antidepressiva oder andere verschreibungspflichtige Medikamente, die sie so frisch aussehen, immer die gleiche Partei wählen und sich jedes Jahr aufs Neue über das Oktoberfest freuen ließen. In Berlin habe ich noch nie Geld auf der Straße gefunden, auch dann nicht, als ich es dringend brauchte.

Das letzte Mal hatte ich in der Sowjetunion Geld gefunden. Als Kind träumte ich davon, eines Tages tausend Rubel zu finden. Es ging mir dabei nicht um persönliche Bereicherung. Ich wollte mit diesem Geld all denen eine Freude machen, die ich liebte. Die tausend Rubel wollte ich wie folgt aufteilen: Siebenhundert Rubel würden an meine Eltern gehen, wobei sie das Geld fünfzig zu fünfzig oder wie auch immer unter sich aufteilen sollten. Da wollte ich mich nicht einmischen. Die restlichen dreihundert Rubel sollte Natascha G. bekommen, meine erste Liebe aus der 6b. Ich folgte Natascha auf Schritt und Tritt, begleitete sie nach Hause und trug dabei ihren Ranzen unter den hämischen Pfiffen meiner Mitschüler. Meine Liebe war aber stärker als die Angst, mich in den Augen der Öffentlichkeit zu blamieren.

Abends ging ich Geld suchen. Ich war mir sicher, dass irgendwo in unserem Bezirk Geld versteckt sein musste. Die Gegend war sumpfig und dunkel, ein ideales Versteck. Es hätte zum Beispiel leicht passieren können, dass jemand eine Bank ausgeraubt, aber unterwegs seine Beute verloren oder aber beschlossen hatte, sie zu verstecken – in der Sumpfgrube hinter unserem Haus. Auch dachte ich an amerikanische Spione, an die »Agenten des Kapitals«, wie man sie in der Zeitung brandmarkte. Irgendwo mussten sie doch ihr Kapital verstecken, warum nicht in der Sumpfgrube hinter unserem Haus? Diese Grube war ein ideales Versteck für Fremdkapital, ich hätte mein Geld bestimmt dort gebunkert, aber ich hatte keins. Ich fand lange Zeit nichts und kam nur immer wieder in nassen, schmutzigen Klamotten nach Hause, worüber meine Mutter schimpfte. Einmal, als ich Natascha G. wie üblich nach Hause brachte, sah ich direkt vor ihrem Haus einen Dreirubelschein in einer Pfütze liegen. Es waren nicht tausend Rubel, aber es war dennoch viel Geld. So viel wie dreißig Päckchen Kartoffelchips oder dreißig Fruchteisbecher mit Birkensirup oder dreißig Karten für eine Vormittagsaufführung für Hörgeschädigte im Filmtheater Brest.

»Tschüss dann, bis morgen«, sagte ich zu Natascha G.

»Tschüss«, sagte sie, bewegte sich aber kein bisschen.

»Dann tschüss, bis morgen, tschüss«, wiederholte ich.

»Geh jetzt, hau ab«, sagte sie.

Wir standen einander gegenüber, und keiner wollte gehen. Natascha G. hatte eine gute Beobachtungsgabe, sie hatte den Geldschein auch bemerkt. Mir war das nur recht, ich wollte ihr sowieso ein Drittel geben, später. Wir sind dann zu dem Lebensmittelladen gegangen und haben dort den Schein gewechselt. Jeder bekam einen Rubel fünfzig. Eigentlich eine gerechte Lösung, aber die Brücke war abgebrannt, und mit der Liebe war es ab da auch aus und vorbei.